"Los, einfach draufhalten!", lautet Ingos Anweisung bei meiner ersten Flussdurchfahrt. Alban und Isaline aus Belgien schauen aus dem Fahrzeug hinter uns – dem sicher viel geeigneteren Range Rover – gebannt zu, in Erwartung auf einen klaren Hinweis über die Wassertiefe. Dass der SL versinkt und einfach vollläuft wie eine Badewanne, ist nicht zu erwarten; Das Auto gehörte ja nicht mir, sondern ihm, unserem Ratgeber und Erfinder der "Carrera Costa Rica", Ingo Bartsch. Und in der Tat: Es ist ein Kinderspiel, wenn man das Gas des bärig gurgelnden Achtzylinders zur richtigen Zeit richtig dosiert.
Dieser SL ist schliesslich kein Gewöhnlicher: Er ist den berühmten SL- und SLC-Rallyewagen der Baureihe 107 nachempfunden, die in den '70er- und '80er-Jahren auch von Björn Waldegård und Walter Röhrl gefahren wurden und die Siege einfuhren bei der Vuelta a la Americana Sud 1978, der Safari-Rallye 1979 sowie der Bandama-Rallye 1979 und 1980. Anfang der Achtziger hatten Walter Röhrl und Christian Geistdörfer bei Mercedes-Benz unterschrieben, das Rallye-Projekt Mercedes Benz 500 SL wurde aber gestrichen.
Pura Vida – das pure Leben
Das ist der Leitspruch des Landes, omnipräsent und irgendwie auch sehr passend – und eine "rustikale" Umgebung für eine Oldtimer-Tour, so mein erster Gedanke, als wir bei Zwischengas direkt nach dem Ende der international üblichen Covid-Reisebeschränkungen von Ingo gefragt wurden, sein neues Angebot zu bewerben. Ingo ist eine Mischung aus Tourismus-Unternehmer und Privatier. Er lebt mit seiner lebensfrohen, gastfreundlichen und als leidenschaftliche Hobby-Köchin sehr begabten Frau Inga seit 18 Jahren in Costa Rica, in einer architektonisch beeindruckenden Residenz am Rande der Hauptstadt San José.
Heute sind beide gefühlt zu jung für den Ruhestand, aber auch zu weit herumgekommen, um noch genügend Freude zu haben an der Organisation von Reisen für "Normalverbraucher". So packte die beiden eines Tages beim Anblick ihrer für Costa Rica teils exotischen Oldtimersammlung die Idee, Oldtimer-Reisen anzubieten für Touristen, die mehr suchen als die ohnehin zahlreichen Reize dieser gerade bei Deutschen und Schweizern beliebten Sehnsuchts-Destination.
Die Schweiz des amerikanischen Kontinents
Und dieses Land hat wahrlich viel zu bieten: Tropen und Dschungel, malerische Vulkane und Wasserfälle, Sonne und Meer, üppige Vegetation und eine Artenvielfalt auch in der Tierwelt, die weltweit ihresgleichen sucht. Costa Rica gilt als kleines, mittelamerikanische Land nicht nur aufgrund eines bergigen Landesinnern, sondern vor allem wegen seiner 1963 ausgerufenen "Neutralität" als Schweiz Mittel-(und Süd-)Amerikas. Politisch ist es eine stabile Demokratie, wohlhabend aufgrund florierender Landwirtschaft auf vulkanischen Böden, aber auch dank der hohen Attraktivität als sicheres, touristisches Reiseziel.
So konnten auch wir nicht widerstehen, im vergangenen März diese Tour zu buchen. Angekommen nach gut elf Stunden Flug aus Zürich – glücklicherweise in Liegeposition – erwartet uns ein Klima fast wie zu Hause; zwar liegt ein typisch subtropischer Geschmack in der Luft, aber diese ist recht kühl für das, was wir erwartet hatten. Der Grund ist schnell gefunden: San José liegt 1170 Meter über dem Meeresspiegel. Nach einer Nacht in der Hauptstadt, die man gut an nur einem Tag erkunden kann inklusive Staatstheater und einiger Museen, geht es mit dem Taxi etwa 200 weitere Höhenmeter hinauf ins "Equis", die so benannte Villa unserer Gastgeber Ingo und Inga, welche eine Hollywood-Hills-reife Aussicht auf das Lichtermeer der Stadt bietet. Erstklassig bewirtet und bei guten Weinen gibt es erste Benzingespräche und ein Kennenlernen der ebenfalls mitfahrenden Teams, welche allesamt hier auf dem Gelände in Gästesuiten oder Anbauten residieren.
