Bei Regen und Schneegestöber feierte die Retro Classics Stuttgarter letztmalig in einem Februar automobile Freuden und Qualitäten, wie sie vor nicht allzu langer Zeit einmal die gesamte Region beglückten. Die präsentierten Fahrzeuge wurden erneut etwas jünger, doch auch im Publikum fanden sich mehr junge Autobegeisterte, darunter auch Vertreter der vielen wohl eher noch unbekannten „Cyclekart"-Szene. Insgesamt war die Messe eine schöne Pause und Zeitmaschine für Jung und Alt. Bei uns finden Sie die Highlights fürs Auge und was den Besuchern am besten gefallen hat.
Porsche omni-präsent
Beginnen wir mit Porsche; es war gefühlt kaum ein Besucher zu treffen, der nicht schon einen in der Garage hatte, einen aktuell besitzt oder endlich einen erwerben möchte. So waren auch reichlich Porsche-Fahrzeuge vertreten und diese in allen Preislagen, Zustandskategorien und in allen Geschmacksrichtungen. Auch der Hersteller selbst war – etwas versteckt – vertreten mit der Jubiläumsausstellung „Raceborn - 75 Jahre Porsche Motorsport“.
Neben vier besonderen Rennfahrzeugen konnten die Messebesucher auf Le Mans-Gesamtsieger Timo Bernhard sowie Porsche-Werksfahrer und DTM-Sieger Ayhancan Güven treffen. Ob Klassiker-Liebhaber genau das auch wollten, ist nicht bekannt; für die Stuttgarter wäre vielmehr das Erzählen von Geschichten aus einer starken Historie ein guter Weg, nicht nur ohnehin attraktive, sondern auch innovative Neuwagen zu erklären – und zu verkaufen.
Ein Heimspiel war es übrigens auch für die erfolgreiche Sachverständigen-Organisation GTÜ, die mit vollem Engagement und technischer Kompetenz für Rat und Auskünfte bereitstand.
Für Liebhaber klassischer Porsche gab es wieder die gelungene Messepräsenz des 911er Spezialisten „Boxer & Motors“. Dieser bot mit einem schwarzen Pre-A 356-Speedster – mit modifiziertem Königswellen-Motor und knapp 180 PS im Heck – einen der absoluten Traumwagen auf diese Messe.
Mit solchen Exponaten entführte die Retro Classics ihre Besucher auf gelungene Art in eine insgesamt schönere, alte Welt – im Vergleich zur aktuellen bundesdeutschen Realität: Der Vergleich zur Lage der Nation war überall Gesprächsthema und drängte sich förmlich auf in Stuttgart, denn nur 100 Meter entfernt wird dieselbe von erstaunlich selbstbewussten Akteuren der Bundes-CDU einmal mehr diskutiert; Ergebnis unbekannt. Dafür nahm Bundeskanzler Merz bei einer Stippvisite kurz in einem Mercedes-Benz 300 Adenauer Platz, was im Netz für viel Spott, Mitleid mit dem Fahrzeug und Kommentare wie „kulturelle Aneignung“ sorgte.
Autos mit Patina
Da blicken wir lieber wieder zurück und werden schnell fündig: Scheunenfunde! Kaum ein Oldtimerzustand überraschte zuletzt mehr als manche Ruinen, die weltweit auf Auktionen zu Preisen gehandelt wurden, wie vollrestaurierte Autos – oder sogar darüber. Zu gross ist der Charme des Gedankens, ein Fahrzeug im Originalzustand zu erwerben und selber zu entscheiden, ob nur die Technik revidiert wird und wieviel höchst attraktive Patina erhalten bleiben darf, um sich von restaurierter Massenware stilvoll abzuheben.
Patina ist auch bei restaurierten oder sportlich modifizierten Fahrzeigen gefragt. So haben wir von Klaus Hagenlocher aus Böblingen gelernt, wie man die Entstehung etwa von Renn-Gebrauchsspuren an einem Alvis Sport von einigen Jahrzehnten auf wenige Jahre erfolgreich reduzieren kann.
Zu den vermutlich echten Scheunenfunden auf der Messe zählten ein Fiat X1-9, ein Citroen DS19 Chapron und ein Mercedes 300 SL, offenbar zuvor im Besitz eines „NRA“-Waffenfreundes aus Pennsylvania.
