Vom 15. bis 17. September 2017 fand die für viele Motorsport-Fans beste historische Rennveranstaltung von Spa statt, die «Spa Six Hours». Über 650 Fahrzeuge waren für den Start registriert und in 12 Rennfelder unterteilt. Untypisch für Spa war das eigentlich durchwegs sonnige Wetter, natürlich wurden die Morgen immer von Nebel geprägt, aber dieser löste sich immer im Verlauf des Vormittags auf. Auf der Dachterasse im Gebäude der neuen Boxengasse genossen entsprechend viele Zuschauer das belgische Bier in der Abendsonne, die Augen folgten dabei den tollen Licht-Schatten-Spiele der vorbeifahrenden Rennfahrzeuge.
Das 6-Stunden-Rennen als Höhepunkt
Worauf wohl jeder Zuschauer gewartet hatte, war der Start zum Langstreckenlauf ”Spa Six Hours Endurance”, der am Samstag um 16:00 mit grünem Licht freigegeben wurde. 126 Fahrzeuge starteten dabei gleichzeitig, die Schlange an Fahrzeugen, die sich hinter dem Pace-Car aufstaute, war beeindruckend! Ein Bild, das man wohl sonst nirgends zu sehen bekommt.
Schon im Qualifying dürfte so mancher Beobachter vermutet haben, dass das 6-Stunden-Rennen knapp ausfallen könnte. Poleposition holte das deutsche Team Nolte/Funke und DTM-Fahrer Frank Stippler im unauffällig grau lackierten #9 Ford GT40 (Bestzeit: 2:42.651, 155 km/h Schnitt). Mit einer Sekunde Abstand folgte das englische Team Ward/Smith im ebenfalls grauen #55 GT40. Und genau so kamen die beiden auch in der ersten Runde angerauscht.
Dass einer dieser beiden als erster ins Ziel rollen würde, konnte man sich gut vorstellen, dass aber gleich beide bis zum Schluss in der gleichen Runde fahren würden, überraschte dann doch so manchen Zuschauer! Als Gewinner liess sich schliesslich das englische Team mit dem #55 Ford GT40 notieren. Frank Stippler und seine Co-Piloten rollten mit einem Abstand von knapp einer Runde durchs Ziel.
Die GT40-Armada platzierte sich vorwiegend auf den vorderen Plätzen im Schlussklassement. Schnellster nicht-GT40 war der Friedrichs/Hadfield/Mallock Aston Martin DB4 GT mit Schlussplatzierung 6. Lotus Elan 26R und Porsche 904 konnten ebenfalls noch in die Top 10 fahren.
Top 10 des 6-Stunden-Rennens
- Platz 1: Ford GT40 #55, Ward/Smith
- Platz 2: Ford GT40 #9, Nolte/Stippler/Funke
- Platz 3: Ford GT40 #1, Wright/Wolfe und Wahlschweizer Michael Gans
- Platz 4: Ford GT40 #17, Lynn/Haddon
- Platz 5: Ford GT40, #3, Dirk Adorf und Graf von Oeynhausen/Verdonck
- Platz 6: Aston Martin DB4 GT DP214, Friedrichs/Hadfield/Mallock
- Platz 7: Lotus Elan 26R #13, Wilson/Sitrling/Pittard
- Platz 8: Porsche 904, Fatemi/D’Ieteren
- Platz 9: Ford GT40 #5, Wood/Stretton
- Platz 10: Lotus Elan 26R #26, Davison/Morris
Guter Mix im Langstreckenlauf
Was dieses 6-Stunden-Rennen aber erst als Highlight von Spa Six Hours machte, war die Anzahl Fahrzeuge. Nach wenigen Runden begannen die ersten Überrundungen, es bildeten sich bunt gemischte Fahrzeuggruppen, die Rad an Rad der nächsten Kurve entgegen rasten. Zweikämpfe oder gar Dreikämpfe waren sehr oft zu beobachten und ist für Zuschauer äusserst attraktiv.
Aufgrund der langen Dauer des Rennens heizten sich die Fahrzeuge so richtig auf. Auspuffanlagen glühten fast und Feuerausbrüche aus den Auspuffrohren waren bei einigen Fahrzeugen keine Seltenheit.
Bei einem Besuch der Spa Six Hours muss man unbedingt gegen Abend und während des 6-Stunden-Rennens in die Boxengasse gehen. Das hektische Treiben, Schrauben, Rumschieben, Gerufe und Getose in der sonst eigentlich grosszügig gestalteten Boxengasse wirkt wie das Chaos auf einem italienischen Marktplatz.
16 Ford GT40 gleichzeitig am Start
Wenn man den Prototypen GT40 Roadster dazu zählte, waren 16 GT40 gleichzeitig am Start des 6-Stunden-Rennens, einmalig! Diese Zahl wurde wohl nur am Goodwood Revival 2013 übertroffen, als im Rahmen der Whitsun Trophy 26 GT40 am Start waren.