Der Fuhrpark steht bereit
Am ersten Tag ist noch ein "Pool-Tag" zur Akklimatisierung und Lagebesprechung vorgesehen, natürlich nicht ohne Inspektion der für unsere Tour bereitstehenden und von Mario, dem freundlichen Wagenpfleger, penibel gesäuberten Fahrzeuge: zwei Range Rover V8, zweitürig, Farbe "sahara dust", handgeschaltet, von 1972 und 1980.
Ausserdem ein zum "R" umgebauter 1968er Porsche 911, dessen 2,3-Liter-Boxermotor leistungsgesteigert gut 200 PS auf die Piste bringt – dank der um sechs Zentimeter angehobenen Karosserie sogar auf jede denkbare Piste.
Und natürlich der nach langwieriger Recherche und gemäss Werksangaben modifizierte 1974er Mercedes-Benz 450 SL in Rally-Ausführung. Er bietet zwar die Standardmotorisierung mit Automatik, dafür aber eine Abgasanlage, die auch grosse Wildkatzen verschrecken dürfte; geländetaugliche Ballonreifen und spürbare 120 Millimeter mehr Bodenfreiheit. "Wobei Original-Mercedes-Federn viel zu weich waren, auch wenn noch heute gerne vom Werk behauptet wird, solche seien damals verbaut worden.", erklärt uns Ingo seinen Umbau auf ein Bilstein-Fahrwerk. Die Vorderachse bietet dazu 275/60-Bereifung auf Achtzoll-BBS-Mahle-Felgen; hinten sind 295er-Reifen auf Neunzoll-Felgen montiert. "So kommt der überall durch hierzulande.", erklärt uns Ingo und liefert damit unterschwellig den Hinweis, dass dieses Fahrzeug von allen das bequemste ist für die bevorstehende Tour – und noch dazu das einzige mit Klimaanlage.
Frühstück auf dem Vulkan
Wir starten am nächsten Morgen in unserem sanft schaukelnden '72er Range Rover auf die erste Etappe: zum Picknick an den Krater des Irazú, mit 3400 Metern der höchste Vulkan des Landes. Das Auto ist für mich ein Musterbeispiel an sehr britischen, kleinen Qualitätsmängeln – so, wie man es sonst vor allem von italienischen Fabrikaten kennt, wenngleich sich diese meist charmanter anfühlen in ihrer gebündelten Imperfektion. Dafür wird ansonsten eine sicher unverwüstliche Streckentauglichkeit geboten. Vor uns startet Ingo im anderen Range Rover, unserem Begleitfahrzeug. Alban und Isaline aus Belgien im "mistgelben" 911 (Zitat Ingo) sowie Günther aus Westfalen und seine Tochter Andrea aus St. Gallen im komfortablen 450 SL. Die beiden machen das jedes Jahr – eine Vater-Tochter-Rallye irgendwo auf der Welt.
Eine tolle Geste und das schönste Geschenk für familiäre Bindungen, denke ich, als ich irgendwo einen halben Meter weiter rechts und ganz nah am Knie meiner Begleiterin im "Range" den dritten Gang einlege. Dieses zu tun, sollte man sich aus anderen Gründen gut überlegen: Der Achtzylinder ist nicht allzu elastisch und niedliche 135 PS aus 3,5 Litern Hubraum müssen hier doch schon zwei Tonnen Gewicht anschieben (und ja, wir nehmen auch etwas Gepäck der Porsche-Besatzung mit). Bei den in Costa Rica üblichen Steigungen, wo Strassen gelegentlich preiswert aus dem Busch geschlagen und teils einfach geradeaus den Berg hoch planiert werden, sind oft eher niedrigere Gänge gefragt – bis hin zur Geländeuntersetzung. So gesehen, ist dieses Auto dann doch eine gute Wahl, sofern man gemächlich, aber dafür garantiert ankommen möchte.
Oben auf dem Irazú angekommen, ist unser kleines Oldtimer-Team beinahe die grössere Attraktion unter den vielen Busreise-Touristen als der Blick in den Krater und zum Kratersee. Einige Amerikaner und Europäer strömen mit gezückter Smartphone-Kamera herbei und wollen wissen, woher diese Autos kommen. Arg verblüfft erkennen sie die lokalen Kennzeichen, und wir spüren zum ersten Mal, wie selten Oldtimer hier zu bewundern sind – übrigens ist uns kein weiterer Porsche 911 begegnet während weiterer 1500 Kilometer dieser Tour.
