Eine ziemlich aufregende PR-Tour mit Formel-1-Weltmeister Emerson Fittipaldi

Erstellt im Jahr 2008
, Leselänge 16min
Text:
Rainer Braun
Fotos:
Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun 
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Dieser Bericht stammt aus dem 2. Band der beliebten Buchreihe “Hallo Fahrerlager“ von Rainer Braun aus dem Jahr 2008.

Anfang November 1972 steht fest: Die Leser der in Köln erscheinenden „Auto Zeitung“ haben Formel 1-Weltmeister Emerson Fittipaldi mit großem Vorsprung zum „Rennfahrer des Jahres“ gewählt.


Emerson Fittipaldi mit Manager Domingos Piedade
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Als Sportchef des Blatts rufe ich als erstes seinen Deutschland-Manager Domingos Piedade an, der glücklicherweise auch in Köln lebt, aussieht wie der damalige saudische Ölminister Scheich Ahmed Jamani, und mit mir öfter mal in der Domstadt um die Häuser zieht.

Angesichts des erfreulichen Wahlausgangs frage ich hoffnungsfroh an, ob wir denn seinen Schützling zur Siegerehrung im Rahmen des Kölner Sportpressefestes erwarten dürfen. „Wenn sich ein paar lukrative Auftritte für ihn arrangieren lassen“, antwortet der geschäftstüchtige Portugiese, „sehe ich kein Problem. Dann könnt ihr ihn sogar kostenlos haben.“

PR-Programm in kurzer Zeit aufgesetzt

Bis zum Ehrungstermin am 2. Dezember bleiben gerade mal drei Wochen, um eine einträgliche Tournee für die drei Tage zusammenzustellen. Domingos und ich wirbeln um die Wette und am Ende steht ein strammes Programm für den Brasilianer fest.

Die Sache rechnet sich so gut, dass wir „Fitti“ für unseren Ehrungstermin tatsächlich umsonst kriegen. Freund Domingos bittet mich, die PR-Tour mit ihm zusammen zu begleiten und kündigt die Landung seines Lotus-Stars für den 30. November auf dem Kölner Airport an. Sicherheitshalber frage ich beim Manager noch mal nach, ob wir „Emmo“ die enge Programmabfolge wirklich zumuten können. Er hat keine Bedenken.

Was ich mit den beiden dann in den drei Tagen so alles erlebt habe, ist im nachfolgenden Original-Protokoll von damals detailliert notiert. Beim Durchlesen der Drei-Tage-Rallye habe ich mich gefragt, was ein Formel 1-Weltmeister der Neuzeit wohl mit uns machen würde, wenn wir ihn durch so einen Termin-Marathon getrieben hätten …

Capri nein, Granada ja

Weil Fittipaldi mit einem Ford V8-Motor in seinem Lotus Weltmeister geworden ist, wünscht Ford PR-Chef Klaus-Dieter Banzhaf die Abholung des Superstars in einer standesgemäßen Limousine. Mein schwarzer Capri RS soll’s bitte nicht sein, „der ist zu hart, zu eng und zu unbequem“, sagt Banzhaf.

Mir wird ein schwarzer Ford Granada in Luxusausstattung aus der Vorstands-Flotte zugewiesen, den ich 29. November 1972 beim Ford-Hochhaus in Köln gegen meinen Capri tausche. Am vorderen linken und rechten Kotflügel, am Heck und am Armaturenbrett hat der aufmerksame Wagenmeister des Ford-Fuhrparks kleine brasilianische Flaggen-Kleber anbringen lassen.

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Die lange Presse-Nacht im „El Gaucho“ am 30. November 1972

20.35 Uhr: „Emmo“ landet mit LH-Flug 059 aus Frankfurt in Köln, Abflug 16 Stunden vorher in Sao Paulo. Gut gelaunt, mit Handköfferchen, grüner Samthose und blauem Pullover, passiert er den Zoll. Die Prozedur zieht sich hin, alle Zöllner strömen zusammen und wollen Autogramme. Emerson erfüllt lächelnd alle Wünsche.