Der fast vergessene C112
Kommen wir zu Mercedes-Benz; diese Firma ist in Stuttgart der einzig erkennbare, offiziell vertretene Hersteller, der neben dem faszinierenden 300 SL-Scheunenfund auch den C112 Konzeptwagen präsentiert.
Als geplanter Nachfolger des C111 war dieser mit einem elektronisch gesteuerten, hydraulischem Fahrwerk inklusive mitlenkender Hinterachse ausgestattet; alles in allem für die frühen 90er Jahre so innovativ, dass man seine Technik womöglich lieber für sich behalten wollte und es also bei dem Prototypen beliess.
Vis-a-vis von Mercedes erfreuten sich Besucher am Stand von Zwischengas und der ebenfalls mit Mercedes-Höhepunkten verbundenen Marke Löbner Uhren an einem der für manchen Besucher schönsten Exponate, dem Alfa Romeo 8C 2300 Monza (1931), aus dem Nationalen Automuseum (Loh-Collection). Er war eines der wenigen Vorkriegsfahrzeuge auf der 25. Ausgabe dieser Messe, neben einigen BMW 327 und 328, welche in diesem Jahr ihr 90-jähriges Jubiläum feiern.
50 Jahre alt wurden in diesem Jahr die Mercedes-Benz W123 Baureihe; aus der aber weit weniger Autos zum Verkauf standen, als aus den offenbar beliebteren W124 und 126 Bekannten Baureihen, welche jedes Jahr ein wenig klassischer und auch edler wirken – auch als beliebte Beispielobjekte in der sogenannten „peak-Auto“ Diskussion.
Auf der Galerie von Halle 1 gab es einen schwunghaften Handel mit Fahrzeugen von Privatverkäufern; vom goldene Porsche 911 Turbo 3.0 G-Modell bis hin zu sympathischen Exoten wie dem in Deutschland wohl einzigen Fiat 750 Vignale Coupé (1963) mit Sonderkarosserie für etwa 10‘000 Euro.
Verkleinerte Vorkriegs-Sportwagen
Neben bekannten Modellen tauchen immer wieder ungewöhnliche Fahrzeuge auf, auch wenn man sie zwischen den üblichen Verdächtigen erst einmal finden muss. Gemeint sind nicht Design-Experimente – wie die auf einem BMW Z4 basierende, moderne Interpretation eines BMW 507 der Marke Estella; alles Geschmackssache. Überrascht hat uns die Leidenschaft der Macher der sogenannten Cyclekarts, meist in Eigenregie gebaut von jungen Menschen, die Vorkriegsautos der 30er und 40er Jahre lieben und im Massstab 1:2 bis 1:3 nachbauen, ausgestattet mit einem kleinen Benzinmotor bis 200 cc, Hubraum.
Diese Fahrzeuge sind eine Mischung aus Modellautos und fahrbaren Traumklassikern; ähnlich den Fahrzeugen der „Little Car Company“, die jedoch elektrisch angetrieben werden. Mehr Informationen über Cyclekarts finden sich hier und besonders professionelle Modelle wie einen Bugatti Atlantic 57 oder den Ferrari 300 P3 und P4 „en Miniatur“ wurden bereits mehrfach auf internationalen Auktionen versteigert.
Mit Versteigerung
Auch für Stuttgart galt: Keine Oldtimer-Messe ohne Auktion. Das Angebot reichte vom Golf II GT oder Fiat 500 über eine Alfa Romeo Giulia Super bis hin zum Porsche 356B, einem Mercedes 500E oder den seltenen Triumph TR2 Superleggera. Im Laufe der für Samstagnachmittag anberaumten Auktion blieben viele Autos zunächst stehen; darunter auch ein sehr schöner Glas 3000 V8 mit Frua-Karosserie (1968).
Dank weiterer Nachverhandlungen und im „freien Verkauf“ konnten jedoch bis Sonntagabend einige schöne Wagen doch noch einen neuen Besitzer finden; darunter ein guter Nachbau eines Ford Mustang Shelby GT 350 (1968) für etwa 80‘000 Euro oder auch, ein wahres Sonderangebot; ein Jaguar E-Type 12-Zylinder-Automatik-Coupé der dritten Serie (1972) für nur 25‘000 Euro; jeweils zuzüglich 5% Provision für das Auktionshaus „Classicbid“. Direkt verkauft wurden zudem eine schöne BMW 3.0 Si-Limousine von 1972, ein 1969er Chevrolet Camaro und einige Mercedes-Fahrzeuge.
