PS.Speicher - Museum in Einbeck - eine Erlebniswelt der Mobilität

Erstellt am 20. Dezember 2018
, Leselänge 4min
Text:
Wolfram Hamann
Fotos:
Bruno von Rotz 
74

Ein bekanntes online- Lexikon definiert "Speicher" als einen Ort zum Einlagern von materiellen oder immateriellen Objekten und vielleicht denkt die Leserin oder der Leser dabei spontan an Getreide und nicht an Fahrzeuge. Was so falsch gar nicht ist, denn der PS.Speicher in Einbeck ist ein über hundert Jahre alter, denkmalgeschützter ehemaliger Kornspeicher. Zugleich ist er das Herzstück einer hochmodernen Erlebniswelt zum Thema 130 Jahre Mobilität.


Der PS-Speicher mit modernem Anbau - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Schon seit vier Jahren

Das Museum wurde im Jahr 2014 in der heutigen Form der Öffentlichkeit präsentiert und geht auf eine Stiftung des Unternehmers und Sammlers Karl-Heinz Rehkopf zurück. Dieser brachte die weltweit größte Sammlung deutscher Motorräder ein und fügte ihr weitere Fahrzeuge hinzu, u. a. die größte Sammlung von Klein- und Kleinstwagen (ehemals Museum Störy).


Hansa 1100 (1934) - innovativer Personenwagen, gezeigt mit unvollständiger Karosserie und Cabrioletlimousine 1700 - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

So entstand auf 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche (Dauerausstellung) eine einmalige Kollektion, die im Haupthaus - dem früheren Speicher -  untergebracht ist und durch weitere Gebäude ergänzt wird. Hier findet man eine erwähnenswerte Gastronomie nebst einem Tagungshotel ebenso wie einen Rennsimulator.

… und Aussenlager

Neben dem Museum verfügt die Einrichtung PS.Speicher auch noch über Aussenlager und Fahrzeug-Depots, um die vielen Fahrzeuge, die nicht alle im Rahmen der Dauerausstellung und der Sonderschauen gezeigt werden können, aufzubewahren.


Kleinstautos verschiedener Couleur, soweit das Auge reicht - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Eines dieser Depots ist beispielsweise den Kleinstwagen gewidmet und kann an wenigen Tagen im Jahr im Rahmen von besonderen Veranstaltungen besichtigt werden.

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Eindrücklich

Der mächtige Backsteinbau ist schon von weitem sichtbar. Doch in seinem Inneren werden die Fahrzeuge nicht einfach nur aufgereiht. Vielmehr wird anhand von über 350 Exponaten mit geschickter Museumsdidaktik und ansprechender Präsentation die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Mobilität gezeigt.


Zwei-, drei- und vierrädrige Fahrzeuge in der Dauerausstellung - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Begeben wir uns also im PS.Speicher auf eine lehrreiche Zeitreise...

Von der Vergangenheit in die Zukunft

Nachdem sich der Besucher in der großzügigen, hellen Eingangshalle ein wenig umgesehen und dort schon etwas über die Geschichte des Karosseriebaus erfahren hat, geht es erst einmal nach ganz oben in den sechsten Stock. Wir starten in der Vergangenheit und beginnen beim Laufrad, um kurz darauf vor der fahrtüchtigen (!) "Benz Victoria" - Motorkutsche von 1893 zu stehen.


Kutsche oder Motorrwagen? Die Fahrzeuge waren sich ähnlich, halt einfach mit oder ohne Pferde davor, je nachdem, ob man der Technik traute. Die Anbieter lieferten gerne beides - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

In der Folge kann die Fahrzeugentwicklung Schritt für Schritt und Jahrzehnt für Jahrzehnt erlebt und vertieft werden.


Das erste in Serie gebaute Motorrad- eine Hildebrand & Wolfmüller von 1894 - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Dabei wird der technisch Interessierte Erstaunliches entdecken, etwa das erste in Serie gebaute Motorrad aus dem Jahr 1894 (!). Es wurde von der Firma Hildebrand & Wolfmüller gebaut und sein Hinterrad wird - wie bei einer Lokomotive -  durch Pleuelstangen angetrieben.


Im Kommissbrot darf man selber fahren - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Wenig später gesellt sich ein kleiner zweisitziger Hanomag - wegen seiner Form zutreffend auch "Kommissbrot" genannt - zu einer mächtigen Horch Achtzylinder - Limousine Typ 350.

Dunkle und heitere Stunden

Die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wird anhand des "KdF- Wagens", der später als "Käfer" in die Automobilgeschichte eingehen sollte, dargestellt und mit dem Satz "Geplant für das Volk- Genutzt für den Krieg" treffend charakterisiert.


Aufwändiges Exponat, das den Käfer in der Militär- und Strassenausführung zeigt - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Zwei entsprechend unterschiedlich gestaltete Hälften des Autos visualisieren dies recht einprägsam.


