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Zu Besuch im erstaunlichen DAF-Automobilmuseum - oder, wie man ein Vorurteil revidiert

Erstellt am 17. August 2018
, Leselänge 6min
Text:
Wolfram Hamann
Fotos:
Wolfram Hamann 
47
Das Museum von aussen - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Das Museum von aussen - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Die Firmengründer Hub und Wim van Doome - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Obere Ebene - Personenwagen aus der Geschichte von DAF - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Rallye-Trucks von DAF - schweres Gerät für die Rallye Paris-Dakar - Besuch DAF-Museum Eindhoven

Am Anfang stand das Vorurteil. DAF? Da gab es doch mal einen ungewöhnlich tönenden Kleinwagen mit Getriebeautomatik? Der rückwärts und vorwärts gleich schnell fahren konnte? In einem Buch findet der Verfasser den typischen Satz: (DAF)…" sorgte mit einer Kraftübertragung für Furore, die sich für Tischbohrmaschinen und Versehrtenfahrzeuge eignete. DAF baute keine Tischbohrmaschinen." Ja, so dachten die jungen Männer von einst, die man heute wohl “automotive natives” nennen würde. Damals war nämlich Sportlichkeit angesagt. Und ein sportlicher Kleinwagen, das war ein "frisierter" Käfer, Mini Cooper oder NSU TT, basta.

Bild DAF 600 (1958) - der Anfang, natürlich mit Variomatic - DAF-Museum Eindhoven
DAF 600 (1958) - der Anfang, natürlich mit Variomatic - DAF-Museum Eindhoven

Ein DAF? Das war was für Omas! Und selbst bei unseren niederländischen Nachbarn kursierten dumme Sprüche über den DAF, wie man hört. Was allerdings stimmt: Rückwärts fährt er so schnell wie vorwärts. Weshalb Rückwärtsrennen ("Achteruitrijden") ausgetragen wurden – gut für das Image war das nicht gerade. Schluss damit, gehen wir vorurteilsfrei an das Thema!

Zurück zu den Anfängen

Dazu begeben wir uns zum DAF Museum nach Eindhoven, nur kaum mehr als eine Stunde von Aachen entfernt. Ursprünglich stand der Name DAF für "Van Doorne´s Aanhangwagenfabriek N.V."(Anhängerfabrik).

Gegründet wurde die Firma 1928 von den Brüdern Wim und Hub van Doorne, mit einem geliehenen Startkapital von 10’000 Gulden. Anfangs residierte die Firma in einer Schmiede, die heute Bestandteil des Museums ist und dem Besucher einen authentischen Eindruck davon vermittelt, wie damals die Anhänger gefertigt wurden.

Während des 2. Weltkriegs baute man Militärgerät und ab 1949 wurden in Eindhoven Lastwagen aus eigener Produktion gefertigt, nachdem zuvor das Wort  "Automobiel" Bestandteil des Firmennamens geworden war.

In den Fünfzigerjahren begann man mit dem Bau von Motoren, zunächst in Lizenz. Und ab 1958 wurden dann auch Personenwagen produziert, die allesamt mit der besagten stufenlosen Automatik, der Variomatic, ausgestattet waren.

Bild DAF 316 (1965) - als Lieferwagen - DAF-Museum Eindhoven
DAF 316 (1965) - als Lieferwagen - DAF-Museum Eindhoven

1975 wurde die PKW-Sparte von Volvo übernommen. Das von DAF bereits entwickelte Modell  77 kam daher als Volvo 343 (das steht für: Reihe 3, 4 Zylinder, 3 Türen) auf den Markt und wurde bis 1991 produziert. 1993 war DAF dann insolvent. Und 1996 wurde die verbliebene LKW-Sparte von der US-Gruppe Paccar übernommen, die schwere Lastwagen produziert.

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Nun aber zum Museum und seinen Exponaten. Was erwartet den Besucher? Vereinfacht gesagt: Viel Unerwartetes und weitgehend Unbekanntes. Beginnen wir den Rundgang auf der unteren, durch Nutzfahrzeuge geprägten Ebene. Schon an der Kasse begrüßt ein skurriles Dreirad den Besucher: Der "fahrende Regenschirm", ein winziger Einsitzer.

Bild DAF (1943) - Einzelstück - der "fahrende Regenschirm" - erster DAF-PKW mit 150-cm3-ILO-Motor - DAF-Museum Eindhoven
DAF (1943) - Einzelstück - der "fahrende Regenschirm" - erster DAF-PKW mit 150-cm3-ILO-Motor - DAF-Museum Eindhoven

Er entstand im Jahre 1943 und blieb ein Einzelstück. Zu sehen ist sodann der erste produzierte Anhänger, noch wahlweise mit einer Deichsel für die Pferde (der armen Bauern) oder mit Befestigung an einen Traktor (der nicht so armen Bauern). Insbesondere LKW- Fans werden auf dieser Ebene auf ihre Kosten kommen, werden doch mehr als 40 Nutzfahrzeuge für zivile Zwecke, Militär und Feuerwehr gezeigt. Beachtlich: Die Rallye-Trucks mit bis zu 1200 PS, die bei der Paris-Dakar- Rallye zum Einsatz kamen.