Natürlich dürfen bei fünf Messehallen und viel Raum auch LKWs, die Bundesweher oder die Feuerwehr nicht fehlen; ein „Hingucker“ war hier ein ganz besonderes Nutzfahrzeug und Einzelstück, der „Superbus Pathé Marconi“ des gleichnamigen Musikverlages, aus dem Jahre 1952. Das Fahrzeug war von 1953 bis 1958 Teil der Werbekaravane und Begleitfahrzeug der Tour de France, wobei auf dem Fahrzeugdach immer wieder Konzerte veranstaltet wurden, etwa von Edith Piaf. Heute ist das behutsam restaurierte Fahrzeug im Besitz der Gemeinde Mulhouse, an die es vom Erben des letzten Besitzers gespendet wurde.
Die grosse Hans-Herrmann-Sonderschau im Atrium
Für historisch Interessierte Rennsport-Fans wurde schliesslich eine gelungene wie grosszügig inszenierte Sonderausstellung zu Ehren des grossen Rennfahrers Hans Herrmann geboten, welche von seinem Biographen Tobias Aichele gelungen kuratiert und mit viel Aufwand realisiert wurde.
Dreizehn bedeutende Rennfahrzeuge aus Herrmanns Lebenswerk wurden mit Unterstützung des Mercedes-Benz Museum und des Porsche Museum präsentiert. So konnten Besucher unter anderem legendäre Porsche-Modelle wie den Carrera 6 oder den 718, aber auch den Mercedes-Benz 300 SLR erleben. Herrmann war lange Zeit der letzte Überlebende Rennfahrer der 50er Jahre, der noch mit Frontmotor-getriebenen F1-Autos gefahren war.
Unterhaltung gab es ferner mit Talk-Formaten des von Topspeed TV bekannten Martin Utberg, wo nicht nur „Poldi“ Prinz von Bayern und die Renn- und Rallye-Legenden Christian Geistdörfer oder Dieter Röscheisen, sondern auch der Zwischengas-Mitgründer und F1-Fotograf Daniel Reinhard so einige Anekdoten aus ihren lebenslangen Motorsport-Erfahrungen mit einem begeisterten Publikum teilen wollten.
Klassentreffen mit Gleichgesinnten
Insgesamt ist Stuttgart für viele Besucher – neben dem gezielten Interesse an einzelnen Fahrzeugen, immer auch eine Art „Klassentreffen“ mit alten Bekannten und Gleichgesinnten. So mancher Besucher aus der Region kam nach eigenen Angaben täglich vorbei, um möglichst viele Menschen zu treffen, da das grosse Publikum ja doch von Tag zu Tag wechseln würde. Und so war es auch: Kamen am Donnerstag und Freitag noch die potenziellen Autokäufer, aber auch „Schnäppchen“- oder Raritätenjäger, so war es am Wochenende neben den Oldtimerfans ein bunter Mix aus Autofans, Familienausflüglern, Herrenclubs oder auch zahlreichen noch immer beruflich aktiven Profis aus der Automobilindustrie. Insgesamt soll es über vier Tage mehr als 83‘000 Besucher gegeben haben.
Im kommenden Jahr finden die RetroClassics erst Ende April statt, nur zwei Wochen später gefolgt von der RetroClassics in Essen; da darf die aktive Aussteller-Karawane also gleich weiterziehen und das bundesweite Publikum wird sich wohl für einen der beiden Frühjahrstermine entscheiden.
Als nächstes für das das aktuelle Jahr sollten sich Messefans die neue Retro Classics in Essen vormerken, welche dieses Jahr erstmals gleich nach Ostern stattfindet, vom 8. bis 12. April 2026.

























































































































































































































































































































































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