21.05 Uhr: Wir steigen in den Granada ein – Emmo hat keine Lust, selbst zu fahren. Für die 20 Minuten-Strecke vom Flughafen zum „Esso Motor Hotel“ in der Dürener Strasse klemmt sich Domingos hinters Steuer.

Nach dem Einchecken legt er seinem Schützling den Zeitplan für die nächsten drei Tage vor. Emmo wird bleich und stöhnt: „Wahnsinn, da bleibt ja überhaupt keine Zeit mehr zum Einkaufen.“ Domingos sagt ungerührt: „Da musst du durch, mein Lieber, Rainer und ich werden dir dabei helfen.“

21.40 Uhr: Ankunft im „El Gaucho“ am Barbarossaplatz. Ford hat für 21.30 Uhr zum Abendessen in das für seine südamerikanischen Spezialitäten berühmte Kölner Steakhaus geladen. Die Tischrunde wartet schon: Neben den Gastgebern aus der Ford-Presseabteilung und der „Auto Zeitung“-Führungsriege sind auch die Capri RS-Piloten Piloten Rolf Stommelen, Jochen Mass, Dieter Glemser und Sportchef Mike Kranefuss da. Dazu vom Kölner Boulevardblatt „Express“ Lifestyle-Reporter Heinz Horrmann und Fotograf Karl Lambertin und vom „Kölner Stadtanzeiger“ Sportchef Jupp Müller. Ein WDR-Kamerateam liegt im Hintergrund auf der Lauer.


Jung-Rennfahrer Harald Grohs mit F1-Champion Emerson Fittipaldi beim Fototermin
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

In der Mitte des großen Tischs steht die brasilianische Flagge, die Besitzer Don Pepe und Don Carlos haben eine portugiesisch-brasilianische Speisefolge vorbereitet und singen für den Ehrengast zur Gitarre.

Alle essen, nur der Weltmeister kommt nicht dazu. Statt sich mit der Vorspeise zu beschäftigen, lässt er geduldig Interviews, Foto-Shootings und zwischendurch noch Autogrammwünsche der übrigen Lokalbesucher über sich ergehen. Erst als Domingos energisch interveniert, endet der Belagerungszustand. Fitti kann endlich damit beginnen, in Ruhe zu speisen. Als er den ersten Bissen in den Mund schiebt, ist es kurz vor Mitternacht. Da sind Stommelen und Co. schon längst beim Dessert.

02.10 Uhr: Wir liefern unseren Gast im Hotel ab. Vor dem Haupteingang warten ein paar Unentwegte, um sich Alben und Fotos signieren zu lassen. Emmo nimmt sich auch dafür noch Zeit, bevor ihn Domingos mit sanfter Gewalt durch die Hotel-Lobby in den Aufzug schiebt.

Krönung beim Sportpressefest am 1. Dezember 1972

08.30 Uhr: Gemeinsames Frühstück im Hotel. Domingos drängt zum Aufbruch, denn unser Weltmeister hat um eine glatte Stunde verpennt. Doch alle Ermahnungen helfen nicht - Fitti frühstückt seelenruhig weiter. Seine Einstellung zur Pünktlichkeit ist sehr individuell. „Grundsätzlich hält er alle seine Termine ein“, erläutert Domingos resignierend, „aber er erwartet von seinen Gastgebern eine gewisse Flexibilität.“

9.45 Uhr: Start zum ersten Tagestermin in Süchteln bei Mönchengladbach. Dort wird der Weltmeister um 9.30 Uhr zur Autogrammstunde bei der Garagentor-Firma Fuhr erwartet. Fahrzeit etwa 40 Minuten - die Verspätung ist absehbar. Ein Stau verzögert die Ankunft noch weiter, schließlich wird es halb elf, bis die Firmenchefs ihren hohen Gast begrüßen können. Dann das übliche Prozedere: Autogramme, Hände schütteln, Fotos.