Vom GT40 Roadster gab es nur vier, die alle von Ford gebaut wurden. Einen dieser Roadster durften wir in Spa aus der Nähe betrachten, es war übrigens jenes Exemplar, welches damals für die Testfahrten in Le Mans eingesetzt wurde und später die Targa Florio fuhr. Während der Targa Florio verlor dieser Wagen ein Rad und erlitt massive Beschädigungen. Der Wagen wurde darauf deponiert und für lange Zeit nicht mehr gesichtet. Erst 2006/2007 wurde das Chassis wieder hervorgenommen.
Gemäss aktuellem Besitzer Rui Macedo Silva konnte für die Restauration etwa 80% vom originalen Roadster wiederverwendet werden. Stark beschädigte Teile konnten zum Teil ausfindig gemacht und gekauft werden. Mit dem Zugang zu originalen Zeichnungen des Roadsters konnte der Wagen mit neu gebauten Teilen vollendet werden.
Immer wieder gibt es Diskussionen, ob die GT40 originale, Replikas oder Recreations sind. Aus technischer Sicht mag das interessant sein, aus Zuschauersicht zählt einzig und allein die Optik und der Motorensound, und der stimmte bei allen sechszehn GT40.
Alfa Romeo gegen Ford Lotus Cortina
So richtig zur Sache ging es auch im Rennen der U2TC (Historic Motor Racing News). Von der Pole gestartet und als erste durchs Ziel rollten die Alfa Romeo Spezialisten Maxim Banks und Andrew Banks auf Alfa Romeo Giulia Sprint GTA. Über mehrere Runden gab es heisse Duelle zwischen diesen beiden und Pheysey auf Ford Lotus Cortina. Aufgrund eines ungeplanten Boxenstopps platzierte sich letzterer auf dem 13. Gesamtplatz.
Frauen am Steuer - Katarina im besonderen E-Type
Es geschieht ganz automatisch: im sonst männerdominierten Motorsport fallen die Pilotinnen einfach sofort auf. Entweder weil sich eine blonde Haarpracht beim Abziehen des Helms offenbart oder weil der Wagen unübersehbar auffällt. Zu letzterer Kategorie gehörte der türkis farbene E-Type von Rhea Sautter (letztes Jahr fotografiert).
Dieses Jahr aber wanderte unser Blick zuerst auf perfekt lackierte Fingernägel auf einem (noch) strahlend weissen Rennoverall.
Dies ist Katarina Kyvalova, die zusammen mit den Engländern Keen/Minshaw in einem E-Type Lightweight beim 6-Stunden-Rennen mitfuhr. Im Feld GTS12, in welcher sie zusammen mit sieben weiteren E-Types startete, war sie die drittschnellste unter den E-Types (beste Rundenzeit 2:53.399)!
Kyvalova ist aber keineswegs neu im historischen Motorsport. Bereits seit 15 Jahren nimmt sie an Rennen teil, fuhr sogar auf den dritten Platz in der Freddie March Memorial Trophy am Goodwood Revival 2015.
Interessant ist die (kurze) Geschichte ihres Lightweight E-Types, mit welchem sie das Rennen bestritt. Jaguar plante ursprünglich 18 Lightweight zu bauen, die Chassis Nummern 1 bis 18 waren geboren. Gebaut wurden aber nur zwölf Lightweight. 2014 entschied Jaguar, die restlichen nachzubauen, 100% dem damaligen Original entsprechend. Katarina Kyvalova hatte das Glück, Chassis Nummer 15 zu kaufen.
Experten sind sich oft einig, dass die nachgebauten Lightweight E-Types viel näher am Original sind als manche der übriggebliebenen Lightweight E-Types, da diese oft aufgrund vieler Motorsport-Einsätze restauriert wurden, und dies nicht immer ganz originalgetreu.
Australien in Europa zu Gast
Eine echte Raritat begegnete uns im Fahrerlager, ganz unten fast am Ende des grossen Areals im Startgelände. Dort befand sich der Platz von Paul Eaton, der den einzig noch existierenden (und vor allem fahrbaren) Holden Commodore aus der australischen Gruppe C (nicht zu verwechseln mit der hier eher bekannten ”Group C”-Prototypenklasse) nach Spa brachte.
Der Mechaniker sprach mit Begeisterung vom Aufbau des Fahrzeugs, wohl auch deshalb, weil Spa das Debüt-Rennen für den raren Rennboliden war. Das letzte originale Fahrzeug sei verschwunden, dies sei also eine Replika, aber seines Wissens die einzige auf der ganzen Welt. Nachgebaut wurde der sogenannte HDT VK Commodore Group C, wie ihn Peter Brock damals fuhr.
Diese australische Gruppe C wurde 1973 bis 1984 ausgetragen und basierte auf Strassenwagen. Diese durften aber gemäss einem ziemlich offenen Regeln stark aufgemotzt werden. Der Commodore in Spa brachte 450 PS auf die Strecke!