Bild DAF kini (1966) - königlicher Strandwagen von Michelotti - DAF-Museum Eindhoven
DAF kini (1966) - königlicher Strandwagen von Michelotti - DAF-Museum Eindhoven

Unerwartet: Der Strandwagen "DAF-Kini" der niederländischen Königsfamilie. Leicht zu erraten, steht doch der Schriftzug "Willem Alexander" an der Seite.

Bild DAF Shellette (1968) - Strandwagen von Michelotti für Onassis - DAF-Museum Eindhoven
DAF Shellette (1968) - Strandwagen von Michelotti für Onassis - DAF-Museum Eindhoven

Dieses Gefährt gefiel dem Reeder Onassis so gut, dass er für sich ein ähnliches bauen ließ und auf seiner Jacht mitführte.

Bild Es gibt immer etwas zu arbeiten im Museum - Freiwillige restaurieren einen Bus - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Es gibt immer etwas zu arbeiten im Museum - Freiwillige restaurieren einen Bus - Besuch DAF-Museum Eindhoven

Auf der unteren Ebene gibt es auch eine Werkstatt, in der man zusehen kann, wie alte DAFs restauriert werden. Übrigens durch ehrenamtliche Helfer, wie überhaupt im gesamten Museum Freiwillige tätig sind. Ferner findet man hier Gastronomie ("DAFfetaria"), Automodelle, einen Museumsladen, eine Kinderecke sowie ein Kino.

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Allard K1 (1946)
Allard K1 (1946)
Rolls-Royce Phantom I Piccadilly Roadster (1928)
Rolls-Royce Phantom I Piccadilly Roadster (1928)
Jaguar 420 (1967)
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MG B (1969)
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Vom Daffodil bis zum Formel 1

In der oberen Etage dominieren die Personenwagen. Wer bislang gemeint haben sollte, DAF hätte nur ein PKW-Modell produziert, wird schnell eines besseren belehrt. Es begann alles mit dem DAF 600, der 1958 auf den Markt kam. Dieses Auto sollte günstig in der Haltung und einfach in der Bedienung sein. Das Ziel wurde erreicht: Der Wagen war kompakt, bot Raum für 4 Personen und besaß einen großen Kofferraum. Sein Design war klar und schnörkellos. Aus heutiger Sicht also ein stilistisch gelungener Kleinwagen, wenn man ihn mit seinen damaligen Konkurrenten vergleicht. Eigentlich.

Bild Das Herzstück aller DAF-Personenwagen - die legendäre Variomatic mit den beiden Keilriemen - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Das Herzstück aller DAF-Personenwagen - die legendäre Variomatic mit den beiden Keilriemen - Besuch DAF-Museum Eindhoven

Die Crux war aber, dass der DAF wirklich ganz einfach zu bedienen war, denn es gab ihn ausschließlich mit der Variomatic. Und die passte so gar nicht in die Zeit, jedenfalls in Mitteleuropa. Wie schon eingangs bemerkt, galt so etwas nämlich als unsportlich.

Heute darf man das anders sehen; der Antrieb war genial. Bei der Variomatic wird jedes Hinterrad stufenlos über einen Riemen angetrieben, wodurch z. B. bei glatter Fahrbahn - wie bei einer Differentialsperre -  das Durchdrehen eines Rades verhindert wird. Heute ist diese Art der Automatik bei Großserienherstellern gebräuchlich. Bei den aktuellen sog. CVT- Getrieben wird jedoch anstatt des Keilriemens aus ummanteltem Gewebe eine Lamellenkette aus Stahlgliedern verwendet.

Bild Williams FW 15C (1993) - mit DAF-Variomatic - 369 km/h lief der Monoposto - DAF-Museum Eindhoven
Williams FW 15C (1993) - mit DAF-Variomatic - 369 km/h lief der Monoposto - DAF-Museum Eindhoven

Diese Automatik wurde sogar im ausgestellten Formel 1 - Rennwagen des Typs Williams FW 15 C aus dem Jahre 1992 verbaut. Er beschleunigte von 0 bis 300 km/h in nur 12 Sekunden und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 369 km/h. In einem Grand Prix eingesetzt wurde er aber nie, denn das Reglement wurde aus Angst vor dem kreischenden Monoposto schnell geändert …

Vielfalt

Zurück zu den Alltagsautos: Dem Urmodell DAF 600 folgten bald die Modellreihen 33, 44, 55 und 66.

