Einige Szenen beschreiben die Situation auf der Lenzerheide besonders schön: Die Downhill-Mountainbiker stehen vor der Seilbahn Schlange, einige Männer und Frauen zirkeln derweil in ihren Rennanzügen zwischen ihnen hindurch, während aus unmittelbarer Nähe Rennmotoren dröhnen und Reifen quietschen.
Blickt man jedoch etwas nach rechts, werden Bäume und Wiesen sichtbar, über dem Grün thronen Berggipfel, und über allem spannt sich der blaue Himmel. Irgendwann trifft das Auge auf den gleissenden Sonnenschein, der sich im leicht gewellten Wasser des Heidsees spiegelt. Niemand hat Stress, selbst die Rennwagen der Gruppe Formel- und Rennsportfahrzeuge scheinen zwar zügig, aber konstant und ohne Aggression unterwegs zu sein.
Stressfrei rasen
Es wäre auch sinnlos, hier auf Position fahren zu wollen. Ja, es wird noch nicht einmal die Zeit gemessen. Das Ganze ist nichts weiter als ein grosser Spass. Oder, der Sache noch besser gerecht werdend: Die Lenzerheide kann es sich leisten, auf jegliches kompetitives Element zu verzichten, da hier nichts Geringeres als der schiere Spass, die Kameradschaft und die Freude am historischen Fahrzeug im Zentrum stehen. Das hat eine ganz eigene Qualität, und das schlägt sich ganz allgemein im Ton nieder, den man unter den Fahrerinnen und Fahrern zu hören bekommt.
Es tönt manchmal etwas abgedroschen, aber das hier ist wirklich eine grosse Familie. Und wenn irgendjemand etwas benötigt, ist ein anderer schnell zur Stelle. Dabei sind manche Fahrer es sich durchaus gewohnt, im Rennsport mit seiner Anspannung, der Nervosität und gelegentlichen Stressmomenten unterwegs zu sein. Manch ein Name auf den Startlisten der neun Felder, davon eines mit Motorrädern, ist aus der Schweizer Motorsportszene bekannt oder war dies zumindest einst.
Kommunikation
Dass es kaum je zu wirklicher Hektik im Fahrerlager kommt, hat viel mit der minutiösen Planung der Verantwortlichen zu tun. Deren Kommunikation ist klar und unmissverständlich. Oberstes Kredo ist die Sicherheit, danach kommt jedoch schon sehr bald der Spass. Der deutliche Ton von OK-Chef Hans Orsatti beruhigt, statt zu irritieren. Was gesagt werden muss, wird gesagt, die Regeln – etwa ein Überholverbot in den schnellen Passagen der Strecke – sind klar.
Für geordnete Verhältnisse sorgt auch die Infrastruktur. Wie bisher steht jedem Fahrzeug eine eigene Boxe in den langen Zeltreihen zur Verfügung. Und in einer dieser Zeltreihen findet man auch das Büro des OK-Teams. Das sorgt für kurze Wege, immer ist irgendwo einer der Verantwortlichen zu finden. Bei Problemen wird kurzentschlossen und rasch reagiert.
Doch Ordnung ist wirklich nur das halbe Leben. Denn als Teilnehmender merkt man, dass hier professionell gearbeitet wird. Das heisst, der Gast ist dennoch in gewisser Hinsicht König. Man spürt den Servicegedanken hinter dieser Organisation. Die Wege für alle sind kurz, man weiss stets, woran man ist. Und dazu gibt es wirklich alles, was man sich wünschen kann, direkt vor Ort: ein kühles Bier, einen Ort im Schatten, eine Tribüne, Merchandise-Artikel und ein ganzes Wohlfühlprogramm – sei es bei der Parade im Dorf am Freitag oder beim Dinner am Samstagabend.
Spektakel
Bei solchen Voraussetzungen soll sich niemand wundern, dass auch an den beiden Fahrtagen wirklich alle auf ihre Kosten gekommen sind. Zahlreiche Zuschauer säumten die rund 2,4 Kilometer lange Strecke, im Prinzip ein Stück der Hauptstrasse von Valbella nach Lenzerheide sowie einen Bogen, der die leicht erhöht über dem Heidsee gelegenen Hotels mit dieser Strasse verbindet. An der Einmündung vor der Talstation der Rothornbahn sorgt eine Bodenschwelle derweil für spektakuläre Bilder von Autos in Schräglage, manchmal sogar auf nur zwei Rädern.
Nach der Dorfparade, die manche Teilnehmer noch etwas verlängerten – das relativ warme Wetter erlaubte es, trotz der etwas kühlen Temperaturen auf 1800 Metern Höhe bis gegen Mitternacht draussen zu sitzen –, galt es am Samstagmorgen früh auf den Beinen zu sein. Wer an diesem letzten Maiwochenende auf der «Heide», wie die Einheimischen sagen, etwas Ruhe gesucht hatte, dürfte sich wohl spätestens um sieben Uhr stehend im Bett wiedergefunden haben. Ab dann wurden die Motoren gestartet, damit es ab 7.30 Uhr mit dem Rennfeld 1, dem «Kampf der Zwerge», losgehen konnte.
Von Mini bis Maxi
Hier fanden sich Minis, Fiats und andere Kleinwagen, manche davon im Renntrimm und einige längst nicht mehr für den Strassenverkehr zugelassen – ein wilder Haufen, der es dennoch glänzend verstand, den nötigen Respekt zu wahren und sich nicht gegenseitig ans Blech zu fahren. Wer die Fahrkünste mancher Piloten in der mit einem gewaltigen Hüpfer durchfahrenen Rechtskurve bei besagter Einfahrt mitverfolgte, wird einigen von ihnen künftig mit grossem Respekt begegnen. Die Fiats mit Heckmotor hebelten sich gelegentlich beinahe von der Piste. Dass das ganze Treiben vom Geheul kleinvolumiger, hochdrehender Motoren begleitet wurde, machte das Spektakel umso reizvoller.
