"Raritäten" sind auf die absolute Menge gesehen eher seltene Gegenstände. Und was selten ist und begehrt wird, ist in der Regel auch wertvoll. Wie wertvoll die Raritäten in der Geschichte von Audi sind, wird im Buch "Audi Raritäten" von Erik Eckermann nicht beantwortet, dafür jedoch jede Menge Unbekanntes chronologisch vorgestellt. "Prototypen und Autos, die nie in Serie gingen", lautet der Untertitel und verheisst spannende Entdeckungen.
Es beginnt mit einer Rarität
Das Buch geht sinnvollerweise chronologisch vor, Da verwundert es nicht, dass die ersten Modelle der Audi Werke GmbH, im Jahr 1909 von August Horch im sächsischen Zwickau gegründet, selten sind. Es liegt in der Natur der Sache. Automobile waren Luxusgüter. Mehr als 100 Automobilfirmen allein in Deutschland widmeten sich dem Fahrzeugbau und sprachen reiche Kreise der Oberschicht mit dem Automobil an. Hersteller lieferten zumeist nur die Fahrgestelle mit Motor und Antrieb, die Karosserie entstand dann bei einem vom Kunden ausgewählten Karosseriebauer, der den Wagen mit dem gewünschten Aufbau versah. Der erste im Buch erwähnte Audi ist ein Doppel-Phaeton von 1911 mit einem von der Firma Golde versehenen zweiten Windschutzscheibe für die Passagiere im Heck.
Die Geschichte der Geschichte
Der Autor teilt die etwas über hundertjährige Audi-Geschichte in vier Kapitel ein. In diesen erzählt er den unternehmerischen Weg von Audi von der Gründung über die Integration in den Auto-Union-Konzernverbund, die Wiederauferstehung der Marke nach dem Zweiten Weltkrieg und die Zeit ab 1991, als Audi sich im Volkswagen-Konzern verstärkt um das eigene Marketing kümmert. Die Kapitel ordnen den Unternehmensweg jeweils im zeithistorischen Kontext ein. Deutlicher lassen sich daraus strategische Ziele und Entscheidungen des Unternehmens aufs Buchthema deutlicher werden. Im Anschluss erfolgt die Vorstellung der Fahrzeugmodelle.
Das Problem
Prototypen und Sonderkarosserien teilen ein Schicksal, selten sind sie ausführlich dokumentiert. Und je weiter man in der Geschichte zurück blickt, umso schwieriger wird es, die Daten zu erhalten. Während das Bildmaterial noch vorhanden scheint, fehlen meist wesentliche Fakten zu den Fahrzeugen. Umso anerkennenswerter ist die Herkules-Aufgabe, die Eckermann hier erfüllt hat.
Neben seinen eigenen Recherchen griff er auf die Expertise aus der Szene zurück und liess sich dort mit teilweise über Jahrzehnte angesammelten Erkenntnissen versorgen und diese ins Buch einfliessen. Ein nicht geringer Teil, wenn auch eher der jüngeren seit ca. 1991 zuzuordnenden Audi-Geschichte befasst sich mit den Studien aus dem Audi-Design. Ein Drittel des Buches befasst sich allein mit den letzten 25 Jahren der Audi-Unternehmensgeschichte.
Spannung blitzt auf
Gut dokumentiert der Autor die 20er- und 30er-Jahre, besonders die Audi-Raritäten aus der Zeit der sächsischen Auto-Union sowie die Sonderkarosserien aus den 60er- und 70er-Jahren sind breit dargestellt, Hier liegt auch der Reiz des Buches. Während es in den beiden Jahrzehnten vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs unzählige Gründe für eine Sonderkarosserie gab, blühen nach dem Krieg die Entwicklungen der unabhängigen Designstudios auf, die sich mit Entwürfen auf der Basis von Serienmodellen ins Gespräch bringen wollen. Zu diesen Dekaden stellt der Autor diverse Prototypen vor, die in Sachsen oder Bayern entstanden sind.
Die Zeiten ändern sich
Nach dem Zweiten Weltkrieg gehen allerdings zwei Dinge miteinander einher, die den Wandel einläuten. Die selbsttragende Karosserie setzt sich durch und die Autohersteller übernehmen langsam aber sicher selbst die Herstellung und den Vertrieb von Derivaten auf Basismodellen. Damit ist der sichere Niedergang einer Zulieferindustrie im Karosseriebau besiegelt, der vorläufig langsam dann aber verstärkt einsetzt und bis heute anhält. Diese Talfahrt lässt sich auch im Buch nachvollziehen.
Die Raritäten der Sechziger- und Siebzigerjahre stammen alle von unabhängigen Karosseriebauern, ab den Achtzigerjjahren verändert sich das Verhältnis zugunsten des Unternehmens, um dann ab den 90er-Jahren ganz vom Werk übernommen zu werden. Die Hochzeit der Designstudien beginnt und Audi liefert seit 1991 pro Jahr mindestens eine Studie, in manchen Jahren sind es sogar bis zu fünf.
Ein Buch zum Nachschlagen
"Audi Raritäten" erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es ist eher eine Sammlung von verschiedenen Rechercheergebnissen, seitens des Autors und anderer Audi-Maniacs, die sich mit der Audi-Geschichte beschäftigen.
So gesehen ist es recht umfassend und bietet einen famosen Überblick über die "Prototypen und Autos, die nie in Serie gingen" und die mit dem Namen Audi in Zusammenhang gebracht werden können. Der Autor schliesst dabei konsequent die Schwestermarken DKW, Horch, Wanderer und NSU aus. Wenn er trotzdem auf die Sondermodelle dieser Marken eingeht, dann in der Regel, weil es einen Bezug zum Kernthema des Buches darstellt. Natürlich sind die Erkenntnisse zu einzelnen Modellen nicht immer zufriedenstellend. Wo es keine Unterlagen mehr gibt, kann man Fakten nur spekulativ beitragen oder muss einfach passen.
Fazit
In der über hundertjährigen Geschichte von Audi sind zahlreiche Prototypen, Sondermodelle und Studien entstanden, die zu einem grossen Teil in diesem Buch vorgestellt werden. Chronologisch werden diese Fahrzeuge in die Geschichte des Automobilherstellers Audi einbezogen und wo möglich in den Kontext zu Auftraggebern, Herstellern oder Fertigungsanlässen eingeordnet. Interessant ist das beigetragene Bildmaterial, dem bedauerlicherweise im Layout nicht Rechnung getragen wird. Bildnummerierungen in den Bildern, Bildgrössen im Streichholzschachtelformat, hier wäre mehr wirklich mehr gewesen.
Ein Drittel des Buches widmet sich den Studien. die das Audi-Design in den letzten 25 Jahren hervorgebracht hat. Das Werk eignet sich hervorragend als Nachschlagewerk in der Audi-Geschichte, dem Kenner bietet es nur am Rande wirklich Neues. Das Bildmaterial wird eher weniger liebevoll dargeboten. Dabei hätten Raritäten doch eigentlich einen sorgfältigeren Umgang verdient. Den Fan wird’s nicht stören, den Ästheten schon.
Bibliografische Angaben
- Titel: Audi Raritäten
- Autor: Erik Eckermann
- Verlag: GeraMond, 1. Auflage 2015
- Format: 227 x 274 mm, Hardcover gebunden im, 168 Seiten, ca. 200 Abbildungen, davon viele s/w
- Preis: € 34,99, € 36,00 (A); CHF 46,90 (CH)
- ISBN: 978-3-86245-716-8
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