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Mit dem Ford Modell T durch Amerika (Buchbesprechung)

Erstellt am 14. Juli 2019
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Covadonga Verlag (Repro Zwischengas) 
5
Covadonga Verlag 
1

Dies ist nicht das typische Automobilbuch, das von einer Automarke oder einem spezifischen Typ handelt und diese/diesen in allen Details erklärt. Es ist ein Reisebuch. Geschrieben von einem Amerikaner, der schon viele Jahre in London lebt und vom britischen Brexit erschüttert ist, aber noch viel mehr mit seinen Landsleuten hadert, die Donald Trump zu ihrem Präsidenten wählten.

Die automobile Herausforderung

Kurz nach diesem einschneidenden Entscheid macht sich dieser Tim Moore auf eine monatelange Reise quer durch Amerika, 10’000 Kilometer ausschliesslich durch Gebiete, die Trump zu ihrem Präsidenten erkoren. Moore will verstehen, wie diese Leute ticken.

Das Ford Model T Tourer von 1924 - Buch "T wie Trouble - Mit Fords Tin Lizzy durch Trumps Amerika"
Copyright / Fotograf: Covadonga Verlag (Repro Zwischengas)

Und als Auto hatte er das ur-amerikanischste Vehikel, das T-Modell von Ford, gewählt. Obwohl er keine Ahnung von Autos hatte und bereits das Fahren ihn vor völlig neue Herausforderungen setzt, wie die folgende Leseprobe zeigt:

“Zu lernen, wie man einen Ford Model T fährt, ist ein teuflischer, leidvoller und oft angsteinflößender Prozess, der ganz und gar im Widerspruch steht zur heiteren und geflissentlichen äußeren Erscheinung des Autos. Wenn Sie zum ersten Mal hinter dem Steuer eines T sitzen, nehmen Sie sich Zeit, um das vertraute Gefühl des runden Lenkrads vor Ihnen und dessen beruhigende traditionelle Beziehung zu der gewünschten Fahrtrichtung zu genießen. Ich spreche diese Empfehlung aus, weil alles andere, was Sie über das Steuern eines Kraftfahrzeugs gelernt haben – absolut alles – im Begriff ist, vor Ihren entsetzten und traurigen Augen in der Luft zerrissen, mit Füßen getreten und verbrannt zu werden.
Schauen Sie hinab auf Ihre Füße. Dort befinden sich drei Pedale, was auf ermutigende Weise dem Standard zu entsprechen scheint, jedoch trügerisch ist. Das rechte, das Sie ohne Zweifel als das Gaspedal kennengelernt haben, ist die Bremse. Das linke ist die Kupplung, aber freuen Sie sich nicht zu früh. Treten Sie es halb durch und der Wagen befindet sich im Leerlauf. Indem Sie das Pedal auf den Boden durchtreten, wählen Sie den ersten Gang; nehmen Sie den Fuß herunter, schalten Sie in den zweiten. Weitere Vorwärtsgänge gibt es nicht und auch keinen Schalthebel. Willkommen in der Welt von Henry Fords Planetengetriebe: »die automatische Schaltung, die Sie mit den Füßen fahren«.

Mittlerweile wird es Sie nicht überraschen zu erfahren, dass das mittlere Pedal, das als Bremse zu schätzen Sie gelernt haben, den Rückwärtsgang einlegt.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit nun, mit bereits vor Unbehagen zusammengekniffenen Arschbacken, auf den großen Dampfmaschinen-Hebel, der aus dem Boden aufragt und der sich intim an Ihrem linken Oberschenkel reibt. Sicher ist das eine Handbremse. Aber ja – ja, tatsächlich! Ein bisschen. Allerdings fungiert er gleichzeitig als eine Art behelfsmäßige Kupplung, die als schrullige Parodie ihres per Fuß bedienten Gegenstücks dient. Ganz nach vorne gedrückt aktiviert der Hebel den zweiten Gang. Mittig eingestellt ist der Leerlauf eingelegt, jedoch vermag der Wagen in dieser Position auch im ersten Gang oder rückwärts zu fahren. Den Hebel ganz nach hinten zu ziehen, behält den Leerlauf bei, betätigt die Bremse und treibt zwei angespitzte Bolzen durch das Lenkrad tief in Ihre Handflächen hinein. Es liefe zumindest auf das Gleiche hinaus. Ach ja, und der andere in den Boden eingelassene Hebel, derjenige, an dem Sie sich beim Einsteigen die Nüsse angeditscht haben? Nun, der bedient die Ruckstell-Zweigang-Hinterachse. Fragen Sie nicht, was es damit auf sich hat, ich habe auch keine Ahnung. Hier steht irgendwas von einer »Untersetzungsstufe«.

