Sollte man in den USA ein Museum besuchen, nur um sich europäische Autos anzusehen? Ja, unbedingt! Zumindest wenn es das "Lane Motor Museum" in Nashville, Tennessee ist. Zumal man dort nicht nur Autos aus Europa, sondern überdies noch weltweit einmalige und automobilhistorisch bedeutsame Fahrzeuge zu Gesicht bekommt. Doch eins nach dem anderen.
Vor etwa 20 Jahren öffnete das Lane Motor Museum in Nashville seine Pforten. Es wird als Non-Profit-Organisation betrieben; namensgebender Direktor ist Jeff Lane. Dieser hatte schon als autobegeisterter Teenager einen MG TF von 1955 restauriert und mit dem Sammeln von Autos begonnen. Seine Privatsammlung bildete dann den Grundstock für das Museum, dessen Bestand aktuell rund 550 Autos umfasst. Es ist in einer ehemaligen Backwarenfabrik untergebracht. Durch die hohe Decke fällt das Tageslicht in die Ausstellungshalle, deren Boden aus Ahornholz und Ziegelsteinen besteht. Auf der Hauptausstellungsfläche von etwas mehr als 3700 Quadratmetern sind permanent rund 150 Autos zu besichtigen. Weitere 400 befinden sich im Museumsfundus; die meisten davon im Keller des Gebäudes.
Die Exponate sollen im fahrbereiten Zustand erhalten werden; einige Autos sind in "showroom condition", andere zeigen deutliche Spuren ihres Alters. Ziel des Museums ist, die Geschichte der Mobilität für zukünftige Generationen zu dokumentieren und bewahren. Zu diesem Zweck ist Jeff Lane stets auf der Suche nach technisch bedeutsamen oder einzigartigen Objekten. Die Exponate werden in englischer Sprache erklärt; die wenigen Repliken sind als solche ausgewiesen. Ein Schwerpunkt der Sammlung liegt bei europäischen Fahrzeugen. Die Kollektion umfasst ferner viele, oft skurrile Kleinstwagen ("microcars"). Ansonsten werden hier äusserst seltene, manchmal sogar einmalige Autos gezeigt.
Klein, leicht und italienisch – die Sonderausstellungen
Genug der Vorrede. Starten wir zu einem Rundgang, wobei Fluggeräte und Zweiräder ausser Ansatz bleiben. Auf dem Areal sind neben dem Präsenzbestand ständig wechselnde kleinere Sonderausstellungen zu sehen. Zum Zeitpunkt des Besuches waren das sechs an der Zahl. Vermutlich für die an andere Dimensionen gewöhnten amerikanischen Besucher kurios, für unseren Leserkreis aber weniger ungewöhnlich ist die Sonderschau "Fantastic Fiat 500", die hier nur kurz erwähnt werden soll. Beginnend bei diversen "Topolini" wird über diverse Modifikationen und Derivate des Nuova Cinquecento (Abarth, Autobianchi) über den Ferves Ranger 4 x 4 bis zum Fiat 126 eine begrifflich doch recht weit gefasste Auswahl gezeigt.
Eher unerwartet in Amerika ist eine weitere Sondershow, die "Light.Fast.Fun." heisst und sich den Leichtbauten der britischen Marke Lotus widmet. Das Spektrum der ausgestellten Sportwagen reicht vom Super 7 über die Modelle Elise, Elite, Europa bis zum Evora S des Jahres 2013.
Immer wieder bemerkenswert sind die Fahrzeuge von Tatra. Das Lane-Museum zeigt neben den fast schon obligatorischen, aerodynamisch geprägten grossen Stromlinien-Limousinen mit Heckfinne auch Vorkriegsmodelle der tschechoslowakischen Marke, so etwa die Replik eines T12, der 1925 bei der Targa Florio eingesetzt wurde. Über die luftgekühlten Frontmotormodelle T-57 (1935) und T-57 B (1938) und den grossen Heckmotorwagen T-603 reicht die Palette bis hin zu den modernen Typen, endend beim eher glücklosen Tatra T-700 von 1996, dem letzten PKW von Tatra.
Direkt daneben begrüssen japanische "Kei-Cars" unter dem lautmalerischen Titel "Oh Kei! Japan's Micro Movers" die Besucher. Es ist verdienstvoll, auch mal eine Präsentation dieser japanischen Kleinstwagenspezialitäten zu sehen. Der Fokus der kleinen, aber instruktiven Ausstellung von Autos der Baujahre 1970 bis 2015 liegt auf den Marken Honda und Subaru. Es wird verdeutlicht, wie vielfältig diese Fahrzeugklasse doch ist. Da gibt es Kombis und Pritschenwagen ebenso wie Roadster und Limousinen. Auffallend ist der Autozam AZ-1, ein kleines Coupé mit Flügeltüren.
