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    Noch mehr über Flügeltürer und Roadster mit Stern (Buchbesprechung)

    22. Oktober 2017
    Text:
    Bruno von Rotz
    Fotos:
    Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas) 
    (11)
    Motorbuch Verlag 
    (1)
     
    12 Fotogalerie

    An Büchern über den legendären 300 SL von Mercedes-Benz gibt es ja eigentlich keinen Mangel. Der 300 SL war der wohl wichtigste Sportwagen Deutschlands der Nachkriegszeit. Mit seinen Flügeltüren setzte er Massstäbe, auch wenn er nicht das erste Flügeltürenauto war. Und mit seiner mechanischen Einspritzung war er technologisch innovativ, auch wenn andere vor ihm den Treibstoff auch schon auf ähnliche Weise im Motor verteilten.

    Einführung des Flügeltürers - Buch "Mercedes-Benz 300 SL - Das Jahrhundertauto"
    © Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

    Auf den Flügeltürer folgte der Roadster, kaum weniger begehrt und genauso schön. Dazu gab es Rennerfolge, die die Basis für den Ruhm des Wagens legten. Und bis heute gehört der 300 SL zu den begehrtesten Sammlerfahrzeugen, was die Preisnotierungen im siebenstelligen Bereich seit Jahren beweisen, obschon der 300 SL heutzutage an mancher Oldtimer-Rallye häufiger anzutreffen ist als ein VW Käfer.

    Dass sich also immer wieder Schreiberlinge und Historiker daran machen, diesem legendären Sportwagen Bücher zu widmen, ist nachvollziehbar. Umso interessanter ist es, dabei zu sehen, wie sie vorgehen.

    Vom Anfang bis zum Schluss

    Das Buch von Hans Kleissl (Gründer von HK Engineerung) und Harry Niemann (ehemaliger Leiter des historischen Archivs von Daimler-Benz, Verfasser mehrerer Sachbücher) trägt den Untertitel “Das Jahrhunderauto”. Den beiden Herren geht es also darum, die Rolle des 300 SLs im 20. Jahrhundert zu dokumentieren. Entsprechend leiten sie das Buch mit einer kurzen Skizzierung der Situation bei Mercedes-Benz nach dem Krieg ein. Und kommen dann gleich mit der Geschichte des Rennwagens W194, der rennsportlichen Vorläufer des Strassen-300-SL mit der internen Bezeichnung W198, zur Sache.

    Die Anfänge mit dem W194 - Buch "Mercedes-Benz 300 SL - Das Jahrhundertauto"
    © Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

    Interessant dabei sind mitunter die Schilderungen des Kling-Beifahrers Klenk von der Carrera Panamericana 1952. Nicht vergessen wird auch der nie eingesetzte Prototyp W194/11, intern als “der Hobel” bezeichnet.

    Der "Hobel" W194/11 - Buch "Mercedes-Benz 300 SL - Das Jahrhundertauto"
    © Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

    Und dann werden die wichtigsten Leute bei der Entwicklung des 300 SL eingeführt - Rudolf Uhlenhaut (Entwickler), Hans Scherenberg (Ingenieur) und Friedrich Geiger (Stylist).

    Dass der Flügeltürer überhaupt je auf die normale Strasse kam, war überhaupt nicht vorgesehen. Mercedes wollte den Sportwagen eigentlich 1952 schon zurückziehen, nachdem alle wichtigen Rennen gewonnen werden konnten. Entscheidend war der Importeur in den USA, Maximilian E. Hofmann, der  sich einen Sportwagen von Mercedes wünschte. Und diesem Wunsch wurde dann mit dem W198 nachgegeben, dem Flügeltürer mit Einspritzung.

    Über 110 Seiten werden der Entwicklung des Flügeltürers, der Vermarktung und vor allem einigen besonderen Exemplaren gewidmet. Denn auch der Strassen-SL wurde im Rennsport eingesetzt, erfolgreich dazu.

    300 SL als Windschutz für den Fahrradfahrer - Buch "Mercedes-Benz 300 SL - Das Jahrhundertauto"
    © Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

    Der vielleicht witzigste Einsatz war aber als “Zugpferd” bei einem Fahrrad-Geschwindigkeitsrekord - 204,778 km erreichte José Meiffret auf zwei Rädern und einem gewaltigen Ritzel zwischen den Rädern hinter dem sorgsam für den Rekordversuch modifizierten 300 SL Adolf Zimbers.

    Der 300 SL Roadster Prototyp - Buch "Mercedes-Benz 300 SL - Das Jahrhundertauto"
    © Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

    Schon vor der Auslieferung des ersten Flügeltürers hatte die Entwicklung des Roadsters eingesetzt, also noch vor Oktober 1954, einen Prototyp gab es bereits 1955. Dieser leitet denn auch folgerichtig den nächsten Teil des Buchs ein, das dem offenen 300 SL gewidmet ist, durchbrochen von weiteren Geschichten rund um den Flügeltürer. Immer wieder ins Zentrum gerückt werden dabei prominente Eigner.

