Isdera Commendatore 112i – ein Supersportwagen, der in der Zeit verloren ging

Erstellt am 23. Dezember 2020
, Leselänge 8min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Rémi Dargegen - Courtesy RM/Sotheby's 
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Bruno von Rotz 
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Archiv 
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Er sieht aus, als wäre er für die Hunaudières-Gerade in Le Mans gebaut worden und tatsächlich galt der Isdera Commendatore 112i einst als schnellster deutscher Sportwagen überhaupt, aber seine Entstehungsgeschichte war schwierig und seine Uhr lief ab, bevor er sein Talent richtig zeigen konnte.

Schulz, der Auto-Enthusiast

Eberhard Schulz war kein Theoretiker, eher ein Praktiker. Dies war vielleicht auch der Grund, warum er sein Maschinenbaustudium abbrach. In seiner Freizeit baute er seinen ersten eigenen Sportwagen, den Erator GT, optisch dem Ford GT40 nachempfunden, allerdings mit deutlich braverer Technik. Mit diesem Wagen fuhr er 1971 bei Mercedes-Benz und bei Porsche vor, um sich zu bewerben. Tatsächlich konnte er mit Führungsmitgliedern der beiden Firmen sprechen und Porsche gab sich mit der Selbstbausportwagen-Referenz zufrieden und stellte den inzwischen 31-jährigen Auto-Enthusiast an.


B+B CW 311 (1980) - bekannte Studie, zum ersten Mal in Genf zu sehen - Genfer Autosalon 1980
Archiv Automobil Revue

Bereits 1978 wechselte Schulz zum Tuner Rainer Buchmann und dessen Firma “b+b”. Dort standen die Chancen besser, den Traumwagen CW 311, den Schulz in seiner Freizeit konzipiert hatte, zu verwirklichen. 1978 wurde der CW 311 mit Mercedes-Stern vorgestellt, seine Linienführung erinnerte an den C111, aber auch an den 300 SL.

1982 verliess Schulz Buchmanns Firma und gründete sein eigenes Ingenieurbüro für Styling, Design und Racing, kurz “Isdera”. Bereits 1983 stand dann der erste Isdera Sportwagen auf dem Genfer Autosalon. Der radikale Spider 033i verzichtete auf Dach und Windschutz, der Käufer erhielt dafür zwei Integralhelme, die zu tragen auch empfohlen waren.


Isdera Imperator 108i (1986) - daneben der Spider, den es nun mit Mercedes-190E-2.3-16-Motor gibt - Genfer Autosalon 1986
Archiv Automobil Revue

Mit dem Imperator 108i stellte Schulz fast gleichzeitig eine verbesserte Serienversion des CW 311 vor. Doch Schulz wollte mehr.

Verwirklichung eins Jugendtraums

Bereits im März 1990 geisterte eine erste Zeichnung eines neuen Supersportwagens namens Isdera Commendatore 112i. Schulz war damals knapp 50 Jahre alt. Der Name erinnerte an Enzo Ferrari, der 1988 gestorben war, während die Zusatzbezeichnung darauf hinwies, dass ein 12-Zylinder für den Vortrieb sorgen sollte.

Isdera Commendatore 112i - Zeichnung von 1990 (© AR)

Wie bei seinen bisherigen Sportwagen wollte Schulz auch beim 112i auf einen Gitterrohrrahmen als Basis setzen, der Radstand sollte gegenüber dem Imperator um 12 cm auf 261 cm wachsen, die Länge wurde mit 428 cm angegeben. Schon 1991 wollte Schulz den Sportwagen auf der IAA präsentieren, als Preis nannte er mindestens DM 500’000. Zu jener Zeit erwirtschaftete Schulz mit 12 Mitarbeitern rund DM 2,9 Millionen Jahresumsatz und verkaufte etwa eine gute Handvoll Sportwagen pro Jahr. Dazu kamen Entwicklungsprojekte für die Automobilindustrie, die 60 Prozent des Umsatzes beitrugen.

Isdera Commendatore 112i - Negativform von 1992 (© AR)

So schnell wie geplant, ging es nicht vorwärts. Im April 1992 wurde erwartet, dass der Commendatore im August desselben Jahres debütieren solle, passend zum 10-jährigen Firmenjubiläum. Immerhin zeigten Fotos, dass der Bau vorwärts ging. Als Motor war nun der Mercedes-Benz V12 mit 6,9 Litern Hubraum und 548 PS bei 6200 U/min spezifiziert. Der Radstand wurde nun mit 260 cm angegeben, die Länge mit 482 cm. Als Gewicht wurden 1460 kg genannt. Der Kofferraum würde 338 Liter fassen, wurde erklärt.

Mit einem angepeilten Verkaufspreis von DM 890’000 war der Isdera Commendatore bereits deutlich teurer geworden, bevor er nur einen Meter gerollt war, allerdings gehörten nun auch ein höhenverstellbares Fahrwerk, ein automatisch ausfahrender Front- sowie ein verstellbarer Heckspoiler zum Paket. Aber, wer einen Strassensportwagen mit bis 360 km/h Spitze kaufen wollte, hatte nicht viel Auswahl neben dem Isdera.

