Fiat 600 Multipla - ein Kleinbus schlägt PS-Protze

Erstellt am 19. Februar 2014
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
6
Otis Clay - Courtesy RM Auctions 
17
Fiat 
14
Darin Schnabel - Courtesy RM Auctions 
8
Darin Schnabel - Courtesy RM Sotheby's 
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Bruno von Rotz 
4
Artcurial 
1
Archiv 
18

Er stand beinahe im Rampenlicht, der Fiat 600 Multipla von 1957. Nur ein Le-Mans-Sieger (Peugeot 908 HDi FAP) und der stärkste je gebaute Porsche (917/30) stahlen ihm die Show, zumindest anfänglich.

Dabei hatte er bereits viele Blicke angezogen, sowohl in der Vorbesichtigung der RM-Versteigerung von Paris am 5. Februar 2014 als auch während der folgenden Auktion.


Fiat 600 Multipla (1957) - als Lot 53 an der RM Auction von Paris am 5. Februar 2014
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Und während ein Angebot nach dem anderen aufgerufen, Millionenbeträge beklatscht und bejubelt wurden, wartete der kleine Fiat auf seine Chance, denn er kam erst ganz am Schluss unter den Hammer.

Interessenten mussten sich also gedulden und hatten so Zeit, darüber nachzudenken, was diesen kompakten Raumriesen auszeichnete und wie es überhaupt dazu kam.


Fiat 600 Multipla (1957) - der kleine Raumriese zieht die Blicke an der Versteigerung auf sich
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Warum wurde er gebaut?

Im Jahr 1955 löste der Turiner Autohersteller den beliebten Fiat 500 C mit dem Fiat 600 ab. Im Gegensatz zum Vorgänger hatte der neue Wagen nun einen Vierzylinder-Heckmotor und eine damals viel modernere Form. Er wurde begeistert empfangen. Er konnte vier Personen befördern und war dank minimaler Grösse und wenig Gewicht günstig und sparsam. Was wollte man mehr?

Nun, die Anhänger der Giardinera-Variante des Fiat 500 verlangten nach einen praktischen Gerät, das dem Handwerker während der Woche als Allzweckfahrzeug dienen konnte und am Wochenende auch für den Familienausflug tauglich war.

Warum der Name?


Fiat 600 Multipla (1956) - Blick durch den Sechssitzer mit heruntergeklappten Sitzen
Archiv Automobil Revue

“Multipla” steht für die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des neuen Wagens, der natürlich auf dem Fiat 600 aufsetzte, aber doch recht anders war, was man ihm vor allem von hinten nicht ansah. Denn das Heck orientierte sich an der Form des Fiat 600 und auch der 633cm3 grosse Motor war wie bei jenem hinten zu finden.


Fiat 600 Multipla (1956) - Querschnitt durch den Sechssitzer
Archiv Automobil Revue

Was den Fiat 600 Multipla vielfältig machte, waren zwei oder drei Sitzreihen (je nach Variante), die man umlegen konnte und viel Nutzraum damit schaffte.

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Porsche 911 2.2 T (1971)
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Wie revolutionär war er?

Soviel Variabilität, wie sie der Multipla offerierte, war damals ziemlich einmalig. Auf einer Grundfläche von knapp über fünf Quadratmetern sechs Personen unterzubringen, glänzt fast an Zauberei. Zum Vergleich: Ein moderner Smart beansprucht die Grundfläche von 4,2 Quadratmetern und dies für maximal zwei zu transportierende Personen. Der moderne Mini ist sogar 6,23 Quadratmeter gross und mehr als vier Leute passen trotzdem nicht hinein.


Fiat 600 Multipla (1956) - der Multipla neben seinem Gen-Spender 600
Archiv Automobil Revue

Um auf nur 3,5 Metern Länge drei Sitzreihen anordnen zu können, mussten Fahrer und Beifahrer weit nach vorne rücken. Sie sassen auf der Vorderachse, die Lenksäule wurde geknickt, et voilà ein Frontlenker im Kleinstformat.

