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Hotchkiss 20.50 Anjou Worblaufen - viertüriges Cabriolet für den Eklektiker

Erstellt am 6. Juni 2015
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
30
Balz Schreier 
25
Artcurial 
1
Urs Vogel 
1
Archiv 
2

“C’est très eclectique”, sagen die Franzosen und das Adjektiv passt ziemlich gut zum Worblaufen-Cabriolet auf der Basis des Hotchkiss 20/50 Anjou, das im Jahr 1950 bei Fritz Ramseier entstand. Es macht einen wahrlich majestätischen Eindruck und wäre wohl auch als Paradefahrzeug durchgegangen.

Hotchkiss Anjou 20.50 Worblaufen - deutlich näher an der Pontonform als die Serienfahrzeuge
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Weiterentwickelte Vorkriegstechnik

Die Firma Hotchkiss hatte 1903 mit der Produktion von Autos begonnen und wie so viele andere setzte sie in den Nachkriegsjahren nach 1945 auf die technischen Konzepte der Vorkriegszeit. Schritt um Schritt wurden die Fahrzeuge modernisiert, ohne aber alte Komponenten wie die Motoren komplett abzulösen.

1950 wurde das Modell Anjou als 13.50 und 20.50 mit zwei Motoren und Hubräumen präsentiert. Während es der Reihen-Vierzylinder im 13.50 mit 2312 cm3 Hubraum auf 72 PS bei 4000 Umdrehungen brachte, lieferte der 3485 cm3 grosse Reihensechszylinder des Modells 20.50 (20 Steuer -PS) 100 PS bei ebenfalls 4000 Umdrehungen. 234 Nm betrug das höchste Drehmoment und es lag bei 2200 Umdrehungen an. Diese für die Zeit mehr als konkurrenzfähigen Leistungsdaten wurden mit einer klassischen Konstruktion mit seitlicher Nockenwelle, hängenden Ventilen und einem zentral sitzenden Fallstromvergaser Stromberg EX 32 erreicht.

Hotchkiss 20.50 Grand Sport (1952)
Archiv Automobil Revue

Unter der viertürigen Limousinen-Karosserie (es gab später auch eine zweitürige Grand Sport Variante mit mehr Leistung) sass ein stabiler Rahmen mit Längsträgern und Querverbindungen. Während die Vorderräder einzeln geführt wurden, sorgte hinten eine Starrachse für Richtungsstabilität und Antrieb. Gebremst wurde hydraulisch mit Trommeln.  Mit 4,85 Metern Länge und 1,77 Metern Breite war der Anjou eine stattliche Limousine, die bis 140 km/h schnell sein konnte.

Wenn der Chef der Designer ist

Fritz Ramseier gründete 1929 seinen Karosseriebetrieb und legte gleich tüchtig los. Mit 40 Mitarbeitern und entsprechend grosszügigen Räumen setzte er mit der “Carrosserie Worblaufen” im gleichnamigen Ort vollständig auf Spezialkarosserien. Seine Inspirationen zog er aus seinen Wanderjahren, die er in der Schweiz und in Frankreich absolviert hatte, seinen Drang zu qualitativ hochstehenden konstruktiven Lösungen hatte er wohl von seinem Vater, der bereits vor ihm als Wagner eine kleiner Werkstatt im selben Ort geführt hatte und ihn auch beim Aufbau seines eigenen Geschäfts unterstützte.

Fritz Ramseier Junior, geboren im Jahr 1904) gestaltete viele Coupé- und Cabriolet-Varianten für die Fahrgestellte bekannter Hersteller wie Delahaye, Talbot-Lago, Bentley oder auch Alfa Romeo. Sein komplett versenkbares Cabrioletdach, das natürlich von einer Person ohne grosse Mühe aufgespannt oder wieder heruntergeklappt werden konnte, liess er sich sogar patentieren.

Der Patron Ramseier zeichnete selber und dies mit viel Gefühl und Können. Er liess sich von den Meistern aus Paris und später auch aus Italien beeinflussen und schuf Karosserien von schlichter Eleganz, die auch im Alltag überzeugten. Seine letzte Spezialkarosserie auf Basis eines Rolls-Royce Phantom III stellte er im Jahr 1958 fertig, danach spezialisierte er auf Reparaturen und Nutzfahrzeuge.

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Gelungene Abwandlung zum Cabriolet

Im Jahr 1950 erhielt Ramseier wohl eines der frühen Hotchkiss-Fahrgestelle und den Auftrag, darauf eine Cabriolet-Karosserie zu setzen. Bis zum Torpedo entsprach dieses viertürige Cabriolet mit Kommissionsnummer 1147 weitgehend der Serienvariante des Anjou 20.50, doch bereits die Kotflügel zeigten wesentlich deutlicher in Richtung Pontonform als die Serienversion von Hotchkiss. Wie die Limousine liessen sich die vier Türen gegenläufig öffnen, die vorderen waren als sogenannte Selbstmördertüren ausgeführt.