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Präsentation an der IAA im Jahr 1993

Seine öffentliche Premiere erlebte der Isdera Commendatore dann an der Internationalen Automobil Ausstellung in Frankfurt im September 1993. Als Motoren wurden nun zwei Varianten in Aussicht gestellt, ein 408 PS starker V12-Sechsliter mit 48 Ventilen, wie in der der S-Klasse von Mercedes montiert wurde, oder die 6,9-Liter-Version mit 548 PS. DM 920’000 oder DM 1’023’500 wurden als Kaufpreise der beiden Varianten angegeben Genauso hatte sich Schulz seinen Traumwagen immer vorgestellt: “in Gran-Turismo-Fahrzeug von rennsportlicher Schönheit mit dem exklusivsten aller deutschen Motoren und Fahrleistungen jenseits von Gut und Böse.”

Isdera Commendatore 112i im Jahr 1993 (© AMS)

Das Fertigfahrzeug, das mit einem neckischen Dachspiegel aus der Reihe tanzte, beeindruckte vor allem mit vier Flügeltüren. Die vorderen waren für die beiden Passagiere, die hinteren verschafften (wie beim De Tomaso Mangusta) Zugang zum Motor. Den oberen Teil des Rohrrahmens konnte man abschrauben, um besser an den Motor und die Nebenaggregate heranzukommen.

“Der nur 104 cm hohe Commendatore ist Isdera-typisch von ausgefeilter Aerodynamik. Dabei kommt es Schulz nicht nur auf einen geringen Luftwiderstand an (hier 0,30), sondern vor allem auf Sicherheit. Denn ein so schnelles Auto darf nicht abheben, sondern muss auch bei hohem Tempo von der Luft auf die Strasse gepresst werden. Und tatsächlich haben Messungen im grossen Windkanal von Mercedes-Benz bewiesen, dass die Karosseriegestaltung in Verbindung mit dem dezenten, ausfahrbaren Heckspoiler schon bei 136 km/h sogar einen Abtrieb erfährt, wo andere Hersteller mit dem Auftrieb kämpfen”, notierte die Automobil Revue 1993 in der Vorstellung.

Der Heckflügel konnte dazu aber auch noch den Bremsvorgang unterstützen, indem er sich automatisch senkrecht stellte “wie ein kleiner Bremsfallschirm”.

Ab Mitte 1994 sei der Supersportwagen lieferbar, konnte man damals lesen, der Kofferraum war übrigens in der Zwischenzeit auf immer noch taugliche 200 Liter geschrumpft.

Isdera Commendatore 112i - im Windkanal um 1993 (© RT)

Sogar einen Le-Mans-Einsatz zog man in Betracht, schliesslich plante auch Jochen Dauer Ähnliches im Jahr 1994. Interessanterweise wurde auch der Dauer 962 Le Mans an der IAA erstmals vorgestellt.

Zumindest die in Aussicht gestellten Fahrleistungen des Isdera machten ihn sicherlich zu einem Kandidaten für das 24-Stunden-Rennen in der Sarthe, schliesslich erreichte sogar die schwächere 408-PS-Version 342 km/h und spurtete in 4,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h, obschon 1480 kg zu beschleunigen waren.

Erster Kunde im Jahr 1999

Einmal mehr aber lief nicht alles wie geplant. Japanische Interessenten/Investoren zogen sich bereits früh in den Neunzigerjahren aus dem Projekt zurück und Eberhard Schulz hatte plötzlich andere Probleme, zumal die Entwicklung des Commendatore rund 7,6 Millionen Mark verschlungen hatte. Das war eigentlich eine überschaubare Summe, aber für ein 12-Mann-Unternehmen eine gehöriger Brocken.

Isdera Commendatore 112i im Jahr 1999 (© AMS)

Hilfe nahte schliesslich aus der Schweiz und im September 1999 konnte die Zeitschrift “auto motor und sport” vom ersten verkauften Commendatore 112i berichten. Inzwischen sprach man von einem Preis von DM 1’508’000, zudem zeigte sich der Mittelmotorsportwagen in leicht  modifizierter Ausführung. Der Dachspiegel war genauso verschwunden wie die ursprünglich speziell für den Wagen gefertigten BBS-Felgen. Als Motorleistung des Sechsliter-V12 wurden nun 420 PS bei 5900 Umdrehungen und 590 Nm bei 4100 U/min genannt. Gekoppelt wurde der 48-Ventiler mit einem Getrag-6-Gang-Getriebe.

An den Fahrleistungen hatte sich wenig geändert, das Gewicht wurde nun mit 1575 kg (leer) angegeben, die Aussenmasse mit 4,665 x 1,875 x 1,04 Meter. Im Innern fiel ein geändertes Lenkrad auf. Ansonsten war das meiste gleich geblieben, was auch die Frontscheinwerfer vom Porsche 968 und den Scheibenwischer vom ICE einschloss.

