Die Wiege des Automobils, so sehen es zumindest die Deutschen, liegt im Deutschen Kaiserreich. Carl Benz und Gottlieb Daimler haben unabhängig voneinander, Ende des 19. Jahrhunderts, das Automobil erfunden und mehr oder weniger salonfähig gemacht. Aus französischer Perspektive würde man hier sicher eine andere Lesart finden können. Aber es geht hier nicht um Haarspaltereien, sondern um die Anfänge der Automobilisierung in Deutschland bis 1920. Wobei die Bedeutung der Franzosen für das Automobil in diesem Buch durchaus seine Würdigung findet.
Fachkundiger Autor
Halwart Schrader zählt mit über 60 veröffentlichten Büchern im Automobilbereich zu den meistgelesenen Autoren im deutschsprachigen Raum. 1997 wurde er als vierter Deutscher in den "Guild of Motoring Writers" aufgenommen, eine internationale und höchst exklusive Automobil-Autoren-Vereinigung, der weltweit gerade einmal 500 Mitglieder angehören.
Schrader war ab 1972 Herausgeber der Automobil Chronik, der ersten deutschsprachigen Zeitschrift für Liebhaber historischer Motorfahrzeuge. Unbestritten ein Experte seiner Zunft, der hier mit 480 Seiten eine Übersicht der deutschen Automobile im untergegangenen Kaiserreich vorlegt.
Ein Blick zurück
Was bescheiden im Süddeutschen begann, zog bald viele in ihren Bann. Das Automobil lebte stets vom Versprechen der unabhängigen Mobilität. Freiheit, Abenteuer und eine gehörige Portion Mut gehörten in den Frühtagen des Automobils dazu, sich mit diesem auf den Weg zu machen. Tankstellen gab es nicht, man bezog den Brennstoff aus der Apotheke. Die Strassen, zwar befestigt aber nicht asphaltiert, teilte man mit Fuhrwerken und dem, was diese hinterliessen. Einen Haufen Mist und jede Menge Hufnägel. Kotflügel und mehrere Ersatzreifen sah man deshalb bald an den Pionierfahrzeugen. Die Technik steckte noch in den Kinderschuhen und der Verkauf war auf die Herrschaften von Stand ausgerichtet, die sich den motorisierten Kutschenbau leisten wollten und konnten. Das Automobil war ein Statussymbol, eine Freizeitangelegenheit.
Und trotzdem: In Deutschland gab es bis 1920 über 170 Automobilhersteller. Heute sind davon drei/vier verblieben: Audi, Mercedes, Opel (und Ford ab 1903).
Auf den Spuren der Geschichte
Die meisten der untergegangen Marken sind heute vergessen. Kein Wunder, haben zahllose Fahrzeuge als Zeitzeugen nicht einmal im Museum überlebt. Dieses Buch nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise durch die frühe Geschichte des Verkehrs.
Es widmet sich dabei nicht nur der Darstellung vertrauter Marken wie Audi, Daimler, Horch, Mercedes, Opel oder Wanderer, sondern auch den zahlreichen vergessenen Herstellern: Adler, Brennabor, Dürrkopp, Loreley, NAG, Scheibler oder Windhoff, um nur einige zu nennen. Die Liste ist lang und dazu zählen sowohl Produzenten, die schon damals eher in der Nische agierten aber auch Branchengrössen.
Geballte Kompetenz
Dieses Buch verschafft dem Leser eine Übersicht über 170 deutschen Automarken bzw. deren Hersteller, die sowohl Personen- als auch Lastwagen bis 1920 herstellten. Die einzelnen Automarken sind von A-Z geordnet und werden anhand von Text, vielen Bildern u. einem statistischen Teil dokumentiert.
Oft erhalten die grösseren und erfolgreicheren Marken mehr Platz, während den kleinen Herstellern aufgrund ihrer Bedeutung weniger Platz eingeräumt wird. Da schlägt nicht nur die Länge des Produktionszeitraums und der Absatz durch sondern wohl schlicht und einfach auch die Quellenlage. Bei den Lastwagen werden oft nur grössere Hersteller erwähnt, grundsätzlich spielen sie jedoch nur eine Nebenrolle in dieser Publikation.
Nachvollziehbarer Inhalt
Das Buch überzeugt durch seinen sinnvollen Aufbau: Am Anfang steht eine umfassende historische Einführung, dann folgen die Vorstellungen der Automarken und zum Schluss runden ein Glossar sowie eine Karte mit den Produktionsstandorten das umfassende Buch ab. Grosse Bilder und ein sauberes Layout erleichtern das Lesen und das Erfassen des Inhalts. Kein ästhetisch hochwertiges Buch, eben typisch Motorbuch, aber ein guter Eindruck bleibt trotzdem.
Verglichen mit statistischen Angaben aus anderen Publikationen geht der Autor schon im Vorwort mit dem Hinweis aus dem Weg, dass die Datenlage teils widersprüchlich oder aber in jüngster Zeit eben auch manchmal besser wurde. Ältere Leser werden sich an andere Bücher mit selbem Titel aus selben Verlag erinnern. Nicht zu Unrecht spricht der Verlag hier von einer ersten Auflage, weil sich das Buch in umfassender Weise auch aufgrund seiner ausführlichen Texte und Bezüge wohltuend von den spröden Kompendien der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts oder jüngerer Titel abhebt.
Das Gute zum Schluss
Diese opulente Dokumentation einer längst vergangenen Ära bildet eine wunderbare Ergänzung zur Reihe „der Autos aus Deutschland“, die beim Motorbuchverlag eine lange Tradition hat. Dem Autor gelingt ein umfassender Überblick über Marken und Typen von den Anfängen bis zum Beginn der Weimarer Republik. Hinzu kommt ein lebendiger Eindruck aus der Ära der Automobilpionierzeit mit längst vergessenen Modellen, Charaktären. Techniker oder Exoten leben wieder auf. Kein wirklicher Prachtband, aber eine verlässliche Chronik zur deutschen Automobilgeschichte und ihren Anfängen mit fein geschriebenem Text, zahlreichen Anmerkungen, umfassenden Datensätzen und über 700 Bildern für € 49,90 sollten spätestens jetzt jeden Enthusiasten mit Pioniergeist überzeugen.
Bibliografische Angaben
- Titel: Deutsche Autos 1885 - 1920
- Autor: Halwart Schrader
- Sprache: Deutsch
- Verlag: Motorbuch
- Auflage: 1. Auflage August 2020
- Format: 265 x 230 mm, gebunden
- Umfang: 480 Seiten, 800 Abbildungen & Illustrationen, zahlreiche Tabellen
- ISBN: 978-3-613-04313-8
- Preis: EUR 49,90
- Kaufen/bestellen: Online bei amazon.de , online beim Motorbuch-Verlag oder in der guten Buchhandlung










































































































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