Hotchkiss Anjou 20.50 Worblaufen (1950) - Cabriolets mit vier Türen sind selten, solche mit gegenläufigen Türen ebenfalls
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Das Heck liess Fritz sanft auslaufen, auf der Seite verlängerte er den Schwung des vorderen Kotflügels bis in die Mitte des hinteren Kotflügelansatzes. Auf ein Trittbrett verzichtete er. Im Innern nahmen zwei Sitzbänke die bis zu sechs Passagiere auf. Dass die Karosseriefirma Worblaufen auf Qualität setzte, beweist der Wagen mit seiner beruhigenden Stabilität auch heute noch, mit rund 1,8 Tonnen war die offene Variante allerdings wohl auch wegen der notwendigen Stabilsierungsmassnahmen deutlich gewichtiger als die Werkslimousine, deren Trockengewicht mit 1450 kg angegeben wurde.

Hotchkiss Anjou 20.50 Worblaufen - mit eigenständiger seitlichen Gestaltung
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Insgesamt war das Cabriolet, es sollen zwei Exemplare entstanden sein, das zweite im Jahr 1951, ein sehr gelungener Wurf, der vom grossen Können Ramseiers zeugt.

Geschichten eines Autolebens

Vermutlich hatte das Worblaufen-Cabriolet gerade einmal vier Besitzer bis heute, der erste war ein wohlhabender Bankier. Später ging das Auto in pflegende Hände weiter und aus jener Zeit stammt auch folgende Geschichte: Als den Hotchkiss ein Problem plagte, brachte ihn der Besitzer in eine örtliche Garage. Dort konnte das Malheur nicht zur allgemeinen Zufriedenheit behoben werden, was den Erstjahres-Lehrling derart wurmte, dass er in vielen Stunden der Sache auf den Grund ging und schliesslich in der Lage war, den Wagen zu reparieren. Dies machte dem Besitzer so viel Eindruck, dass ab jenem Tag nur noch der begabte Lehrling Arbeiten am Wagen ausführen durfte. Und wenn er einmal in den Ausgang gehen wollte, lieh ihm der Besitzer das herrschaftliche Fahrzeug aus, um bei den Damen noch mehr Eindruck machen zu können.
In den Jahren 2005 bis 2007 wurden Interieur und Karosserie restauriert.

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Elektromagnetisch schalten

Standardmässig wurde der Hotchkiss Anjou mit einem Vierganggetriebe und Mittelschaltung ausgerüstet, doch gegen Aufpreis konnte auch elektromagnetisch über ein Cotal-Getriebe geschaltet werden, dessen planetenmässig angeordneten Zahnräder durch elektrische Impulse via ein kleines Hebelchen rechts am Lenkrad auf die gewünschte Übersetzung gebracht werden können. Gekuppelt werden darf dazu, ein Cotal-Getriebe kann aber auch mit seinem eigenen Mechanismus und ohne Kupplungspedal die Gänge wechseln.

Hotchkiss Anjou 20.50 Worblaufen - mit diesem winzigkleinen Hebel am Lenkrad werden die Gänge gewechselt
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Entsprechend gestaltet sich das Fahren im Hotchkiss sehr komfortabel, mit einer Fingerbewegung wird von einem Gang zum nächsten geschaltet, über einen separaten Hebel die Fahrtrichtung verlangt. Und tatsächlich, ob vor- oder rückwärts, es liegen gleich viele Gänge an, nämlich deren vier.  Allerdings würde wohl kaum jemand mit dem edlen Worblaufen-Cabriolet im vierten Gang rückwärts fahren wollen ...

Erhaben unterwegs

Man sitzt relativ hoch im Hotchkiss Anjou und man geniesst den mehr als ausreichenden Vorwärtstrieb des mit dem 100-PS-Motor gut gerüsteten 1,5-Tonners. Das Auto ist allerdings mit fast 1,8 Meter recht ausladend und so sind es denn auch nicht gerade die engsten Landsträsschen, die man sucht, sondern eher geschmeidig dahinfliessende Edelstrassen. Man könnte dieses Vergnügen mit fünf Freunden teilen und dies bei annähernd 140 km/h, aber es das erhabene Dahingleiten, das, begleitet vom fein klingenden Sechszylinder, am meisten Freude bereitet.

Hotchkiss Anjou 20.50 Worblaufen - hochbauendes Cabriolet im Stil der Zeit
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Passanten schauen meist zweimal hin, nicht nur, weil der Hotchkiss in seiner Zweifarben-Lackierung sehr elegant aussieht, sondern auch, weil sie wohl noch kaum je das Vergnügen hatten, ein derartiges Fahrzeug zu sehen.

Wir danken der Oldtimer Galerie Toffen für die Gelegenheit zur Probefahrt. 

Weitere Informationen

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