Kraft, Wucht, Genuss und Heldentaten - die Bergrennen am Zugerberg von 1924 - 1928

Erstellt am 30. November 2012
, Leselänge 8min
Text:
Bernhard Brägger
Fotos:
Archiv Bernhard Brägger 
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Archiv Hans Egger 
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Am 20. Juli 1924 organisierte die frisch gegründete Sektion Zug des Automobil Clubs der Schweiz das erste Bergrennen am Zugerberg. So jedenfalls behaupteten dies die Herren des Vorstandes und ignorierten dabei die Tatsache, dass ihnen der Touring Club der Schweiz am 1. September 1922 mit ihrem Rennen zuvorgekommen war. Beide Rennen fanden auf der gleichen 3,5 Kilometer langen und bis 18% steilen Strecke statt. Der Start war an der Tramhaltestelle Hotel Guggital ob Zug, das Ziel beim Hotel Schönfels auf dem Zugerberg.

Und da man sich spinnnefeind war, hielt jeder Club an seiner Zählung fest. 1924 und 1925 kam es deshalb im gleichen Jahr zu zwei Zugerbergrennen! Sicher wirkte sich dieses eigensinnige Klubdenken auf die Qualität der Rennen aus. Bekannte Schweizer Rennfahrer wie Kessler, Merz, Lepori oder Kracht bevorzugten als ACS-Mitglieder die Rennen ihres Klubs. Internationale Beteiligung schaffte nur der ACS am 8. Juli 1928, als der grosse Hans Stuck, der Bergkönig, auf dem 3-Liter- Austro Daimler mit Tagessieg und neuer Rekordzeit glänzte.

Beim Durchblättern alter Zeitungen aus den Jahren 1924 bis 1928 fällt die blumige Sprache der Journalisten auf. Die Chefredaktoren einer lokalen Zeitung – das „Zuger Volksblatt“ oder die „Zuger Nachrichten“ - fanden sich persönlich bei der grossen Resultattafel unterhalb des Zieles ein -  „Journalistenhügel“ nannten sie ihren Beobachtungshorst.

Doch nicht nur die einheimischen Herren der Schreiberzunft bedienten sich einer blumigen, oft sogar schwülstigen Sprache. Auch der Korrespondent der „Automobil-Revue“ blies ins selbe Horn. Und so sind heute ihre Worte, ihre Ausdrücke zu Renn- und Zeitzeugen geworden. Hören wir genau hin.

1924 - „Ein Lied der Kraft und Wucht“

Die „Zuger Nachrichten“ lieferten ihren Leser schon vor dem Rennen interessante Kost. Überzeugen Sie sich selbst: „Dieser dem Automobil eigenen Sympathie für die steigende Strecke verdankt es unser Zugerberg, dass er in der neusten Zeit zu einer internationalen Berühmtheit geworden ist. Der Name Zug wird in diesen Tagen auf unserem ganzen Kontinent von allen denjenigen mit Respekt  ausgesprochen, die Sinn und Verständnis haben für das am nächsten Sonntag bei uns vor sich gehende sportliche Ereignis ersten Ranges. Das Rennen wird für unsere Stadt von Vorteil sein, ihr Prestige nur erhöhen und ihre wirtschaftliche Prosperität nur steigern.“ Auch das“ Zuger Volksblatt“ hielt sich nicht zurück und schrieb von einer dramatischen Poesie des Automobilsportes, das den Ohren ein Lied der Kraft und Wucht vorspiele, wie das Fahrzeug selber dem Auge imponiere! Der Finanzdirektor des Kantons Zug betrachtete das Rennen aber weit weniger euphorisch. Gegen seinen Willen unterstützte die Regierung das Rennen mit 20 Franken!

Und auch in den Ausgaben nach dem Rennen wurden die höchsten Töne angeschlagen. „Dann vernimmt man das Summen der Motoren, vorerst nur als leises dünnes Geräusch hörbar, dann immer lauter werdend, bis der Wagen unter ohrenbetäubendem Getöse durch das Ziel flitzt, wo Herr Beyer (Zürich) als Chronometreur fungiert.“ Oder ganz dramatisch:“ Als kühner, ja sogar verwegener Draufgänger entpuppt sich Zeitheim auf Amilcar, der das Rennen beendigt, trotzdem sich der Pneu von seinem linken Vorderrade ganz gelöst hat und nur noch am Ventil hängt, als er durchs Ziel geht.“ Und der Herr Capecchi auf seinem italienischen Chiribiri „erscheint als feuerlöschapparatschwingender Rettungsengel auf der Bildfläche, der mit seinem ‚Flamor‘ (Feuerlöscher) in Zeit von wenigen Sekunden dem gierigen Element den Garaus macht.“