Macht hoch die Tür – oder runter, oder vor, oder zurück
Zweifellos originell ist auch die Idee, sich speziell einmal mit den Einstiegsmöglichkeiten von Autos zu beschäftigen. Das Lane-Museum machte dies mit der Sonderausstellung "open und shut". Klar, die "Kühlschranktür" nach Art der Isetta (hier demonstriert anhand des Kabinenrollers von Trojan, einem Heinkel-Lizenzbau) kennen wir hierzulande – selbst als doppelte Version beim Zündapp Janus – wie auch seitlich zu öffnende "Käseglocke" des Messerschmitt-Kabinenrollers. Beim winzigen Peel Trident hingegen klappt die Käseglocke nach vorne weg, und die Flügeltüren hatten wir gerade schon bei den Kei Cars. Doch vertikale Schiebetüren (Surlesmobile von 1945) oder eine nach oben zurückklappende Fronttür wie beim elektrischen Dreirad TVE Citadine aus Frankreich hat man wohl kaum gesehen.
Überhaupt scheint Frankreich beim Thema Einstieg ungemein kreativ gewesen zu sein. Davon zeugen die sich parallel öffnenden Schiebtüren des Hobbycar Passport ebenso wie der Renault Avantime mit seinen "Dogleg"-Scharnieren – ausgestattet mit einem besonderen Mechanismus, der das Öffnen der ungewöhnlich langen Portale auch in engen Parklücken gestattet. Natürlich fehlen auch Scherentüren nicht, hier zu sehen beim Norster 600 R, einem offenen Kleinwagen mit deutlichen stilistischen Anleihen an den Froschaugen-Sprite und mit Zulassung als Quad in Europa. Insgesamt ist es schon erstaunlich, wie viele Arten es doch gibt, ein Auto zu entern.
Mit dem Betreten der Sonderschau "One of One: Custom-made Curiosities" begeben wir uns nun endgültig in das Gebiet der bislang ungeahnten Absonderlichkeiten und Raritäten. Während der Prototyp eines Citroën Méhari 4x4 , der Hewson Rocket von 1946 oder auch der Gregory Roadster von 1954 noch den üblichen Sehgewohnheiten entsprechende Unikate sind, sieht das beim Grataloup (1955) oder dem Lidove Vozitko schon anders aus. Auch beim Antriebskonzept der Einzelstücke werden die Möglichkeiten voll ausgeschöpft: Die Bandbreite reicht vom Pedalantrieb bis hin zum Propeller. Gleich mit einem Dreigestirn ist die Firma Martin Aeroplane Factory vertreten: nämlich mit dem Stromlinienauto Aerodynamic Car (1928), der dreirädrigen Martinette mit Fronttür (1932) und dem ebenfalls dreirädrigen, "Woody" Stationette (1950). Zu jedem dieser Gefährte gäbe einiges zu berichten, sie alle eint, dass es keines davon in die Serienproduktion schaffte.
Das vielleicht spektakulärste Auto des Museums dürfte allerdings der Gyro-X von 1967 sein. Hinter dieser Bezeichnung verbirgt sich ein kreiselstabilisiertes Zweirad, dessen drastisch reduzierte Breite sich nach Meinung des Erbauers entspannend auf die Verkehrsdichte auswirken sollte. Doch auch dieser "Brummkreisel" schaffte es nie über das Prototypenstadium hinaus. Unseren Lesern ist das Gefährt vermutlich durch seinen Auftritt beim Concorso d'Eleganza Villa d'Este 2019 bekannt.
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Die Dauerausstellung – ein Seltsammelsurium
Soviel zu den Sonderausstellungen des Lane Motor Museums. Widmen wir uns nun dem Präsenzbestand, wobei angesichts dessen Vielfalt nicht auf alle Fahrzeuge eingegangen werden kann. Beginnen wir mit der Konfrontation des ältesten Autos der Kollektion (Renault Typ AG von 1909) mit dem jüngsten Exponat, einem Volkswagen XL 1 von 2015. Apropos Jüngste: In der Halle gibt es für ganz junge Besucher Spielmöglichkeiten. Die etwas Älteren können in einem eigens dafür bereitgestellten Citroën 2 CV ihre unvermeidlichen Selfies machen. Natürlich fehlt auch der eingangs erwähnte MG TF, der die Sammelleidenschaft des Museumschefs entfachte, nicht. Den Kontrapunkt dazu setzt ein MG Metro 6R4 von 1985.
Ein besonderes Stück ist auch der Davis Divan "Baby" von 1947, ein Coupé mit zwei Türen, drei Rädern und vier Sitzplätzen. Das Fahrzeug wurde einst zweimal umlackiert, um den Eindruck einer Serienproduktion zu suggerieren. Doch der als charismatisch beschriebene Firmenchef bekam alsbald wegen finanzieller Unregelmässigkeiten Ärger mit der Staatsanwaltschaft und wurde schliesslich zu einer Haftstrafe verurteilt. Schon nach 13 Exemplaren des Divan war daher Schluss. Auffallend ist auch der McQuay-Norris Streamliner (1934), von dem nur sechs Exemplare entstanden. Die ovale Karosserie aus Aluminium spannt sich über einem Holzrahmen; die gebogene Frontscheibe ist aus Plexiglas. Einigermassen sprachlos lässt der Prototyp "Fascination" (1969) den Betrachter zurück, ein ursprünglich als Flugzeug angedachtes, letztlich jedoch irdisch realisiertes Vehikel mit einem Motor vom Volkswagen Typ 3.
