Aus Bräggers Rallye-Tagebuch der Siebzigerjahre - zwei furchtlose Draufgänger

Erstellt am 9. November 2012
, Leselänge 4min
Text:
Bernhard Brägger
Fotos:
Archiv Bernhard Brägger 
8

Eine Equipe aus dem Emmental schrieb in den 70er-Jahren in der Schweizer-Rallyeszene ihre eigene aussergewöhnliche Geschichte: Karl Ludwig Locher ("Schärlu") und Ueli Krebs.

Sie tragen vielerorts mit unterschiedlichem Wagenmaterial an - so auch am Rallye di Lugano 1975 auf einem Innocenti Mini Cooper oder an der Coppa Liburna 1976 auf einem Opel Kadett.

Der Mini stammte aus der persönlichen Cooper-Schmiede Lochers in Walkringen, der Gruppe-4-Opel wurde von Wolf-Tuning in Lachen aufgebaut und durch das „Opel-Händlerteam“ finanziert. Doch dieser Opel musste bereits nach wenigen Trainingskilometern mit einem Loch im Motorblock zur Seite geschoben werden. Und trotzdem kamen die beiden Draufgänger ins Ziel. Die Frage ist nur wie?

Zuerst einige Notizen aus meinem Rallye-Tagebuch:
„Italienische und schweizerische Garagen, Tuningbetriebe und vor allem Karosseriewerkstätten melden Überstunden. Kotflügel, Autodächer wollen ausgebeult, Halbachsen und Zylinderkopfdichtungen ersetzt sein. Das Rallye di Lugano 1975 hat seine Spuren hinterlassen, Spuren, die Stoff für Drehbücher abendfüllender Filme liefern könnten. Bei vielen Teilnehmern mag die Enttäuschung über Ausrutscher, Abflüge oder Defekte im Moment überwiegen. Doch nächstes Jahr werden sie alle wieder am Start erscheinen. So leicht gibt das Rallye di Lugano seine Opfer nicht frei!“

Den ersten Teil der Rallye die Lugano, der 1975 als Lauf zur Rallye-Schweizermeisterschaft zählte, hatten 28 Equipen von den Mitstreitern um die Europameisterschaft mehr oder weniger unbeschadet überstanden. Sie stellten sich erneut dem Starter in Melide. Das Interesse galt jetzt ihnen allein.

Und weiter aus meinem Notizbuch: “Jetzt lassen die beiden Emmentaler Locher/Krebs den Mini so richtig fliegen, nehmen kaum zur Kenntnis, dass der Porsche Carrera der Italiener Cambiaghi/Cislaghi mit gebrochener Halbwelle und der Stratos von Ambrogetti/Torriani mit defekter Lenkung irgendwo in einem Kastanienwald liegen sollen.
Es führen jetzt Claude Haldi mit Beifahrer Bernard Sandoz auf einem Porsche Carrera. Federico Cane/Orlando Gaitano auf Fiat Abarth124 folgen den beiden Westschweizern und Karl Ludwig Locher/Ueli Krebs rücken auf den dritten Rang vor.“

Ueli Krebs erzählte später:
“Die Asphaltstrecken waren durch den ständigen Regen, das viele Laub und den Dreck schmierig geworden. Locher quetschte die ‘hintersten’ PS aus dem 1300ccm-Motor. Einmal fuhren wir am Comersee Bestzeit, auf der Ponna war nur Cane schneller. Am Passo di Cuvignone spürten wir in den obersten Kehren bereits den Haldi im Nacken. Da erlöst uns der 1’100 Meter hohe Scheitelpunkt und Locher prügelte den Mini in seiner unvergleichlichen, aggressiven und doch sicheren Art talwärts. Die Lichter des Carreras wurden schwächer und bald einmal „erlöschten“ sie. Wir verliessen bereits das Ziel im 800 Meter tiefer gelegenen Cittiglio, als Haldi und sein Carrera eintrafen. Doch für den Gesamtsieg reichte es uns nicht. Die beiden potenten Fahrzeuge von Haldi/Sandoz und Cane/Orlando konnten wir auf die Gesamtdistanz von über tausend Kilometern nicht gefährden.“

Dazu muss gesagt sein, dass eine solche Leistung auf einem Innocenti-Cooper erst mal gefahren werden muss.

Mit einem Loch im Zylinderblock kann man nicht Rallye fahren

Ungeduldig, nervös warten Karl Ludwig Locher und Ueli Krebs auf dem Campingplatz von Livorno auf den neuen Gruppe-4-Kadett. Erstmals sollen sie das neue Geschoss von Tuner Wolf in Lachen fahren. Und als endlich der Wagen auf dem Anhänger erscheint, wird unverzüglich zur ersten Probefahrt gestartet. Doch bald kommt die Nachricht durch - der Opel stehe am Strassenrand irgendwo auf der „Traversa-Livornese“ bei Livorno. Der Anhänger werde gebraucht.

