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Plymouth XNR - aufregender, asymmetrischer Traumwagen aus dem Jahr 1960

Erstellt am 15. August 2012
, Leselänge 7min
Text:
Stefan Fritschi
Fotos:
Shooterz.biz - Courtesy of RM Auctions 
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Shooterz.biz - Courtesy RM Auctions 
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Archiv 
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Die Virgil Exner-Showcars von Chrysler wirkten wie eine Schockwelle auf die Konkurrenten Ford und GM. Die Legende sagt, GM-Designchef Bill Mitchell habe seine Leute beim Anblick der Mopar-Studien umgehend an die Zeichenbretter zurück geschickt. Doch die Aufregung war überflüssig: Chrysler liess bei Ghia Turin leider nur Einzelstücke oder sündhafte teure Kleinstserien wie die „Specials“ bauen, während Ford (Thunderbird) und GM (Corvette) ihre Traumautos tatsächlich in Serie brachten.

Eines dieser Einzelstücke ist der Plymouth XNR Ghia von 1960, der am 17./18. August 2012 bei RM Auctions Monterey unter den Hammer kam.

Lot 235 der Monterey-Auktion von RM am 17./18. August 2012 hat eine bewegte Geschichte, die praktisch lückenlos dokumentiert ist. Es ist nicht nur die Historie eines tollen Autos, sondern auch von engagierten Liebhabern, die den Wagen durch Kriegswirren im Libanon hindurch versteckt und gerettet haben.

Asymmetrischer Slant-Six-Antrieb als Inspiration

Zu Beginn der 50er Jahre, als Chrysler hauptsächlich sehr voluminöse und ausladende Formen baute, suchte und fand Chrysler-Präsident K. T. (Kaufman Thuma) Keller einen neuen Mann, der die designtechnisch angestaubte Firma nach vorne bringen sollte: Virgil Exner. Dieser schuf verschiedene Konzeptfahrzeuge, die sogenannten „Idea-Cars“, von welchen aber meist nur einige Ideen in die Serie übernommen wurden – wenn man von den „Specials“, die bei Ghia für betuchte Kunden in Kleinserie gebaut wurden, einmal absieht.

Auch der Plymouth XNR von 1960 hatte leider keine Zukunft. Die Bezeichnung leitet sich aus dem Namen seines Schöpfers Virgil (E)XN(e)R ab.

Auffällig ist die gewöhnungsbedürftige asymmetrische Geometrie der Form. Sie ist einerseits durch den sogenannten Slant-6-Zylinder-Motor inspiriert, der um 30 Grad zur Seite geneigt (slant) ist und daher asymmetrisch aussieht (obwohl der Antriebsstrang mittig verläuft).

Andererseits war Virgil Exner ein grosser Fan von europäischen Sportwagen und betrachtete Heckflossen nicht nur als Stil-, sondern auch als aerodynamisches Hilfsmittel. Die ebenfalls asymmetrische, aber rechts hinter dem Fahrer liegende Finne des Jaguar D-Type dürfte deshalb eine gewichtige Vorbildrolle gespielt haben.

Modifizierte Grossserien-Technik auf Valiant-Basis

Die technische Basis bildet das kompakte Chassis vom Plymouth (Europa: Chrysler) Valiant und dem Schwestermodell Dodge Lancer. Der moderne Reihen-Sechszylinder mit optionalem Hyper-Pak-Package hatte 170 cu in (2'787 cm3) Hubraum und leistete (verbürgte) 148 SAE-PS. Dank des geneigten Einbau resultierte eine besonders niedrige Bauhöhe. Durch Vierfach-Vergaser, schärfere Nockenwelle und weitere Tuning-Massnahmen sollen (angebliche) 250 SAE-PS erzielt worden sein.

