Vector W8 Twinturbo - der Supersportwagen im Kampfjet-Look aus den USA

Erstellt am 26. Juni 2014
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Pawel Litwinski - Courtesy RM Auctions 
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Eine Mischung aus Kampfjet und Supersportwagen, eine Filmrequisite aus einem Science-Fiction-Film. Der Vector W8 lässt sich auf viele Arten beschreiben, eine Besonderheit ist er auf jeden Fall. Er war die amerikanische Antwort auf die Supersportwagen aus Italien und England, vergleichbar mit einem Jaguar XJ 220, einem Ferrari F40 oder einem Lamborghini Diablo. Nur erfolgreich war er nicht, trotz 600 PS Leistung und einer Spitze jenseits von 300 km/h.


Vector W8 (1992) - die Türen erinnern an zeitgenössische Lamborghini-Modelle (angeboten an der RM Auction Monterey 2014)
Copyright / Fotograf: Pawel Litwinski - Courtesy RM Auctions

Der Mann hinter “Q”

Bekanntlich heisst der Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des britischen Geheimdienste “Q”, zumindest ist das in den James-Bond-Filmen so. Er hätte aber auch Gerarld Wiegert heissen können, denn dieser Amerikaner war ein begabter Designer, der seine Ausbildung bei General Motors absolviert hatte. Nach einem Abgang im Streit hatte er mehrere Gadgets mitentwickelt, die auch in James-Bond-Filmen zu sehen waren, so etwa ein Düsenrucksack und das “Wetbike”, das im Film “Der Spion, der mich liebte” zu sehen war. Tatsächlich wirkte Wiegert sogar als Berater beim Film “Sag niemals nie” mit.

Auch die Autos, die er als Antwort auf die europäischen Supersportwagen baute und die Detroit zeigen sollten, was Amerika zu leisten im Stande war, hätten problemlos in die Requisitensammlung der James-Bond-Filme gepasst.

Der Prototyp W2

Bereits 1977 tauchte der Vorgänger des Vector W8 in der hiesigen Presse auf. Die Automobil Revue widmete dem W2 am 27. Oktober 1977 eine Drittelseite und aus dem Text wird klar, dass Wiegert grosse Pläne hegte:

“Im Rahmen eines Fünfjahresplans will die vom 32jährigen Industrial Designer Gerald Wiegert präsidierte Vector Cars Corporation in Venice (Kalifornien) die Produktion eines hochmodernen Supersportwagens, der sage und schreibe für 50 000 Dollar (rund 120 000 Franken) verkauft werden soll und einen quergestellten Chevrolet-V8- Turbo-Mittelmotor aufweist, vom gegenwärtigen Versuchsstadium auf eine Jahresproduktion von 300 Einheiten hochkurbeln. Vorläufig kann Wiegert nur ein 1:1-Modell vorlegen (man steckt im zweiten Jahr), bis Ende des dritten Jahres will man 75 der hochkarätigen Zweisitzer als Vorserie gebaut und auch verkauft haben, im vierten Jahr will die Vector Cars 150 Stück herstellen, um dann anschliessend auf die angestrebten 300 Mittelmotorcoupés zu kommen (später bis zu 500 Stück). Bisher hat die Vector Cars bloss Wetbikes (eine Art Wassermotorrad) hergestellt.

Die Hauptmerkmale des Vector W2 («W» für Wiegert, «2» für zwei Turbolader): Monocoquechassis aus Aluminiumblech, konzipiert nach den modernsten Erkenntnissen der Sicherheit, Hauptholme des Monocoque ausgeschäumt, Querschoten nach Sandwich- bauweise mit Wabenmusterzwischenschicht, quergestellter Chevrolet-V8- Motor von 5737 cm3 Hubraum, zwei Turbolader (evenuell Spezialzylinderköpfe mit doppelten Nockenwellen), Leistung 600 PS bei 7000 U/min, automatische Kraftübertragung des Oldsmobile Toronado, Kunststoffkarosserie, Gummisicherheitstanks, automatische Feuerlöschanlage, Armaturenbrett mit Digitalinstrumenten, Vierradscheibenbremsen von Hurst/Airheart, Trockengewicht rund 1250 kg, Spitze 200 Meilen/h oder 320 km/h.

Ein Grundkapital zur Ankurbelung des gewagten Projektes soll vorliegen, Wiegert und seine Mitarbeiter hoffen jedoch, weitere Fianciers aus Europa sowie aus dem Mittleren Osten für das Vector-Projekt zu gewinnen.”

So einfach war das dann aber nicht, denn e wurde wieder ruhiger um das Projekt. Jahre vergingen, dann veröffentlichte die Automobil Revue am 8. August 1985 einen weiteren kurzen Bericht zum W2 unter dem Titel “Immer wieder im Gespräch: Vector W2”. Technisch hatte sich wenig verändert, auf dem Heck des (einzigen?) Wagens aber thronte nun ein riesiger Heckflügel. Die Leistung wurde nachwievor mit 600 PS angegeben und auch konstruktiv hatte sich kaum etwas geändert. Sendepause.

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Vom Prototyp zum “Produktionsmodell”

1990 dann wurde auf der Los Angeles Motor Show das “Produktionsmodell” des Vector W2 gezeigt. Der Hubraum war auf sechs Liter angestiegen, der Preis wurde jetzt mit USD  180’000 oder CHF 265’000 angegeben. Auch die Stückzahlen wurden deutlich bescheidener geplant, es war jetzt von vier Fahrzeugen pro Monat die Rede. Die Bestellbücher waren aber keineswegs voll, gerade einmal ein Viertel der Produktion des Jahres 1990 sei verkauft, meldete Wiegert.

