Die Techno Classica in Essen konnte am 10. bis 14. April 2019 ihren 30. Geburtstag feiern, fand also zum 31. Mal statt. Über 190’000 Besucher liessen es sich nicht nehmen, durch die 12 Messehallen zu pilgern und 2700 zum Kauf angebotene Autos (sowie viele weitere unverkäufliche Exemplare) zu bewundern und mit eigenem Blick die Frühjahrstrends des Jahres 2019 aufzuspüren.
Und sie kriegten einiges zu sehen, denn Hersteller, Händler, Clubs und andere Anbieter hatten keine Mühe gescheut, attraktive Autos mitzubringen und zu präsentieren.
Internationale Grösse
1250 Aussteller aus über 30 Nationen hatten bis Mittwoch Mittag ihre Stände aufgebaut und sie verströmten damit ein wirklich internationales Flair. Natürlich dominierten deutsche Anbieter, aber auch die Holländer, Briten, Franzosen, Belgier, Österreicher, Schweizer und Italiener waren vertreten und viele andere Länder dazu, selbst aus Afrika, Japan und Nord- und Südamerika reisten sie an.
Typisch für die Techno Classica sind neben Händlern, Clubs und Spezialisten die Stände der Autohersteller, von denen wiederum über ein Dutzend sozusagen offiziell Präsenz zeigten.
Mittelmotor-Sternstunde
Sicher ein Messehöhepunkt war der Stand von Daimler-Benz mit sechs Mitttelmotor-Sportwagen.
1969 wurde der Mercedes-Benz C111 mit Dreischeiben-Wankelmotor (280 PS bei 7000 U/min) auf der IAA erstmals vorgestellt. 260 km/h und 5 Sekunden für den Spurt von 0 bis 100 km/h waren damals eindeutig Traumwagenwerte, die Lackierung in Orange-Metallic und die Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff genauso innovativ wie der vor der Hinterachse eingebaute Dreischeiben-Wankelmotor.
Dem ersten C111 war allerdings bereits 1966 eine Sportwagenstudie namens SLX vorausgegagen, die durchaus Ähnlichkeiten mit dem späteren C111 hatte, es aber nicht über ein Windkanalmodell im Massstab 1:1 heraus brachte.
Seriennäher war dann 1970 der gründlich überarbeitete und alltagstaugliche C111-II mit Vierscheiben-Wankelmotor (350 PS bei 7000 U/min, Höchstgeschwindigkeit 300 km/h).
Zwar hätten zahlreiche Mercedes-Kunden nur zu gerne die Brieftasche geöffnet und bestellt, doch auch der C111-II blieb ein Prototyp.
1976 kam dann der nächste C111, genannt II D. Statt des inzwischen aufgegebenen Wankelmotors wurde er nun von einem Fünfzylinder-Diesel-Aggregat mit Turbolader mit 190 PS angetrieben, was ihm das Einfahren von 16 Weltrekorden auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke in Nardo ermöglichte.
Dann war Schluss mit der Farbe Orange, nicht aber mit dem C111. Der aerodynamisch perfektionierte C111-III mit Turbodiesel (230 PS) erzielte im April 1978 weitere Weltrekorde, u.a. 321,9 km/h über 500 km.
Und im Jahr darauf holte sich der rundlichere und weiter optmiierte C111-IV mit V8-Benzinmotor (500 PS) einen neuen Rundstrecken-Weltrekord mit 403,978 km/h.
Nur einmal hat man bisher alle sechs Autos zusammen gesehen und zwar in einer Sonderausstellung im Museum-Museum, jetzt aber konnten fast 200’000 Betrachter die raren Mittelmotorautos bewundern.
- Sachverständiger & Gutachter
- Autohandel (Oldtimer & Youngtimer)
Alfa-Romeo, Lancia, Delahaye, und weitere
Von Amelia Island nach Essen
Für viel Interesse sorgte auf dem Mercedes-Stand auch ein 300 SL mit einer ganz besonderen Geschichte. Der Flügeltürer wurde 1954 nach Miami ausgeliefert und dann zehn Jahre lang im Alltag und auf Rennstrecken eingesetzt. Dann wurde er stillgelegt und sozusagen vergessen. Er blieb komplett erhalten, sogar die Reifen stammen noch aus der Erstausrüstung (Englebert). Nur für eine Neulackierung wurde Chassisnummer 43 einmal vorbereitet.
Lackiert wurde dann aber nicht mehr. Als “All Time Star” wurde der 300 SL wie gezeigt angeboten und gemäss SIHA tatsächlich noch während der Techno Classica verkauft.