    Berühmte Besitzer

    Überhaupt ist das Buch von Kneissl/Riemann auch ein wenig ein Gesellschaftsspiegel, denn wer damals etwas auf sich hielt (und über das nötige Kleingeld verfügte), der besass einen 300 SL. So ist dann von Pablo Picasso die Rede, von Paul O Shea (und seinem SL+S), Eugen Böhringer, Horst Buchholz, Rudi Caracciola, Sophia Loren, Herbert von Karajan, Paul Hubschmid, Zsa Zsa Gabor, Tony Curtis, Anita Ekberg, Toni Sailer, Steve McQueen oder Kurt Jürgens, um nur einige der abgebildeten Berühmtheiten zu erwähnen.

    Stars und ihre Sterne II - Buch "Mercedes-Benz 300 SL - Das Jahrhundertauto"
    © Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

    Viele von ihnen griffen zum offenen 300 SL, den es aber auch mit Hardtop gab. Offen gestattete der Wagen aber natürlich einen besseren Einblick, nicht unbedeutend für Leute, die das Scheinwerferlicht suchen. 

    Restaurierungen

    Dass besonders Kneissl immer wieder auf Restaurierungsobjekte hinweist, ist angesichts seiner Tätigkeit (HK Engeering ist einer der bekanntesten SL-Restaurierer) naheliegend, aber auch spannend. Es lässt sich erahnen, wieviel Neu-Herstellung in vielen der Fälle nötig war, da kaum noch ein Teil des Rohrrahmens verwendbar war.

    Attraktives Bildmaterial

    298 Schwarzweiss- und 111 Farbbilder wurden im Buch abgedruckt. Es sind vor allem die historischen Schwarzweiss-Fotos, die beeindrucken und dieses Buch zu einem Kauftipp machen. Viele der Bilder hat man so noch nie gesehen und sie zeigen den 300 SL in Rennszenen, auf dem Boulevard aber auch in Alltagssituationen.

    Der Strassen-Flügeltürer im Renneinsatz - Buch "Mercedes-Benz 300 SL - Das Jahrhundertauto"
    © Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

    Ergänzt wird das Werk durch technische Daten aller gebauten Typen und eine Auflistung der Modifikationen, denen die Serienfahrzeuge zwischen 1954 und 1963 unterzogen wurden. Auch eine Auflistung der Lackierungen und der Polsterungen fehlen nicht, hier hätte man sich vielleicht mehr Bildmaterial gewünscht. Abgedruckt sind auch Ausschnitte aus der Verkaufsliteratur.

    Spannend ist die Statistik der Farben, so war Silber-Metallic die meistgewünschte Farbe, gefolgt von Feuerwehrrot, Weiss und Graphitgrau. Wieviele der knallroten 158 ausgelieferten Flügeltürer wohl heute noch diese Farbe tragen? Beim Roadster lief übrigens Weiss dem Weissgrau oder Silber den Rang ab.

    Keine HK-Werbebroschüre

    Wer befürchtet, dass das Buch wegen Autor Hans Kneissl zur HK-Werbebroschüre geworden ist, der sei beruhigt. Natürlich spricht die Restaurierungserfahrung und die lange Beschäftigung mit dem Thema 300 SL aus dem Werk, aber das ist auch gut so.

    Trotzdem ist der Zielleser nicht eindeutig identifizierbar. Das Buch ist weder eine Restaurierungsbibel (obwohl die vielen historischen Bilder bei einem Neuaufbau sicherlich wertvolle Dienste leisten können), noch ein Technik-Buch, dazu kommen Motoranalysen oder Fahrwerksdiskussionen zu kurz. Es ist gleichzeitig aber deutlich mehr als ein Coffee Table Book, denn die Texte gehören wirklich dazu und sind auch lesenswert.

    EUR 99.00 sind kein Pappenstiel, auch wenn ein W198 heute das Zehntausendfache kostet. Wer ein solches Fahrzeug in der Garage hat, wird nicht zögern, das Buch von Kneissl/Niemann dazuzukaufen, wer noch kein Buch über den W198 hat, findet hier einen guten Einstieg, der mehr bietet als eine reine Autoabhandlung.

    Einband - Buch "Mercedes-Benz 300 SL - Das Jahrhundertauto"
    © Copyright / Fotograf: Motorbuch Verlag (Repro Zwischengas)

    Bibliografische Angaben

    • Titel: Mercedes-Benz 300 SL - Das Jahrhundertauto
    • Autoren: Hans Kleissl / Harry Niemann
    • Sprache: Deutsch
    • Verlag: Motorbuch Verlag
    • Auflage: 1. Auflage Juli 2017
    • Format: Gebunden, mit Einfassung, 245 x 305 mm
    • Umfang: 368 Seiten, 298 Schwarzweiss- und 111 Farbabbildungen
    • ISBN: 978-3-613-03960-5
    • Preis: 99.00 €
    • Kaufen/bestellen: Online bei amazon.de, beim Motorbuch Verlag oder im einschlägigen Buchhandel

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