Lancia Aurelia B24S America Spider - der älteste Überlebende seiner Gattung

Erstellt am 26. Dezember 2015
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bonhams 
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Bruno von Rotz 
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FCA - Fiat Chrysler Group / Lancia 
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Courtesy Bonhams 
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Archiv 
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Im Jahr 1950 präsentierte Lancia mit der Aurelia die erste Nachkriegskonstruktion und zwar eine, die es in sich hatte. Als Motor diente der erste je in Serie produzierte V6-Motor, das Getriebe hatte man zwecks besserer Gewichtsverteilung hinten beim Differential angeordnet, die Karosserie der Limousine war halb-selbsttragend.

Bereits 1951 präsentierte Pinin Farina auf dem Fahrgestell der Aurelia ein viersitziges Cabriolet, das allerdings eher Komfort- denn Sport-Ansprüchen genügen konnte.

Für die sportlichen Kunden gab es seit 1951 das Coupé mit Zweiliter- und ab 1953 die schnellere Variante mit 2,5-Liter-Motor.


Lancia Aurelia GT 2500 Spider (1955) - mit montierten Seitenscheiben
Copyright / Fotograf: Bonhams

Ein offener Gran Turismo

Die Freunde offener Gran Turismos mussten aber bis Ende 1954 warten, bis Pininfarina eine zweisitzige offene Variante präsentierte, deren Styling sich Anleihen bei D24 und anderen Pininfarina-Kreationen jener Zeit nahm.


Lancia Aurelia GT 2500 Spider America (1954) - der Prototyp von Pininfarina im Jahr 1954
Archiv Automobil Revue

Am 13. Dezember 1954 kündigte die Automobil Revue den B24, der “Spider America” genannt wurde, an:

“Auf die kommenden amerikanischen Sportwagenausstellungen bringt Lancia eine neue Ausführung des Aurelia Gran Turismo heraus, nämlich einen offenen Zweisitzer, dessen selbsttragende Karosserie von Pinin Farina hergestellt wird. Der Wagen ist indessen nicht nur für die USA bestimmt, sondern soll, falls genügendes Interesse vorhanden ist, auch in Europa verkauft werden.

Die zunächst aufgelegte Serie von 200 und 300 Wagen wird etwa ab April zur Auslieferung gelangen. Wie die Abbildung des Prototyps zeigt, ist der neue Spyder etwas kürzer als das bisherige Coupé; der Radstand wurde in der Tat von 265 auf 245 cm reduziert. Um die notwendige Drehsteifigkeit zu erhalten, ist der Wagen durch besonders hohe und verstärkte Kastenlängsprofile versteift.

Während der Motor für Amerika voraussichtlich etwas elastischer ausgelegt wird, um den Fahrern in den USA ein allzu häufiges Schalten zu ersparen: wird die europäische Version den normalen 118-PS-Motor mit 2451 cm3 Hubraum (78X85,5 mm, Sechszylinder in V unter 60 Grad) erhalten. Das mit dem Achsantrieb verblockte Vierganggetriebe wird durch einen Mittelschalthebel geschaltet. Die De-Dion-Hinterachse ist unverändert beibehalten.

Der offene Zweisitzer wird mit einer Panorama-Windschutzscheibe versehen, wie sie in den USA zur Standardausrüstung der Modelle 1955 gehört. Der Wagen besitzt ein versenkbares Faltverdeck, abnehmbare Seitenscheiben mit Belüftungsflügeln und eine verstellbare Lenksäule. Die Sitzbank ist in der Mitte geteilt und kann - wie auch die Rücklehne - einzeln eingestellt werden. Hinter den Sitzen befindet sich ein Raum für das Verdeck, an den unmittelbar der Treibstofftank anschliesst. Im Boden des Gepäckraumes ist das Reserverad liegend untergebracht. Das Gewicht dieses neuen Tourensportwagens liegt mit rund einer Tonne etwa 100 kg unter demjenigen des Gran-Turismo-Coupés.”

Die Nummer 2

Nach dem ersten Prototyp fertigten die Pininfarina-Karosseriebauer ein zweites Auto, das für die kommenden Autosalons vorbereitet wurde.

Gegenüber dem ersten Prototyp unterschied sich das Auto für Brüssel und Genf durch geänderte Stossstangen, denn statt der filigranen Hörner gab es nun breitere Stossfänger. Das Pininfarina-Emblem auf der Flanke wanderte von einer Position vor der Türe nach hinten zwischen Türe und Radausschnitt. Der Prototyp verfügte über schlichte Raddeckel und dunkle Stahlräder.


Lancia Aurelia GT 2500 Spider (1955) - das zweite Fahrzeug (B24S1002) diente auch zu Prospektaufnahmen
Archiv Automobil Revue

Auch innen liessen sich Unterschiede ausmachen. Der erste rechtsgelenkte Prototyp verfügte noch über keinen Innenspiegel und auch die Radioabdeckung war abgerundet statt rechteckig gehalten.

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Öffentliche Präsentation in Brüssel und Genf

Wagen Nummer 2 mit Linkslenkung stand in der Mitte des Lancia-Standes am Brüsseler Autosalon im Januar 1955. Zuvor noch hatte er als Fotomodell für die Werksbilder und die Aufnahmen für den Verkaufsprospekt gedient. Im März 1955 machte er erneut seine Aufwartung in Genf und liess seine filigranen Raddeckel, die ein Speichenmuster zeigten und nur an diesem Auto verbaut wurden, im Lampenlicht blitzen.


