Angebot eines Partners

Opel Ascona 1700 – der kleine Amerikaner aus der Schweiz

Erstellt im Jahr 2021
, Leselänge 7min
Text:
Paul Krüger
Fotos:
Bruno von Rotz 
40
GM Corporation 
1
GM Corporation / Opel 
1
Archiv 
9

Die kleine graue Limousine sorgt für reichlich Verwirrung unter deutschen Betrachtern. Opel Ascona 1700? Nie gehört. Zumal das Heck, auf dem die unbekannte Modellbezeichnung klebt, eindeutig das eines viertürigen Kadett B von 1968 ist. Und obendrein jeder Opel-Enthusiast weiß, dass der Ascona A erst 1970 erschien, und es weder ihn noch seine Nachfolger B und C je mit 1,7-Liter-Maschine gab.

Einmalig: kein Opel davor oder danach trug dieses Typenschild
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Ein Scherz à la M3-Logo-auf-BMW-318i-Heck würde vielleicht die Hubraumangabe “1700“ erklären – aber nicht den Namenszug darüber. Freunden der Blitz-Marke, die hin und wieder auch einmal über den Tellerrand der heimischen Bundesrepublik hinausblicken, wird es es an dieser Stelle bereits dämmern. Denn anders als in Deutschland, wo der Name Ascona erst mit dem Marktlückenfüller zwischen Kadett und Rekord eingeführt wurde, hatte er in der Schweiz bereits eine lange Tradition.

Ein neues Werk für den Binnenmarkt

Um Einfuhrzölle zu umgehen, hatte General Motors im Mai 1935 in Biel eine Schweizer Zweigstelle gegründet und produzierte dort ab Februar 1936 Autos speziell für den Schweizer Markt. Da das Werk hauptsächlich von einheimischen Betrieben beliefert wurde, wichen die dort gebauten Fahrzeuge oft in Details von den amerikanischen Modellen ab. Zum Teil entstanden aber auch kuriose Mischformen wie 1939 der Chevrolet 13 PS: ein Chevrolet Master, der aus steuerlichen Gründen den 2,5-Liter-Sechszylinder des Opel Super 6 implantiert bekam. 1951 wiederholte man die ungewöhnliche Heirat und verpflanzte den Kapitän-Motor in einen Chevy Styleline. Die Opel-Produktion in Biel begann 1936 mit Olympia und Kadett.

Das Werk der General Motors Suisse SA als Modell 1957
Zwischengas Archiv

Mitte der Fünfzigerjahre beklagten sich die Opel-Kunden über die langen Aufpreislisten des Olympia Rekord, die Opel-Händler wiederum über ewige Überstunden zur Montage des reichlich georderten Zubehörs. Also Beschloss man in Biel, zum Modelljahr 1957 eine vollausgestattete “Luxus“-Version des Olympia Rekord, den Ascona, anzubieten, um beide Seiten milde zu stimmen. Die Wahl des Namens war dabei erschreckend banal: der GM-Verkaufsdirektor wählte ihn aus, weil er ein Ferienhaus in der kleinen Stadt am Lago Maggiore hatte.

1958 erschien der Rekord Ascona. Besondere Kennzeichen: zweifarbige Karosserieflanke, Metallic-Lack und zusätzliche Zierteile
Archiv Automobil Revue

Das Konzept kam gut an und wurde 1958 für den Nachfolger Rekord P übernommen. Auch vom 1960 vorgestellten Rekord P2 soll es noch eine Ascona-Variante gegeben haben. Danach verschwand der Name zunächst wieder.