Kommen wir nun zu der Abteilung mit französischen Automobilen. Hier gibt es neben dem Propellerfahrzeug Helicron von 1932 eine Reihe von Klein- und Kleinstmobilen wie den Inter 175 A, den Seab Flipper I, die Acoma Super Comtesse oder den Ligier JS4 zu sehen. Auch der spanische Lizenzbau Autonacional Biscuter 100 gehört eigentlich hierher, wurde er doch von Gabriel Voisin als Biscooter in Frankreich auf den Markt gebracht. Zweifellos originell ist ein stark eingekürzter Mini Moke, der als Schmitty A2 verkauft wurde. Bemerkenswert sind auch der René Bonnet CRB 1 von 1964, ein Vorläufer des Djet, sowie der Prototyp des zehn Jahre zuvor entstandenen Cabriolets Simca Aronde Week-end. An schlechte Zeiten erinnert ein mit Holzvergaser bestückter Citroën 11 CV von 1938.
Ebenfalls aus der Vergangenheit stammt der an einem VW-Käfer montierte "Thermador Car Cooler", ein Verdunstungskühler und Vorgänger der Klimaanlagen, was zu den deutschen Fabrikaten überleitet. Hier seien der Adler Trumpf Junior und der stromlinienförmige Hanomag 1,3 Liter für die Vorkriegswagen erwähnt. Für die Nachkriegszeit seien der BAG Spatz und das australische Goggomobil-Derivat namens Dart herausgegriffen. Besondere Beachtung verdient auch der Weidner Condor (1958). Dieses von Hans Trippel konstruierte Auto weist gewisse stilistische Parallelen mit seinerzeitigen Porschemodellen auf, wird aber von einem Zweitakt-Motor mit 667 ccm Zylinderinhalt angetrieben. Weltweit sollen nur noch zwei Exemplare des Condor existieren. Entsprechend der Zielsetzung, dem amerikanischen Publikum europäische Autos zu zeigen, fehlen im Lane Motor Museum auch die Marken DAF, Saab und Volvo nicht.
Geheimnisse aus dem Keller
Noch bevor der Berichterstatter beim formschönen Fiat 1100 Balilla 508 C Cabriolet (1939) hängen bleiben kann, nähert sich Rebecca Evans, die Marketingdirektorin des Lane-Museums. Sie erfüllt den Wunsch des Autors, einmal ausser der Reihe einen Blick in den Museumskeller werfen zu dürfen. Dieser wird nämlich nur an Wochenenden und für angemeldete Gruppen geöffnet. Leider steht hierfür aber nicht allzu viel Zeit zur Verfügung. Im Keller stehen eng gedrängt und sogar in Regalen gestapelt Autos, die auf ihren Auftritt im Ausstellungsbereich zu warten scheinen. Stellvertretend für Frankreich seien der George Irat 11 CV, der Mochet CM-125Y, ein Citroën GS Birotor und ein Citroën Bijou erwähnt. Der mächtige Panhard & Levassor 6 CS Panoramique schliesslich ist nicht zu übersehen.
Aus deutscher Produktion ist ein Adler Typ 10 2.5 Liter, der "Leukoplastbomber" als Kombiwagen Lloyd LS 300 sowie der seinerzeit glücklose Heckmotorwagen Mercedes-Benz 130 H zu entdecken. Bei dieser Gelegenheit lässt Frau Evans durchblicken, dass ihr persönlich der "Barockengel" BMW 3200 S von 1962 besonders gefällt. Natürlich kommen wir auch an britischen Autos vorbei, etwa einem TVR S 2 von 1990 und einem Austin Mini von 1969. Doch halt! Wieso steht dort, dass dieses Auto in Chile produziert wurde? Die Erklärung ist, dass man sich seitens der British Leyland Motor Corporation Ende der 1960er-Jahre den Luxus erlaubte, zusammen mit der für ihre Kleinstfahrzeuge bekannten britische Firma Peel eine Version des Mini für den südamerikanischen Markt zu entwickeln, deren Karosserie aus GFK gefertigt wurde. Auf dem Bild kann man diese Karosserie daran erkennen, dass die übliche "Naht" an den Vorderkotflügeln fehlt. Irgendwo im Halbdunkel kann man auch die "Geschwister" Nissan Pao und S-Cargo (beide 1989) nebst ihrem Vorläufer Nissan Be-1 entdecken.
Hier im Keller hätte er Autor gern noch ein paar Stunden verweilen mögen, aber irgendwann neigt sich auch der Besuch dieser automobilen Schatztruhe leider dem Ende zu. Fazit: Ein rundum beeindruckendes Museum!




















































































































































































































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