Monteverdi High Speed 375 L - eleganter Familiensportwagen der Spitzenklasse

Erstellt am 29. August 2016
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Tom Wood - Courtesy RM/Sotheby's 
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Bruno von Rotz 
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Archiv 
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Es war im Jahr 1967, als Peter Monteverdi den ersten Sportwagen, der seinen eigenen Nachnamen trug, aus der Taufe hob. Auf der IAA in Frankfurt präsentierte er den 375 S, ein elegantes Sportcoupé mit 2+2 Sitzgelegenheiten und einem mächtigen Chrysler-7,2-Liter-Motor im Bug.


Monteverdi 375 S High Speed (1967) - erstmals in Frankfurt zu sehen - Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt 1967
Archiv Automobil Revue

Der Wagen kam gut an, die ersten Bestellungen tröpfelten herein, doch Peter Monteverdi dachte schon an eine Modellerweiterung.

Die verlängerte zweite Version am Genfer Autosalon 1968

Im März 1968 zeigte Monteverdi den gestreckten 375 S als High Speed 375 L. Der Radstand war um 14 Zentimeter verlängert worden, die vollumfänglich den hinteren Sitzen zugute kamen. Wie beim 375 S waren Karosserie-Design und -Bau an Pietro Frua delegiert worden.


Monteverdi 375 L High Speed (1968) - der Prototyp von Pietro Frua auf dem Genfer Autosalon 1968
Archiv Automobil Revue

Auch die verlängerte Version kam beim Publikum gut an, manchen gefiel der echte Viersitzer (gemäss Automobil Revue) sogar besser als die kürzere 375-S-Variante.

Verzögerungen

Die auf dem Genfer Autosalon 1968 präsentierte 375-L-Variante ging nie in Produktion, denn inzwischen hatte sich Peter Monteverdi mit Pietro Frua überworfen. Weil die erwarteten Verkäufe eine Erhöhung der Produktionskapazität erzwang, erwies sich das Atelier von Frua, wo auch noch die AC 428 gebaut wurden, als zu eng. Den Schritt zur Massenfertigung der Karosserien mit Presswerkzeugen war zu teuer, Monteverdi fand mit der Carrozzeria Fissore, ansässig in Savigliano in der Nähe von Turin, eine Alternative. 

Frua war darüber natürlich nicht glücklich, hoffte aber immerhin die Lizenzkosten für die Designentwicklung in Rechnung stellen zu können. Dies wiederum war dem Schweizer zuwider, es kam zum Bruch mit Frua, der ein Chassis (Nummer 2002) zurückbehielt und einen leicht modifizierten 375-L-Entwurf als AC 429 fertigbaute. Die Lizenzzahlungen erstritt er sich vor Gericht.


Monteverdi 375 L High Speed (1969) - Holz-Form zum Aufbau der Karosserie bei Fissore
Archiv Automobil Revue

Peter Monteverdi aber beschloss, den 375 L nochmals neu zu entwickeln, setzte sich selber ans Zeichenbrett und entwarf ein Coupé mit angedeutetem Stufenheck und kräftigerer Front. Dieses wurde in aller Eile für den Genfer Autosalon 1969 fertiggestellt und dort gezeigt.


Monteverdi 375 L High Speed (1969) - auf dem Genfer Autosalon 1969
Archiv Automobil Revue
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Auch für die Amerikaner

Von Anfang an beabsichtigte Monteverdi beim neu gestalteten 375 L sowohl europäische als auch amerikanische Normen zu berücksichtigen, also nur ein Typenprogramm für alle Märkte zu entwickeln. Dafür mussten die Frontscheinwerfer höher eingesetzt werden, womit die Front deutlich wuchtiger wurde. Mit dem angedeuteten Stufenheck liess sich die Heckscheibe steiler stellen, was zu einer besseren Sicht nach hinten führte.