Aufwändiges Exponat, das den Käfer in der Militär- und Strassenausführung zeigt - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Wenig später wird der Schrecken des Krieges und seiner Zerstörungen erlebbar.


Der Schrecken des zweiten Weltkriegs - eindrücklich dargestellt - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Für die Nachkriegszeit steht zunächst symptomatisch ein Auto mit Holzvergaser, denn die Rohstoffknappheit zwang zu Alternativen.


Citroën TA 15 (1938) - umgerüstet auf Holzgasverbrennung - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Weiter geht es mit den typischen Kleinstmobilen dieser Ära. Bis man am Schluss wieder zuunterst ist und voller neuer Eindrücke.

Aktiv und multimedial

Hervorzuheben ist das durchgängig überzeugende museale Konzept, welches es ermöglicht, die jeweiligen gesellschaftlichen und geschichtlichen Aspekte auch interaktiv zu vertiefen. Überhaupt lädt der PS.Speicher an rund 90 "Aktivstationen" zum Mitmachen ein, womit keineswegs nur die "Selfie-Stationen" gemeint sind.


Eindrückliche Illustration von Fahrzeugzuständen - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

So unterzog sich der Verfasser dieser Zeilen freiwillig einer theoretischen Führerscheinprüfung von 1935, konnte jedoch leider zwei von zehn Fragen nicht richtig beantworten…


Vor der Milchbar parken die Kabinenroller der Zeit - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Auch die Dekoration ist beeindruckend. So sei insbesondere der liebevolle Nachbau einer Milchbar aus den Fünfzigerjahren erwähnt. Hier darf man sogar kostenlos seinen Lieblingssong von einer Musikbox der Kultmarke Wurlitzer abspielen lassen! Eindrücklich ist auch die Schaufensterwand mit Gebrauchsgegenständen und Möbeln aus den Sechzigerjahren.

Auch elektrisch

Die Zeitreise endet in der Zukunft und mit der Präsentation der Elektromobilität und alternativer Antriebskonzepte wie der Brennstoffzelle.


Zeitreise in die Zukunft - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Selbst wenn man das Museum - entsprechend seiner Entstehungsgeschichte - mitunter ein wenig "zweiradlastig" empfinden sollte, ein Besuch des PS.Speichers ist uneingeschränkt zu empfehlen - und zwar für Technikfreaks ebenso wie für einen Familienausflug.


Roller-Karussell mit Glas Goggo 200, Maico Mobil 200, NSU Lambretta, Adler Junior MR 100, Röhr Rolletta und Faka Commodore - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Ganz zum Schluss sollte man sich etwas Zeit für den bestens sortierten Museumsshop nehmen.


Glas 1700 GT (1966) - 100 PS stark und mit eleganter Coupé-Karosserie aus der Feder von Pietro Frua - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Interessante Sonderschauen und Anlässe

Immer wieder organisierten die Museumsmacher im Speicher auch Sonderausstellungen, z.B. zum Thema Motorsport oder Elektromobilität. Zudem treffen sich in Einbeck auch viele Clubs.


Awtowelo Typ 650 (Sokol) (1949) - mit 12-Zylinder-Viertaktmotor, gebaut in Chemnitz mit Blick auf die Auto Union Rennwagen der Vorkriegszeit - Museum PS.Speicher
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Und an besonderen Tagen kann man auch die ausgelagerten Autos in den Depots anschauen gehen. Prädikat empfehlenswert.

Keine Bieridee

Wer also bislang die Stadt Einbeck nur mit Bier in Verbindung gebracht haben sollte, wird durch dieses hervorragende Museum eines Besseren belehrt. Und wer nach alledem auch noch etwas über den ursprünglichen Verwendungszweck des Speichers erfahren will: Kein Problem, auch dessen Funktionsweise wird eingehend demonstriert.

Weitere Informationen zum PS.Speicher bietet die Website des Museums .

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von k7******
25.12.2018 (19:57)
Antworten
Das Museum ist immer einen Besuch wert. Aber es gibt in Einbeck ja auch das PS DEPOT mit seiner großartigen Sammlung historischer Nutzfahrzeuge (mehr als 120 Fahrzeuge!). Wann folgt denn der Bericht darüber? Einen kleinen Einblick gibt es hier: https://www.fotocommunity.de/user_photos/1189504?sort=new&folder_id=898993 und hier: https://www.fotocommunity.de/user_photos/1189504?sort=new&folder_id=932363
von Ru******
25.12.2018 (09:34)
Antworten
"Kleinstwagen verschiedener Couleur", das darf aber nicht bedeuten, daß eine Beliebigkeit stattfindet, die dann das Thema verfehlen läßt. Was soll denn eine 70er Jahre Citroen Dyane, die bald doppelt so groß ist wie alle anderen und auch eine ganz andere Zeit darstellt, darin verloren haben? Mit ihren 32 PS ist sie obendrein schneller als jeder 34 PS Käfer!
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