11.50 Uhr: Rückfahrt nach Köln, Domingos stehen Schweißperlen auf der Stirn, er drängelt, überholt links, rechts oder auch mal über den Standstreifen. Um 11.30 Uhr wird Fitti im Sendezentrum der Deutschen Welle zum Pressetermin erwartet, um zwanzig Minuten vor eins trifft er dort ein. Begrüßung durch die Chefredakteure, Interviews in englisch und portugiesisch für die Übersee-Programme, Autogramme für verzückte Sekretärinnen.

Spaghetti statt 5-Gänge Menü

14.00 Uhr: Der Zeitplan droht komplett aus den Fugen zu geraten, es fehlen schon über zwei Stunden. Kurzerhand lässt Domingos das vorgesehene 5-Gänge-Menü beim Edel-Italiener „Bella Napoli“ auf einen Teller Spaghetti mit grünem Salat reduzieren. Verweildauer: 20 Minuten, jetzt sind wir fast wieder in time.

Danach geht’s sofort zur Inneren Kanalstraße ins Rüger-Hochhaus, wo die Redaktionsleitung der „Auto Zeitung“ einen Cocktail-Empfang für den Gewinner der Wahlaktion „Rennfahrer des Jahres“ angesetzt hat. Erneut großer Aufmarsch der lokalen Presse, Hausfotograf Wolfgang Drehsen verknipst ein Dutzend Filme, Besichtigung der Redaktionsräume, Small-Talk mit den Chefredakteuren Reinke und Stockmar.

Chaos an der Tankstelle

17.00 Uhr: Autogrammstunde in der Texaco-Tankstelle an der Aachener Strasse. Ausnahmsweise sind wir pünktlich, eine größere Menschenmenge wartet schon ungeduldig. Der erste Eindruck ist chaotisch, Domingos nimmt sich erst mal den Pächter vor, der so gut wie nichts organisiert hat. „Ich bin unschuldig“, beteuert der überforderte Tankstellenmann, „da sollten Leute von der deutschen Texaco-Niederlassung kommen und Vorbereitungen treffen.“

Es gibt weder Tisch noch Stuhl, keine Poster, kein Ordnungspersonal. Dann läuft ein atemloser Herr Krengel von Texaco-Deutschland ein und breitet Poster mit Fittis WM-Lotus aus und redet unablässig auf den Champion ein. „Who is this grazy guy?“, will Emmo von Domingos wissen. Der kämpft derweil an allen Fronten, sorgt für Ordnung, weist allzu aufdringliche Fans zurecht und will beim Pächter sicherheitshalber schon mal das vereinbarte Honorar von 4000 Mark kassieren. Davon will der Tankstellen-Eigner überhaupt nichts wissen, angeblich sei Texaco für die Honorierung zuständig.


Emerson Fittipaldi abolviert geduldig seine zahlreichen Autogrammstunden
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Herr Krengel zuckt mit den Schultern. Domingos telefoniert mit John Goossens in Brüssel - der oberste Texaco-Sportchef garantiert die Bezahlung. Mit den Worten „mich friert furchtbar, ich brauche unbedingt etwas Warmes zum Anziehen“ beendet der Meister leicht angefressen die Sitzung vorzeitig. Wir fahren zum Neumarkt, wo sich Fitti in „Daniels Men Shop“ am Neumarkt im Schnelldurchgang einen Mantel aussucht. Domingos zahlt 290 Mark, Promi-Rabatt inklusive.

19.10 Uhr: Ankunft im Hotel, Umziehen und schick machen fürs Sportpressefest in der Kölner Sporthalle. Heller Anzug, schwarzes Hemd, gestreifte Krawatte. Fürs Abendessen bleibt wieder keine Zeit, im Stehen schlingt er ein Schinkenbrot herunter. Diesmal haben die wartenden Fans Pech, im Stechschritt eilt Emmo zum Auto.