Isdera Commendatore 112i um 2000 (© YouTube Video)

Sogar eine Strassenzulassung hatte der fertige 112i erhalten und so wurde er mit dem deutschen Kennzeichen “AIC R 112” und der Schweizer Nummer “SG 1809” auf öffentlichen Strassen abseits der Rennstrecke gesichtet.

Zurück zum Anfang

Ein grosses Geschäft wurde der Isdera aber auch beim zweiten Start nicht. Zuviel Zeit war vergangen und die Konkurrenz hatte mächtig nachgerüstet. Immerhin war ein Pagani Zonda mit ähnlichem Antriebsstrang deutlich leichter, der Bugatti EB110 hatte den Isdera mit mehr Leistung und Carbon-Monocoque überholt und der McLaren F1 bot zum selben Preis drei Sitze. Die meisten dieser Supersportwagen überlebten trotzdem nicht lange und den Commendatore beschrieb Eckhard Eybl in “auto motor und sport” als “Prototypen im Quadrat, der sich für die wohlhabende Klientel nur rechne, wenn sie ihn als Replica früherer Renn-Prototypen sähen”. Es war zu spät, zu sehr an der Vergangenheit war der Isdera verhaftet.

Im Jahr 2005 versuchte der Schweizer Sammler den Wagen zu verkaufen, doch selbst für eine mittlere sechsstellige Summe wolle ihn keiner übernehmen.


Isdera Commendatore 112i (1993) - man sprach damals von Cab-Forward-Design, weil die Besatzung so weit vorne sass
Copyright / Fotograf: Rémi Dargegen - Courtesy RM/Sotheby's

Im Jahr 2016 konnte die Firma Isdera den Wagen zurückkaufen. In der Folge wurde das Mittelmotorcoupé wieder in den Ausgangszustand von 1993 zurückversetzt, womit auch die VW-Corrado-Rückspiegel wieder verschwanden und dem angestammten Dach-Spiegel, der ja eigentlich in die Fahrertüre integriert ist, Platz machten.


Isdera Commendatore 112i (1993) - der Rohrrahmen besteht aus ST 37-Stahl
Copyright / Fotograf: Rémi Dargegen - Courtesy RM/Sotheby's

Auch die korrekten BBS-Räder wurden nochmals hergestellt und montiert. Mit gerade einmal 10’500 Kilometern Laufleistung hatte sich aber die Abnützung am Auto insgesamt wohl als vernachlässigbar erwiesen. Dass bereits das dritte Lenkrad, dieses mal von Sparco geliefert, eingebaut wurde, ist wohl nur ein kleiner Schönheitsfehler.


Isdera Commendatore 112i (1993) - in dieser Farbkombination wurde er auch 1993 zum ersten Mal gezeigt
Copyright / Fotograf: Rémi Dargegen - Courtesy RM/Sotheby's

Jetzt soll der einzige je gebaute Isdera Commendatore 112i mit Chassisnummer W09112218PWJ02001 (und angegebenem Baujahr 1998), inzwischen mit dem deutschen Kennzeichen “SLS CW 112” ausgerüstet, anlässlich der RM/Sotheby’s-Versteigerung von Paris am 13. Februar 2021 einen neuen Besitzer finden.


Isdera Commendatore 112i (1993) - gegenüber dem kantigen Imperator ist der 112i deutlich rundlicher geformt
Copyright / Fotograf: Rémi Dargegen - Courtesy RM/Sotheby's

Ein Schätzpreis wurde bisher nicht genannt, Spezialisten gehen angesichts der McLaren-F1-Euphorie von einem siebenstelligen Verkaufspreis aus, allerdings wird der Wagen ohne Mindestpreis angeboten. Man darf gespannt sein, wie die Sammlerszene das Einzelstück einschätzen wird.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von go******
11.05.2021 (10:43)
Antworten
Ich kannte das Auto und deren Schweizer Besitzer damals sehr gut und war mit ihm befreundet. Herr A.K. wurde auch als Dosenbaron von Dasing (D) bekannt, bedruckt Getränkedosen und hatte ein Hundegetränk erfunden. Damit verdiente er schönes Geld. Der Isdera Commendatore wurde als Werbefahrzeug an div. Gewerbeausstellungen mit entsprechender Aufschrift präsentiert und in der Schweiz durfte ich mit dem Auto fahren. Im Sommer war der Wagen die reinste Sauna, da sich die Fenster nicht öffnen liessen. Mit dem Auto war fast alles erlaubt, parken im Parkverbot usw. Das Auto erweckte so viel Aufmerksamkeit, sogar beim Tanken wollten die Leute noch Fotos schiessen. Zu seinem Fuhrpark gehörte auch ein Imperatore. Ein wiedersehen erlebte ich im Schloss Schwetzingen 2018 wo der Comendatore erneut dem Publikum gezeigt wurde. Ein tolles Auto und für mich eine Begegnung der besonderen Art.
von ma******
30.12.2020 (10:06)
Antworten
Vor Leuten wie Herrn Schulz habe ich höchsten Respekt. Was steckt da für ein Wille drin...
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