Es ist nun schon neun Jahre her, dass die berühmte "Baillon-Sammlung" durch die Presse ging. Dieser "Jahrhundert-Scheunenfund" enthielt hochkarätige Automobile, wenngleich man die meisten davon wohl eher mit dem Begriff "Edelschrott" assoziierte. Wer das Glück hatte, die im Rahmen der Artcurial-Versteigerung an der Rétromobile 2015 gezeigten Exponate zu erleben, wird sich daran sicher noch erinnern. Zweifellos lag dies an der Präsentation der Objekte, deren Atmosphäre sich treffend mit "schaurig-schön" charakterisieren lässt. Doch im schummrigen Licht konnte man damals aber auch Besucher entdecken, die sich die Exponate im Detail akribisch ansahen – vermutlich weil sie schon ganz konkrete Vorstellungen über deren spätere Verwendung hatten.
Bei der Versteigerung im Februar 2015 wurden dann alle 59 Lose zu Höchstpreisen verkauft. Vielleicht erinnert man sich noch an den Ferrari 250 GT SWB California Spider von 1961 aus prominentem Vorbesitz, der zum Hammerpreis von 14,2 Millionen Euro einen neuen Besitzer fand. Oder es fällt einem spontan der eher desolate, durch einen Unfall brutal verkürzte Talbot Lago T 26 Coupé von Saoutchik ein, welcher einem Bieter noch stattliche 1'450'000 Euro wert war. So mancher Leser wird sich schon gefragt haben, was aus den "Baillon-Autos" seither geworden sein mag...
Serien- und Sonderkarosserien
Im Folgenden soll nun von einem Auto aus dieser Sammlung die Rede sein, nämlich dem damals als Los 40 angebotenen Bugatti Type 57 Ventoux von 1937 mit der Fahrgestellnummer 57579. Dessen Geschichte ist etwas abenteuerlich. Sie wird uns über mehrere Länder und letztlich sogar auf die andere Seite der Erdkugel führen. Doch zunächst etwas Allgemeines zum Bugatti T 57 Ventoux.
Die Fahrzeuge der Baureihe 57 entstanden in den Jahren 1934 bis 1940 unter der Verantwortung des hochbegabten Jean Bugatti, der 1939 bei einer Probefahrt tödlich verunglückte. Bei der Ausführung "Ventoux" handelt es sich um ein viersitziges Coupé mit zwei Türen, einem der vier ab Werk erhältlichen Grundkarosserie-Entwürfe. Neben dem "Ventoux" gab es die Ausführungen "Stelvio" (Cabriolet, 4 Sitze, 2 Türen), "Atalante" (Coupé, 2 Sitze, 2 Türen) und "Galibier" (Limousine, 4 Sitze, 4 Türen). Die Karosserien für den Typ 57 wurden überwiegend bei Bugatti in Molsheim, häufig aber auch bei der Karosseriebaufirma Gangloff in Colmar gefertigt. Überdies gab es – wie damals üblich – noch mehr als 20 weitere Karosseriebaufirmen, welche die Fahrgestelle des T 57 mit Sonderkarosserien versahen. Im Oktober 1936 konnte man für 82'000 Francs einen Ventoux beim Bugattiwerk bestellen. Ein Jahr später waren bereits 103'500 Francs fällig.
Nach den eingehenden Recherchen des belgischen Bugatti-Experten Pierre Yves Laugier verließ unser Protagonist mit der Fahrgestell-Nummer 57579 und dem Motor Nr. 417 im September 1937 als "rolling chassis" das Werk, um sodann bei Gangloff "eingekleidet" zu werden. Aber nicht etwa als Coupé "Ventoux", sondern als viertürige stromlinienförmige Limousine. Diese Karosserie ähnelte der viertürigen "Galibier"-Karosserie, aber auch ein wenig dem ebenfalls von Gangloff gefertigten Typ 57 Berline Nr. 57728 aus der früheren "Schlumpf Reserve Collection", welcher heute – zwischenzeitlich restauriert – im Museum Autovision beheimatet ist. Die interessante Geschichte dieses ebenfalls weit gereisten Fahrzeugs soll hier aber nicht vertieft werden.
Von Frankreich nach Australien
Jedenfalls gelangte Laugier zufolge die mit einer Gangloff-Karosserie versehene Limousine (oder landessprachlich korrekt: Berline) Nr. 57579 zu einem Händler in Troyes, der sie an einen Herrn Jean Lanez verkaufte. Dieser war während des Krieges ein Mitglied der Résistance, wurde verhaftet und starb 1945 an den Folgen einer schweren Misshandlung im KZ Flossenbürg. Nach einigen Besitzerwechseln in der Nachkriegszeit gelangte der Wagen 1964 letztlich zu besagtem Roger Baillon.
Allerdings war Nr. 57579 zwischenzeitlich – vermutlich auf dem damals als "Bugattifriedhof" bezeichneten Autoplatz des Henri Novo, heute in dritter Generation als "Garage Novo" geführt – mit einer "Ventoux"-Karosserie versehen worden. Diese stammte wohl von einem Bugatti mit der Fahrgestellnummer der Nr. 57659, der dort ebenfalls lagerte. Über den Verbleib der ursprünglichen stromlinienförmigen Limousinenkarosserie von Gangloff ist leider nichts bekannt. Im Jahre 1996 starb Roger Baillon, woraufhin seine Autos viele Jahre auf dessen Grundstück standen, bis sie in der eingangs erwähnten, von seinen Erben initiierten Artcurial-Versteigerung einer großen Öffentlichkeit bekannt wurden.