Damit wären natürlich noch lange nicht alle Mercedes-Benz-Exponate erwähnt, so war auch die Gegenüberstellung eines Mercedes-Simplex mit 40 PS au dem Jahr 1903 und einem EQC von 2019 sicherlich eine interessante Sache.
BMW-Rekorde
Die im Vergleich zu den Vorjahren etwas kleinere BMW-Präsenz war Rekorden und Siegen gewidmet, die seit 100 Jahren immer wieder für Aufsehen und Reputation der Bayrischen Motorenwerke sorgen. Angefangen hatte es mit Flugrekorden, schon bald aber gab es auch Rekorde und Wettkampfsiege auf der Strasse.
Der BMW V12 LMR von 1999 erinnerte daran genauso wie die Kompressor-BMW 500, mit der Georg Meier die TT gewann.
Ein grosses Thema waren natürlich auch 60 Jahre Mini, BMW hat bekanntlich einst Rover übernommen und dabei auch den Mini geerbt. Der Ur-Mini, ersonnen vom Griechen Issigonis, bot dann auch die DNA für den heutigen BMW-Mini.
Weltmeister-Alfa-Romeo
Star auf dem FCA-Stand war sicherlich die Alfetta 159, mit der einst Juan Manuel Fangio im Jahr 1951 Weltmeister wurde.
Schon das erste F1-Rennen war von einem Alfa Romeo gewonnen worden und bekanntlich fand am Techno Classica Wochenende ja auch der 1000. Grand Prix statt.
Neben der Alfetta von 1951 wurde auch noch ein Brabham BT45B Alfa Romeo von 1977 gezeigt. Der 12-Zylinder-Motor leistete damals 510 PS bei 12’000 Umdrehungen, was den Monoposto rund 350 km/h schnell machte.
Mit zwei Alfa Romeo 8C Competizione aus dem neuen Jahrhundert zeigte FCA auch Neoklassiker, die man sogar kaufen konnte.
Ebenfalls käuflich ist das Abarth-Tuning-Kit für den Fiat Nuova 500, das es nun wieder gibt.
Volkswagen-Breite
Die umfangreichste Präsenz in Essen hatte sicherlich die Volkswagen-Gruppe, die mit den Marken Audi, VW, Seat und Skoda sowie der Autostadt farbig und vielschichtig vertreten war.
So wurden unter dem Thema” Tuning - Veredlen - Frisieren” nicht nur zwei VW Käfer in unterschiedlichen Leistungsstufen gezeigt, sondern auch ein Volkswagen Golf Rallye und ein Golf Country aus den Jahren 1989 und 1990, beides noch Youngtimer, aber sicherlich etwas besonderes.
Rekorde waren auch bei Volkswagen ein Thema, aber eher solche der ungewöhnlicheren Art. Ob es nun um einen Golf mit 50 PS ging, der es von Alaska bis nach Feuerland schaffte, oder einen aerodynamischen Einsitzer, der vor fast 37 Jahren 1491 Kilometer mit einem Liter Diesel schaffte, es gab interessante Fahrzeuge zu sehen.
Bei Skoda stand der 60. Geburtstag des Octavia im Zentrum, auf das Aufstellen moderner Varianten hatte man aber im Sinne der Messe verzichtet.
Bei Seat wurden ein 850 Sport Spider und zwei Varianten des Seat 1430 aufgestellt, alles Autos, die man zwar irgendwie (von Fiat) kennt, als Seat hierzulande aber noch kaum je gesehen haben dürfte.
Audi schliesslich stellte seinen Auftritt unter das Stichwort “Raumwunder” und präsentierte Kombi-Varianten bekannter Modelle sowie Kleinbusse auf den Stand, die man nicht alle Tage sieht.
Wer etwa hat schon je einen Audi Foxwagon erblickt, wie er in den USA angeboten wurde.
Auch Porsche hatte in Essen schon pompösere Auftritte, aber vielleicht passte eine bescheidenere Präsenz ja ganz gut zum VW-Porsche 914, der auch als Achtzylinder 914 S – mit Schiebedach – gezeigt wurde.
Zudem wurden Restaurierungsobjekte in unterschiedlichem Fertigstellungsgrad präsentiert.
Citroën-Jubiläum
Citroën ist eine der Marken, die im Jahr 2019 ihren 100. Geburtstag feiert. Aus diesem Grunde wurde natürlich ein Querschnitt aus der Geschichte der Marke, die André Citroën gründete, nach Essen gebracht.
