Nach dem Umzug aus Paaren/Glien fand von 18. bis 20. Mai 2024 die Oldtimer-Show Berlin zum bereits dritten Mal auf dem Gelände des ADAC-Fahrsicherheitszentrums in Linthe, rund 50 Kilometer südlich der Hauptstadt, statt.
Nur zwei Wochen nach den Classic Days Berlin kam die Oldtimer-Szene der Region wieder zu einer Grossveranstaltung zusammen. Die gewohnt routinierte Organisation des Veranstalters garantierte Teilnehmern wie Zuschauern eine reibungslose Anfahrt. Wie von selbst – gut, mit kräftigem Zutun der Einweiser – reihte sich Oldtimer an Oldtimer fein säuberlich auf. Mal schienen sie thematisch zusammengefasst, mal ergaben sich reizvolle Kontraste.
Manchmal passt zusammen, was nicht zusammenpassen kann
Hier findet man eine Reihe luftgekühlter Boxer unterschiedlicher Leistungsklassen, dort standen David und Goliath auf Du und Du. Dass sich Motorradfahrer zusammenfinden, wundert gar nicht; eher schon die Häufigkeit riesiger US-Klassiker. Eine Reihe aus Chevrolet Bel Air und Impala, Chrysler New Yorker und Ford Mustang wurde von einem Magirus-Deutz 125 D 10 abgerundet. Immerhin passte da die Hubraum-Kategorie.
Der Autor hat schon manches Oldtimertreffen erlebt, aber auch hier gab es Grenzerfahrungen. Da stand eine wunderschön zurechtgemachte Giulia neben einem Alfa 75 mit dem herrlichen Zweiliter-DOHC-Motor. Und der hatte ein H-Kennzeichen. Oha, ist das auch schon wieder so lange her?
Die Post ist da
Das Kopfschütteln wurde abgelöst durch eine Art Wahrnehmungstrübung. Da fuhr etwas: gelb, schmal, hoch, Rundscheinwerfer. Aha: Fridolin. Halt! Kein Fahrer drin. Doch: Rechtslenker. Hirn und Auge fanden keine Einigung. Lenkrad auf der falschen Seite, zu schmal und das Gelb zu hell für die Deutsche Bundespost. Nix Fridolin. Zweiter Blick. Hat Peel mal etwas für die Post Ihrer Majestät gebaut? Näher ran. Königliche Post stimmt, aber falsches Land. Schweden war es! Es ist ein Tjorven 440 von 1970, den die Kalmar Verkstad für die schwedische Post gebaut hat, basierend auf dem DAF-Baukasten; als Rechtslenker aber nicht etwa wegen des schwedischen Linksverkehrs, der 1967 abgeschafft worden war, sondern damit die Briefkästen durch die Schiebetür und ohne auszusteigen geleert werden konnten.
Wie wohltuend wirkte da der Lancia Flaminia (heimlicher Favorit des Chronisten) in seiner souverän-majestätischen Formgebung. Die skurrile Idee mit den zwei Heckscheibenwischern kam zumindest später beim Toyota Camry noch einmal auf. Aber das war ein Kombi, der die Heckwischer gut gebrauchen konnte.
Wenig Japaner, mehr Franzosen und Italiener
Apropos Japaner. Von dieser Provenienz gab es ernüchternd wenige Fahrzeuge zu bestaunen, und die wenigen waren überwiegend aus den Achtzigerjahren. Ein Mitsubishi Galant findet sich in unserer Bildergalerie. Der hierzulande einzigartige Mitsubishi Debonair aus unserem Fahrzeugbericht vom 10. Oktober 2023 war zwar ebenfalls auf dem Platz, hat es dieses Mal aber nicht auf den Kamerasensor geschafft.
Unsere Bildergalerie mag den Eindruck eines grossen Citroën-Anteils vermitteln. Tatsächlich gab es auch einige Peugeot und Renault. Simca, Matra oder Panhard waren hingegen nicht zu finden. Aus Italien gab es erstaunlich wenige Fiat – und wenn, dann meist deren Lizenzbauten von Lada oder Zastava. Die Alfa-Romeo-Szene lieferte hingegen einen ordentlichen Auftritt; auch auf der Club-Fläche, die mit Giulietta, Giulia, Spider, 145 und C4 bespielt wurde. Ferrari waren dünn gesät.