Nun denn, Sie glauben, es wäre an der Zeit für eine angsteinflößend chaotische Probefahrt? Immer langsam mit den Pferden. Sie wissen ja noch nicht mal, wo das Gaspedal ist. Und Sie werden es auch nicht finden. Sehen Sie die beiden stummeligen Eisenstängel, die beiderseits der Lenksäule hervorstehen, direkt hinter dem Lenkrad? Mit dem rechten geben Sie Gas. Kein Scherz: Sie drücken ihn hinunter, um zu beschleunigen. Und der linke? Dumme Frage, der korrigiert oder hemmt gegebenenfalls die Zündung. Jeder, der weiß, wie Autos funktionieren, wird genau wissen, was das bedeutet. Wäre schön, wenn einer käme und es mir erklären würde.”

Ein Reisebuch

Vordergründig ist “T wie Trouble”, der englische Originaltitel “Another fine Mess - Across Trumpland in a Ford Model T” war eigentlich treffender, ein Reisebuch, die Geschichte der 10’000-km-Fahrt. Moore trifft auf Hunderte von Leuten, unterhält sich mit ihnen, lernt ihr Verhalten und ihre Vorlieben kennen, führt mit ihnen Schiessübungen durch, isst mit ihnen (das sehr wichtige und sicherlich nicht vegane) Frühstück.

Der Autor beschreibt Landschaften und zitiert die unzähligen Tafeln und Werbebotschaften entlang der Strassen. Er nächtigt in Motels und Absteigen, bei denen ein weiterer Ölfleck am Boden kaum je für Unstimmigkeiten sorgt. Er leidet unter der Hitze und unter garstigen Wetterverhältnissen. Und er lässt den Leser daran teilhaben. Aber damit wären höchstens ein Drittel der Seiten gefüllt.

Verwobene Themen

Tim Moore hat vor und nach seiner Reise sicherlich viel recherchiert und gelesen, denn sein Reisebuch wirft gleichzeitig auch einen intensiven Blick auf das Leben und Werk von Henry Ford, der mit dem Ford Model T das erste Auto geschaffen hat, das es zum Millionen-Verkaufserfolg schaffte. Fast 15 Millionen dieser Wagen sind in 19 Jahren entstanden, der Preis wurde während dieser Zeit von 825 auf 360 amerikanische Dollar gesenkt. Das Model T ermöglichte die Mobilisierung der Massen. Und blieb sich seiner Grundkonstruktion und seiner Gestalt die ganze Zeit treu, ganz anders als spätere Produktionserfolge, die x-mal ihre Form und Technik änderten. Und Henry Ford hatte sich dieses Automobil ausgedacht und damit einen Weltkonzern aufgebaut. Dass auch dieser Unternehmer nicht ganz zweifelsfreie Entscheide in seinem Leben fällte und offen für Hitler sympathisierte, auch davon kann man bei Moore einiges erfahren.

Unterwegs, das Thermometer des T-Modells im Auge - Buch "T wie Trouble - Mit Fords Tin Lizzy durch Trumps Amerika"
Copyright / Fotograf: Covadonga Verlag (Repro Zwischengas)

Für die Vereinigten Staaten bedeutete das Model T den Beginn eines neuen Zeitalters. Die Industrialisierung wurde damit angeschoben, aber vor allem war dieser Ford das erste Automobil, das sich die Leute, die es mit ihren Händen bauten, auch selber kaufen konnten.