Höhepunkt hier war sicherlich der nachgebaute Citroën DS aus den Fantomas-Filmen. Fliegen durfte er in der Halle in Essen zwar nicht, aber die eingeklappten Flügelwerke machten trotzdem grossen Eindruck, genauso wie die beiden Citroën-Vorkriegsmodelle.
Capri-Geburtstag
50 Jahre alt wurde in Essen ein ausgestellter Ford Capri der ersten Generation. Ein halbes Jahrhundert alt ist aber auch die Modellreihe insgesamt, Grund genug, einige besondere und spezielle Capris an der Techno Classica zu zeigen.
Wie immer in den letzten Jahren arbeiten Werk und Clubs zusammen und konnten mit einer interessanten Auswahl aufwarten, in der weder ein Zakspeed-Turbo, noch ein südafrikanischer Perana V8 oder ein Flügeltüren-Capri aus der Tunerszene fehlte.
Sogar an die Vor- und Nachfahren des Ford Capri wurde gedachte, ein Consul Capri und ein Mercury Capri Turbo rundeten das Capri-Thema ab.
Volvo-Limousinen
Bei Volvo waren die Limousinen das Thema, da gleichzeitig auch die Premiere des neuen S60 erfolgte. Gezeigt wurden unter anderem ein Vorkriegs-Volvo PV4, ein 164 und die seltene Aerodynamik-Limousine PV36 “Carioca” von 1935.
Bei Jaguar wurde der E-Type als Elektroauto präsentiert, eine Erscheinung, die zwiespältige Emotionen weckte, obwohl Jaguar beteuerte, dass die Technik (aus dem I-Pace) zurückgebaut werden könne. Feiern konnte man bei Jaguar auch 60 Jahre mK2 und 30 Jahre Land Rover Discovery.
Kombis von Opel
Einmal mehr wurde Opel durch die Clubs vertreten und diese nahmen sich des Themas Kombi an. Gezeigt wurden ein Rekord C und ein Kadett B Caravan, aber auch ein Einzelstück eines Diplomat B Kombis, wie man ihn wohl bisher kaum je gesehen hat.
Im kleineren Rahmen waren natürlich noch weitere Marken vertreten, zu erwähnen wäre etwa die Peugeot-Präsenz mit zwei 504 Coupés zum 50. Geburtstag.
Die Autos der Tour de France
Wie jedes Jahr organisierte der Techno-Classica-Veranstalter SIHA auch 2019 eine Sonderschau, dieses Mal zur legendären Tour de France, die zu den schnellsten Auto-Strassenrennen des letzten Jahrhunderts gehörte.
Sie wurde meist mit schnellen GT-Fahrzeugen, teilweise aber auch mit fast reinrassigen Rennwagen gefahren. Beispielhaft dafür standen um den SIHA-Pavillon ein Jaguar C-Type, ein Mercedes-Benz 300 SL Flügeltürer, ein Ferrari 250 GT TdF (Tour de France), ein Ferrari 250 GT SWB, ein Porsche 550 Spyder und ein Aston Martin DB2 Werkswagen.
Sozusagen als Abrundung wurde auch noch ein Begleitfahrzeug des Typs Peugeot 203 in die Sonderschau integriert.
Raritäten-Schnitzeljagd
Alleine schon die Sonderschauen und Werkspräsenzen wären ja Grund genug, nach Essen zu fahren. Für manchen sind es aber die versteckten Schätze, welche es an der Techno Classica zu entdecken gibt, die den besonderen Reiz der Messe ausmachen.
Ob Sonderkarosserien, wie einen Delahaye 135 MS mit Ghia-Aigle-Aufbau oder einen Siata Daina mit Farina-Cabriolet-Karosserie, oder seltene Rennwagen wie den Panhard X86 oder den Porsche 907 Langheck, bis zu raren Vorkriegsfahrzeugen wie einen DeDion-Bouton mit V8-Motor von 1913, wer suchte, der fand.
Überraschend sicherlich auch die Entdeckung eines unrestaurierten Avion-Voisin-Fahrgestells des Typs C12 von 1930, das noch nie mit einer Karosserie versehen wurde.
Da stellen sich natürlich gleich etliche philosophische Fragen.
Club-Unterhaltung
220 Clubs und Interessengemeinschaften machten in Essen ihre Aufwartung. Dass dabei vielschichtige, manchmal lustige, manchmal zum Nachdenken motivierende Aufritte herauskamen, versteht sich fast von selber.
Ob nun Borgward auf den Mond (oder in den Weltraum geschickt wurde), ein Hansa 2000 in einer Hafenkneipe gezeigt (und mit einem Preis ausgezeichnet wurde) oder die Kinder Papas erstes Auto bauten (Fiat 600), es gab einiges zum Schmunzeln und Betrachten.