Und um bei knapp über 700 kg Leergewicht - dank der selbsttragenden Bauweise - weitere 400 kg zuladen zu können, waren anspruchsvolle Aufhängungskonstruktionen vorne und hinten nötig. An der Vorderachse übernahm man eine Variante vom Fiat 1100, hinten setzte man auf hinten Einzelradaufhängung mit schrägen Dreieckquerlenkern. Mit Schraubenfedern rundum kombiniert mit Teleskopstossdämpfern setzte man sich klar von allfälligen Nutzfahrzeugkonkurrenten ab.

Wie stark erinnerte er an die Nutzfahrzeuge der Zeit?


Fiat 600 Multipla (1957) - die Frontlenker-Bauweise ist auch beim fertigen Wagen sofort sichtbar
Archiv Automobil Revue

Wer nun aufgrund der Form und der Bauweise als Frontlenker den Multipla in der Nutzfahrzeugecke positionierte, sah sich spätestens nach einem Augenschein eines besseren belehrt. Der Multipla war qualitativ hochstehend gebaut und wies viele Eigenschaften auf, die man auch bei manch teureren Limousine vermisste. So war das Heizungs- und Belüftungssystem über alle Zweifel erhaben, jede Türe war verriegelbar und sogar der Motorraum war beleuchtet.

Wie er sich wohl fährt?

Die Autojournalisten der Fünfzigerjahre nahmen das neue Fiat-600-Derivat begeistert auf. Dipl. Ing. W. Buck hetzte den Kleinen für die Zeitschrift “Auto Motor und Sport” im Jahr 1956 über deutsche Autobahnen und Landstrassen.

"Natürlich hat man durch das Fehlen der Motorhaube und den unmittelbaren Blick auf die Strasse sowie durch den relativ hohen Sitz stets das Bewußtsein, nicht in einem Personenwagen, sondern in einem Kleinstransporter zu fahren. Man sitzt jedoch als Fahrer bequemer, als es die beängstigend dünne Polsterung der Fahrerbank vermuten ließe. Aber die tadellose Federung des Wagens läßt die Sitzbank als solche offenbar erträglich werden. Auch die Lenkungseigenschaften erinnern an den Kleintransporter, da die Vorderräder direkt unter der Sitzfläche einschwenken. Es ist dies aber keineswegs unangenehm und bedarf nur kurzer Umstellung", schrieb der Buck. Er beschleunigte den Fiat in 44 Sekunden auf Tempo 80 km/h und lockte eine Höchstgeschwindigkeit von 95 km/h aus dem Wagen heraus.

Wie ökonomisch war er?

Als Durchschnittsverbrauch wurden im deutschen Test 7,7 Liter pro 100 km ermittelt. Mit DM 4990 stand in Deutschland die Sechssitzer-Variante, für 100 DM weniger die Version mit zwei Sitzreihen auf der Preisliste. In beiden Fällen waren für die Heizung allerdings zusätzliche DM 180 hinzulegen.

In der Schweiz kostete der 6-Personen-Multipla 6300 Franken oder 100 Franken weniger als 4/5-Plätzer und die Tester der Automobil Revue fühlten ihm über 4640 km (im Winter) auf den Puls. Im Schnitt verbrauchte der “Schweizer” Multipla 7,5 Liter pro 100 km. 

Auch die AR-Tester kamen zu einem überaus positiven Fazit:
“Der Multipla bildet als Kleinfahrzeug mit einer Ladekapazität, die sechs Personen entspricht, heute noch eine Ausnahmeerscheinung in der billigsten Wagenkategorie. Da er als Transportmittel benützt werden soll, treten alle jene Eigenschaften, wie brillante Beschleunigung, hohe Spitzengeschwindigkeit, Anklänge an luxuriöse Innengestaltung hier auch für den Besitzer in den Hintergrund. Die Vereinigung des Komforts eines Personenwagens und der Strapazierfähigkeit des Kastenwagens einerseits und die selbst bei nicht voll ausgenützter Kapazität immer noch geringe Budgetbelastung anderseits, machen den Multipla auch für Personen interessant, deren Transportbedürfnisse nicht genau umschrieben werden können, die aber in der Kleinwagenkategorie bleiben möchten ... Das Ergebnis der langen und strengen Prüfung liess erkennen, dass der Multipla sich auch auf die Dauer bewähren wird.”

