Sie sei jetzt volljährig, die Retro Classics, vermeldete Karl-Ulrich Herrmann bei der Eröffnung der 18. Ausgabe. Und tatsächlich kam sie ganz schön erwachsen daher, mit 140’000 Quadratmetern. Flächenmässig grösser ist keine andere Oldtimermesse.
Jedenfalls verteilten sich die Besucher deutlich besser als an anderen Messen, denn über die vier Tage wurden 87’000 Eintritte gezählt. Der Rückgang gegenüber dem Vorjahre hielt sich mit zwei Prozent im Rahmen, zumal ja “ein Marktbegleiter” (gemeint war die Techno Classica in Essen) just am selben Wochenende auf die Oldtimer-Enthusiasten als Besucher zielte.
Trotzdem konnte Herrmann ausverkaufte Hallen vermelden, dabei war sicherlich auch behilflich, dass er sich wie in den vergangenen Jahren auch den Neoklassikern öffnete und zudem ein Herz für Nutzfahrzeuge und Traktoren hat, die die Messe sicherlich bereichern.
Hersteller im Hintergrund
Im Gegensatz zu Essen, wo die grossen Autohersteller mit eigenen Ständen auftraten, überliessen in Stuttgart die meisten Automarken diese Aufgabe den gut organisierten Clubs.
Einzig Porsche trat selbständig auf und zeigte unter anderem den einzigen Le-Mans-Sportwagen mit Allradantrieb, den die Zuffenhausener je an das 24-Stunden-Rennen sandten, den 961 von 1986. René Metge und Claude Ballot-Lena wurden damals mit dem 640 PS starken 959-Abkömmling Siebte. Ein Jahr später erfolgte in Le Mans der zweite Start, die Fahrt und damit die Karriere des Wagens endete aber mit einem Unfall.
Ford, Opel, Mercedes, Audi und andere deutsche Marken waren breit durch Clubs und Händler vertreten. Vor allem die grosse Ford-Capri-Präsentation fiel auf, aber auch die wie immer breit auffahrende Opel-Folgschaft.
Auch die verschiedenen Mercedes-Baureihen wurden von den Clubs bestens vertreten.
50 Jahre schneller Opel - Imrscher
Opel und Irmscher gehört für die meisten Leute zusammen und tatsächlich standen auf dem Stand, der das 50. Jubiläum von Irmscher feierte, viele Opel-Fahrzeuge, aber eben nicht nur. Denn Irmscher ist auch ein Hersteller und produziert beispielsweise einen Roadster.
Natürlich waren es vor allem die heissen Rennfahrzeuge in grellen Farben, die das Interesse auf dem Stand auf sich zogen, etwas den GT von 1968 oder den Commodore GS/E von 1973.
Geburtstag BMW M1
Wer bis zur Retro Classics noch nicht wusste, dass der BMW M1 inzwischen 40 Jahre alt geworden ist, konnte dieses Jubiläum vor Ort sicherlich nicht übersehen. Gleich an mehreren Orten traf man auf das schnelle Kunststoff-Coupé in Strassen- und Rennsportausführung.
Ganz speziell war sicherlich der Prototyp aus dem Jahr 1977, der noch bei Lamborghini gebaut wurde und sich in vielen Details von der Serienausführung unterscheidet. Als vermutlich einzig überlebender Prototyp wurde er nach Jahren des Einsatzes im Procar-Trimm wieder in seinen Ursprungszustand zurückversetzt.
Spannend ist auch die Geschichte um den nach IMSA-Reglement im Jahr 1980 bei den 24 Stunden gestarteten Rennwagen, der mit der Landkarte Frankreichs bemalt ist und auf dem BMW-Händler markiert waren, die den Start finanziell unterstützten.
Und besonders war sicherlich auch der Schnitzer-BMW M1 Turbo von 1981, der satte 800 PS bei 8000 Umdrehungen entwickelte und 1981 mit Hans-Joachim Stuck am Steuer an der DRM teilnahm. Dreimal siegte Stuck, was aber nur für den 8. Gesamtrang reichte.
Riesig - SK Collection
Genauso wie Irmscher war auch die Sonderschau der SK Collection in der neuen Halle 10 zu finden. SK steht dabei für Saulus Karosas, den man vor allem als Sammler edler Erdmann & Rossi Karosserien kennt, die in Stuttgart auch zu sehen waren.
Doch sein Interesse hört nicht bei Edelkarossen auf, dies zeigte beispielsweise ein seltener Rometsch Beeskow von 1957 auf Volkswagenbasis oder der Adler Junior Sport von 1935.
Für viele Leute interessanter waren aber Fahrzeuge aus der östlichen Autotradition. Da stand etwa ein kompakter SMZ S3A-M von 1969 oder ein Moskvich 400-420 A von 1951, der im Prinzip ein nachproduzierter Vorkriegskadett ist.
Beeindruckend waren die russischen Limousinen von GAZ, die es als in verschiedenen Grössen und auch als Volga Kombi zu bewundern gab.
In eine ähnliche Richtung gingen die Präsidentenfahrzeuge der Marke ZIL, die mit grossvolumigen V8-Motoren aufwarten konnten.
