Simca Traumwagen Fulgur - damals, als heute noch morgen war

Erstellt am 19. Juli 2012
, Leselänge 4min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Archiv 
13

Ein Personenwagen mit elektrischem Antrieb und einer Reichweite von 5’000 km, der sich ohne Steuerungsbefehle der Insassen über die Hauptverkehrsadern mit Geschwindigkeiten über 150 km/h bewegt, das erscheint gerade heute wie Science Fiction. Im Jahr 1958 aber musste man sicher noch wesentlich mehr Phantasie haben, um ein derartiges Gefäss zu erdenken.

Die Simca-Stylisten, unter ihnen Robert Opron, taten aber genau dies, sie entwarfen Ende der Fünfzigerjahre den Traumwagen für die Zukunft. Ausgestellt werden sollte die Gedankenstudie erstmals am Pariser Autosalon im Herbst 1958.

Robert Opron hatten alles in das kleine Wägelchen gepackt, was ihnen einfiel und was sie als zukunftsfähig sahen: Fernsteuerung, Radarbildschirm, Elektroantrieb, Atomenergie, elektromagnetisch gesteuerte Federung, etc.

Die damalige Presseinformation von Simca ging unvermittelt in “medias res” und schilderte die Vorzüge dieser Zukunftskonzeption:

Logo Simca Fulgur

“Auf Strassen zweiter Ordnung wird der Antrieb des Fulgur von sechs Akkumulatoren für einatomige, freie Energiespeicherung geliefert, die im Heck liegend restlos zugänglich sind: In diesem Fall beträgt der Aktionsradius 5'000 km. Zu seiner Orientierung verfügt der Fahrer über ein Radargerät. Er erteilt seine Steueranweisungen einem Elektronenhirn, das für die Lenkung des Wagens sorgt.

Auf den Autobahnen nimmt ein Kontrollturm den Fulgur unter seine Fittiche, die Lenkung erfolgt vollautomatisch; die Kraftversorgung durch elektromagnetische Induktion.

Die beiden Antriebsräder - die Hinterräder - besitzen je einen Elektromotor. Die Vorderräder, die bei kleinen Geschwindigkeiten zur Lenkung dienen, werden ab 150 km/h eingezogen. Fulgur wird sodann auf zwei Rädern durch Kreiselgeräte stabil gehalten und vermittels der Stabilisierungsflossen am Heck gelenkt.

Entdeckt das Radargerät ein Hindernis, so wird der Wagen unverzüglich zum Stillstand gebracht.
Die Federung des Fulgur erfolgt auf elektromagnetischem Wege, wobei ein Regelgerät automatisch für die Anpassung an die jeweilige Strassenbeschaffenheit sorgt.

Die Beleuchtung, ein horizontales, fächerartiges Lichtbündel, ist mit der Geschwindigkeit gekoppelt. Je schneller der Fulgur fährt, desto heller und weitreichender strahlt sein Licht.

Die Rundsichthaube besteht aus blendfreiem Kunststoff, der die Sonnenstrahlen filtert. Geöffnet wird die Haube wie das Cockpit eines Jagdflugzeuges. Die Kabine ist schallgedämpft und klimatisiert.

Die temperaturgeregelten "Anatomik"-Sitze passen sich der Figur des Fahrgastes an und gewährleisten absoluten Komfort.”

Als Alternative zu den amerikanischen Zukunftsstudie gedacht, erregte der kleine Simca denn auch einiges Aufsehen in der Presse.

Unter dem Titel “Simca entwirft einen Traumwagen” berichtete etwa die Automobil Revue in der Ausgabe 42/1958 erstmals über das Zukunftsmobil:

“Für den amerikanisch orientierten Geist bei Simca ist das Projekt eines Traumwagens recht charakteristisch, das dieses Werk soeben ankündigt.

Das Geisteskind der Simca-Stylisten, das den Namen “Fulgur” (Blitz) trägt, soll ein auf europäische    Verhältnisse reduziertes Phantasiebild eines Fortbewegungsmittels der Zukunft darstellen. Die Karosserieschöpfer denken dabei an revolutionierende technische Lösungen wie Fernsteuerung von einem Kontrollturm aus für Fahrten auf Hauptverkehrsadern, Atomenergie als Kraftquelle für Nebenstrassen von 150 km/h an einziehbare Räder (bei Geschwindigkeiten darunter dienen Elektromotoren in den Hinterrädern zum Antrieb), Kreiselstabilisierung und Steuerflossen, Radarsicherung gegen unerwartete Hindernisse, elektromagnetisch regulierte Federung und geschwindigkeitsgesteuerte Beleuchtungsstärke.