Lancia Aurelia GT 2500 Spider America (1955) - Premiere in Brüssel
Archiv Automobil Revue

Eine richtige Überraschung war der Wagen nach der Vorpräsentation im Dezember 1954 natürlich nicht mehr, die Automobil Revue schrieb in ihrer Berichterstattung zum Genfer Salon:

“Die Aurelia-Reihe umfasst die verfeinerte Limousine der 2.Serie, das Gran-Turismo-Coupe sowie den neuen Spyder. Dieser offene, von Pinin Farina karossierte Zweisitzer ist einer der schönsten und hamonischsten karossierten des Salons, und er beweist aufs neue, dass die amerikanische Panoramascheibe einem offenen Wagen wesentlich besser ansteht als einer Limousine.”

Schon zuvor hatte die ADAC Motorwelt die Neuheit anlässlich des Autosalons von Brüssel kommentiert:

“Lancia zeigte erstmals den neuen Lancia Aurelia Gran Turismo Spider 2500 mit Panoramascheibe. Der 2,5-Liter-Sechszylinder leistet 118 PS bei 5000 U/min und gibt dem Wagen eine Spitze von 185 km/h.”

Bei der Schreibweise war man sich damals nicht einig. Während Lancia selber im Prospekt von “Spider” schrieb, der auch von Seifert in der ADAC Motorwelt übernommen wurde, wählte die AR hartnäckig den Ausdruck “Spyder”.

Übergang zur Serie

War das Salon-Ausstellungsfahrzeug (Fahrgestell B24S1002) schon recht nahe an der Serie, so zeigten sich bei den Wagen danach doch noch einige Unterschiede. So war er rund fünf Zentimeter kürzer, was am geringeren Abstand zwischen Windschutzschreibe und Motorhaube sichtbar wird.


Lancia Aurelia B24 Spider America (1955) - am Concorso d'Eleganza Villa d'Este 2014
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Der Windschutzscheibenrahmen bestand aus vier Teilen, die Scheibenwischer fuhren parallel und nicht gegeneinander über die Scheibe. Auch die Innenausstatttung wies Unterschiede zu den Serienfahrzeugen auf und das Pininfarina-Logo war durch einen kompletten Schriftzug ergänzt.

Baukastentechnik

Die Technik des B24 Spider (das “S” in der Bezeichnung B24S steht für sinistra, also linksgelenkt) konnte praktisch unverändert vom GT-Coupé übernommen werden, nur dass der Radstand gekürzt und die Bodenplattform verstärkt wurde.


Lancia Aurelia GT 2500 (1953) - der V6-Motor
Archiv Automobil Revue

Als Motor diente also der bekannte V6-Motor mit 2,5 Litern Hubraum und 118 PS bei 5000 Umdrehungen. Dieser hatte mit dem nur 1060 kg schweren Wagen wenig Probleme, die Höchstgeschwindigkeit von 185 km/h jedenfalls dürfte für viele Stammtischgespräche gesorgt haben.

Rarität

Rund 30’000 Franken kostete der America Spider im Jahr 1955, den Gegenwert von etwa sechs VW Käfern. Nur wenige verfügten über ein derartig grosses Budget und viele davon wohnten erwartungsgemäss in den USA. Nicht alle gebauten Autos erreichten allerdings die Verkäufer, denn 1956 kollidierte das Schiff Andrea Doria im Nebel mit einem anderen Passagierschiff und versenkte neben dem Prototyp Chrysler Norseman auch 50 Lancia B24 Spider auf dem Meeresboden.


Lancia Aurelia GT 2500 Spider America (1955) - Für den US-Markt
Archiv Automobil Revue

Pininfarina stellte insgesamt 240 Spider mit Panoramascheibe her, dann löste eine Cabriolet oder Convertible genannte Version mit weniger stark gebogener Frontscheibe und versenkbaren Seitenscheiben den America Spider ab. Der Convertible wurde über 500 Mal gebaut, bis auch sein Ende im Jahr 1958 kam.

Wertvoll

Die wenigen überlebenden America Spider gehören nicht nur zu den Dauergästen an Concours-Veranstaltungen, sie erreichen auch hohe Preise an Versteigerungen, selbst wenn es sich nur um Restaurierungsobjekte handelt.


Lancia Aurelia GT 2500 Spider (1955) - Cockpit des zweiten gebauten America Spiders
Copyright / Fotograf: Bonhams

Bonhams erwartet für den zweiten je gebauten B24S Spider - der ursprüngliche Prototyp soll nicht mehr existieren - aus dem Jahr 1955 EUR 900’000 bis 1’300’000 in Paris an der Grand PalaisVersteigerung 2016 , und dies ist sicherlich kein unrealistischer Preis, wenn man weiss, dass der Wagen praktisch ein Einzelstück ist, komplett und ohne Rücksicht auf Kosten restauriert wurde und heute wieder so dasteht, wie er an den Salons von Brüssel und Genf im Jahr 1955 seine Aufwartung machte.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von MIKE DREHER
14.01.2020 (06:54)
Antworten
Die CHF 30,000, welche der Spider America 1955 gekostet hatte, wären kaufkraftbereinigt heute um CHF 160,000-180,000.
von MIKE DREHER
14.01.2020 (06:50)
Antworten
Die Kollision der beiden Luxusschiffe, der italienischen Andrea Doria - benannt nach dem genuesischen Admiral 1569, fast 90-jährig - mit der schwedischen Stockholm ereignete sich am 25.07.1956. Die Geschichte in Wikipedia ist jedenfalls lesenswert, auch wenn Lancias darin nicht vorkommen.
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