Kunst und Automobil
Eine weitere Sonderschau, angesiedelt im Atrium, galt dem Thema Kunst und Automobil. Das MAC (Museum Art & Cars) stellte Automobile Kunstwerken gegenüber. Da durfte natürlich ein echtes Art-Cars nicht fehlen und somit auch ein BMW M1, bemalt von Andy Warhol nicht.
Doch es war auch ein VW Käfer von 1969 aus Mexico zu sehen, der mit Motiven von James Gill als Pop-Art-Kunstwerk foliert worden war.
Die Autos und Kunstwerke repräsentierten vergangene Ausstellungen des Museums, welches demnächst vergrössert werden soll.
Dominanz der Sterne und Zuffenhausener Sportwagen?
Der Stuttgarter Messe sagt man ja eine deutliche Übervertretung der Autos von Mercedes-Benz und Porsche nach. Und natürlich sind diese auch sehr präsent. Herrmann meinte dazu, dass ihm dies die ersten zehn Jahre peinlich gewesen sei, aber seit acht Jahren sei er stolz darauf. Warum auch nicht. Immerhin entstanden diese Autos ja auch im Umfeld von Stuttgart und dass sie nun hierhin zurückfinden, ist nur konsequent.
Ein Einheitsbrei ist die Stuttgarter Messe deshalb nicht, denn die Händler und privaten Verkäufer bemühten sich, ein deutlich vielfältigeres Angebot bereitzustellen.
Und die Clubs und Restaurierer sowie andere Aussteller taten ein Übriges, um der Mercedes-/Porsche-Dominanz etwas entgegenzusetzen.
Italiener fast unter sich
Nachdem man im Jahr 2017 die kleine Halle 2 unter das Thema “Passione Italiana” gestellt hat, vergrösserte man diesen Teil der Messe für das Jahr 2018 durch Umzug in die Halle 7, die nun Italien-Halle genannt wurde.
Dort zeigten italienische Händler wie Ruote da sogno Teile ihres Fahrzeugangebots, zu sehen waren aber auch Restaurerier, Spezialisten, Zubehöranbieter und Markenclubs, die italenische Marken vertreten.
Ergänzt wurden diese Stände durch eine grosse Motorrad-Sonderschau des AMSC Leonberg, in der natürlich auch wieder viele italienische Motorräder präsentiert wurden. Auch kulinarisch ging es in dieser Halle natürlich italienisch zu.
Allerlei Exoten
Die grossen Händler zeigten natürlich auch in Stuttgart Fahrzeuge mit Absatzpotential.
Dass es sich dabei vielfach um Klassiker der Marken Mercedes und Porsche handelt, macht eigentlich bereits ein Blick auf die Zulassungshitparaden Deutschlands klar, denn dort rangieren die Baureihen 123, 107 oder 113 von Mercedes-Benz genauso ganz oben wie die beliebten Sportwagen 356 und 911 von Porsche.
Zwischen den vielen bekannten Klassikern konnte der geneigte Messebesucher immer wieder wenig bekannte Exoten erblicken, so etwa einen Woodill Wildfire. Es handelt sich dabei um den wohl ersten Nachkriegssportwagen, der in den USA in (kleiner) Serie gefertigt wurde, noch ein Jahr vor der Corvette.
Wie die Corvette verfügt der Woodwill, dessen Form später wieder bei Glaspar auftauchte, über eine Kunststoffkarosserie.
Ebenfalls aus Plastik ist die Karosserie des Colani GT, den man ein paar Meter weiter endeckten konnte. Die Basis bot hier die Käferplattform eines 1200-34-PS VWs, Bremsanlage, Felgen und Instrumente stammten vom Porsche 356. Die Karosserie wurde bei der Firma Canadur in Berlin laminiert.
Zu den Exoten gehörten sicherlich auch die Vorkriegsautos, die auf der Galerie der Halle 1 ausgestellt waren, egal, ob sie nun Rover 6 HP, Flocken Elektrowagen oder Peugeot 202 hiessen.
Um noch einmal bei Plastik zu bleiben, aus diesem Werkstoff bestand nämlich auch die bei Wacker gefertigte Karosserie, die man auf ein Ford-Fahrgestell montieren konnte, wie das Beispiel auf dem Ford-Club-Stand zeigte.
Aus Metall dagegen war die Karosserie des Fiat 1100-103 TV von 1954, den es auf dem Classic-Trader-Stand gleich neben einer Alfa Romeo 1900 Super Limousine zu bewundern gab.
Einen der ältesten Wagen auf der Retro Classics war der Popp-Patent-Motorwagen aus der Schweiz aus dem Jahr 1898. Nur zwei wurden hergestellt, einer der beiden soll 1900 als erste konzessionierte Motordroschke in Berlin zugelassen worden sein.
Der “Eco-Line Kombi-Wagen” auf dem Fahrgestell des Mercedes-Benz /8 entstand zwischen 1968 und 1976 beim Karosseriebauunternehmen von Christian Miesen in rund 60 Exemplaren. Man kann ihn durchaus als Vorläufer des W123-Kombis sehen.