Das Rennen gewann der bekannte Grand Prix-Fahrer Mario Lepori aus Lugano in 4 Minuten 27 Sekunden auf einem 4-Zylinder-1,5-Liter-Fiat Tipo 803. Dieser 1921 für Voiturettes-Rennen gebaute Rennwagen wog kaum 500 Kilogramm und war 150 km/h schnell. 10 Sekunden länger brauchte Leporis Club-Kollege Martinelli. Er holte sich den zweiten Platz auf dem bereits 10 Jahre alten und nur in 7 oder 8 Exemplaren hergestellten 5-Liter-Bugatti mit Kettenantrieb. (Bekannteste Besitzer eines 5-Liters waren damals Herzog Ludwig von Bayern und der französische Flieger Roland Garros.)

Ausser Konkurrenz und den Bruchteil einer Sekunde schneller als Martinelli fuhr der Doktor Josef Karrer auf einem 1,5-Liter-Rennwagen der Marke Chiribiri aus Turin. (Karrer wurde später Geschäftsführer der Bucar SA, Importeur der Bugattis in die Schweiz.)

1925 - „Ein auserlesener Genuss“

Auch 1925 hielten sich die lokalen Zeitungen mit blumigen Sprüchen nicht zurück: Da beleuchtet „die goldene Morgensonne das temperamentvolle Schauspiel, anmutige Verkäuferinnen vertreiben das Festabzeichen, die Zuger Berg- und Strassenbahn hat einen gloriosen Morgenverkehr zu bewältigen und das Feuerwehrauto bahnt sich mit Wucht und Würde einen Weg durch die Volksmenge.“

Auch der Griff in die lateinische Sprachschatulle durfte nicht fehlen: „Per pedes apostolorum pilgert schaulustiges Volk empor, um das Sport-Schauspiel par excellence zu betrachten.“

1925 kam es zum Duell der beiden Bugattifahrer Josef Merz und Mario Lepori. Am Gurnigel - 14 Tage vorher - musste sich Lepori dem Zürcher Metzgermeister Merz noch beugen. Die Automobil Revue schilderte das Rennen der beiden am Zugerberg mit genauen Beobachtungen. „In einem bis hier noch nicht gesehenen Tempo, aber mit unerschütterlicher Ruhe und Sicherheit, saust Lepori die steile Rampe hinan. Zwar gibt ihm Merz nichts nach; auch er kommt in einem tollen Wirbelsturm daher. Unmöglich zu sagen, wer von beiden der Bessere ist. Der Chronometer gibt die Antwort. Mit 3 Sekunden Vorsprung vor Merz siegt Lepori in 4.03.8 Min. und bläst seinem eigenen, letztes Jahr auf Fiat geschaffenen Rekord. das Lebenslicht aus.“

Der Fahrer Erny auf Vermorel - gebaut in Villefrance-sur-Saône - hatte da mehr mit des „Schicksals Mächten zu kämpfen, denn wenn gleich der Mitfahrende während der Fahrt im Schweisse seines Angesichts und in unwahrscheinlicher Stellung am Motor herum laboriert, will der Wagen doch nicht recht vom Fleck!“

Doch zu bösen Zwischenfällen kam es auch 1925 nicht. Frau Lepori, die Gattin des bekannten GP-Rennfahrers konnte sich und ihren Amilcar in letzter Sekunde durch ein kühnes Manöver vom Verlassen der Strasse retten. Ein Wagen schied wegen Motordefekt aus, einige Pneus platzten, was einem Korrespondenten zur mehrdeutigen Bemerkung verhalf: „Alles in allem ein auserlesener Genuss!“

Und als Notiz zum Zugerbergrennen von 1925 noch dies: Der bekannte Glarner Ryffel wurde auf seinem schweren Peugeot durch die Zugerbergbahn behindert, was darauf schliessen lässt, dass im Startbereich Strassenbahn und Rennfahrer die Rennstrecke gleichzeitig für ihre höchst ungleichen Ziele benutzten! Und Willy Escher, der spätere Besitzer der Ecurie Braillard (2 GP-Maserati 8 CM mit den Chassisnummern 3009 und 3015) behagte die steile Strecke nicht recht und so klassierte er sich auf dem Bugatti Brescia auf dem ungewohnten 6. Platz.