Kaum eine Stunde nach ihrem hoffnungsvollen Start zur Probefahrt, müssen Locher/Krebs zur Kenntnis nehmen, dass mit einem Loch im Zylinderblock keine Rallies zu gewinnen sind.

Was nun? Beifahrer Ueli Krebs weiss Rat: „Wir bauen um und fahren die Coppa auf meinem privaten Opel Kadett.“ Ungläubiges Staunen macht die Runde. Der Opel ist zu diesem Zeitpunkt gerade drei Tage alt, noch ohne 1000-km-Service, mit 110 PS absolut serienmässig, hat weder spezielle Stossdämpfer, noch ein 5-Ganggetriebe, noch genügend Licht, noch Überrollbügel, noch Unterbodenplatte, Rallyesitze, brauchbare Sicherheitsgurte, Twinmaster ... Nichts.

Auf dem Camping-Platz wird umgebaut

Zuerst etwas zögernd, dann immer entschlossener beginnen die beiden inmitten der Campinggäste mit dem Umbau. Nach stundenlanger Schufterei unter brennender Sonne, im Sand des Meeres und unter Mithilfe „sachverständiger“ Kommentatoren wird der „Gruppe 1-Kadett“ äusserlich zum „Gruppe-4-Auto“ – allerdings mit nur 110 PS! Rechtzeitig erscheinen die beiden zur Fahrzeugabnahme und erhalten von der „Controlla Tecnico“ grünes Licht zum Starten.

Nachzutragen ist, dass die beiden Emmentaler nach der langen Nacht das Ziel erreichen und als Dritte in der Wertung um die Schweizermeisterschaft geführt werden. Und noch erstaunlicher, sie erreichen den 15. Rang in der Gesamtrangliste aller 191 gestarteten. Da erübrigt sich jeder Kommentar! Und der unterdessen eine Woche alte Kadett? Ohne den geringsten Kratzer.

Im nächsten Beitrag wird die Rede von einer neuen Methode das „Gebetbuch“ zu schreiben, sein. Und auch das gebrochene Bein des Equipenchefs und ein im Graben liegenden Opel GTE wird zum Thema gemacht.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
Keine Kommentare
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.

Aus dem Zeitschriftenarchiv

Aktuelle Fahrzeug-Inserate

Aktuelle Marktpreise (Auswahl)

Limousine-zweitürig, 63 PS, 1275 cm3
Limousine-zweitürig, 56 PS, 998 cm3
Limousine, zweitürig, 40 PS, 993 cm3
Limousine, viertürig, 40 PS, 993 cm3
Coupé, 40 PS, 993 cm3
Coupé, 52 PS, 1196 cm3
Coupé, 60 PS, 1196 cm3
Targa, 60 PS, 1196 cm3
Kombi, 40 PS, 993 cm3
Kombi, 52 PS, 1196 cm3
Kombi, 60 PS, 1196 cm3
Coupé, 105 PS, 1897 cm3

Spezialisten (Auswahl)

Spezialist

Muhen, Schweiz

+41793328191

Spezialisiert auf AC, Adler, ...

Spezialist

Undenheim, Deutschland

+49 6737 31698 50

Spezialisiert auf Mercedes, Jaguar, ...

zwischengas.com

Die umfangreichste Internet-Plattform über Oldtimer, Youngtimer und historischen Motorsport. Mit über 150'000 Besucher pro Monat ist zwischengas.com zur wichtigsten Informationsquelle von Oldtimer-Enthusiasten geworden.

Zwischengas Jahresmagazin

260 Seiten mit Fahrzeugberichten, Veranstaltungsrückblick und Auktionsanalysen.

Ab 6. Dezember 2020 am Kiosk und jetzt im Online-Shop

CHF 12.90 | EUR 9.90 zzgl. Versand

SwissClassics Revue

SwissClassics, das grösste Oldtimermagazin der Schweiz, erscheint mit sechs Ausgaben im Jahr und richtet sich an die Liebhaber von Oldtimern. Berichtet wird über Legenden des Fahrzeugbaus und die Schweizer Oldtimerszene sowie europäische Klassiker-Events.

Bisherige SwissClassics Ausgaben

Loading...

Jetzt kostenlos anmelden und profitieren: mehr lesen und mehr sehen!

Wenn Sie sich mit Ihrem persönlichen Passwort anmelden oder neu registrieren, haben Sie mehr von Zwischengas! Vorteile: weniger Werbung und
andere.
Die Anmeldung ist kostenlos.