Bild DAF 55 Coupé (1968) - abgehoben vom Chassis - DAF-Museum Eindhoven
DAF 55 Coupé (1968) - abgehoben vom Chassis - DAF-Museum Eindhoven

Und nun ein Rätsel: Ein kompaktes Coupé, von einem berühmten italienischen Designer gestaltet und erfolgreich in Rallyes erprobt. Woran denkt man da? An DAF vermutlich eher nicht. Aber es stimmt, denn die Eindhovener war bemüht, das "Oma-Image" abzustreifen und beteiligten sich erfolgreich im Motorsport. Und das erwähnte Coupé sieht auch heute noch gut aus. Italienisches Design eben, von Giovanni Michelotti (1921 bis 1980), der für viele namhafte Automobilfirmen – etwa Alfa Romeo, BMW oder Maserati – gearbeitet hat. Von ihm stammt ebenfalls ein Entwurf aus dem Jahr 1965: Ein rassiges Coupé, welches aus Kapazitätsgründen nicht realisiert wurde.

Bild DAF Coupé (1965) - ein Entwurf von Michelotti, der ein Einzelstück blieb - DAF-Museum Eindhoven
DAF Coupé (1965) - ein Entwurf von Michelotti, der ein Einzelstück blieb - DAF-Museum Eindhoven

Michelotti gestaltete auch den Star des Museums: den DAF Siluro (ital.: Torpedo) von 1968. Eine keilförmige Skulptur von einem Auto auf der Basis des DAF 55-Coupés, die aus jedem Blickwinkel anders zu wirken scheint. Leider folgte auch auf diesen Entwurf keine Serie.

Bild DAF Siluro (1968) - Coupé mit scharfen Konturen von Giovanni Michelotti - DAF-Museum Eindhoven
DAF Siluro (1968) - Coupé mit scharfen Konturen von Giovanni Michelotti - DAF-Museum Eindhoven

Dafür baute DAF für die schwedische Post 1000 Exemplare des "Kalmar". Der  rechtsgelenkte Kleinlaster mit Schiebetür ist das Pendant zum bundesrepublikanischen VW "Fridolin".

Bild DAF Kalmar (1965) - die schwedische Post kaufte 1000 Exemplare - DAF-Museum Eindhoven
DAF Kalmar (1965) - die schwedische Post kaufte 1000 Exemplare - DAF-Museum Eindhoven

Im Museum gezeigt werden ferner ein kleines Militärfahrzeug, diverse Kleinlaster und der "Porter", ein schwimmfähiges Spezialfahrzeug. Das Projekt "BATU", ein einfaches Transportfahrzeug für Schwellenländer, scheiterte an der Ölkrise von 1972. Und auch der Entwurf eines Stadtwagens ist zu sehen.

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Lohnender Besuch

Lassen wir es genug sein. Wer sich auf den Weg in das erstaunliche DAF Museum in Eindhoven macht, wird reich belohnt: Man erhält eine Lehrstunde in niederländischer Industriekultur und zahlt dafür mit dem Verlust eines Vorurteils.

Bild Das Museum von aussen - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Das Museum von aussen - Besuch DAF-Museum Eindhoven

Weitere Information (u.a. Eintrittspreise, Öffnungszeigen) gibt es auf der Website des DAF-Museums .

Dieser Artikel erschien am 29. März 2014 in der/den Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten.

Bilder zu diesem Artikel

Bild Das Museum von aussen - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Bild Das Museum von aussen - Besuch DAF-Museum Eindhoven
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Bild Rallye-Trucks von DAF - schweres Gerät für die Rallye Paris-Dakar - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Bild Rallye-Tracks von DAF - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Bild Nutzfahrzeuge auf der unteren Ebene des Museums - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Bild Nutzfahrzeuge auf der unteren Ebene des Museums - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Bild Aus der Produktionsgeschichte von DAF - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Bild Gemütliches Museums-Restaurant - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Bild Es gibt immer etwas zu arbeiten im Museum - Freiwillige restaurieren einen Bus - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Bild Das Herzstück aller DAF-Personenwagen - die legendäre Variomatic mit den beiden Keilriemen - Besuch DAF-Museum Eindhoven
Quelle:
Logo Quelle
von ja******
21.08.2018 (20:58)
Antworten
Zum Thema Vorurteile den Dafs gegenüber:
Ich fahre einen Volvo 66, also den weitergebauten Daf 66 - ein super Auto: Kompakt, übersichtlich, trotzdem geräumig, spurtstark, zuverlässig und sparsam.
Die Jungs vom Dafclub in Geldrop sind freundlich, auch uns "Moffen" gegenüber, hilfsbereit, gut gelaunt und fast alles ist sofort auf Lager. Zu Preisen, die man sich im Alfa oder Porsche-Lager wünschen würde. Dazu zahllose Veranstaltungen, Daf-spezifische Schrauberkurse u.ä. Eigeninitiave und Hilfbereitschaft wir GROSS geschrieben.
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von ak******
21.08.2018 (10:08)
Antworten
...in der Tat ist es ein sehenswertes Museum! der "Fotos wegen" verweise ich auf meinen Artikel in schwer verständlicher Sprache : http://pollak-presse.tatraportal.sk/Expozice,%20Treff,%20Muzea/DAF%20motor%20journal.pdf
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