An klaren Tagen kann man hier oben die Karibische See und gleichzeitig den Pazifischen Ozean sehen. Leider war der Krater an diesem Morgen etwas wolkenverhangen, und bei nur knapp über Null Grad Celsius entschieden wir uns auf einer weniger belebten Seite des Kraters für ein kleines Champagnerfrühstück mit fein gefüllten Blätterteigschnecken.
Die weitere Tagesetappe führte wieder hinunter vom Vulkan. Mit einer kurzen Visite im stillgelegten und "spukenden" Sanatorio Durán – einem wahrlich mythischen Ort – touchieren wir die beiden Nationalparks "Braulio Carrillo" und "Vulkan Póas". Schon am Nachmittag erreichen wir nach 160 Kilometern Tagesetappe unser heutiges Ziel "La Paz Waterfall Gardens" und die "Peace Lodge". Hier warten grandiosen Wasserfälle; Schmetterlings-, Großkatzen- und Vogelhäuser; Reptilien-, Affen- und Kolibri-Gärten und das alte "Casita Típica", ein altes costa-ricanisches Bauernhaus auf uns. Wir wohnen in Zimmern im Stil der Familie Feuerstein, dabei sehr geräumig und weit luxuriöser, wenn auch ohne "Wilma".
Täglich mehrere Klimazonen
Eine ähnliche Distanz, doch eine schönere Strecke "erfahren" wir am nächsten Tag, mit dem Ziel La Fortuna und einer Unterkunft mit einem phantastischen Blick auf den – von weitem betrachtet – wohl schönsten Vulkan des Landes: dem Arenal. Unterwegs sehen wir nicht nur den Póas, auch erwischt es Ingo mit der ersten Panne der Tour an seinem Range Rover: Die Servopumpe ist fest; ein Austausch hier auf dem Land eher nicht in Sicht. Dafür eine Zange im Werkzeugkoffer, und der schrill quietschende Keilriemen ist in zehn Sekunden gekappt. Der Lärm ist auch vorbei, und weiter geht es eben ohne Servo-Unterstützung – rückwärts Einparken müssen wir hier sowieso eher selten. Und viel wichtiger: Das Gebiet, das wir durchfahren, zählt mit immergrüner, tropischer Vegetation zu den schönsten Landschaften im Norden von Costa Rica.
Wir fahren vor im "The Springs, Arenal". Laut Ingo kennt das Hotelteam bereits unsere Fahrzeuge. Alban entfernt zur Ankündigung unseres Eintreffens einige Orte vorab die Klappen am 911er-Doppelrohr-Auspuff. So werden wir bereits speditiv empfangen und sind schneller am Pool. Nur an welchem? Es gibt viele davon: einige schwefelhaltig, ein halbes Dutzend heisser Naturquellen dazu, einige mit Blick auf den Arenal – ein spezieller Ort.
Am nächsten Morgen geniessen wir erstmalig freien Blick auf den malerisch schönen Vulkan und noch eine Runde in den Pools. Heute werden wir um den glitzernden Arenal-See – dem grössten Binnengewässer Costa Ricas – auf teilweise unbefestigter Strasse hinauf fahren in Richtung Monteverde.
Wir kommen durch die sogenannte "Schweiz von Costa Rica", einer unglaublich gepflegten, sanft hügeligen Landschaft mit offenbar perfekt organisierter Landwirtschaft, wo es sogar ein Schweizer Dorf gibt mit typischen Schweizer Chalets, einer eigenen Eisenbahn-Strecke zum Panorama-Restaurant und einer Schwyzerdütsch verstehenden costa-ricanischen Gastgeberin. Erbaut wurde dies von einem vor einigen Jahren verstorbenen Auswanderer und Kaffeehändler, Franz Ulrich, der aus dem Schweizer Hergiswil stammte.
Monteverde selbst hat den lieblichen Charme einer Kleinstadt und strahlt eine unglaublich freundliche Atmosphäre aus. Das Nebelwald-Reservat Monteverde bildet zusammen mit den benachbarten Schutzgebieten das grösste zusammenhängende Nebelwaldgebiet Costa Ricas. Wir erkunden einen Teil zu Fuss. Es ist etwas Besonderes, unvergleichlich und überraschend, sogar für einige echte Weltenbummler, die wir dabei kennenlernen.
Habt ihr die Krokodile gesehen?
