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Rallye Monte Carlo 1981 - Allen Hobbyrennfahrern gewidmet

Erstellt am 21. Januar 2011
, Leselänge 5min
Text:
Bernhard Brägger
Fotos:
Archiv 
7

Angefangen hat alles in einer Bar in Chur. Doch weder Bier noch Getränke für „harte Männer“ waren verantwortlich am Bauchentscheid: Wir fahren die Monte. Dass an jenem Oktobertag im Jahre 1980 weder ein geeignetes Fahrzeug, noch genügend Sackgeld vorhanden war, wurde uns erst bewusst, als wir Peters Garage auf den Kopf stellten. Ausser einem frisierten 1300ccm-Alfa-Sud-Motor fanden wir keine weiteren brauchbaren Teile. Peter war Hobbyrennfahrer wie ich, und trotzdem entschied er sich für den Beifahrerjob und versprach, so wenig wie möglich meinen Fahrstil zu kritisieren.  Dies rechne ich ihm heute noch hoch an. Kaum eine Stunde nach dem Entscheid lachte uns erstmals das Glück. Ein Alfa-Händler schenkte uns einen gebrauchten Alfasud Ti. Wie heisst es doch so schön: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul! Beulen und Kratzer kümmerten uns somit wenig. Der Zeitdruck schon eher. Kollegen bauten Motor, Getriebe und Ueberrollkäfig ein, konstruierten eine brauchbare Handbremse auf die Hinterachse und welch ein Luxus - wir leisteten uns eine Gegensprechanlage. Zwischen Weihnachten und Neujahr – sehr zur Freude unserer Frauen und Kinder – spulten wir in Frankreich alle Spezialprüfungen ab, erstellten beim ersten Durchgang das Gebetbuch, beim zweiten kontrollierten wir die Notizen. Einen dritten gab es nicht!

Lausanne wählten wir als Startort. Die 1'000 Kilometer des Parcours de Concentration stellten uns vor keine Probleme. Am Start zur 1. Spezialprüfung gab die Gegensprechanlage ihren Geist auf. Unser einziger Luxus war hin. Schnee und Eis, drei Pässe, vier Ortsdurchfahrten und Abertausende von Zuschauern empfingen uns in der Chartreuse. Eine fantastische Ouvertüre. Ein Dreher um 360° und kurz hintereinander zwei böse Verbremser in die Schneemauer zum Col de Porte hinauf, verkraftete Peter schlecht. Erstmals musste ich vom sonst ruhigen Bündner zwischen „Kuppe von links voll – 100m –rechts eins“ so Dinge wie „Hasardeur, bist du eigentlich taub“ und ähnliches anhören. Doch mindestens 10 Zuschauer freuten sich an meiner Aggressivität und beförderten beim zweiten Rausflug den im Tiefschnee wühlenden Fronttriebler auf die Strasse zurück. Ein Breitstrahler war weg – aber auch meine Nervosität.

Die ersten Kilometer zum Col des Garcinets bereiteten mir schon bei der Besichtigung Bauchweh. Die schmale Strasse führt in eine tiefe Schlucht, ohne Leitplanken natürlich, eine vorzügliche Startrampe zum Flug ins Bodenlose. Eisbrocken und Steine soll es hier von den Felsen hageln. Das Signal „Route dangereuse“ war nicht zu übersehen – auch in unserem Gebetbuch nicht. Dementsprechend vorsichtig war meine Fahrweise – doch später, nach dem Studium der Rangliste, stieg mein Selbstbewusstsein wieder an. Wir waren lange nicht die einzigen, die dem Col des Garcinets Respekt zollten. Bei der Abfahrt nach Bayon hinunter trat ich die Bremse in den Keller. Unangemeldet. Nur mehrmaliges Pumpen baute minimale Bremskraft auf. Die Bremsflüssigkeit kochte! Zum Glück funktionierte noch die Handbremse und half in heiklen Situationen. Auch in den unglaublich engen Spitzkurven, den sog. „Les Tourniquets.“  Nur das Hochreissen des Handbremshebels beim Einlenken brachte das Heck „herum“. Nach der sechsten Spezialprüfung fand Hansjörg Elmiger - Kollege und Montefahrer von 1980  - den Urheber des Bremsdefekts: Die Belüftung des Bremsflüssigkeits-Reservoirs war verstopft. Ganz einfach, oder? 