Monteverdi 375 S High Speed (1968) - das von Monteverdi entwickelte Fahrgestell, zu sehen am Genfer Autosalon 1968
Archiv Automobil Revue

Technisch blieb sich Monteverdi auch mit dem überarbeiteten 375 L treu. Weiterhin stand er auf einem massiven Rahmen aus Kastenprofilen, welcher in der Schweiz hergestellt wurde. Vorne sorgten Dreiecksquerlenker für die Radführung, hinten eine Starrachse nach dem De-Dion-Bauprinzip. Als Motor wurde weiterhin der Chrysler-7,2-Liter-V8 mit zentraler Nockenwelle genutzt, der mit einer Chrysler Torqueflite-Wandlerautomatik mit drei Vorwärtsgängen gekoppelt war.

Die Bremsen stammten von Girling und die Pedalarbeit wurde durch zwei Servoaggregate unterstützt, genauso wie die Lenkarbeit an der ZF-Lenkung mit Schnecke und Rolle. Serienmässig waren Sicherheitsgurten, Heckscheibenheizung und eine Westinghouse-Klimaanlage.

Einzig für das Radio und elektrische Antenne musste zum Grundpreis von 69’500 Schweizer Franken ein Zusatzobulus entrichtet werden, während der Käufer zwischen Magnesium-Leichtmetallfelgen und Borrani-Speichenrädern auswählen konnte.

Edel im Innern

Im Innenraum gab es vor allem edles Leder und Holz, die Lärmisolation wurde gegenüber dem um 20 Zentimeter kürzeren 375 S verbessert.


Monteverdi 375 L High Speed (1971) - bequeme Sitze
Archiv Automobil Revue

Mit 4,8 Metern Länge und 1,8 Metern Breite bei 1,27 Metern Höhe war der neue Monteverdi ein grosses Auto, mit mindestens 1,6 Tonnen war er kein Leichtgewicht, was auf die massive Bauweise, aber auch die Stahlkarosserie zurückzuführen war.

Stetige Verbesserungen und eine Modellreihenerweiterung

Zum Coupé 375 L gesellte sich 1970 eine viertürige Limousine, die designmässig bis zur B-Säule weitgehend dem Coupé entsprach. Auch diese wurde, wie auch der modifizierte 375 S bei Fissore gebaut.

Den Schritt zu Pressformen machte Monteverdi dann doch, um die Kosten für die Herstellung seiner Autos zu senken.

Für das Jahr 1974 wurden die beiden Modelle 375 L und 375/4 konsequent überarbeitet, was einen abgasentgifteten Chrysler-Motor, vor allem aber eine verbesserte Motorkühlung mit sich brachte, welche durch Erhöhung der Ölmenge sowie einen zusätzlich Ölkühler erreicht wurde. Auch die beiden Hochleistungsventilatoren für den Wasserkreislauf waren eine Monteverdi-Verbesserung, die es so bei Chrysler nicht gab. Auch sonst wurde im Detail viel verbessert, sei es an der Frischluftverteilung im Auto, die Beleuchtung der Schalter oder neu eingeführte Sitze. Für mehr Sicherheit wurde ein Überrollbügel in die Karosserie eingeschweisst, die Innenausstattung besser gepolstert und serienmässige Rollgurten angeboten.

Wichtiger für die heutigen Besitzer dürfte allerdings sein, dass Monteverdi an der Langlebigkeit seiner Produkte arbeitete und seit ungefähr 1971 alle Karosserie hohlraumbehandelte. Auch bei der Materialwahl waren eine lange Lebensdauer ein wichtiges Kriterium.

Sportlich, aber doch luxuriös

Auto Motor und Sport erhielt 1972 einen High Speed 375 L für Testfahrten und absolvierte den Spurt von 0 bis 100 km/h in 8,2 Sekunden. Als Höchstgeschwindigkeit wurden 229,3 km/h notiert, der Tacho hätte bekanntlich noch weitere 100 km/h anzeigen können. Mit den ganz sportlichen Coupés jener Zeit konnte der Monteverdi also nicht mithalten, dafür war er ihnen bezüglich Komfort und Platzverhältnisse sicherlich überlegen.