Nach dem Frühstück im deutlich kühleren Monteverde brechen wir auf in Richtung wärmere Pazifikküste. Alle Autos halten durch, auch der Range Rover fühlt sich hier pudelwohl. Auf dem malerischen Weg dorthin – teilweise auf Schotter – sehen wir auf unserer Höhenroute oft den Golf von Nicoya glitzern. Wir besuchen das Hafenstädtchen Puntarenas und fahren kurz entlang der Pazifikküste auf der Panamericana – auf diesem Abschnitt nicht sehr spektakulär, aber praktisch –, um dann wieder in die Berge abzubiegen; nicht ohne einen Abstecher an die untere Brücke des Rio Tárcoles. Unter dieser Brücke sollen sich die bis zu fünf Meter langen Spitzkrokodile tummeln. Ingo sieht einige im Vorbeifahren, alle anderen Rallye-Teilnehmer nicht. Die Krokodilsichtung wird fortan zum "running gag", eine Art Fata Morgana.
Weiter geht es an kleinen Orten in der südlichen Cordillera vorbei. In diese Gegend verirren sich nur wenige Touristen. Hier ist Costa Rica definitiv noch das ursprüngliche Costa Rica. Gegen Abend erreichen wir wieder das Equis, doch nur der erste Teil der Rallye-Reise ist abgeschlossen.
Mehr Sitzkomfort im 1968 Porsche 911
Am nächsten Morgen, Tag 7 unserer Reise, starten wir nach einem Fahrzeugwechsel im 1968er Porsche 911 in Richtung Süden des Landes. Was soll man sagen? Wir verabschieden uns von einem britisch-spartanischen Holzhocker, der offenbar nach zahlreichen Pints im Pub entwickelt worden war, weswegen eine auch nur halbwegs grosszügige Verstellmöglichkeit der Rückenlehne vergessen wurde. Wir nehmen – im direkten Vergleich erstaunlich bequem – Platz in einer schwäbischen Fahrmaschine; gebaut von Menschen, die offenbar nur ein Laster kennen: Die Lust an der Entwicklung von guten und leichten Sportwagen, welche diese stark abgenutzte Bezeichnung damals noch verdienten. Eine bessere Sitzposition hat der 911 ausserdem – obwohl 55-jährig, wie der Autor dieser Zeilen. Bereits nach einer Stunde Fahrt treffen wir auf die örtliche Policía; die Sorte, die sich nicht für den Verkehr zuständig fühlt, aber gleichwohl gerne für unsere Autos interessiert. Nach einer fürs Erinnerungsfoto inszenierten Handschellen-Verhaftung meiner Co-Pilotin geht es in die Berge bei Cangrejal, wo wir bei einem weiteren kleinen Champagnerfrühstück die Aussicht über die Berge und bis an den Pazifik geniessen.
Kurz darauf leuchtet es im 911 rot mitten im Drehzahlmesser: "Batterie". Man ahnt es: Die Lichtmaschine streikt. Dabei wurde sie vor dieser Etappe vorsorglich, quasi "auf Verdacht" gewechselt, doch das war wohl der Fehler. Da schon ein weiterer 1968er Porsche genauso gut auf Batterie fährt, fahren wir unbeirrt weiter; stundenlang ohne Probleme. Und da wir auch nicht mitten in der Sahara, sondern in einem der wohlhabendsten Länder der Region sind, geht es unterwegs einfach in den nächsten grossen Supermarkt, und wir kaufen eine Reservebatterie. Gebraucht haben wie Sie nicht, denn Ingo hat natürlich ein Ladegerät dabei für nächtliches Aufladen.
Die Acht-PS-Fähre auf dem Weg zu den Brüllaffen
Es folgt ein Besuch in Drake Bay und auf dem Weg dorthin eine kleine Fluss-Überfahrt mit einer Fähre, welche von einem fest vertauten Sportboot mit 8-PS-Aussenborder angetrieben wird. Wir erreichen den Golfo Dulce und sehen Berg-, Nebel- und Palmenwälder, aber auch Schwemmland, Sumpfwald und Mangrovensümpfe. Hier liegt unsere nächste Station: die Kunken-Lodge, ehemals Privatanwesen eines wohlhabenden Profi-Sportlers mitsamt Gästehäusern, jetzt eine spektakulär in die Natur eingebundene Anlage mit absoluter Abgeschiedenheit von der Aussenwelt und an einer eigenen Bucht gelegen, inklusive Restaurant direkt am Wasser.