Der 1‘800 Kilometer lange Parcours Commun wurde mit dem Turini eröffnet. Kein Schnee. Also mit Racingreifen über den Pass – im Januar. Auch die nächsten Prüfungen waren schneefrei. Die PS-Protze drehten auf. Erst in St. Bonnet-le-Froid türmten sich wieder hohe Schneemauern auf. 26 Kilometer Kampf gegen Dreher und Rausflüge – doch nach jedem Überholmanöver wurde unsere angeknackte Moral etwas verbessert. Und als wir auf den 38 Kilometern von St. Jean-en-Royans nach La Chapelle-en-Vercors Wagen um Wagen „packten“, glaubten wir langsam an die Chance, den Parcours Final zu erreichen. Nur keine schneefreien Strecken mehr, war unser grosser Wunsch. Der Alfasud machte echt Spass auf Schnee und Eis. Dank einer kleinen Abänderung des Bremskraftreglers an der Hinterachse, blockierten zuerst die beiden Hinterräder – erst dann die Vorderräder. Dadurch liess sich ab Kurvenbeginn der untersteuernde Fronttriebler querstellen. Höchste Vorsicht verlangte dieses „Bremssystem“ auf Asphalt, noch mehr Konzentration auf nassem Asphalt.  Bald stand uns die stets mit wechselnden Verhältnissen gespickte Prüfung von St. Barthélémy nach St. Michel-les-Portes bevor. Schnee in Überfluss – eine feine Sache. Doch bei St. Andéol unterschätzte ich die Einfahrt auf den Kirchenplatz und flog seitwärts gegen die Kirchenmauer. Zum Glück war sie mit einem  hohen Schneewall gesichert! Ein Beule mehr oder weniger. Einem geschenkten Gaul ….. Sie wissen es schon. Doch kurz vor dem höchsten Punkt auf 1352 Meter verrammelten uns zwei Ford Escort die Durchfahrt. Die heckangetriebenen  Wagen drehten auf dem Schnee hoffnungslos dadurch. Was nun? Aussteigen natürlich. Den einen Ford drückten wir an eine Schneemauer, der andere war unterdessen eigenständig in den Graben gerutscht. Gasse frei! Peter sprang auf die Motorhaube, klammerte sich irgendwie fest und mit viel Glück und wenig Gas – was beim frisierten Motor mit Sinterkupplung nicht einfach war, retteten wir uns vor dem Aus. Noch knapp 140 Fahrzeuge  trudelten in Monaco ein. Die Hälfte der Gestarteten war bereits ausgefallen. Im Zwischenklassement lagen wir auf dem 92.Platz. Das uns gesteckte Ziel, unter die ersten 100 zu fahren, war geglückt. Auch der Wunsch bei der einen oder andern Schneeprüfung unter die ersten Fünfzig zu driften, erfüllte sich. Der Parcours Final oder die Nacht der langen Messer wartete auf uns. Erwähnenswert ist noch folgende Episode: Die „Spéciale“ von  St. Jeannet bei  Digne wickelte sich in einer hügeligen Gegend ab, total vereist, viele Spitzkurven, von Zuschauern zusätzlich mit Schnee angereichert, keine Steigungen, dafür Schlaglöcher noch und noch. Auf jeden Fall ein ideales Gelände für PS-schwache Fahrzeug und kampffreudige Fahrer. Der eine Minute vor uns gestartete über 200 PS starke Talbot entkam uns knapp. Dies ärgert mich heute noch! Die restlichen drei Prüfungen fuhren wir im Touristentempo. Es spielte für uns keine Rolle, ob wir nun den 65. Platz  oder den 90. belegten. Wir wollten einfach ankommen. Die Zielankunft in Monte Carlo bedeutete für uns und unsere Serviceequipe Freude und Genugtuung, obwohl der 82. Rang die Zuschauer nicht von den Sitzen riss. Dass wir bei den Spezialtourenwagen bis 1300 ccm den dritten Rang erzielten, interessierte auch kein Mensch.

P.S. Die Rallye lebt nicht nur von Siegern. Mitmachen ist wichtiger, sagen sich Jahr um Jahr Dutzende von Hobbyrennfahrern, die mit unterlegenem Material nur ein Ziel vor Augen haben: Monte-Carlo zu erreichen. Ihnen ist dieses  Kapitel gewidmet. Und wer gewann? 1. Ragnotti/Andrie (Renault R5 Turbo), vor Fréquelin/Todt (Talbot Sunbeam-Lotus) und Kleint/Wanger (Opel Ascona 400).

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