Ansonsten ist die Mechanik brave Hausmannskost. Geschaltet wird mit einem manuellen 3-Gang-Getriebe. Die Räder sind nur vorne einzeln aufgehängt, hinten kommt die übliche Starrachse mit Blattfedern zum Einsatz, und gebremst wird mit hydraulischen Trommelbremsen rundum. Der XNR sollte natürlich auch die magische Spitzengeschwindigkeit von 150 Meilen (241 km/h) des damaligen Sportwagen-Vorbilds Jaguar XK 150 erreichen. Das tat er allerdings nicht. Mit Virgil Exner am Lenkrad schaffte er 143, mit einem Testfahrer 146 Meilen. Eine aufgestülpte Fiberglas-Nase, die die schlechte Windschlüpfigkeit der recht hohen Front kaschierte, führte dann doch zu einer kurzzeitigen Spitzengeschwindigkeit von 152 mph.

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Ganz aus Stahlblech

Der XNR ist bis ins Detail sehr hochwertig gearbeitet. Ghia dengelte eine Ganzstahl-Karosserie anhand eines Tonmodells im 3/8-Massstab (ca. 38% der Originalgrösse), welches vom Chrysler-Designstudio in Detroit nach Turin geschickt wurde. Die Länge beträgt fast 5 Meter bei einem Radstand von 2,70 Metern. Der XNR ist nur rund 1,10 Meter hoch.

Exner und sein Team wollten eine sehr extreme Form, einen radikalen Roadster wie ihn Bill Mitchell mit seinen zahlreichen Corvette-Studien vorexerziert hatte. Vom Stingray-Racer XP-87 scheinen denn auch die stark ausgebeulten Kotflügel-Oberseiten zu stammen. Aber nur scheinbar, denn dieses Formelement gab es wiederum schon vorher am Fiat-Abarth-Pininfarina-Rekordwagen oder am IXG-Showcar – einem Ghia-Produkt. Übrigens stand in Genf 1962 erneut ein asymmetrischer Ghia auf Valiant-Basis: der Asymmetrica.

Formal kein Auto für den Massengeschmack

Insgesamt nimmt der XNR sehr stark Motive aus der Raumfahrt und Flugzeugindustrie auf und bietet einige ungewohnte Anblicke. Die steile Front beispielsweise scheint irgendwie von einem weit weniger dynamischen Auto zu stammen und wirkt eher unsportlich. Eine flache Nase mit integrierten, flachen Scheinwerfern oder gar Klapp-Lampen wäre passender gewesen.

Spannend ist hingegen die Motorhaube, die sich eine kräftige Wölbung leistet, welche direkt aus der Hutze des Armaturenbretts herausgeformt scheint. Die extrem überwölbten Flächen der Gesamtform ohne Chromornamente oder Sicken waren sehr modern. Das Heck mit dem asymmetrischen Chrom-Kreuz hat eine extrem starke grafische Wirkung, die sicher Geschmackssache ist – wie das ganze Auto. Für ein Showcar war die Gestaltung aber völlig legitim.

Einmal mehr - eine verpasste Chance

Beeindruckend ist auch das Finish des Interieurs in schwarzer Lederausstattung inklusive Kofferraumabteil und Türverkleidungen. Die beiden Sportsitze sind versetzt angeordnet, der Beifahrer ruht tiefer und weiter hinten, um die Sicht des Piloten nicht zu stören. Die Instrumente erinnern an Exners Hobby: Fotografieren. Sie sind wie verstellbare Linsen gestaltet, und das Handschuhfach erinnert an die Schutzhülle einer teuren Kamera.

Ghia baute den XNR damals schon in einer fahrfertigen Perfektion, in der er heute wieder erstrahlt.

Der Wagen aber blieb ein Einzelstück. Mit etwas reduzierten Formen und besonders mit stärker ausgeprägter Symmetrie und einer sportlicheren Front hätte der XNR ein Chrysler-Sportwagen werden können, der es mit Ford und ihrem Thunderbird respektive der Chevrolet Corvette sowie den Importwagen aus Italien und England hätte aufnehmen können. Erneut eine verpasste Chance also ...