Opels Modelloffensive in den Sechzigern

Am 30. August 1965 stellte Opel den neuen Kadett B vor. Zunächst nur als zwei- und viertürige Stufenhecklimousine, zweitürigen Kombi und als sogenanntes “Kiemen-Coupé“ mit den namensgebenden Schlitzen in der C-Säule erhältlich, folgte im August 1967 die LS genannte Fließhecklimousine mit ebenfalls zwei oder vier Türen sowie eine weitere Coupé-Variante mit einem wuchtigeren, an die LS-Linie angelehnten Heck. Zudem war nun auch der Kombi “Caravan“ mit vier Türen erhältlich. Bei allen Karosserievarianten hatten Opel-Kunden zusätzlich die Wahl zwischen dem karg ausgestatteten Basismodell oder der L-Version, die solche Annehmlichkeiten bot wie Teppich statt Gummimatten im Innenraum oder verstellbare Sitzlehnen. Den vom Vorgänger übernommenen, auf 1,1 Liter Hubraum vergrößerten Vierzylinder gab es in zwei Leistungsstufen: als “N“ mit 45 PS, der Normalbenzin vertrug, und als 55 PS starken “S“, der Superbenzin verlangte. Im November 1966 erschien zudem noch der rabaukige Rallye-Kadett, der es dank zwei Vergasern auf 60 PS brachte.

Knapp die Hälfte der Kadett-Karosserie-Varianten. Caravan, LS und LS Coupé fehlen.
Archiv Automobil Revue

Ebenfalls ab August 1967 wurde der Kadett auch mit dem 75 PS starken 1,7-Liter-Motor aus dem Rekord angeboten – allerdings nicht in der Schweiz. Dort blieb es zunächst bei der 1,1-Liter-ohv-Maschine, die jedoch auf Bergstraßen ihre liebe Mühe mit dem verhältnismäßig schweren Kadett hatte. So verpflanzten die Bieler Ingenieure das Hubraum- und Drehmomentstärkere Rekord-Herz auf eigene Faust in den Einstiegs-Opel und präsentierten das Ganze im März 1968 als Ascona 1700 auf dem Genfer Auto-Salon. Anders als bei den Luxus-Rekord der Fünfzigerjahre entfiel beim Big-Block-Kadett der Rüsselsheimer Modellname, damit der Ascona nicht als Kadett-Abart, sondern als eigenständiges Modell wahrgenommen wurde.

Die verchromten Fensterrahmen der L-Version fehlen dem Ascona. Dafür hat er die Zierleiste auf dem Schweller.
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang, dass Opel das besser ausgestattete Kadett-Schwestermodell Olympia A durchaus mit dem 1700er-Motor in der Schweiz anbot. Der hatte jedoch immer das ungewohnte LS-Schrägheck, sodass konservativere Kunden, die Wert auf ein klassisches Stufenheck an ihrem 75-PS-Kadett legten, zum Ascona aus Bieler Produktion greifen mussten.

Angebote von Zwischengas-Spezialisten
Austin Healey Sprite MKI "Frogeye" (1960)
Morgan Plus 8 (1982)
Chevrolet Corvette C1 (1957)
Riley 9 Brooklands Speed Workscar (1928)
+41 (0)71 450 01 11
St. Margrethen, Schweiz

Was macht einen Kadett zum Ascona?

Die Tradition seines Namens fortführend, war der Ascona 1700 serienmäßig bereits mit vielem ausgestattet, das beim regulären Kadett Aufpreis kostete – oder dort überhaupt nicht erhältlich war. Auffälligstes Ascona-Merkmal ist in dieser Hinsicht die Edelstahl-Zierleiste mit Gummi-Einlage, die auf dem seitlichen Karosserie-Knick über die ganze Fahrzeuglänge verläuft und sich an keinem Kadett B oder Olympia A wiederfindet. Ebenso die schwarzen Kunstleder-Sitze, deren gesteppte und perforierte Längspfeifen, anders als bei den Sport-Sitzen des Rallye-Kadett, nicht über die ganze Länge des Sitzes laufen, sondern in einem umlaufenden Wulst enden.

Das Sportlenkrad wurde nachgerüstet. Die Sitze sind dafür ebenso original wie einmalig im Opel-Programm.
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Elemente wie die zusätzliche Schweller-Zierleiste, Stoßstangenhörner mit Gummiauflage, Teppichboden im Innenraum, den beleuchteten Zigarrenanzünder, Aschenbecher im Fond und verstellbare Sitzrückenlehnen übernahm der Ascona 1700 vom Kadett L. Allerdings weist der Ascona nicht alle Merkmale des L-Pakets auf. So fehlen ihm die verchromten seitlichen Fensterrahmen oder die Zierleisten an den Radläufen. Auch die Motorhaube wird nicht vom Innenraum aus, sondern über einen Hebel im Kühlergrill entriegelt.