Kaum Vorkriegsfahrzeuge, viele Amerikaner
Überhaupt, die Hochkaräter: nach Linthe wird üblicherweise auf eigener Achse angereist, was Fahrzeuge der Messingära per se so gut wie ausschliesst. Es gab aber auch wenig Zwischenkriegsmodelle zu bestaunen, wobei Mercedes-Benz 230 und 290 aus den Dreissigerjahren regelmässig vertreten sind. Auch zwei Ford Modell A fanden sich: einmal als serienmässige Dreifenster-Limousine, einmal als zum Hot Rod umgebautes Coupé.
Interessant waren auch epochenübergreifende Kombinationen wie die NSU OSL 251, die vor dem Krieg im Westen gebaut worden war und der man zu DDR-Zeiten einen Falke-Beiwagen aus volkseigener Produktion angehängt hat.
Beeindruckend ist auch immer wieder die schiere Anzahl an US-Fahrzeugen, wobei eine klare Konzentration auf die Fünfziger- bis Siebzigerjahre deutlich ist. Fast ständig war das verzweifelte Wimmern hochdrehender Anlasser zu hören, die sich gegen riesige Hubräume anstemmten. Die ersten bassigen Zündungen sorgen dann für Erleichterung – und eine angenehme Massage für Trommel- und Zwerchfell.
Alltagsautos und Nicht-Autos
Das respektable Feld an Exoten, die im Strassenbild lange keine Rolle mehr spielen oder nie eine grosse gespielt haben, war reichlich durchsetzt mit Alltagsklassikern. Die Palette reichte vom kaum gefahrenen Mercedes-Benz W 123 bis zum "Nasenbär" VW Passat mit erschreckend wenig PS, dafür umso mehr Kilometern.
Neben Automobilen hat der Veranstalter für jede Art von (Wissens-)Durst und (Erfahrungs-) Hunger vorgesorgt. Eine ordentliche Auswahl an Gaumengenüssen stand ebenso zur Auswahl wie Beratung durch Gutachterorganisationen, etwa der Kooperation von FSP und TÜV. Classic Data war vertreten, Versicherungen, Restaurierungsbetriebe, Trockeneisstrahler. Selbst spontane Tattoo-Bedürfnisse konnten sofort und ambulant in Tinte abgebildet werden.
Fachkundige Fahrzeugpräsentation, teilnahmsloser Teilemarkt
Bilder verbaler Art zu zeichnen ist die Spezialität von Johannes Hübner, der gewohnt kurzweilig durch das Programm führte. Mit Wortwitz, Charme und einem unerschöpflichen Fundus von Anekdoten und Faktenwissen präsentierte er die Fahrzeuge der Teilnehmer auf seine ganz eigene, höchst unterhaltsame Weise.
Weniger geschmeidig schien der Teilemarkt zu laufen. Wer ernsthaft nach seltenen Ersatzteilen sucht, wird wohl eher beim OMMMA in Magdeburg fündig, wenn es um Ostblech geht, oder in Sachen US-Teilen beim ziemlich speziellen US-Treffen am Schloss Diedersorf. Auch die Anbieter schienen dem Rechnung zu tragen, war doch ein recht hoher Anteil zu verzeichnen, der eher Andenken feilbot als eine grosse Auswahl markenspezifischen Zubehörs.
Auktion mit wenig Zuschlägen
Dass das Publikum schwerpunktmässig nicht zum Zwecke grösserer Anschaffungen erschien, legte auch der Eindruck von der Auktion nahe. Trotz guter Stimmung beim Auktionsteam und einer professionellen Präsentation der Lose gab es beispielsweise für den braunen Mercedes-Benz 450 SL als US-Re-Import nicht einmal das Startgebot von 21'000 Euro.
Weniger als der Auktionator mussten sich die Besucher um gute Stimmung bemühen. Die kam von ganz allein bei der grossen und bunten Auswahl an Fahrzeugen mit ihren auskunftsfreudigen Besitzern. Und so endete der Oldtimer-Tag mit der Erkenntnis, dass die Oldtimer-Show Berlin nicht nur Bewährtes bringt, sondern immer auch für Überraschungen gut ist.


























































































































































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