Dasselbe lässt sich auch von den grösseren Hubraumklassen sagen. Auf der Lenzerheide wurden diese schlicht in weitere drei Rennfelder unter der Bezeichnung «GT und Tourenwagen» zusammengefasst. Darin fanden sich zahlreiche Fahrzeuge von den 1960er-Jahren bis in die frühen 2000er hinein. Der kunterbunte Strauss liess vermutlich bei kaum jemandem grosse Wünsche offen.
Geschichtsträchtig
Mit besonderem Aufwand waren die «Oldies but Goldies» bestückt. Einige Vorkriegswagen wie ein Riley TT, ein Rally mit Salmson-Motor und eine spannende Reihe von Nachkriegssportwagen sorgten für Aufmerksamkeit.
Natürlich fuhren in dieser Gruppe auch die beiden Originalfahrzeuge der historischen Bergrennen von 1951 und 1957 auf der Lenzerheide: Dr. Christian Jennys Jaguar XK120 Alu, der Siegerwagen von 1951, gefahren vom hoffnungsvollen Nachwuchs-Rennfahrertalent Robin Dönni, der in direktem Anschluss an die Lenzerheide nach Goodwood reiste um dort sein Debut auf dem Lister-Maserati zu geben, und Jürg Kohlers AC Ace mit Bristol-Zweiliter-Motor. Dazu kam Michael Spehs Aston Martin DB 3/5 , den wir auf Zwischengas erst kürzlich porträtiert haben.
Mit Stolz meldete das OK auch die Teilnahme bedeutender DTM-Fahrzeuge wie des BMW M3 von Armin Hahne aus dem Jahr 1989 oder des Mercedes 190E 2.5-16 Evo II von 1992, einst pilotiert von Jacques Laffite. Dazu gab es in der Gruppe der «Wilden» vom La France Kettenwagen mit 14,5 Litern Hubraum bis zum Renault Megane V6 Trophy von 2005 ein breites Spektrum an ernsthaften Rennwagen und GTs.
Rennwagen aller Klassen
Doch auch bei den Monoposti und Rennprototypen durfte die Lenzerheide von 1000 bis 6000 Kubikzentimetern ein bemerkenswert breites Startfeld auf die Strecke schicken. Mit dabei war etwa auch der erste Sauber mit eigenem Aluminium-Monocoque, der in nur einem Exemplar gebaute Sauber C4 von 1975.
Dazu gesellten sich mehrere Formel Vau und Super Vau, der Lotus 20 von Jo Siffert oder gar ein Shadow von 1973, ein ehemaliger Formel-1-Wagen, die allesamt sehr routiniert bewegt wurden.
Der Besitzer des Sauber C4, Rainer Suhr, hatte indes zum ersten Mal überhaupt die Gelegenheit, alle Gänge des Wagens zu benutzen. Ja, die Schweiz kennt noch immer keine feste Rennstrecke. Doch wer weiss.
Warum man ausgerechnet hier solch eine Veranstaltung durchführen kann, zeigte sich sehr anschaulich mit der Dorfgruppe, den örtlichen Enthusiasten mit ihren Klassikern. Vom Fiat 500 bis zum Alfa Romeo 6C 1750 G.S. Zagato von 1931 oder einem Ferrari 365 GTC war da alles dabei!
Nun, die Lenzerheide konnte dem Wunsch nach einer Rennstrecke auch bei der 13. Auflage der Motor Classics entgegenkommen und brachte an diesem Wochenende vom 29. bis 31. Mai echte Motorsportstimmung in die Bündner Berge. Neu mit Grossbildschirmen entlang der Strecke und Live-Schaltungen ins Fahrerlager ausgestattet, nimmt die Lenzerheide Motor Classics Formen an, die sich längst vom Format einer Veranstaltung eines Trupps Freiwilliger entfernt haben und sich laufend professioneller aufstellen.
Ganz wichtig dabei ist jedoch, dass man sich dank der Bündner Gastfreundschaft und der Nähe der Organisatoren zu Fahrerinnen, Fahrern und Besuchern auf der Lenzerheide noch immer persönlich empfangen fühlt. Statt auf Kommerz um jeden Preis hat man sich auf Service eingestellt und bietet so für alle Beteiligten – Fahrer, Zuschauer, Partner und Händler – optimale Bedingungen.
So darf man sich darauf freuen, dass auf der Lenzerheide Ende August nochmals der Motorsport gefeiert wird. Dann nämlich, wenn das 75-Jahr-Jubiläum des ersten Rennens von Tiefencastel hinauf auf die Heide, genauer bis zur Kirche St. Cassian, begangen wird. Das Ziel ist es, möglichst von allen einst auf den Startlisten von 1951 und 1957 aufgeführten Fahrzeugtypen ein Exemplar zu finden.














































































































































































































































































































































































































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