Gummierte Stossstangenhörner waren Teil der Serienausstattung.
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Dafür trägt der Ascona eine verchromte Auspuffblende, serienmäßig Firestone-Speedcat-Gürtelreifen auf 13-Zoll-Rädern mit Radzierringen aus Aluminium sowie spezielle, ihm eigene Embleme auf Handschuhfach, Kotflügeln, C-Säule und Heckdeckel. Das geschüsselte Dreispeichenlenkrad, welches das graue Fotoauto trägt, stammt aus dem Rallye-Kadett LS und gehörte ebenfalls nicht zur Ascona-Ausstattung. Das gepolsterte Armaturenbrett sowie die größeren Rückleuchten mit Rückfahrscheinwerfern erhielten im August 1967 alle B-Kadetten.

Der Ascona trug Radzierringe ab Werk.
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Kein Erfolg trotz günstigm Preis

Mit dem großen Motor und der zusätzlichen Ausstattung kostete der Ascona 1700 bei seiner Premiere 8995 Schweizer Franken – exakt so viel wie ein nackter Kadett-LS-Viertürer mit 1,1-N-Motor und kümmerlichen 45 PS. Für einen viertürigen Olympia 1,7 L waren 10'450 Franken anzulegen. Trotzdem hielt dich der Erfolg in Grenzen. Zwar verkaufte sich der Kadett-basierte Ascona etwa zehnmal so gut wie seine Rekord-Vorfahren, trotzdem waren von den bis 1973 gebauten 2,6 Millionen Kadett B nur 2560 Ascona. Wann genau die Produktion des Ascona 1700 eingestellt wurde, ist nicht bekannt. In Deutschland verschwand der 1,7-Liter-Kadett im Sommer 1970 aus dem Programm.

Alle in Biel produzierten Autos trugen die Plakette mit dem stilisierten Alpenkamm am Kühlergrill
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz
Angebot eines Partners

Nicht nur der Rallye-Kadett war ein Kraft-Wagen

Wohl wegen des klassischen Muscle-Car-Rezepts vom großen Motor in einer kleinen Karosserie bezeichnete die Automobil-Revue den Ascona 1700 einst in ihrem Kurztest als “Mini-Amerikaner“. Natürlich ist er von der Brutalität eines Plymouth Savoy 413 mit Max-Wedge-Hemi noch ein gutes Stück entfernt. Trotzdem ergibt sich aus 75 PS in Kombination mit 780 Kilo Kadett und 70 Kilo zwischengas-Redaktor ein Leistungsgewicht, dass im engeren Modellfamilienkreis nur vom Rallye-Kadett mit 1900er-Motor übertroffen wird. Der Ascona beschleunigt überraschend flink und temperamentvoll, zieht aus unteren Drehzahlen gut durch und ist sogar so etwas wie drehfreudig.

Der grosse 1700er passt problemlos in den Kadett-Bug. Typisch CIH: die Beule an der Stirnseite des Ventildeckels.
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Und obwohl die Hinterachse seit der grossen Modellpflege im August 1967 nicht mehr an Blattfedern, sondern an Längslenkern und Schraubenfedern hängt, stellen sich Muscle-Car-Gefühle ein, weil sie selbst bei verhaltenen Ampelstarts oder vorsichtigem Einordnen in den Verkehr zu stempeln beginnt und gerne ein Hinterrad durchdrehen lässt.

Der Kleine fährt wie ein Grosser

Akustisch hält sich der CIH-Vierzylinder mit seiner seitlich obenliegenden Nockenwelle zurück. Seine Stärke ist das breitschultrige Drehmoment, das den Ascona 1700 aus jeder Drehzahl in jedem Gang zügig und ruckfrei anschiebt. Die Zahnstangenlenkung ist etwas schwammig. Dank der hervorragenden Übersicht lässt sich der Luxus-Kadett trotzdem präzise manövrieren – zumindest auf glatten, gut ausgebauten Straßen. Glaubt man der Automobil-Revue, entwickelt das Heck zunehmend ein Eigenleben, sobald sich Bodenwellen und Schlaglöcher häufen. So weit haben wir es natürlich nicht getrieben. Schon aus dem Grund nicht, dass er uns gar nicht gehört.