Minutenlanger Applaus

20.15 Uhr: Mit leichter Verspätung treffen wir vor der Sporthalle ein, wo ein Sonderparkplatz für uns reserviert ist. Über 6000 begeisterte Zuschauer empfangen den Weltmeister mit minutenlangem Applaus. ARD-Moderator Werner Zimmer ruft alsbald zum Programmpunkt „Ehrung Rennfahrer des Jahres“ auf, die Auto-Zeitung-Chefs Reinke und Stockmar überreichen die Trophäe. Zusätzlich wird Jochen Mass für den Sieg in der nationalen Abstimmung geehrt.

Als Überraschung wird Fittis WM-Lotus in die Halle geschoben – Harald Grohs und ein Kumpel haben das Auto mal eben schnell von der Essener Motor Show bei Wolfgang Schöller ausgeliehen und im Schneetreiben nach Köln transportiert. Gleich nach der Ehrung wird der Lotus wieder verladen und über die eisglatte Autobahn zurückgebracht.

Während der offiziellen Programm-Pause stürzt sich das Publikum auf den Formel 1-Star, er muss Autogramme schreiben, bis ihm die Finger wehtun. Die anschließende Party für geladene Gäste steht er auch noch tapfer durch, bevor er um halb zwei hundemüde ins Bett sinkt.

Zum Finale am 2. Dezember 1972 ins Sportstudio des ZDF

09.30 Uhr: Abholtermin für die Fahrt nach Essen, wo Emmo die 5. Essener Motor Show eröffnen soll. Er sitzt noch beim Frühstück, weil er natürlich wieder verschlafen hat. Seit fünf Uhr früh wartet ein 14jähriger Schüler in der Hotelhalle. Per Anhalter ist er von Bonn gekommen, um den Weltmeister zu sehen. Trotz Zeitdruck hat Emmo für den Buben fünf Minuten übrig. Als wir endlich rollen, ist es kurz vor zehn. In rekordverdächtigen 35 Minuten düsen wir nach Essen.

Eröffnung der Essen Motor Show

10.45 Uhr: Mit deftiger Verspätung betritt der Eröffnungsgast den Festsaal der Messe Essen. Die offiziellen Reden von Oberbürgermeister Horst Katzor, Messe-Direktor Günther Claaßen und weiteren Vertretern aus Sport und Industrie sind schon vorbei. Emmo ist hocherfreut: „Da komme ich ja genau im richtigen Moment.“ In Englisch spricht er ein paar freundliche Worte und erklärt die Ausstellung für eröffnet.


Emerson Fittipaldi eröffnet mit Giacomo Agostini die Motor Show Essen 1972 (auch auf dem Bild Wolfgang Schöller und Rols Stommelen, sowie Nina Rindt und Horst Katzor)
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Danach geht’s mit Nina Rindt, Motorrad-Weltmeister Giacomo Agostini, Rolf Stommelen, Organisator Wolfgang Schöller und OB Katzor zum obligatorischen Hallenrundgang. Eine halbe Hundertschaft Journalisten, Fotografen und Kameraleute bedrängen die Gruppe. Am JPS-Lotus angelangt, wird das Gedränge um den Formel 1-Weltmeister beängstigend. Zehn Minuten Blitzlicht-Dauerfeuer, Interviews, Autogramme. Gage für den turbulenten Auftritt: 4000 Mark.

12.30 Uhr: Weiterfahrt nach Düsseldorf, Mittagessen im italienischen Spezialitäten-Restaurant „Riccione“. Endlich mal ein Essen in Ruhe und ohne Hektik.

