Am Sonntag, 29. März habe ich eine Mission als Zwischengas-Praktikant. Diese führt mich quer durch die Schweiz. Seit die Swiss Retro Mecanika nicht mehr in Fribourg, sondern in Genf durchgeführt wird, nehmen deutlich weniger Deutschschweizer den weiten Weg auf sich. Damit die Daheimgebliebenen trotzdem etwas von der Oldtimermesse erfahren, bin ich hingefahren und habe mich umgeschaut.
Als ich am Sonntagmorgen in Winterthur auf die A1 einbiege, ist der Himmel grau verhangen und es fallen einzelne Schneeflocken. Der Scheibenwischer gibt ein gequältes Quietschen von sich. Drei Stunden und 300 Kilometer später nehme ich bei strahlendem Sonnenschein die Ausfahrt Genève Aéroport und steuere das Auto in die schummrige Tiefgarage direkt unter der Palexpo.
Von der Tiefgarage gelangt man direkt zum Eingang der Messe. Der Eintritt kostet bescheidene 15 Franken und zur Begrüssung erhält man ein schmales Heftchen mit einem Auto-Comic von Thierry Dubios. Der Zeichner ist an der Swiss Retro Mecanika sehr präsent, er hat sogar alle Flyer der Messe gestaltet.
Der erste Eindruck zählt
Hinter der Ticketkontrolle geht es die Rolltreppe hoch in die Ausstellungshalle, in der einst auch die Neuwagen im Rahmen des Genfer Autosalons auf Betrachter warteten. Dort begrüsst mich ein sanfter Duft von Autoreifen und Treibstoff. Die Halle ist riesig, und ich schlendere zunächst etwas ziellos zwischen den ausgestellten Fahrzeugen hindurch.
Wer noch nie an der Swiss Retro Mecanika war, braucht einen Moment, um sich zurechtzufinden. Die einzige Messe, die ich bis dahin besucht habe, ist die Auto Zürich, und der Gegensatz könnte nicht grösser sein: Wo es in Zürich anonym, laut und hektisch zu und her geht, ist es in Genf familiär, überschaubar und irgendwie gemütlich. Die Leute nehmen sich Zeit, sitzen beisammen und trinken Kaffee, Bier oder Wein.
Natürlich ist die Auto Zürich kein guter Vergleich, weil sie erstens keine Oldtimermesse und zweitens sehr viel grösser als die Retro Mecanika ist. Trotzdem (oder genau deshalb) ist es in Genf bunter und vielfältiger. Unter dem Hallendach der Palexpo kommen ganz unterschiedliche Interessensgruppen zusammen: Oldtimerfahrer, Schrauber, Militärfans, Modellautosammler, Comic-Liebhaber, Töffli-Buben… Was sie alle verbindet, ist die Leidenschaft für alte Fahrzeuge. Es ist ein richtiger Gemischtwarenladen – schade, dass es auf Französisch kein entsprechendes Wort dafür gibt!
Die Geräuschkulisse in der grossen Halle ist moderat, man kann sich mühelos unterhalten. Allerdings kommt mir während meines Besuchs kein einziges deutsches Wort zu Ohren. Im Hintergrund läuft scheppernde Country-Musik. Zumindest denke ich das, bis ich die Band entdecke, die am Rand der Messe spielt. Die Hintergrundbeschallung passt so gut zur restlichen Atmosphäre, dass man die Band schon bald wieder vergessen hat.
90 Jahre Fiat Topolino
Die Fahrzeuge in der Halle sind so bunt wie die Messe selbst – vom zierlichen Fiat Topolino bis zum schwergewichtigen Linienbus ist so ziemlich alles vertreten. Obwohl er als unscheinbares Mäuschen normalerweise wenig heraussticht, ist der Topolino diesmal der eigentliche Star. Zum 90. Jubiläum des Modells wurden mehrere spezielle Exemplare zusammengetragen, darunter ein besonders schönes "Milchwägeli" von 1936.
Erwähnenswert ist sicher auch der Fiat 500 B, mit dem Nicolas Bouvier 1953/54 zusammen mit dem Maler Thierry Vernet von der Schweiz bis nach Afghanistan gereist ist. Seine Erlebnisse hat er im 1963 erschienen Buch «Die Erfahrung der Welt» (L'Usage du monde) festgehalten.
Auch vom Leben gezeichnete Sportwagen sind zu sehen; so etwa ein Viper RT/10, der 1994 bei den 24 Stunden von Le Mans den dritten Platz und ein paar Schrammen davontrug.
Der orange Stadtbus von 1982 ist sicher für viele Genfer ein Stück Nostalgie, schliesslich prägte er dreissig Jahre lang das Strassenbild mit. Aber auch Kinder haben ihre Freude daran und lassen sich gerne das Cockpit erklären.
Autos mit Sprechblasen
Besonders viel Zulauf haben drei Männer, die an einem Tisch sitzen und Widmungen in Comicbücher kritzeln. Da sind Olivier Marin und Michel Janvier, die ihren Comic über Jo Siffert signieren (Janvier zeichnet gerade das Portrait eines Mannes auf eine leere Seite). Neben ihnen sitzt der bereits erwähnte Thierry Dubois. Er ist vor allem bekannt als Zeichner von mehreren Comics über Autobahnen wie die Route 7 zwischen Paris und der italienischen Grenze.
Im hintersten Winkel der Halle haben sich die Mitglieder der Association Patrimoine Militaire 3 Lacs (PM3L) häuslich niedergelassen. Weil gerade Mittagszeit ist, sitzen sie in einem Zelt beim Essen. Daneben brüten zwei Männer im Tarnanzug über einer Schweizer Landkarte. Auch sie sind ein fester Bestandteil der Messe und Jahr für Jahr an der Swiss Retro Mecanika vertreten.
Wie auf einem Flohmarkt wird an mehreren Ständen eine grosse Auswahl an Ersatzteilen angeboten. Säuberlich geordnet liegen Tachos, Scheinwerfer, Zigarettenanzünder nebeneinander. Man muss schon sehr genau wissen, was man sucht, um in der Fülle das Richtige zu finden. Mir scheint aber, dass viele Besucher einfach Freude an den technischen Raritäten haben und diese gerne mit Augen und Fingern bewundern.
Auf dem Oldtimerparkplatz
Als ich aus dem Messegebäude ins Freie trete, funkeln die auf dem Oldtimerparkplatz geparkten Klassiker in der Sonne. Dazwischen herrscht reges Treiben; man tauscht sich aus und bewundert die Autos, die auf eigener Achse angerollt sind. Manche der wartenden Autos hätten zweifellos Teil der Ausstellung sein können, so gut gepflegt wie sie sind. Im Gegensatz zu den Ausstellungsstücken sieht man sie aber in Bewegung und hört die Motoren, die manchmal erst nach etwas Überzeugungsarbeit anspringen (wie etwa bei einem kleinen Fiat 126, der gerade den Heimweg antreten will).
Der Weg bis nach Genf ist weit (zumindest, wenn man in der Nordostschweiz lebt). Ob er sich trotzdem lohnt? Für alle, die gerne eine entspannte Messe besuchen und wieder einmal ihr Schulfranzösisch auspacken möchten, auf jeden Fall. Denn wie ich bei meinem Besuch festgestellt habe, ist die Retro Mecanika weit mehr als eine Automesse: Sie ist gleichzeitig Plattenladen, Ersatzteillager und Begegnungsraum in einem.








































































































































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