Aus Bräggers Rallye-Tagebuch der Siebzigerjahre - Vor dem Überrollen bitte die Türe öffnen

Erstellt am 14. Oktober 2012
, Leselänge 4min
Text:
Bernhard Brägger
Fotos:
Archiv Bernhard Brägger 
7

Das Rallye di Lugano war immer wieder für Geschichten gut, Geschichten, die den Rallyesport der 70er-Jahre in all seinen Facetten wiedergaben. Erste Kostproben waren im Bericht “Aus Bräggers Rallye-Tagebuch der Siebzigerjahre - die schnelle Lady in der Coppa Liburna“ zu lesen.

In den frühen Siebzigerjahren des vergangen Jahrhunderts schaffte auch das Rallye di Lugano den Sprung ins Zeitalter der modernen Rallies. Die Spezialprüfungen gingen nun auf Bestzeit, die Strecken waren abgesperrt und überwacht. Einzig die teilweise langen und schnellen Überführungsetappen im verstopften Feierabendverkehr erinnerten noch an vergangene Rallyekonzepte, wie jenes des Rallye de Genève, das sich bis in die Siebzigerjahre auf nicht abgesperrten Bergstrassen abspielte.

Oft wurden am Rallye di Lugano den Spitzenequipen von der Polizia Stradale in ihren Alfa Romeo mit Sirene und Blaulicht die Strasse frei gemacht. Die kleinen Amateure mit den höheren Startnummern mussten selber schauen, wie sie mit Cinque- und Millecento-Fahrern fertig wurden. Sie hatten sich quasi mit der Polizia verbrüdert und demonstrierten ihre brachliegenden Talente mit waghalsigen Überhol- und andern Manövern.

Vor dem Überrollen bitte die Türe öffnen

Geschichtenerzähler gehen ein in ihre eigene, persönliche Geschichte. So auch Hansjörg Elmiger und Max Heinzer aus Schwyz. Elmiger konnte eine ganze Pizzeria – besetzt bis zum letzten Stuhl - zu Lachstürmen hinreissen. Eine rot in meinem Rallye-Tagebuch eingerahmte Episode hat seit Jahren ihren Ehrenplatz. Ihr Schauplatz war das Rallye di Lugano im Jahr 1974, genauer der Passo Cuvignone unweit von Luino. Die Startnummer lautete 122.

Die beiden Schwyzer brettern in ihrem Ford Escort RS 2000 am legendären Cuvignone bergwärts. Mitternacht ist längst vorbei, die Strecke eng, kurvenreich, zum allergrössten Teil im Walde des Monte Nudo. Keine Leitplanken, dafür dicke Kastanienbäume!

Überall haben Tifosi Feuer entfacht um sich bis in die frühen Morgenstunden warm zu halten. Den zweiten Durchgang will keiner verpassen.

Spitzkurven laden zum Driften ein. Elmiger wörtlich: „Die Bereifung am Ford: hinten Winter-, vorne Sommerreifen! Eine ideale Kombination für ‘sackgroben’ Schotter und einen aus Schlaglöchern bestehenden Asphaltbelag!“ Kommt hinzu, dass das Rallye di Lugano im Herbst stattfindet. Auf den höchsten Punkten kann Schnee liegen oder zumindest Glatteis für Kapriolen sorgen.

Kurz vor der Kirche des heiligen Antonio verpasst Elmiger den Bremspunkt einer schnellen Kehre nach rechts und rast die gegenüberliegende Böschung hinauf. Elmiger versucht sofort auf die jetzt unter ihm liegende Strasse zurückzulenken, kommt dabei in bedrohliche Schräglage und wenige Sekunden später zum Stillstand.

Hans Jörg Elmiger: „Der Ford Escort RS beginnt um sein Gleichgewicht zu kämpfen, der Absturz das steile Strassenbord hinunter scheint unvermeidlich zu sein. Doch geistesgegenwärtig löst sich Copilot Heinzer von seinen Gurten, öffnet die Türe und hechtet ins Freie. Der Ford kippt auf die geöffnete Türe, stützt sich auf ihr ab. Die angesetzte Rolle seitwärts talwärts wird in letzter Sekunde dank diesem Trick verhindert.“

Doch ein Sturz auf die Strasse hinunter ist nach wie vor möglich. In dieser ungemütlichen Lage wollen die beiden nicht länger verweilen. Wegen einer solchen „Kleinigkeit“ darf doch das Rallye nicht verloren sein! Max stemmt sich mit seinen Bärenkräften gegen den schwankenden Wagen und dank der zweckentfremdeten Türe und dem Zentimeter um Zentimeter rückwärtskriechenden Ford gelingt es den beiden, den Wagen auf die Strasse zu manövrieren.

Ein Beifahrertrick, der in keinem Lehrbuch zu finden ist! Die beiden Schwyzer sind in der Lage, die Rallye zu beenden. Nur die schief in den Scharnieren hängende Türe zeugen von dramatischen Minuten am Passo Cuvignone.

„Läck – war das schnell!“

Die vierte Sonderprüfung (SP) am Rallye di Lugano 1975 bleibt mir unvergessen. Von Brissago-Valtravaglia führt eine recht schmale Asphaltstrasse hinauf nach San Michele, mit Vollgas durchs totenstille, entvölkerte  Bergdörfchen und anschliessend in engen, sich Schlag auf Schlag folgenden Spitz- und ähnlichen Kurven zum Scheitelpunkt hinauf, dann steil und erneut in unzähligen Kurven zur Wallfahrtskirche San Antonio hinunter.

Nach rund neun Kilometern stoppt Beifahrer Edy Schaller die Uhren 10’01. „Läck – das war schnell“, sein Kommentar. Eine Prüfung später am Passo Cuvignone wird das Gaskabel reissen. Kein Ersatz dabei. Aus!

Ich habe sie vor zwei Jahren nochmals abgefahren, die „San Michele“. Nicht mit einem Rallyeauto aus den 70er-Jahren, nein, mit einem Allerweltsauto heutiger Konstruktion, vollgestopft mit elektronischem Schnickschnack. Der Asphaltbelag ist in all den Jahren bestimmt nie geflickt worden. Die Buckel und Schlaglöcher von 1975 haben sich jetzt zu regelrechten Kratern entwickelt Schritttempo bewahrt vor bösen Schäden. Immer noch spektakulär ist die enge Durchfahrt von San Michele. Links und rechts keine 30 Zentimeter Platz. Kaum ein Mensch lebt hier oben noch. Die Gasse ist überwuchert von Gräsern, von Sträuchern. Mountainbiker haben sie in Besitz genommen und kommen wie vom Leibhaftigen gejagt, talwärts geschossen. Dass hier vor 40 Jahren eine Horde Rallyefahrer ebenso auf der letzten Rille den Berg hinab donnerte - allerdings bei gesperrter Strasse - interessiert keinen einzigen der mit Helm und Rückenpanzer ausgerüsteten Biker. So ändern sich die Zeiten.

Und dann noch dies: Beim Schreiben dieses Artikels habe ich noch in alten Ranglisten gestöbert, gesucht, gerechnet. Und das Resultat: wir waren Vierte auf der „San Michele“. Da hätte doch der Renault 12 Gordini mit seinem 1,6-Liter-120-PS-Motor einen Ehrenpreis verdient. Posthum!

Im dritten Teil wird vom Staubfressen auf der „Marmorosa“ und vom Radwechsel ohne Wagenheber zu lesen sein. Zudem wird der grosse Nuvolari aus dem Nebel der Geschichte auftauchen.

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