Bargeld oder Abreise

14.00 Uhr: Autogrammstunde im Düsseldorfer Lamborghini-Salon von Ex-Rennfahrer Hubert Hahne. Bevor Domingos seinen Mann zum Schreiben von der Leine lässt, will er die vereinbarte Gage von 4000 Mark einkassieren. Hahne möchte aber lieber überweisen. Domingos stellt ihn vor die Alternative: „Bargeld oder Abreise“. Hahne bietet einen Scheck an. Domingos bleibt hart und wiederholt seine Forderung. Bis das Problem geklärt und die Scheine beigeschafft sind, telefoniert Fitti aus einem Hahne-Büro mit Ehefrau Maria-Helena in Brasilien. Dann schreibt er eine knappe Stunde, fertigt an die 1000 Fans ab und reibt sich anschließend wieder neues Leben in die steifen Finger.

Fans im Supermarkt

15.00 Uhr: Weiterreise nach Leverkusen zur Autogrammstunde im „City-Supermarkt“. Dort laufen wir mit 40 Minuten Verspätung ein und finden ein gigantisches Chaos vor. Der Supermarkt ist schwarz vor Menschen, ein Riesengedränge. Kaum hat „Emmo“ seinen Platz zum Schreiben bezogen, wird er schon samt Tisch und Stuhl an die Wand gedrückt.

Angesichts der eskalierenden Situation springt Domingos auf den Tisch und droht mit Abbruch der Autogrammsitzung. Der Markt-Chef ist entsetzt und verspricht sofort Abhilfe. Hilfskräfte eilen herbei und sorgen so gut es eben geht für einigermaßen geordnete Verhältnisse. Doch die Lage bleibt chaotisch, die Leute drängeln und schreien hysterisch. Wir sind froh, als die Stunde endlich rum ist, schnell noch 4000 Mark Honorar kassieren und nix wie weg.

16.00 Uhr: Weiterfahrt nach Wiesbaden, wo Emmo als Gast im ZDF-Sportstudio erwartet wird. Nach 90 Minuten fahren wir am Studio „Unter den Eichen“ vor, es folgt ein Vorgespräch mit Moderator Arnim Basche „Und bitte keine Werbung am Mann“, schickt Kurt Meinicke als Leiter der Sendung noch händeringend hinterher. Was auf dem Lotus während der Saison drauf war, darf auch drauf bleiben. Zusatzkleber nur für diese Sendung sind strikt verboten. Es ist eine kritische Zeit in Sachen Sport und Werbung, zu diesem Thema hat es bei anderen Gelegenheiten schon so manchen Eklat im Vorlauf zum Sportstudio gegeben.

Im ZDF-Casino essen wir mit Fitti in Ruhe, Störungen gibt es kaum – hier ist man an die Anwesenheit von Sport-Stars gewöhnt. Eine Aufnahme-Assistentin bringt die Einheitsgage für Sportstudio-Auftritte vorbei – 500 Mark. Domingos muss eine Quittung unterschreiben.

Gegen 21.00 Uhr wird der WM-Lotus ins Studio geschoben, erneut ausgeliehen in Essen und wieder transportiert von der gleichen Truppe wie am Vortag. Klare Ansage von Wolfgang Schöller: „Das Auto muss am Sonntag bei Öffnung der Hallen wieder an seinem Platz stehen.“

21.50 Uhr: Die Sendung beginnt, Emmo kommt auf eigenen Wunsch früh dran, weil ihm die Warterei auf den Keks geht. Er ist müde und will auf dem schnellsten Weg ins Bett. Noch vor Ende der Sendung schleichen wir uns aus dem Studio und fahren ins Hilton nach Mainz. Was keiner ahnt - hier geht der Zirkus erst richtig los.

Ungeplanter PR-Auftritt beim Mainzer Automobil Club

23.20 Uhr: Einchecken im Hilton am Rheinufer. Und genau jetzt beginnt das Unheil – wir laufen in der Lobby ausgerechnet Helmut Rehberg, Werbemanager des Mainzer Automobil Clubs (MAC), in die Arme. Der kommt augenscheinlich gerade vom Pinkeln, kämpft noch mit einem klemmenden Reisverschluss und ist auf Weg zurück in den Ballsaal.