Manchmal sind es eben gerade nicht die Exoten, die den Besuchern ein Lächeln auf die Lippen zaubern, sondern eben die einstigen Brot-und-Butter-Autos wie ein Fiat Panda der ersten Generation, der in komplett restauriertem Zustand wie neu dastand und die “tolle Kiste” in Erinnerung rief.
Die Auktion im Keller
Erstmals in Essen mit einer eigenen Versteigerung vertreten war RM/Sotheby’s. Die gesamte Halle 1A war der Auktion gewidmet, die über 200 Autos unter den Hammer brachte. Und zwar erfolgreich, teilweise sogar mit Rekordpreisen.
Aus Zuschauersicht war die Halle zwar wegen der unglücklichen Beleuchtung und dem Gedränge etwas weniger interessant, dies schreckte aber die Bieter offenbar nicht an, zuzupacken.
Handel auf hohem Niveau
Die Preise der gehandelten 2700 Autos in Essen bewegten sich durchaus auf hohem Niveau, sie schreckten aber die Käufer nicht ab. Die Gallery Aaldering vermeldete bereits am Samstag Abend neun Verkaufte Klassiker im sechsstelligen Euro-Bereich und auch andere Händler konnten schon früh “Verkauft”-Schilder montieren.
Hinter den Kulissen jammerte aber auch der eine oder andere Spezialist über kaufunwillige Besucher und weniger Nachfrage als in anderen Jahren.
Eleganz gewinnt immer
Ein restaurierter Aston Martin DB5 Convertible erhielt den “Best of Show”-Preis einer internationalen Experten- und Journalisten-Jury.
Aber die Auswahl war sicherlich schwierig, denn wer könnte dem Ermini 357 Mille Miglia von 1955 oder den zahlreichen Spezialkarosserien von Chapron oder Pininfarina Eleganz absprechen?
Auch die zahlreich gezeigten 300 SL gehören, ob als Roadster oder als Flügeltüre, nachwievor zu den schönsten Autos, die je gebaut wurden.
Sorgenfalten?
Schöne Autos, freudige und zahlreich erscheinende Besucher, was will man mehr? Nun, schon bei der Pressekonferenz zu Beginn zeigte sich, dass die Branche Sorgenfalten auf der Stirne hat. Fehlender Nachwuchs ist ein Thema, aber auch Umweltschutz-Bewegungen und Verbote.
Gut gibt es die Verbände wie der Deuvet, die die Interessen der Oldtimer-Besitzer bündeln und neuerdings auch die Youngtimer-Fraktion vertreten.
Nächstes Jahr noch schöner
Für die 32. Techno Classica, die am 25. bis 29. März 2020 stattfinden wird, wurde bereits geworben. Sie soll dann von fünf neuen/modernisierten Hallen profitieren. Die meisten der diesjährigen Besucher werden sicherlich auch im nächsten Jahr wieder dabei sein.










































































































































































































































































































































































































































































































































































































































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