1928 - „Stuck ist der Held des Tages!“

1926 und 1927 fanden keine Rennen am Zugerberg statt. In diesen beiden Jahren hatte sich die Sprache der Journalisten etwas versachlicht. Auch das Rennen selber verlor seinen Clubcharakter. Qualität stand vor Quantität. Bekannte Rennfahrer wie  Merz oder Lepori starteten nicht mehr. Merz kam wirtschaftlich ins Schleudern, Karrer hatte nur einen 1,5-Liter-Bugatti ohne Kompressor zur Verfügung und Lepori startete mehrheitlich im Ausland.

An ihre Stelle traten die beiden Mercedes-Fahrer Rosenstein aus Stuttgart und der Basler Blaettler, beide auf 7-Liter-Mercedes. Der Berner Probst und der Zuger Strittmatter vertrauten auf 2-Liter-Bugattis 35C. Absoluter Favorit war natürlich der am Beginn einer aussergewöhnlichen Karriere stehende Hans Stuck. Noch nannte er sich in der Startliste als Hans Stuck von. Villiez vom Gutshof Sterz. Sein Werkswagen: Ein speziell für Bergrennen konstruierter 3-Liter-Austro-Daimler.

So kam es am Zugerbergrennen 1928 zum Duell zwischen zwei aufstrebenden Fahrern. Eduard Probst auf nationaler- und Hans Stuck auf internationaler Ebene. Probst kehrte soeben aus Sizilien zurück, wo er die Coppa Messina auf einem 1,5-Liter Bugatti 37 A vor allen italienischen Tenören gewonnen hatte. Auch vor Tazio Nuvolari!

Doch lesen wir wörtlich, was der Journalist in der „Automobil-Revue“ schrieb: „Mit Ungeduld wartet man auf das Kommen von Probst. Mit Maitrise steuert er seinen Wagen den gewundenen Berg hinauf, und besonders das rassige Tempo in der oberen Hälfte gibt zu den kühnsten Hoffnungen Anlass.“ Und wirklich die Uhr blieb bei 3.57,4 stehen. Der alte Rekord 4.03,8  von Lepori war ausgelöscht. Aber da erschien Hans Stuck als Letzgestarteter in den Zielkehren der 3,5 Kilometer langen Schotterstrasse. „Pfeilgeschwind saust auch Stucks Austro-Daimler den Berg hinan und mit spielender Leichtigkeit scheint er alle Schwierigkeiten der Strecke zu überwinden. In sicherem Flug überfliegt er das Zielband und bald darauf künden die Zahlen von der Zeittafel eine neue Sensation: 3.51,61. Begeisterte Bravorufe beantworten diese Meldung und jeder weiss es: Stuck ist der Held des Tages.“ Die drittschnellste Zeit realisierte der Basler Blaettler auf dem schweren und für enge Kurven eher ungeeigneten Mercedes S. Keine 10 Sekunden verlor er auf Stuck!

Nebst der tadellosen Organisation hatte auch des Gabenkomitee mit grösstem Erfolg gewirkt. Dies bewies der im Kasino Zug aufgestellte Gabentisch. Sogar die Nichtklassierten konnten noch Trostpreise in Empfang nehmen!

Doch dann wurde es still am Zugerberg. Ob sich der Börsencrash in den USA vom Oktober 1929 bis an den beschaulichen Berg auswirkte?

Oder war das Internationale Klausenrennen zu mächtig geworden und der Zugerberg zu unbedeutend? Auch die beiden Rivalen ACS und TCS konnten sich nicht auf eine Zusammenarbeit einigen. Alle Gründe sind heute im herbstlichen Zugernebel schwer auszumachen. Sicher ist, dass sich die beiden Clubs noch jahrelang unfreundlich gestimmt waren und der Spruch  -„der ACS, der Klub der Klasse, nicht der Masse“ - war noch bis in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu hören!

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ar******
04.12.2012 (09:20)
Antworten
Köstliche Sprache der damaligen AR-Berichterstatter. Heute würden wir dafür ausgelacht oder müssten Angst um unseren Job. Geblieben ist einzig die Begeisterung für grandiose Leistungen. Was früher ein Stuck und Probst realisierten, schaffen heute ein Faggioli und Steiner - wie sich die Zeiten ändern. Oder doch nicht?
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