Am Start war der Holden Commodore beim Rennen des Historic Sports Car Club mit vielen Unterklassen. In der Gruppe 10 landete der Holden immerhin auf Platz 3 mit einer Runden-Bestzeit von 3:03.102 während der Gesamtsieger im Mazda RX7 (#66) mit 2:51.333 auch die schnellste Rundenzeit einsackte.
Seltene Langstrecken-Klassiker in Spa
Spa Six Hours gilt als historischer Motorsport Event. Dennoch gab es eine Renngruppe, bei der eine Ausnahme gemacht wurde, nämlich die der «Masters Endurance Legends». Am Start waren hier vor allem Rennfahrzeuge des neuen Jahrtausends, darunter gab es aber zwei Fahrzeuge, die uns besonders gefallen haben, da man sie nur äusserst selten zu sehen bekommt: die beiden Franzosen Romain Rocher und Gerard Bouvet fuhren je in einem Venturi 400.
Langstrecken Fans durften aber erfreut gewesen sein, die Klassiker dieser Gruppe wieder mal fahren zu sehen. In der 22 Fahrzeuge starken Gruppe waren ein originaler Werks-Peugeot 908 aus der 2011-Saison, ein LMP1-Aston Martin (DBR1-2), der Deutsche Peter Schleifer fuhr den seltenen Pilbeam MP91, der Schweizer Michel Frey fuhr einen Oreca 03 und im GT Feld tummelten sich Ferrari 550 GT1 und 575 GTC, eine Dodge Viper GT2 und weitere GT-Boliden.
Historische Formel 1 ohne Dezibel-Beschränkung
Die meisten Renngruppen waren mit einer Lautstärken-Begrenzung im Programm angegeben. Bei den Läufen der historischen Formel 1 fehlte diese, «unbeschränkt» hiess es da nur. Entsprechend laut konnte es werden, wenn man zum Beispiel kurz vor Les Combes oder vor der Double Gauche fast direkt an der Strecke stand.
Gewinner des ersten Rennens war Deman auf Tyrrell 010 aus dem Jahre 1980 (beste Runde 2:14.547), das zweite Rennen ging an Lyons auf Williams FW07B (beste Runde 2:17.563). In diesem Feld waren einige originale Rennfahrzeuge dabei, so zum Beispiel der ex-Jochen Mass ATS HS0, ein eher seltener Formel-1-Kandidat, und der sehr oft aber immer wieder gerne gesehene ex-Jackie Stewart Tyrrell 001.
Für viele Zuschauer ein Geheim-Tipp
Dem Veranstalter können wir nur gratulieren, die Renn-Felder waren zahlenmässig immer gut besetzt, abwechslungsreich zusammengestellt und auf der Strecke war fast permanent etwas los. Grössere Unterbrüche blieben aus, selbst bei Unfällen konnte die Strecke sehr rasch wieder freigegeben werden. Einziger Kritikpunkt: kulinarisch verwöhnt wurden die Zuschauer nur im Startbereich, entlang der Strecke gab es keine einzige Verpflegungsmöglichkeit.
Während die Rennfelder sehr voll waren, blieben die Tribünen meist unbesetzt. Natürlich bietet Spa sehr viel Platz, auf welchem sich die Zuschauer verteilen können, dennoch fiel auf, dass wohl noch zu wenig Motorsport-Fans wissen, wie toll dieser Event ist. Aber unter dem Strich war dies auch ein Vorteil, man konnte sich frei in der Boxengasse während dem Rennbetrieb bewegen, im Fahrerlager hatte man genug Platz um Fotos zu machen und mit Leuten zu reden.
Wer also historischen Motorsport liebt und Rennen sehen will, wo es so richtig zur Sache geht, der sollte sich Spa Six Hours 2018 mal im Terminkalender notieren.
Auf der offiziellen Webseite findet man alle Resultate von Spa Six Hours 2017 .














































































































































































































































































































































































































































































Kommentare