Zu den Exoten dürften hierzulande auch der Morris Marina, zumal als Coupé, gezählt werden, wie man ihn auf dem “Englsh Corner” sehen konnte.
Viel Aufmerksamkeit erhielt ein BMW 319/328 mit einer schmalen 315-Karosserie, der offenbar seit vielen Jahren in dieser Form “unterwegs” ist.
Und so richtig exotisch war natürlich auch der Alfa Romeo TZ2 mit Targa-Florio-Geschichte, auch wenn er sich preislich eher in Richtung Superklassiker verabschiedet hat.
Die Kreationen der Clubs
Natürlich liessen sich auch 2018 viele Clubs wieder attraktive Themen einfallen. Die DKW-Freunde arrangierten ihre automobilen Schätze gleich um einen künstlich angelegten Teich samt Fischer und Urlaubern.
Renault 4 wurden in eine ganzen 68-er-Make-Love-not-War-Szenerie eingebettet. Dieses Thema diente auch einem Mini Moke als passendes Umfeld.
Beim Opel-GT-Club trat eine Schaufenster-Puppe mit Schlaghosen als passender Begleiter zum formschönen und farblich passenden Coupé auf.
Ein sich im Neuaufbau befindlicher Ford Capri wurde gleich in ein Blumenbeet gestellt.
Fest der Schlepper-Freunde
Seit Jahren zu den Stammgästen an der Retro Classics gehörten die Freunde von Nutzfahrzeugen und Schleppern. Im Jahr 2018 wurden wahrlich monumentale Ackergiganten, Traktoren-Schwergewichte nach Stuttgart gebracht, darunter das Fowler Pluglokomobile vom Typ AA4 aus dem Jahr 1909 mit einer Zweizylinder-Dampfmaschine mit 175 PS bei 350 Umdrehungen und 13 bar Kesseldruck.
Immerhin 19 Tonnen ist das Gefährt schwer und es verbraucht ca. 2 Tonnen Kohle pro Tag sowie 600 Liter Wasser pro Stunde.
Reger Fahrzeughandel
Noch mehr als Essen ist Stuttgart ein Handelszentrum für Oldtimer und Youngtimer, von einem breiten Angebot an ein breites Publikum. Nicht umsonst wird für den gewerblichen Handel sogar ganze Hallen dediziert, während die privaten Verkäufer an verschiedenen Stellen ihre Autos zeigen können.
Bei populäreren Klassikern ist das Angebot so gross, dass man oftmals für einen Fahrzeugtyp aus unterschiedlichen Farben und Zuständen auswählen kann. Wer zum Beispiel auf der Suche nach einem Porsche 944 oder einem BMW 3-er-Cabriolet der Baureihe E30 war, der konnte sich über Wahlmöglichkeiten nicht beklagen.
Von insgesamt gegen 4000 käuflichen Autos sprach Organisator K. U. Hermann in seiner Eröffnungsansprache, davon wurden etwa 1000 von Privaten angeboten, während sich die anderen auf die Händler mit Ständen und die gewerblichen Anbieter ohne eigene Standpräsenz verteilten.
Während die einen Händler von erfreulichen Verkaufsergebnissen versicherten, gaben sich andere weniger glücklich. Immerhin waren schon am Donnerstag einige Fahrzeuge bereits verkauft, allerdings vermutlich etwas weniger als in den Jahren zuvor.
Das Publikum jedenfalls zeigte sich begeistert, verbrachte gemäss Umfrage im Schnitt 5,5 Stunden in den Hallen. Neun von zehn würden die Messe weiterempfehlen und ihr die Note 1,8 geben.
Dass sie die Messe mögen, können diese Besucher ja dann bei der nächsten Austragung im Jahr 2019 zeigen, wenn sie ohne Terminkollision mit der Techno Classics dann am 7. bis 10. März stattfindet.
Wer noch einen humorvollen Rückblick auf all drei am selben Wochenende stattfindenden Messen geniessen möchte, der sei auf die Bildergeschichte verwiesen.

















































































































































































































































































































































































































Kommentare