An guten oder gut gemeinten Tipps für den pfleglichen Umgang mit Verbrennungsmotoren mangelt es unter Oldtimerfahrern nicht. Tu dies und lasse jenes, und dein Auto hält ewig. Was aber, wenn einen die Ewigkeit früher einholt als gedacht? Nachdem die erste Welle an Flüchen ausgesprochen ist, würde man doch gerne wissen, warum der scheinbar so sorgsam behandelte Zerknalltreibling vorzeitig den Geist aufgegeben hat.
Der ehemalige Motoren-Instandsetzer Anton Bolzli hat nun mit seinem Buch "Schadenanalyse von Verbrennungsmotoren" ein Werk geschaffen, das bei der Ursachenforschung helfen soll.
Ausführliche Diagnose
Im ersten Viertel des rund 500 Seiten starken Taschenbuchs werden hierzu potenzielle Schäden samt ihren möglichen Ursachen aufgelistet und erläutert. Von Riefen in der Zylinderwand und abgenutzten Lagerschalen über verbogene und gebrochene Pleuel bis hin zu geschmolzenen Kolben reicht das Spektrum von der fortgeschrittenen Verschleisserscheinung bis zur völligen Selbstzerstörung.
Jedes Schadensbild wird dabei von mindestens einem Farbfoto illustriert. Im Falle eines durchgebrannten Kolbenbodens mag der Schaden am Bauteil offensichtlich sein. Bei der Darstellung eines "verschlissenen Ventilschafts" würde man sich jedoch ein Vergleichsbild wünschen, um das Ausmass der Abnutzung besser einordnen zu können.
Zusätzlich zu den Krankheitsbildern und Diagnosen liefert Bolzli auch allgemeine Informationen zu Verbrennungsmotoren in Form von Diagrammen und Tabellen. Etwa wie Leistung und Drehmoment zusammenhängen, wie sich das Verdichtungsverhältnis aufgeladener Motoren errechnet, welche Temperaturen in bestimmten Bereichen des Motors herrschen oder welche Kräfte zu welchem Zeitpunkt auf den Kolben einwirken.
Beispiele ohne Mehrwert
Bis Seite 137 erfüllt das Buch seine Aufgabe als Diagnoseratgeber daher sehr gut. Im Grunde könnte es danach enden, und man hätte einen praktischen kleinen Ratgeber. Stattdessen folgen eine Menge Beispiele von Motorschäden aus Bolzlis Arbeitsalltag, die allerdings ihre Beispielfunktion nicht immer ganz erfüllen können und überraschend oberflächlich bleiben.
Exemplarisch sei hier einmal die Analyse eines Opel Antara genannt, dessen Zweiliter-Dieselmotor "nicht mehr normal funktionierte". Wie sich die Fehlfunktion konkret darstellt, wird jedoch nicht erläutert. Das Schadensbild der angeschmolzenen Kolben wurde daraufhin "analysiert". Die Analyse – die zweifellos das Interessanteste in einem Buch des Titels "Schadenanalyse von Verbrennungsmotoren" wäre – bekommt man jedoch nicht zu lesen. Nur dass ihr Ergebnis auf eine thermische Überbelastung schliessen lässt, und die wiederum auf eine "Verbrennungsstörung".
Dieser fehlende Tiefgang macht die meisten Beispiele leider überflüssig, da sie keinen informativen Mehrwert gegenüber dem allgemeinen Erläuterungsteil im ersten Buchviertel bieten. Der Zusammenhang von geschmolzenen Kolben zu thermischer Überlastung wurde nämlich dort bereits in wenigen Sätzen prägnant und dennoch ausführlicher erklärt. Der immensen Beispiel-Auflistung täte es gut, von knapp 40 auf etwa vier bis fünf reduziert zu werden, die dafür aber bis ins Detail durchexerziert werden.
Zudem fehlt im Opel-Antara-Beispiel – wie auch in allen anderen – eine für diese Art von Buch essenzielle Angabe: die, um welchen Motor es sich konkret handelt. Den Antara gab es nämlich mit zwei verschiedenen Zweiliter-Turbodieseln: 127 PS (Motorkennung Z20DM) und 150 PS (Motorkennung Z20DMH). Die Angabe des Motortyps wäre zur Analyse eines Motorschadens etwas wichtiger als die der Ausstattungslinie des Fahrzeugs.
Auch Angaben wie “Cosworth Racing Engine” sind als Benennung eines Triebwerks nicht wirklich informativ, da Cosworth fast ausschliesslich Rennmotoren gebaut hat.
Fazit
Die Beurteilung von "Schadenanalyse von Verbrennungsmotoren" fällt daher etwas schwer. Soll man mein Buch für das Potential, das in ihm steckt, loben? Oder soll man es kritisieren, weil es dieses Potential nicht nutzt? Anton Bolzli hat dieses Buch von vorn bis hinten alleine erstellt und verlegt es auch selbst. Das alleine ist schon eine immense Leistung. Doch es wäre schade, sie nicht konsequent zu Ende zu führen. Wer schon mit dem Einstellen des Zündunterbrechers überfordert ist, wird sich ein solches Buch ohnehin nicht kaufen. Daher darf (oder soll?) ruhig noch mehr in die Tiefe gegangen werden. Ordentlich lektoriert und mit stark eingedampftem, dafür aber mit Analyse-Details angereichertem Anhang kann Bolzlis Buch zu einer Interessanten (Pflicht-)Lektüre für angehende Kfz-Mechatroniker werden, die nicht nur OBD2-Stecker anschliessen, sondern einen Motor tatsächlich verstehen wollen.
Bibliografische Angaben
- Titel: Schadenanalyse von Verbrennungsmotoren
- Autor: Anton Bolzli
- Sprache: Deutsch
- Verlag: Selbstverlag
- Auflage: 2. Auflage September 2021
- Format: Taschenbuch, 148 x 210 mm
- Umfang: 497 Seiten, ca. 600 Abbildungen
- ISBN: 978-3-033-08664-7
- Preis: CHF 120.00
- Kaufen/bestellen: IbB Ing.-Büro Anton Bolzli, via Email
























































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