HWM Alta Jaguar – vom Formel-2-Rennen auf die Strasse

Erstellt am 15. März 2021
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Silverstone Auctions 
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Archiv 
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Vor 70 Jahren war selbst der Formel-Rennsport noch deutlich näher am Strassenfahrzeug als selbst Tourenwagen oder Le-Mans-Prototypen heute. Um damals erfolgreich zu sein am Rennwochenende, benötigte man keine 50 oder 100 Leute und einen Windkanal, sondern enthusiastische Rennfahrer und einen fähigen Konstrukteur, der gerne auch noch als Mechaniker mitarbeiten durfte.

Drei dieser Rennsport-Fanatiker hiessen George Abecassis, John Heath und Alf Francis und zusammen bauten sie das erste britische Nachkriegsrennteam auf, das auch hierzulande wirklich wahrgenommen wurde. Das Team hiess HWM, was für “Hersham and Walton Motors” stand und auch auf den Ort hinwies, wo die Rennwagen entwickelt wurden.

“Bits and pieces”

Wie damals üblich, begann man nicht mit einem weissen Stück Papier, sondern verwendete Teile, derer man gerade habhaft werden konnte. Im Falle von HWM kam der Zweiliter-Vierzylindermotor von Alta, das Getriebe von ENV, Aufhängungsteile von Standard und die Lenkung von Citroën. Dies wurde alles in ein Chassis mit mit zwei robusten Längsträgern eingesetzt und mit einer strömungsgünstigen Karosserie, die in ihrer Form an ein Zigarrenetui erinnerte, eingekleidet.


HWM Alta Jaguar (1950) - Signalanlage für den Strasseneinsatz
Copyright / Fotograf: Silverstone Auctions

Weil man den Wagen auch in Sportwagenrennen einzusetzen gedachte, wurde er als Zweisitzer konstruiert. Eigentlich wollte die Truppe in Le Mans antreten, aber als man erfuhr, dass es nur Preisgeld (und kein Startgeld) geben würde, verzichteten die Briten auf den Start und demontierten die Kotflügel.

Vier Autos gebaut für die Saison 1950

Das kleine Team schweisste vier Rennwagen zusammen, einer davon war eigentlich der Prototyp, die anderen sozusagen die Serienautos, ein zusätzliches Chassis soll zumindest angedacht worden sein. Ein Wagen (FB 103) wurde an einen Privatfahrer verkauft, die übrigen drei blieben als Werksautos bei HWM.


HWM Alta F2 (1950) - bei Hamburger Stadtparkrennen
Zwischengas Archiv

Der erste Einsatz war am Osterwochenende in Goodwood, es folgten viele weiter. Alleine in der Saison 1950 nahm das HWM Team an neunzehn Rennveranstaltungen teil.

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Der Einsatz am Grand Prix von Bern

Für den Grossen Preis der Formel 2 von Bern, der am Sonntagmorgen des 4. Juni 1950 stattfand, waren drei Werks-HWM gemeldet. Weil Moss nicht fahren konnte, durfte der Zürcher Rudolf Fischer das Volant übernehmen und seine erstes Stelldichein im HWM konnte nur überzeugen.

Rudolf Fischers Wagen am Grand Prix von Bern

Mit einer Trainingszeit von 3:08.6 stellte der den HWM 2000 auf den achten Startplatz, Trainingsschnellster war Raymond Sommer, der mit einer Zeit von 2:54,6 in einer eigenen Liga fuhr, dahinter folgten Trintignant im Simca-Gordini und Hans Stuck im AFM.

Um 11:30 war der Start, die Automobil Revue berichtete detailreich: “Wie sich die Flagge mit dem weissen Kreuz im roten Feld senkt, erlebt man alles andere denn einen klassisch schönen Grand-Prix-Start. Vorne ist es zwar ausserordentlich eindrucksvoll, wie Stuck auf AMF eine seiner Spezialitäten serviert, indem er sich mit einem mächtigen Satz vor das Feld hinpflanzt und den Rücken der Zuschauen, in Abstand von Trintignants blauem Simca und Sommers rotem Ferrari gefolgt, in Richtung Kiesgruppe entschwindet …”.