Die Automobil Revue notierte damals: “Im Fahrverhalten erinnerte uns die Limousine an besonders gepflegte Amerikaner Wagen der selben Gewichtsklasse, während das über einen kürzeren Radstand verfügende 2+2-plätzige Coupé eine etwas sportlichere Fahrweise zulässt. Das Komfortniveau schien uns beim Coupé noch etwas höher zu liegen als bei der Limousine.

Überschaubare Produktion

Peter Monteverdi nannte gerne grosse Zahlen, wenn es um den Ausstoss seiner kleinen, aber mehrfach vergrösserten Manufaktur, in der Nähe von Basel ging. 1973 vermeldete die Automobil Revue, dass im Jahr 1972 60 Autos produziert worden seien und dass seit 1967 über 200 Monteverdi verkauft worden seien. Monteverdi dachte bereits über eine Selbstbeschränkung von maximal 100 Autos pro Jahr nach. Die realen und erst später bekanntgewordenen Zahlen lagen meist tiefer.


Monteverdi 375 L High Speed (1976) - zusammen mit Limousine 375/4 und Geländewagen Safari
Archiv Automobil Revue

Die Energiekrise der Siebzigerjahre traf Monteverdi hart, grosse Sportwagen mit hubraumstarken Motoren waren nicht mehr gefragt. Auf Basis amerikanischer Grossserienprodukte entwickelte der Schweizer sodann eine komplett neue Fahrzeugpalette mit Geländewagen, Limousinen und Sportwagen, die sogenannte S-Serie.

Bis ins Jahr 1974 hinein baute Montverdi das Coupé 375 L, wobei dies nicht so klar dokumentiert ist. Ingesamt sollen 53 lange Coupés entstanden sein, wie einer internen Verkaufsliste zu entnehmen war.

Der Salon-High Speed von 1971

Auch im Jahr 1971 stellte Peter Monteverdi am Genfer Autosalon einen 375 L aus.


Der Monteverdi 375/4 auf dem Genfer Autosalon von 1971 - links daneben steht vermutlich 375 L mit Chassisnummer 2052
Archiv Automobil Revue

Dieses blaue Coupé mit Chassisnummer 2052 wurde noch auf dem Salon an einen Griechen verkauft, der den Wagen bis heute behielt.


Monteverdi 375 L High Speed (1971) - eleganter und sicherlich damals sehr schneller Sportwagen
Copyright / Fotograf: Tom Wood - Courtesy RM/Sotheby's

So ist es zu erklären, dass das Coupé insgesamt nur rund 51’000 km zurückgelegt hat und in komplett originalem Zustand bewahrt wurde, samt seinem beigen Leder-Interieur und den dezenten Holzfurnieren.


Monteverdi 375 L High Speed (1971) - Intererieur mit viel Leder und Holz
Copyright / Fotograf: Tom Wood - Courtesy RM/Sotheby's

Der Monterverdi 375 L von 1971 mit Chassisnummer 2052 wurde am 7. September 2016 von RM/Sotheby’s in London versteigert . Der Schätzpreis (£ 110’000 bis 130’000) wurde vom Verkaufspreis (€ 185'024 oder CHF 202'272) um rund 30 Prozent übertroffen. 

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von Cr******
13.09.2016 (07:49)
Antworten
Was war damals noch möglich! Ein Kleinhersteller bringt ein wunderschönes GT-Modell auf den Markt. Mit italienischem Styling und grossen Motoren. Leider kam Monteverdi die Oelkrise in den Weg. Was hätte da noch folgen können!
Wer die Autos der 60er und 70er anschaut, weiss noch was Design ist - im Gegensatz zu den heutigen 08-15-weichgespülten Fahrzeugen.
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