Als er den Weltmeister erspäht, ändert er freudig erregt den Kurs und breitet die Arme aus: „Welch ein prächtiger Zufall, wir haben gerade unseren Jahresabschlussball hier im Hause, würden Sie wohl einen Moment bei uns reinschauen?“

Noch bevor Domingos und ich rettend eingreifen können, hat Rehberg unter tatkräftiger Mithilfe weiterer MAC-Männer den verdutzten Brasilianer blitzschnell in den Festsaal gedrängt. Hier nimmt das Unheil seinen Lauf: Der arme Fitti wird auf die Bühne komplimentiert und der Festgesellschaft vorgestellt. Die etwa 600 Gäste in Smoking und Abendkleid sind entzückt und völlig aus dem Häuschen. Emmo vergisst trotzdem seine guten Manieren nicht begrüßt die „Ladies and Gentlemen“ kurz und knapp auf englisch. Domingos und ich stehen fassungslos im Saal.

00.10 Uhr: Der Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs, als Ehrengast im Saal, ist mit dem Goldenen Buch der Stadt Mainz sofort zur Stelle und bittet Emmo um Verewigung in selbigem. So was kann man natürlich nicht ablehnen - dafür gibt’s dann auch noch das Ehrenzeichen der Stadt Mainz und eine lebenslange Ehrenmitgliedschaft im MAC.

Zur Krönung des Abends pirscht sich dann noch eine Klatsch-Kolumnistin älteren Semesters an Fitti heran: „Sie sind also ein richtiger Weltmeister – einfach toll. Stimmt das denn, dass Sie ein Auto ohne Kotflügel fahren?“ Jetzt hat er endgültig genug und flieht förmlich aus dem Saal.

Werbung für Opel - wenig Freude bei Ford

Leider wird er im Foyer noch mal schnell von Schlitzohr Rehberg abgefangen und geschickt durch eine Ausstellung des Opel-Autohauses Reichert dirigiert. Rein zufällig ist natürlich auch ein Fotograf zur Stelle. Auch das lässt der genervte Fitti noch diplomatisch, aber deutlich angefressen über sich ergehen, bis Domingos und ich ihn in einem günstigen Moment endgültig aus dem kostenlosen Werbemarsch zwischen aufgemotzten Mantas und Asconas befreien können.


Im Mainzer Hilton fällt Fittipaldi um Mitternach unfreiwillig einer Gala mit Gästen in die Hände - der aufgemotzte Opel im Foyer sorgt später für reichtlich Ärger
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Eine Einladung der Hilton-PR-Managerin Anna von Borstel zum Steakessen auf Kosten des Hauses versöhnt da auch nur noch begrenzt.
Als wir unseren Mann gegen halb drei endlich ins Bett verfrachten, beschließt Domingos den Tag mit einem Wutausbruch: „Drei Stunden PR-Zirkus zum Null-Tarif - das ist ganz große Scheiße. Die haben uns wunderbar geleimt und wir zwei stehen wie die Deppen daneben.“ Und auf dem Weg zum Zimmer setzt er noch mal nach: „Du kennst doch diesen Rehberg, können wir da nicht wenigstens nachträglich noch was rausholen?“

Dass montags die Fotos mit Fitti und den Opel-Mantas in allen Mainzer Tageszeitungen zu bestaunen sind, hat man besonders bei Ford mit Erstaunen aufgenommen…

Landung ohne Sicht in Bologna am 3. Dezember 1972

8.00 Uhr: Wir starten zum Frankfurter Flughafen. Emmo hat wieder mal verschlafen, das Frühstück muss deshalb ausfallen. Die Maschine nach Mailand geht um 9.40 Uhr. Der Abflug verzögert sich, dicker Nebel in ganz Italien. Um 14.00 Uhr soll er in Bologna sein, wo das Fachblatt „Autosprint“ vor 3000 geladenen Gästen seine jährliche Verleihung der „Goldhelme“ zelebriert.