HWM Alta F2 (1950) - der Zürcher Fischer wurde ehrenvoller Sechster
Archiv Automobil Revue

Drei der zwanzig Startenden kamen nur verzögert weg, einer blieb komplett stehen. Stuck legt eine horrende Startrunde mit 3:07,7 hin, hinter im folgen Sommer und die Simca-Gordini-Meute, Fischer rutscht in der Folge auf den zehnten Platz zurück. Im Laufe des Rennens lichtet sich das Feld, nur Sommer kann nach technischen Problemen am AFM an der Spitze immer schnellere Runden drehen. Er geht dann auch als Sieger durchs Ziel, während sich Rudolf Fischer auf dem sechsten Platz mit einer Runde Rückstand abwinken lässt, immerhin noch eine Runde mehr als seine Teamkollegen Heath und Abecassis.

Viele Einsätze

Auch in Deutschland sind die HWM am Start, so etwas am Bergrennen Freiburg-Schauinsland oder beim Hamburger Stadtparkrennen.


HWM Alta F2 (1950) - beim Grossen Preis von Genf, hinter dem Simca-Gordini von Trintignant
Archiv Automobil Revue

Am 30. Juli 1950 starten die HWM beim Grossen Preis von Genf, der für Formel-2-Wagen reserviert war. Lance Macklin kann sich als einziger nach 180 km klassieren, er landet mit dem HWM 2000 auf Platz 6. Sieger ist diesmal Trintignant auf dem Simca-Gordini.

Weitere Einsätze, u.a. beim Gran Premio de Bari (Platz 3 von Stirling Moss) oder in Castle Combe folgten, viele gute Platzierungen und ein Sieg wurden errungen.

Die abwechslungsreiche Geschichte des ersten HWM 2000

Der erstgebaute HWM 2000 wurde in der Saison wechselweise von Stirling Moss, John Heath, Lance Macklin, George Abecassis und Rudolf Fischer gefahren, an 15 Anlässen war er im Einsatz.

Nach der Saison wurde der Zweisitzer an Oscar Moore verkauft, um Geld für die Saison 1951 zu generieren.


HWM Alta Jaguar (1950) - drei SU-Vergaser zeugen vom XK120-Motor
Copyright / Fotograf: Silverstone Auctions

Moore setzte den Wagen in weiteren Rennen ein und registrierte ihn mit dem Kennzeichen XMC 34 sogar für die Nutzung auf öffentlichen Strassen. Ja, das ging damals noch. Anstatt des Alta-Vierzylinders liess Moore den Jaguar-Reihensechszylinder aus einem XK120 einbauen. Um die Leistung zu steigern liess der den Motor auf 3781 cm3 aufbohren, eine Modifikation, die es bei Jaguar selber erst später gab.


HWM Alta Jaguar (1950) - der Jaguar-Reihensechszylinder mit zwei obenliegenden Nockenwellen
Copyright / Fotograf: Silverstone Auctions

So wurde aus dem HWM Alta ein HWM Jaguar, notabene der erste HWM Jaguar. Der Wagen war äusserst agil und es gelang offenbar, von Zeit zu Zeit sogar einen Jaguar C-Type damit zu schlagen, wenn die Strassen eng und kurvig waren.

Moore verkaufte schliesslich an den Autohändler Gerry Scali, später trat Danny Margulies als Besitzer auf. Es folgte Terry Grainger, der den Wagen bis heute in seiner Garage hatte. Irgendwann war eine neue Karosserie fällig und auch die Farbe wechselte.

Einmaliger Zeitzeuge

Jetzt steht der HWM 2000 von 1950 zum Verkauf. Angeboten wird er via Silverstone Auctions am Samstag 27. März 2021 anlässlich der Race Retro Online Versteigerung als  Lot 205. Der Schätzpreis lautet £ 500’000 bis 575’000. Ob die Bieter die Bedeutung des Wagens ähnlich sehen wie das Auktionshaus, wird man dann sehen.


HWM Alta Jaguar (1950) - Blick ins Cockpit
Copyright / Fotograf: Silverstone Auctions

Wäre es nicht schön, wenn der HWM wieder auf die Konfiguration von 1950 zurückgebaut würde, mit Alta-Vierzylindermotor und einer hellgrün-metallischen Karosserie ohne Kotflügel, genauso wie ihn Rudolf Fischer und Stirling Moss fuhren?


HWM Alta F2 (1950) - beim Grossen Bergpreis Freiburg-Schauinsland
Zwischengas Archiv

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