Darauf wurde auch Tom Andrews aufmerksam, ein Liebhaber klassischer Automobile, der in Hamilton auf der Nordinsel Neuseelands ein Automuseum nebst angeschlossener Restaurierungswerkstatt betreibt. Dieser bat einen Freund in England, sich den Bugatti in Paris näher anzuschauen und beauftragte ihn, den T 57 zu ersteigern. Und so erteilte Auktionator Hervé Poulain am 6. Februar 2015 zu einem Hammerpreis von 250'000 Euro (plus Aufgeld und Steuern) den Zuschlag für den Wagen, dessen Preis zwischen 120'000 und 160.000 Euro geschätzt worden war. Dies bedeutete nun aber, dass der Bugatti, der sein ganzes bisheriges Fahrzeugleben in Frankreich verbracht hatte, sein neues Zuhause auf der anderen Seite des Globus, in Neuseeland, finden sollte. Dort traf er im Mai 2015 dann auch ein und wurde mit einer Feier im Classics Museum in Hamilton gebührend begrüßt.
Ungeeignete Restaurierungsbasis
Nun könnte die Geschichte hier enden. Doch bekanntlich kommt es meist anders als man denkt. Tom Andrews hatte nämlich ursprünglich geplant, zwar auch die "Ventoux"-Karosserie zu restaurieren, primär ging es ihm aber um das Fahrgestell mit der Nummer 57579. Dieses wollte er nämlich für einen Nachbau des legendären Bugatti T 57 SC Atlantic verwenden. Zu diesem epochalen Meisterwerk Jean Bugattis, den Repliken/Rekreationen des Atlantic sowie zu dessen Vorläufer Aérolithe war hier bereits vor einiger Zeit die Rede.
Nur so viel zum Verständnis: der Atlantic basiert auf einer neuen Baureihe des Typs 57, der Serie "S". Das "S" steht für "surbaissé", was auf deutsch so viel wie "tiefergelegt" bedeutet. Die Fahrgestelle des Atlantic sind somit tiefer und auch kürzer als die anderen des Typs 57. Wie man sich das vorzustellen hat, verdeutlicht das Titelfoto dieses Artikels: dort ist links ein Bugatti T 57 Ventoux neben dem T 57 S Atlantic Nr. 57453 zu sehen. Letzter ist verschollen, wurde üblicherweise "La voiture noire" ("Das schwarze Auto") genannt und von Jean Bugatti selbst gefahren. Um dieses Auto ranken sich einige Legenden. Jedenfalls war klar, dass in Ermangelung eines "S"-Fahrgestells der ursprüngliche Plan von Tom Andrews nicht zu realisieren war.
Doch unsere Geschichte soll ja noch nicht hier enden. Vielmehr entschied sich Tom zu einer "automobilen Zellteilung" und machte aus einem Projekt eben zwei: die Restaurierung des Ventoux und zusätzlich noch den Bau einer Nachbildung des T 57 SC Atlantic. Wenden wir uns daher auch diesem Unterfangen zu. Logischerweise war dazu nun zunächst ein passendes "S"-Fahrgestell erforderlich. Mit der Erlaubnis und Hilfe des in England ansässigen "Bugatti Trust" konnte ein solches angefertigt werden.
Danach war der Aufbau an der Reihe. Für das notwendige, aus Eschenholz zu fertigende Gerüst für die "Atlantic"-Karosserie konnte der renommierte Spezialist Udolahr von Jörges aus Achern in Baden-Württemberg gewonnen werden. Dieser besitzt profunde Kenntnisse gerade auch des Atlantic und sorgte dafür, dass die spätere Alubeplankung des Eschenholzgerüsts exakt eingepasst werden konnte. Das perfekte Ergebnis bedarf keines weiteren Kommentars.
Aluminium auf Holz
In der Zwischenzeit war es Museumschef Andrews auch gelungen, einen Experten für die Karosseriebeplankung seines Alantic-Nachbaus zu gewinnen. Der Auftrag ging an Simon Tippins, der eine Werkstatt in Neuseeland betreibt und der mit seinen besonderen Kenntnissen und speziellen Maschinen in der Lage war, die aus Aluminium bestehende "Außenhaut" für das Fahrzeug herzustellen. Tippins war gerade dabei, einen Tankwagen von Texaco aus dem Jahre 1938 wiederherzustellen. Die handwerklich sehr anspruchsvolle Bearbeitung des Materials Aluminium war also eine zusätzliche, besondere Herausforderung, die es zu meistern galt.
Auf Anfrage teilte uns Tom Andrews mit, dass er für seine Atlantic-Replik bereits einen Originalmotor sowie ein Originalgetriebe aufgetrieben hat. Beide neuseeländischen Bugatti-Projekte werden sollen im Laufe des Jahres komplettiert sein und lackiert werden. Der Nachbau des Atlantic wird schwarz lackiert werden, als Hommage und in Anlehnung an den bereits oben erwähnten Bugatti T 57 S von Jean Bugatti. Man darf also auf das Ergebnis beider Projekte gespannt sein. Vielleicht sieht das Resultat dann so ähnlich aus wie auf unserem Foto mit einem T 57 Ventoux und dem Atlantic von Jean Bugatti...














































































































Kommentare