Tim Moore holt aber noch weiter aus, er erzählt, wie die amerikanischen Highways entstanden, wie  grosse Erdölvorkommen entdeckt und ausgebeutet wurden, wie das Automobil zur Verstädterung führte und wie diese Innenstädte später wieder vor sich hin zu gammeln begannen, als die vermögenderen Leute in die Aussenquartiere zogen. Und der Stadt Detroit widmet Moore ebenfalls viele Seiten, denn sie ist sicherlich typisch dafür, wie sich Amerika in den letzten 100 Jahren veränderte. An amerikanischen Fakten und Daten fehlt es dabei nicht, im Gegenteil. Und sie werden auch immer wieder sehr eindrucksvoll mit dem Rest der Welt verglichen. Lehrreich!

Besuch bei Waffenliebhabern - Buch "T wie Trouble - Mit Fords Tin Lizzy durch Trumps Amerika"
Copyright / Fotograf: Covadonga Verlag (Repro Zwischengas)

Schlussendlich weitet der Autor seine Perspektive auf die ganze amerikanische Kultur aus, vergisst auch die Indianer nicht und die Konflikte zwischen Weiss und Schwarz. Er zollt dem amerikanischen Unternehmertum Lob und zeigt sich über die Hilfsbereitschaft begeistert, die ihm überall begegnet, wo er mit seinem klapprigen Ford Model T ankommt.

Und Hilfe benötigt Moore jede Menge, schliesslich hat er praktisch zwei linke Hände und wenig Ahnung, wie man ein historisches Automobil am Leben erhält.

Das perfekte Ferien-Buch

Tim Moore versteht es zu unterhalten und zu fesseln. Trotz seiner immerhin 366 Seiten lässt einen das Buch kaum ruhen, man will einfach wissen, ob Tim es schafft im Westen an seinem Ziel anzukommen. Die Hindernisse sind beträchtlich und es ist nicht nur die Technik, die dem Reisenden zu schaffen machen. Natürlich verraten wir hier nicht, wie das Abenteuer ausgeht. Und wir sagen auch nicht, ob der Amerikaner Tim Moore seine Mit-Amerikaner am Schluss besser versteht.

Was wir aber gerne mitteilen, ist, dass man sich am Ende des Buchs sofort überlegt, ob man sich nicht auch andere Reisebücher aus Moores kreativem Schaffen zulegen sollte. Die Ford-T-Reise war ja nicht sein einziger besonderer Einfall, er ist auch schon mit dem Fahrrad die Tour de France nachgefahren und unternahm mit einem mickrigen Campingflitzer aus DDR-Produktion eine Reise entlang des kompletten “Eisernen Vorhangs” von der Arktischen See bis ans Rote Meer, nicht zu vergessen den Versuch, mit einem historischen Fahrrad den Giro d’Italia von 1914 nachzufahren.

Für die Ferienlektüre sind die Bücher übrigens auch als Kindle-Ausgaben erhältlich und damit etwas günstiger, vor allem aber wesentlich leichtgewichtiger.

Einband - Buch "T wie Trouble - Mit Fords Tin Lizzy durch Trumps Amerika"
Copyright / Fotograf: Covadonga Verlag (Repro Zwischengas)
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Bibliografische Angaben

  • Titel: T wie Trouble - Mit Fords Tin Lizzy durch Trumps Amerika
  • Autor:Tim Moore
  • Sprache: Deutsch
  • Verlag: Covadonga Verlag
  • Auflage: 1. Auflage Juni 2019
  • Format: Broschiert, 14,8 x 21 cm
  • Umfang: 366 Seiten, wenige Schwarzweiss-Fotos
  • ISBN: 978-3-95726-038-3
  • Preis: EUR 14.80
  • Kaufen/bestellen: Online bei amazon.de , online beim Covadonga Verlag oder im Radsportfachhandel

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ma******
22.07.2019 (23:36)
Antworten
Mutig, mutig, dieser TIM MOORE !
Ganz Amerika und der intelligente Teil Europas benennt das Model T auch
TIN LIZZIE...... das wäre die korrekte Bezeichnung !
LIZZY ???
LG Manfred Loy
4690 Schwanenstadt
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