Hohe Dauertempi waren dennoch nicht sein Metier. Eher die Kraftreserve für steile Passfahrten.
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Die Tester von 1968 resümierten damals übrigens, dass der Ascona 1700 ein Wagen sei, “... der leicht zu bedienen und auf glatter Fahrbahn gut zu Hause ist und mit dem man aus verhalten angefahrenen Kurven wieder voll beschleunigen kann. Auf schlechten Strassen erweist er sich wohl als handlich, nicht aber als narrensicher. Seine gegenüber dem Kadett 1,1-Liter vorhandene Mehrleistung prädestiniert ihn nicht als schnellen Reisewagen sondern zum zügigen Beschleunigen.“ Auch darin entspricht er dem Naturell eines Muscle-Cars.

Wir danken der Touring Garage in Oberweningen für die Gelegenheit zur Probefahrt.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ha******
11.06.2021 (12:32)
Antworten
... tolle, sicher vielen unbekannte Geschichte - detailliert beschrieben. Danke vielmals!
Nebenbei: wieviel Zeit muss vergehen, damit man mit "Ascona" nicht mehr in erster Linie das Auto, sondern wieder die Stadt verbindet? Der letzte Ascona lief vor 33 Jahren vom Band... von daher: alles richtig gemacht bei der Namenswahl, Herr GM-Vertriebsdirektor! ;-)
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.
Angebote unserer Partner

Markenseiten

Aus dem Zeitschriftenarchiv

Aktuelle Fahrzeug-Inserate

Aktuelle Marktpreise (Auswahl)

Coupé, 75 PS, 1698 cm3
Limousine, zweitürig, 75 PS, 1698 cm3
Limousine, viertürig, 75 PS, 1698 cm3
Coupé, 75 PS, 1698 cm3
Limousine, zweitürig, 60 PS, 1698 cm3
Limousine, viertürig, 60 PS, 1698 cm3
Coupé, 60 PS, 1679 cm3
Coupé, 75 PS, 1698 cm3
Limousine, zweitürig, 75 PS, 1698 cm3
Limousine, viertürig, 75 PS, 1698 cm3
Limousine, zweitürig, 75 PS, 1678 cm3
Limousine, viertürig, 75 PS, 1698 cm3

Spezialisten (Auswahl)

Spezialist

Muhen, Schweiz

+41793328191

Spezialisiert auf AC, Adler, ...

Spezialist

Undenheim, Deutschland

+49 6737 31698 50

Spezialisiert auf Mercedes, Jaguar, ...

Angebot eines Partners
Angebot eines Partners

zwischengas.com

Die umfangreichste Internet-Plattform über Oldtimer, Youngtimer und historischen Motorsport. Mit über 2,5 Millionen Seitenaufrufen pro Monat ist zwischengas.com zur wichtigsten Informationsquelle von Oldtimer-Enthusiasten geworden.

Zwischengas Jahresmagazin

260 Seiten mit Fahrzeugberichten, Veranstaltungsrückblick und Auktionsanalysen.

Ab 6. Dezember 2020 am Kiosk und jetzt im Online-Shop

CHF 12.90 | EUR 9.90 zzgl. Versand

SwissClassics Revue

SwissClassics, das grösste Oldtimermagazin der Schweiz, erscheint mit sechs Ausgaben im Jahr und richtet sich an die Liebhaber von Oldtimern. Berichtet wird über Legenden des Fahrzeugbaus und die Schweizer Oldtimerszene sowie europäische Klassiker-Events.

Bisherige SwissClassics Ausgaben

Loading...
Oha! Kostenlos Texte und Fotos sehen?
Einfach hier anmelden:
Neu hier?
1x kostenlos registrieren und dauerhaft Inhalte freischalten!