Unvergessen eindrücklich ist hier ein stundenlanger Weckruf der Natur ab etwa 4:30 Uhr morgens: Brüllaffen, die sich in den Hügeln oberhalb der Anlage eine gute Stunde lang und teils über kilometerlange Entfernung austauschen über ihre Tagespläne und über mögliche Treffen verhandeln. Sie klingen so nah, als wären sie nur wenige Meter von unserer Veranda entfernt.
Tausche Pool gegen Rallytag im SL
Nach dieser etwas kürzeren Nacht teilen wir uns auf in eine Gruppe, die heute am Pool verweilen oder kleinere Wanderungen machen möchte, und die anderen Teilnehmer, die noch einiges mehr "erfahren" möchten in der Umgebung. Ich wähle heute den 450 SL und freue mich auf einen lässig-schaltfaulen Automatik-Tag; doch der wird es in sich haben: Flussdurchfahrten, steile Hügel auf regendurchnässter Schlammpiste und plötzlich Slalom durch unseren Weg kreuzende Baumaschinen, welche zurecht versuchen eben jene Piste befahrbarer zu gestalten. Die freundliche lächelnde Tica (wie Einheimische hier genannt werden), welche eingangs der Baustelle den Verkehr regelt, gestikuliert energisch in unsere Fahrtrichtung, was wir als Ansporn zur Beschleunigung interpretieren. Und da wir – begleitet von unseren belgischen Freunden im Range Rover – die Situation jedenfalls im SL nur mit reichlich Schwung, Tempo und teils querstehend durch die Kurven meistern konnten, hielten Dutzende Bauarbeiter regungslos inne, und man sah aus dem Augenwinkel ihre Kinnladen synchron herabfallen, als wären wir ein startendes UFO auf ihrer unbefestigten Piste mitten im Dschungel. Ich frage mich, ob die Verkehrspatrouille vernetzt war oder nur ansatzweise Bescheid wusste, ob am anderen Ende der Verkehr angehalten wird? Egal! Etwas fahrerisches Abenteuer sei auch auf einer eher touristischen Landpartie erlaubt.
In der kommenden Nacht bin ich früh wach, denn ich freue mich geradezu auf das Brüllaffen-Konzert – und die nächste Etappe. Beides enttäuscht nicht. Heute liegt eine aussergewöhnlich schöne, aber auch herausfordernde Strecke vor uns. Wir fahren nördlich um den Golfo Dulce herum, dann erneut eine kurze Strecke auf der Panamericana, touchieren die Nationalparks "Piedras Blancas" und "Golfito National Wildlife Refuge", vorbei an der "Esquinas Rainforest Lodge", um dann in die Bucht von Golfito einzufahren.
Hotelzufahrt nur mit 4x4 empfohlen
Von Golfito geht es dann nördlich weiter, wieder auf die Panamericana bis kurz vor die Grenze nach Panama. Wir biegen vor der Grenze links ab in die Berge Richtung San Vito – eine Traumstrecke mit grandiosen Ausblicken. Schliesslich erreichen wir Ochojal und unser Tagesziel: die Three-Sixty-Lodge – ein schönes kleines Boutique-Hotel mit Traumlage, mit spektakulär steiler Anfahrt und Pazifik- oder Regenwald-Blick aus allen Zimmern und vom schön angelegten Infinity-Pool. Bemerkenswert ist hier zudem ein auto- und oldtimerbegeistertes Personal. Man hat fast den Eindruck, von diesem für eine Art Indiana Jones oder mindestens mutig und verwegen gehalten zu werden – was zu einer gewissen Sonderbehandlung an der Poolbar führt. Und es ist rückblickend in der Tat mutig, mit dem 911 oder dem SL eine extrem steile, enge und steinige Zufahrt hinaufzubrettern, die so wirkt, als sei sie gestern aus dem Busch geschlagen worden. Wohl daher wird auf der Webseite des Hotels eine "Zufahrt nur mit Allradfahrzeugen" angezeigt. Eine Dusche, ein gutes asiatisch-mexikanisches Abendmahl und ein sehr guter Gin-Tonic setzen diesem kleinen Abenteuer noch die Krone auf.
Am nächsten Morgen bleiben wir noch eine Stunde am Pool, bevor wir dem Personal einige Instagram-Motive mit Oldtimer ermöglichen – um schliesslich aufzubrechen auf eine der längsten Tagesetappen.
