„Wie machen die das?“ haben sich viele gefragt, als nach dem letzten Lauf des Vernasca Silver Flag Bergrennens bei brütender Hitze ein Rallye-Weltmeister, zwei ehemalige Formel-1-Fahrer und ein Gewinner der 24h von Le Mans die Ehrenpreise des Veranstalters entgegennahmen. Christian Geistdörfer, Arturo Merzario, Thierry Boutsen und Jürgen Barth waren in ihrer eigenen Liga gefahren. Da konnten die engagierten Amateure einfach nicht mithalten.
Fest für Freunde
Keiner der fast 200 Teilnehmer hat während der zweitägigen Veranstaltung 40 km südlich von Piacenza, die sengende Hitze zum Anlass genommen, auf den Start zu verzichten. Zu aussergewöhnlich ist diese Ansammlung ausgewählter Fahrzeuge, die lockere Atmosphäre, das freundschaftliche Treffen mit Teilnehmern des Vorjahres und Erstbesuchern. Das verbindende Element ist die Erwartung eines stressfreien Wochenendes ohne Hektik, ohne Lounges, ohne Absperrgitter, aber mit vielen Freunden! Da bleibt man nicht einfach weg, nur weil sich das Quecksilber Richtung 40 Grad Celsius bewegt!
Legenden unterm Radarschirm
Ja, wie schafft es der Organisator seit nun mehr 30 Jahren internationale Fahrerlegenden und die Ikonen der Rennpisten aus den 50er bis 80er Jahren von einem Besuch des kleine Städtchen Castell Arquarto, zu überzeugen? Es ist keine laute Werbung! Eher das Gegenteil! Das 1996 wiederbelebte Bergrennen „Vernasca Silver Flag“ segelt seit vielen Jahren unter dem Radarschirm, aber immer wieder schafft es der Veranstalter mit neuen Schwerpunkten und neuen Fahrzeugen zu begeistern.
Juwelen des Asphalts
So war in diesem Jahr die ein gutes Dutzend ehemaliger Teilnehmer der Rallye-Weltmeisterschaftsläufe aus den 1970er- und 1980er-Jahren dabei. Einige Sammler haben für die Veranstaltung ihre oberen Regale freigemacht und den Lancia Delta Integrale Evo, den Lancia Stratos, den Fiat Abarth 124 Rallye u.a. freien Auslauf gegeben. Es ist neben den Juwelen des Asphalts, die Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft eines Jeden, der mit dem Ablauf der Veranstaltung zu tun hat; diese „prego – grazie – si – possible – no problema“ Mentalität, in die man sich als Teilnehmer sofort eingebettet fühlt.
Einer will's wissen
War Christian Geistdörfer vor 2 Jahren „nur“ als Gast dabei, wollte er in diesem Jahr quasi den „Pikes Peak“ der Toskana selbst erfahren. Der Audi Quattro S1, den sein Team in diesem Jahr an den Start gebracht hat, ist eine Hommage an den originalen Werkswagen, mit der das Dream Team des Rallyesports 1985 die Rallye San Remo gewann. „Quanti cavalli?“ und „Che velocità?“ hört man immer wieder aus dem Kreis der umstehenden Fans. Auch wenn dieses Geschoss mit mehr als 600 PS von Audi mit leichter Verachtung „Replika“ genannt wird, war diese Schöpfung der Fanatiker um Vater und Sohn Riemensperger der Anziehungspunkt im Fahrerlager.
Mit Race Car Manufaktur bauen sie maximal 25 originalgetreue Gruppe-B-Monster nochmal auf. Kein Wunder, wenn ein Walter Röhrl und ein Christian Geistdörfer die Entwicklung dieser damals mit 20 Exemplare homologierten Baureihe eng begleitet haben. Jedes der bisher 12 neu entstanden Fahrzeuge wurde vor Auslieferung einem harten Shake Down Test unterzogen, damit es dem Manufaktur-Motto „Performance – Beyond the Limits“ voll entspricht.
Hydraulische Handbremse
Wer das Auto genauer inspizierte entdeckte im Innenraum einen Schaltstock, der wie ein sequentielles Getriebe aussah, doch der quattro hat daneben eine relativ normale sechsgängige H-Schaltung. Geistdörfer erklärt: „Der lange Hebel ist eine hydraulische Handbremse. Wird die gezogen, entkoppelt sich der Vierradantrieb, sodass die Handbremse auf die Hinterräder wirken kann. Die H-Schaltung hat den Rückwärtsgang vorn links und ist extrem kurz, daran muss man sich gewöhnen.“
Fest für die Sinne
Wie nahe aber kommt dieses HB-Männchen auf Rädern dem Limit wirklich? „Am Ende der Geraden vor dem Kreisverkehr im 6. Gang bei ca. 5.000 Umdrehungen werden es wohl 180 bis 185 km/Std gewesen sein“, urteilt Geistdörfer. Nicht schlecht für einen „Concorso dinamico“, wie der Tarnname dieser Veranstaltung lautet. Denn offizille sind es Demofahrten von Councours-Fahrzeugen, inoffiziell ist es eine lustvolle Hatz einzigartiger Renn- und Sportwagen der Automobilgeschichte.
„Wenn das Interview und die Präsentation des Autos vor dem Start nicht so lang gewesen wären, hätte ich ganz eng an ihm dranbleiben können“, seufzte der Champion nach Ankunft am Ziel. Gemeint war der sauschnelle Lancia Delta S4 mit der Startnummer 164. Schon die ersten paar hundert Meter bis zur ersten Schikane auf dem Weg hoch nach Vernasca, entsprachen voll dem „dinamico“: mit einer Beschleunigung von knapp unter drei Sekunden bis 100 km/h tauchte das gelbe 100 Meter Schild vor der Rechts-Links Schikane gefühlt unmittelbar nach Fallen der Startflagge auf. Das harte Grummeln und Brabbeln des Fünfzylinder-Turbomotors ist während der Beschleunigung dem aggressiven Fauchen eines Jets gewichen, unterlegt mit dem hellen Pfeifen des geradeverzahnten Renngetriebes.
Bremse statt Fanghaken
Knapp drei Kilometer nach dem Start kann nach dem ständigen Wechsel zwischen dem 2.,3. und 4.Gang einmal in den 6. Gang geschaltet werden. Die Geschwindigkeit lässt die für den öffentlichen Verkehr gesperrte SP47 jetzt enger erscheinen, aber schon muss vor der nächsten Schikane heruntergebremst werden. So ähnlich muss es sich anfühlen, wenn ein Kampfflugzeug auf einem Flugzeugträger landet und sich mit dem Fanghaken in eines der quergespannten Stahlseile einhängt.
Die Ortsdurchfahrt Lugangano ist eine als „Slow Zone“ gekennzeichnete 90-Grad-Links. Okay! „Slow Zone“ ist doch wie ein halbes Gelb? Mit 100 km/h im Dritten – man könnte ja noch schneller – geht es jetzt in den Streckenabschnitt, der die Veranstaltung in die Kategorie „Bergrennen“ einordnet: knapp 300 Höhenmeter sind auf 34 Kurven und 4,5 Kilometer verteilt. Berghänge links, Abhänge rechts, Hänge mit Zuschauern links, eine Mauer rechts – der Champion ist im Flow! Nur zwei Schikanen zwingen vorübergehend in den 2. Gang. Kaum einer der knapp 200 Teilnehmer wird diesen Eindruck so teilen können – aber alle werden das Heulen und Pfeifen des S1auf der Strecke dieser Vernasca Silver Flag in Erinnerung behalten!



















































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