Aber bald wird klar, dass an diesem Sonntag überhaupt kein Flieger mehr nach Italien starten wird – alle Starts sind annulliert. Domingos organisiert über Hajo Masing von Arcus Air eine private Cessna 310 samt Pilot. Mietpreis Bologna und zurück: 3500 Mark.

11.40 Uhr: Obwohl Bologna und Mailand nur 30 Meter Sicht melden, startet die Cessna mit Fitti und Domingos. Ich bleibe in Frankfurt und warte auf die Rückkehr der beiden am Abend. Domingos erzählt mir später: „Zwei Stunden später kreisen wir über Bologna, die Flugsicherung lehnt die Verantwortung für eine Landung ab. Mit unserem ausdrücklichen Einverständnis riskiert Pilot Schmidtke den Anflug auf eigene Faust. Beim dritten Versuch glückt die Landung. Die Flughafenbelegschaft kommt aufs Rollfeld gelaufen, um die lebensmüden Kerle aus Frankfurt zu sehen.“

Goldene Helme bei Autosprint

14.20 Uhr: Autosprint-Chefredakteur Sabbatini überreicht an Fittipaldi und weitere Champions die Goldhelme. RAI-TV dreht zwanzig Minuten, danach der übliche Rummel.

16.30 Uhr: Flugfeld Bologna, geplante Startzeit für den Rückflug. Domingos ist entsetzt: „Der Nebel ist noch dichter als vorher, jetzt sind es nur noch maximal zehn Meter Sicht.“ Aber Fitti muss unbedingt bis 20 Uhr in Frankfurt sein, sonst kriegt er seinen Anschlussflug nach Sao Paulo nicht. Nach langem Disput mit dem Tower startet der Pilot die Cessna auf eigene Faust, nach Stoppuhr und Gefühl. Alles geht gut.

19.30 Uhr: Landung in Frankfurt mit Sonderlob von Emmo für Pilot Schmidtke: „Wenn ich mal eine eigene Maschine habe, sind Sie sofort engagiert.“ Im VIP-Raum des Flughafens gibt die brasilianische Fluggesellschaft VARIG einen improvisierten Empfang für den hohen Gast. Anschließend wird er direkt übers Rollfeld zur Maschine gebracht. VARIG-Flug 032 nach Sao Paulo hebt kurz nach 21.00 Uhr ab – tschüss Emmo.

Auf der Rückfahrt von Frankfurt über die A3 nach Köln sagt Domingos plötzlich fast gelangweilt: „Was wir zwei in den letzten drei Tagen mit unserem Brasilianer erlebt haben, das glaubt uns in 20 oder 30 Jahren kein Mensch.“ Montags tausche ich bei Ford den Luxus-Granada wieder gegen meinen Capri RS und fahre fröhlich in die Redaktion. Der ganz normale Alltag hat mich wieder.

Diese Geschichte stammt aus Band 2 (2008) der dreiteiligen Buchreihe "Hallo Fahrerlager" von Rainer Braun. Derzeit sind noch Restbestände der Bände 1, 2 und 3 als Paket im Schuber verfügbar, solange der Vorrat reicht. Aktuell ist die Sonderedition „Hallo Fahrerlager Classic“ im Großformat mit 300 Seiten und vielen neuen Episoden im Handel. Weitere Infos dazu und Bestellungen auf der Website von “Hallo Fahrerlager” oder dem Racing-Webshop .

Weitere Beiträge von Rainer Braun sind im Themenkanal "Hallo Fahrerlager" zu finden.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von wo******
19.07.2016 (10:34)
Antworten
Wirklich eine tolle Geschichte. Was Rainer Braun so alles "angestellt" hat! Ob als verrückter R 5 Pilot, als Formel V - Treter oder als Streckensprecher. Es war immer beste Unterhaltung! Wolfgang Schulz
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