Wir verlassen das langgezogene Tal des Nauyaca und fahren via San Isidro über den berüchtigten "Cerro de la Muerte", wo wir auf über 3300 Meter hinauffahren, dichtesten Nebel und sogar unseren ersten Stau erleben aufgrund grösserer Bauarbeiten.
Zeit einplanen für eine Kaffeepause
Es folgt ein Abstieg durch tiefhängende Wolken und zurück in bessere Sichtverhältnisse für circa zehn Kilometer auf der Panamericana. Dann geht es westlich ab auf die Strasse der "Santos", der Heiligen. San Marcos, San Gabriel, San Pablo, San Andrés; so heissen die kleinen Orte – und die Heiligen.
Wunderschöne Ausblicke, vorbei an riesigen Kaffeefincas. Der Tarrazú, der weltberühmte Kaffee, wird hier angebaut, und so mussten auch wir uns hier in einem kleinen Verkaufsladen mit diesem wirklich aromatischen Kaffee eindecken – "auch", weil dieser Laden leider voll war mit einer US-Schulklasse als Touristengruppe. Und wer schon einmal in den USA erlebt hat, wie US-Bürger (und hier diese wohl eher wohlhabenden Kids) eine Wissenschaft machen können aus einer profanen Kaffeebestellung, der denkt gerne an die Einfachheit einer italienischen Bar und den dort binnen drei Minuten bestellten und konsumierten Caffè oder Espresso. So lange brauchen diese Kids bereits, um sich gegenseitig mitzuteilen, was sie nicht mögen oder ob Hafermilch eklig schmeckt – alles, während sie an der Kasse stehen und über eine simple Bestellung einen Entscheid treffen sollen, was sie völlig überfordert.
Kein Wunder, dass westliche Zivilisationen in Gefahr sind – und wir auch, da wir hier 30 Minuten benötigen für diesen Einkauf. Für Ingo sind das 20 zu viel. Er hat noch einen Plan mit uns: pünktlich San Jose und die letzte Attraktion unserer Reise zu erreichen. Auf der Weiterreise wird es daher etwa ebenso lange ganz still, und es fehlen jegliche Routenbeschreibungen via Walkie-Talkie, bevor sich die Stimmung deutlich aufhellt und wir über einen sehr steilen Abstieg einer Abkürzung versuchen, den Zeitverlust vom Kaffeekauf auszugleichen. Noch vor der Dämmerung erreichen wir die imaginäre karierte Zielflagge am Equis – Geschafft!
Vor dem Abschiedsdinner steigt unerwartet eine komplette Mariachi-Band aus einem unauffälligen Kleinbus auf Ingos Hof, um zu unser aller Überraschung unseren Abschluss-Cocktail am Pool zu krönen mit Sombreros und professionell gespielten mexikanisch-inspirierten Evergreens, die man fast alle kennt und die dennoch so gut hierher passen, dass sie hier einfach authentisch und schön wirken. Und da wir hier auf dem Grundstück des im ganzen Ort bekannten und tatsächlich jedem Klischee entsprechend gut organisierten Deutschen sind, zeigt sich keiner der Gäste und keiner Musiker überrascht, dass Mario noch am Abend unserer Rückkehr bei dezenter Carport-Beleuchtung den Innenraum unseres Porsche 911 bearbeitet – nachdem der 450 SL bereits rundherum einmal grundgereinigt wurde. Er sieht dabei glücklich aus und schaut stets etwas verklärt auf die Wagen. So wie wir alle, aus etwas mehr Distanz und mit vielen neuen Erinnerung im Kopf, die uns noch viel länger beschäftigen sollten, als auf dem langen Rückflug zwei Tage später.
Wie sagte es meine noch von der grossen Inflation gebeutelte Grossmutter: „Junge, hör mal zu. Geld, Häuser, Autos – alles kann eines Tages auch wieder weg sein. Daher reise soviel Du kannst. Das erzeugt Weltoffenheit und schöne Erinnerungen im Kopf – und diese kann dir niemand mehr nehmen; sie gehören dir für immer."
Wollen auch Sie einmal Costa Rica im Oldtimer entdecken?
Dann können Sie jetzt mitmachen und eine Teilnahme für 2 Personen an der "Carrera Costa Rica – Traumreise mit Oldtimer" gewinnen.





















































































































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