Wenn auch solche Projekte in erster Linie um der propagandistischen Wirkung willen entworfen werden, so dienen sie darüber hinaus der Vulgarisation von möglichen, wenn auch in weiter Ferne liegenden technischen Entwicklungen.”

Gezeigt werden sollen hätte die Studie, wie bereits erwähnt, am Pariser Salon, doch daraus wurde nichts. Im darauffolgenden März 1959 aber konnte sich die Öffentlichkeit den Traumwagen der Zukunft am Genfer Automobilsalon zu Gemüte führen. Bei dieser Gelegenheit berichtete die Automobil Revue in der Nummer 13/1959 erneut über den Fulgur, allerdings mit weniger enthusiastischen Worten als zuvor:

“... Simca präsentiert den Flugur, einen Traumwagen futuristischer Art, der wohl weniger ernst genommen werden möchte, aber den Blick der Besucher auf sich und seine Marke zu ziehen hat - was er gebührend tut. ....”

Dann verstummte die Berichterstattung über das Zukunftsmobil. Es wurde noch einmal im Jahr 1960 in der Ausgabe Nr. 1 in einem Beitrag über den gesunden Autositz erwähnt.

1978 endete dann auch die Geschichte von Simca als Automarke. Übernommen durch Peugeot nannten sich die vererbten Fahrzeuge nun Talbot. Die 1958 entworfene Vision reichte also weiter in die Zukunft, als es die Marke selber erlebte.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von wh******
07.02.2020 (18:48)
Antworten
Kein Wunder, dass es die Firma Simca nicht mehr gibt - bei diesen Zukunftsplanungen :-)
Wie sich heute unsere verantwortlichen PolitikerInnen das Auto von morgen vorstellen (und das allen Ernstes planwirtschaftlich erzwingen wollen), das erscheint mir freilich nicht weniger utopisch :-/
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.

Originaldokumente / Faksimile

Markenseiten

Aus dem Zeitschriftenarchiv

Aktuelle Fahrzeug-Inserate

Aktuelle Marktpreise (Auswahl)

Cabrio-Limousine, 0 PS, 570 cm3
Cabrio-Limousine, 0 PS, 569 cm3
Limousine, viertürig, 84 PS, 2158 cm3
Limousine, viertürig, 54 PS, 1290 cm3
Limousine, viertürig, 66 PS, 1475 cm3
Coupé, 40 PS, 944 cm3
Limousine, viertürig, 70 PS, 1290 cm3
Limousine, fünftürig, 55 PS, 1300 cm3
Limousine, viertürig, 81 PS, 1475 cm3
Limousine, viertürig, 24 PS, 988 cm3
Limousine, viertürig, 45 PS, 1221 cm3
Limousine, viertürig, 48 PS, 1290 cm3

Spezialisten (Auswahl)

Spezialist

Amtserdam, Niederlande

Spezialisiert auf Ford, Jaguar, ...

zwischengas.com

Die umfangreichste Internet-Plattform über Oldtimer, Youngtimer und historischen Motorsport. Mit über 150'000 Besucher pro Monat ist zwischengas.com zur wichtigsten Informationsquelle von Oldtimer-Enthusiasten geworden.

Zwischengas Jahresmagazin

260 Seiten mit Fahrzeugberichten, Veranstaltungsrückblick und Auktionsanalysen.

Ab 6. Dezember 2020 am Kiosk und jetzt im Online-Shop

CHF 12.90 | EUR 9.90 zzgl. Versand

SwissClassics Revue

SwissClassics, das grösste Oldtimermagazin der Schweiz, erscheint mit sechs Ausgaben im Jahr und richtet sich an die Liebhaber von Oldtimern. Berichtet wird über Legenden des Fahrzeugbaus und die Schweizer Oldtimerszene sowie europäische Klassiker-Events.

Bisherige SwissClassics Ausgaben

Loading...

Jetzt kostenlos anmelden und profitieren: mehr lesen und mehr sehen!

Wenn Sie sich mit Ihrem persönlichen Passwort anmelden oder neu registrieren, haben Sie mehr von Zwischengas! Vorteile: weniger Werbung und
andere.
Die Anmeldung ist kostenlos.