Heute wieder 'Ready for Take-Off'

Heute ist das rote Geschoss wieder wie neu, nachdem die Restaurierungs-Experten von RM Restauration tüchtig Hand angelegt hatten. Damit wurde das Ende einer langen Odyssee erreicht, wie wir später erfahren werden. Insgesamt war der XNR in passablem Zustand. Doch die für ein Showcar unüblich hohe Zahl von (später verloren gegangenen oder beschädigten) Details und die umfangreiche Funktionsausstattung erforderten einige Zuwendung. So bauten die RM-Leute beispielsweise die geschlitzten 14-Zoll-Felgen wieder aus den originalen 35 Teilen pro Felge wie ein Puzzle zusammen. Virgil Exner Junior hatte von seinem Vater sehr viele Fotos und eine umfangreiche Dokumentation geerbt, die nun dem Team zur Verfügung standen.

Natürlich wurde auch die Technik vollständig überarbeitet und komplettiert. Das heisere Röhren des Reihen-Sechsers dürfte sich im offenen Auto besonders gut anhören – falls der potenzielle Käufer überhaupt damit fährt. Denn der Preis wird kaum niedrig ausfallen. Der Käufer wird vermutlich ein Sammler sein, der sich den Wagen als Wertanlage ins Museum stellt oder ihn mit dem Tieflader zu Events bringt.

Vom Wagenpark des persischen Herrscherhauses…

Verkauft wird nämlich nicht nur ein Auto, sondern auch eine spannende Geschichte. Nachdem der XNR anfangs der 60er Jahre als Showcar ausgedient hatte, kam er zurück zu Ghia nach Turin. Von da ging er an einen Schweizer, dessen Beruf mal als Kaufmann, mal als Metzger angegeben wird. Dann entfachte das Auto das Interesse des persischen Herrschers Schah Mohammad Reza Pahlavi, einem passionierten Autosammler. Er kaufte das Auto und liess es in den heutigen Iran bringen.

Nach kurzer Zeit ging der Wagen nach Kuwait in den Besitz von Anwar al Mulla. Im Mai 1969 wurden Fahrer und Auto in einem Bericht des National Geographic Magazins abgebildet. Doch da hatte Mulla wohl schon Trennungsgedanken, denn bereits in den frühen 70er Jahren tauchte XNR im Libanon auf. Dort musste das Auto während der Wirren des Bürgerkriegs von 1975 bis 1991 in diversen Unterstellhallen ständig vor der Zerstörung gerettet werden.

Das Leben ging trotzdem weiter. Autosammler Karim Edde war immer auf der Suche nach schönen und seltenen Autos, die in dieser Gegend und in schwierigen Zeiten aber so gut wie nie auftauchten. Deshalb musste man selber „abtauchen“ und Tiefgaragen und Katakomben absuchen. Einige Jungs besserten sich ihr Taschengeld dadurch auf, indem sie sich umsahen und besonders nach Ferraris Ausschau hielten.

… durch die Wirren des libanesischen Bürgerkriegs

Auf diese Weise kam Edde in den 80er Jahren in den Besitz eines eigenartigen Autos, welches nur 200 Meter von seinem Haus entfernt in einer Tiefgarage aufgestöbert werden konnte. Anhand einer Abbildung in einem Buch konnte er den XNR eindeutig identifizieren. Auch jetzt musste der Wagen mehrfach an geschützte Orte verschoben werden, um dessen Zerstörung zu verhindern. Mangels Autotransporter geschah das immer wieder auf abenteuerlichste und nicht immer materialschonende Weise. Doch das Showstück überlebte fast alles schadlos. Der Rest ist Geschichte. 2008 kam das Showcar nach Kanada in die RM-Werkstätten. Im März 2011 war die aufwendige Restaurierung abgeschlossen, rechtzeitig zum Amelia Island Concours d'Elegance. Zahlreiche Auftritte und Prämierungen an namhaften Schönheitswettbewerben folgten.

Und nun sucht die Lady in Red einen neuen Stall. Ein Estimate für Lot 235 gibt es nur auf Anfrage. Das ist bei Einzelstücken häufig der Fall. Man darf gespannt sein ...

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