Materialtechnisch sprach man nun von Kohlefastermaterial und Kevlar für die Karosserie, während das Semi-Monocoque nun aus Bienenwaben-Aluminiumelement bestehen sollte. Als Dimensionen wurden 1990 437 x 193 x 108 cm angegeben. DIe Lenkung wies Servounterstützung auf und es gab einen serienmässigen Airbag.

Erste Stückzahlen mit dem W8

An der New York Autoshow im September 1990 wurde dann der W8, ein nochmals leicht modifizierter endgültiger Serienwagen gezeigt. Aber selbst die bescheideneren Produktionspläne liessen sich nicht umgesetzten. Gerade einmal drei Autos entstanden jeweils in den Jahren 1990 und 1991, 1992 kamen weitere neun Wagen, 1993 eine Handvoll weitere in Komponenten, dazu.


Vector W8 (1992) - die Bedienungselemente sollen tatsächlich aus Flugzeugersatzteillagern stammen (angeboten an der RM Auction Monterey 2014)
Copyright / Fotograf: Pawel Litwinski - Courtesy RM Auctions

Der erste Kunde war Prinz Khalid von Saudi-Arabien, der über zehn Jahre auf seinen im Jahr 1980 bestellten Übersportwagen gewartet hatte. Auch der Tennisspieler André Agassi kaufte sich einen, war aber zu ungeduldig, um die eine komplette Fertigstellung zu warten und sorgte für einiges an negativer Presse zum Wagen.

Die hatte der Wagen auch in Europa. Auto Becker hatte mit grossem Brimborium eine Wettfahrt des W2 gegen die damalige Sportwagenelite von Ferrari, Porsche, De Tomaso und Lamborghini angekündigt. Doch bereits beim Motorstart entzündeten sich ein paar Kabel im Motorraum und ans Fahren war nach der aufwändigen Löschaktion nicht mehr zu denken.

Dabei war der W2 eigentlich ein zuverlässiger Prototyp, denn zumindest einer dieser frühen Vector-Sportwagen soll über 250’000 Kilometer zurückgelegt haben, für ein Konzeptfahrzeug wäre das vermutlich sogar einen Eintrag im Guiness Buch der Rekorde wert gewesen.

Die Fahrt im W8

Das Fahren eines W8 verlangt wohl deutlich geringe Fähigkeiten als ein Lamborghini Diablo. Die Automatik nimmt dem Piloten, wenn man sich denn an den links vom Fahrer gelegenen Handhebel gewöhnt hat, die meiste Arbeit ab. Gasgeben und Bremsen sind die einzigen aktiven Tätigkeiten, der Rest sind Überwachungsaufgaben, wofür ein Display zur Verfügung steht, das auch in einem Flugzeugcockpit nicht deplatziert wäre. Die Rundumsicht ist suboptimal und zum Rückwärtsfahren setzt man sich am besten auf den linken Türholm, was dank der Automatik natürlich auch mit weniger Problemen verbunden ist als bei einem Lamborghini jener Zeit.


Vector W8 (1992) - eine Mischung aus Auto und Kampfjet (angeboten an der RM Auction Monterey 2014)
Copyright / Fotograf: Pawel Litwinski - Courtesy RM Auctions

Laut ist der W8 nicht, er gibt sich sogar erstaunlich gesittet, was die Lärmerzeugung angeht, woran die Automatik mit ihrem Wandler, aber auch die Turbolader einen wesentlichen Anteil haben.

Nur wenige dürften die ganze Leistungsfähigkeit ausgekostet haben. Road & Track stoppte den Sprint von 0 auf 96 km/h in 4,2 Sekunden und lass eine Höchstgeschwindigkeit von annähernd 351 km/h von den Messinstrumenten ab.

Auffallen wird man mit dem W8 auch bei Tempo 60 km/h immer, egal in welcher Farbe - es gab u.a. gelbe, schwarze, weisse und rote Exemplare - der Wagen gespritzt ist. Einen Eleganz-Wettbewerb wird er aber trotzdem nicht gewinnen, dafür ist die fast mit dem Lineal gezeichnete Karosserie mit vielen scharfen Kanten einfach zu gewöhnungsbedürftig.

Langlebig und immer wertvoller

Interessanterweise teilt der Vector W8 das Schicksal mancher Edel-Exoten nicht, deren komplexe Technik zur Stilllegung führen. Ganz anders beim Vector. Alle verkauften W8 sollen gemäss Wikipedia noch funktionsfähig sein.


Vector W8 (1992) - fast wie mit dem Lineal gezogen (angeboten an der RM Auction Monterey 2014)
Copyright / Fotograf: Pawel Litwinski - Courtesy RM Auctions

Auch die Preise scheinen anzuziehen, sind aber im Verhältnis zum Gebotenen nachwievor vergleichsweise günstig. 2010 wechselte ein W8 an der Londoner Versteigerung des Auktionshauses RM den Besitzer für 179’200 britische Pfund (damals Euro 205’000 oder CHF 276’000).

Jetzt wird RM in Monterey am 17./18. August 2014 wiederum einen Vector W8 aus dem Jahr 1992 anbieten und man darf gespannt sein, ob diese raren Fahrzeuge, man spricht je nach Zählweise von rund 20 Produktionswagen, ähnlich zulegen können wie andere Supersportwagen jener Zeit.

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