Wie erfolgreich war er im Markt?

Gekauft wurde der Fiat 600 Multipla nicht nur von Handwerkern, sondern auch von Taxifahrern und Freizeitsportlern.


Fiat 600 Multipla Taxi (1956) - dank viel Platz perfekt als Taxi geeignet
Copyright / Fotograf: Fiat

Trotzdem blieb der Wagen mit  zwischen 1956 und 1965 129’994 produzierten Exemplaren ein Nischenprodukt, daran konnte auch die erstarkte Ausführung 600 D Multipla nichts ändern, die 1960 eingeführt wurde und deren wassergekühlter Vierzylinder nun dank etwas mehr Hubraum statt der 19/20 Pferdestärken 25/23 PS leistete.

Für Leistungshungrige gab es allerdings Abarth-Tuningsätze, die dem Kleinbus mit 38 PS tüchtig die Sporen gaben und ihn auf über 120 km/h beschleunigen konnten.

Nicht zuletzt der Preis und die ungewohnte Form standen dem Multipla für den ganz grossen Erfolg im Weg.

Und wie begehrt ist er heute?

Viele haben, dem Wagencharakter als Nutztier entsprechend, wohl nicht überlebt. Darum werden sie vielleicht heute ganz besonders geliebt. RM Auction verkaufte 2013 einen gelben Multipla mit drei Sitzreihen aus dem Jahr 1960 in den USA für sage und schreibe USD 66250, was 49’594 Euro oder 60’835 Franken entspricht. Nur wenige Klassiker erreichen heute das Zehnfache ihres damaligen Neupreises.


Fiat 600 Multipla (1960) - das Heck entspricht weitgehend dem Fiat 600 - durch RM Auction anlässlich der Bruce Weiner Versteigerung im Jahr 2013 für USD 66'125 verkauft
Copyright / Fotograf: Darin Schnabel - Courtesy RM Auctions

Und, würde der Pariser Multipla hier mithalten können? Die Gebote am 5. Februar 2014 begannen bei Euro 5000 und es ging schnell in Richtung 15’000, 17’500, 20’000 und 25’000. Zwei Telefonbieter wollten den Wagen offensichtlich sehr gerne kaufen, aber am standhaftesten blieb ein Bieter vor Ort. Bei Euro 30’000 senkte sich der Hammer, 12% kamen noch als Kommission dazu.


Fiat 600 Multipla (1957) - als Lot 53 an der RM Auction von Paris am 5. Februar 2014
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Mit Euro 33’600 oder CHF 41’330 war der 4/5-Sitzer von Paris also etwas günstiger als sein amerikanischer Bruder, aber die beiden eingangs erwähnten Rennwagen im Scheinwerferlicht schlug er allemal. Diese wurden nämlich nicht verkauft und gingen zurück an ihre Besitzer. Der vielseitige und knuffige Microvan Fiat Multipla mit dem kleinen Motörchen aber ging an einen neuen Besitzer, der ihn hoffentlich heiss lieben wird. 


Fiat 600 D Multipla (1962) - noch mehr Platz gab es im Multipla
Archiv Automobil Revue

1999 kam der Name und auch die Grundiee übrigends zurück, es gab wieder einen Fiat Multipla und wiederum hatte er sechs Sitze, allerdings in zwei Reihen. Ob er optisch so hübsch wie sein Vorgänger war, darf bezweifelt werden, auffällig aber war er auf jeden Fall und er wurde bis 2010 gebaut.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von f2******
07.03.2018 (22:39)
Antworten
erinnere mich sehr gut an die Taxi in Mailand. das Auto war genial.
von jure
27.02.2018 (08:11)
Antworten
War wirklich der 600 der Nachfolger des Topolino und nicht der Nuova 500?
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