Fiat Turbina – Der Tiefflieger aus Turin
Zusammenfassung
In einem Land, in dem Familien-Limousinen schöner als alle ausländischen Coupés sind und selbst Kleintransporter mindestens zwei Nockenwellen benötigen, ist man im Automobilbau seit jeher einer gewissen Ästhetik und Rasanz verpflichtet. So verwundert es nicht, dass das erste – und bis heute einzige – turbinengetriebene Auto aus Italien ein ebenso rassiger wie extravaganter Sportwagen war. Dieser Artikel erzählt die Geschichte des einmaligen Turiner Raketenautos und zeigt es auf vielen historischen Bildern.
Dieser Artikel enthält folgende Kapitel
- Kriegswissen für Friedenszeiten
- Höchste Geheimhaltung
- Drei Ingenieure beginnen bei Null
- Tipo 8001 entsteht
- Krach auf dem Dach
- Das Triebwerk wird gebaut
- Alles hausgemacht
- Die Funktionsweise des Antriebs
- Morgenrot der Gasturbine
- Ein modernes Fahrwerk und ein leichter Rahmen
- Luigi Rapi entwirft die Karosserie
- Carlo Salamano startet zur ersten Ausfahrt
- Demonstrationsläufe auf dem Flughafen
- Konsequente Weiterentwicklung
- Mehr Leistung bei besserer Haltbarkeit
- Der Weltredkordversuch-Versuch
Geschätzte Lesedauer: 22min
Leseprobe (Beginn des Artikels)
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stieg das Interesse an Gasturbinen für den zivilen Gebrauch in ungeahnte Höhen. Die Vorstellung der neuen Strahltriebwerke für Düsenjäger war Anfang 1944 eine Sensation gewesen. Flugzeuge ohne Propeller! Die gleichermaßen schnell wie geschmeidig laufenden Turbinen konnten natürlich trotzdem Propeller antreiben – oder Räder. Und so fragten sich bald alle, wer als Erster die Verbindung dieser faszinierenden neuen Kraftquelle mit Automobilen wagen würde. Denn wer auch immer es sein würde, Aufmerksamkeit und Anerkennung wären ihm sicher, denn kein anderes Antriebsaggregat zuvor hatte Presse und Öffentlichkeit je derart begeistert. Infolgedessen wagten sich die Ingenieure von Automobil- und Flugzeugfirmen auf der ganzen Welt an den neuartigen Antrieb.
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"Der Turbina war 4369 Millimeter lang, 1610 Millimeter breit und 1255 Millimeter breit."
Die letzte Breite sollte wohl in die Höhe gehen.
"Luftwiderstandsbeiwert von nur 0,14 cw."
Der cw-Wert ist ein dimensionsloses Maß. cw ist ein Formelzeichen und keine Einheit. Das c ist der Koeffizient, w steht für Widerstand. Korrekt heißt es: Luftwiderstandsbeiwert cw von nur 0,14 oder cw = 0,14.
Kurze Anfrage zu folgendem Abschnitt: "Mehr Leistung bei besserer Haltbarkeit"
Die Leistungsangaben, speziell bei Fahrzeugmotoren, sind international nicht immer vergleichbar, da unterschiedliche Messverfahren vorgenommen wurden.
Nur in diesem Abschnitt wird die Abkürzung bhp verwendet. Diese bedeutet Brake Horsepower. BHP ist im englischsprachigen Raum die Einheit für die Bruttomotorleistung und basiert auf den englischen Einheiten Pfund (lbf.) und Fuß (ft.).
Die gebräuchlichste Verwendung von Horsepower (HP) als Einheit besteht darin, die Leistung eines Motors mittels Bremsmoment (Drehmoment) und Drehzahlmesser zu messen, die sich durch Anhängen eines Dynamometers an eine Kurbelwelle bestimmen lässt. Was bei HP tatsächlich bestimmt wird, ist die maximale Beschleunigung und die Höchstgeschwindigkeit des Autos.
Auf der anderen Seite misst Brake Horsepower die Leistung eines Motors, ohne den Leistungsverlust zu berücksichtigen, der durch einige Teile des Motors wie Generator, Getriebe, Lichtmaschine, Wasserpumpe und andere Hilfsteile verursacht wird.
Zusammenfassung:
1. HP ist die Ausgangsleistung eines Motors, während BHP die Eingangsbremsleistung eines Motors ist.
2. BHP ist die Messung der Motorleistung ohne Leistungsverluste, während HP = BHP abzüglich der Leistungsverluste ist.
3. HP wird gemessen, indem ein Motor an ein Dynamometer angeschlossen wird, während BHP in einer kontrollierten Umgebung gemessen wird, ohne dass am Motor etwas angeschlossen ist.
Welche Leistungsangaben sind nun gemeint (Eingangs-, Ausgangsleistung)? In den anderen Abschnitten wird nur PS angegeben. 1 hp entsprechen 1,0139 PS bzw. 0,7457 kW.
In Deutschland wird die Leistung angegeben, die der Motor im eingebauten Zustand an das Getriebe abgibt ("DIN-PS", gemessen nach DIN 70020). In Italien wurde die "Cuna-PS" (ohne Luftfilter und Schalldämpfer) verwendet, die damit um 5 bis 10 % höher lag als die DIN-Leistung. In den Vereinigten Staaten wurde bis in die 1970er-Jahre die Motorleistung nach den Normen SAE J1995 und J245 bestimmt. Dabei wurden die Motorleistung ohne den Betrieb von Lüfter, Wasserpumpe, Lichtmaschine, Luftfilter und Schalldämpfer ermittelt. Eine nach SAE-Normen ermittelte Leistung ist zwischen 10 und 25 % größer als die nach DIN 70020 ermittelte Leistung.
Knappe Ergänzung zu folgendem Abschnitt: "Kriegswissen für Friedenszeiten"
Schon am 3. Januar 1946 stellte der deutsche Ingenieur und Autopionier Fritz Cockerell in München seinen neu entwickelten Motor vor, der nach dem Prinzip der Gasturbine funktionierte. Im Vergleich zu herkömmlichen Motoren sollte diese Maschine bis zu 50 Prozent weniger Benzin verbrauchen. Es fand sich jedoch kein Produzent und Cockerells Projekt geriet angesichts der schwierigen Nachkriegssituation in Vergessenheit. Hier sind einige frühe Patentschriften, die sich auf einen Turbinenantrieb beziehen, zu sehen:
http://www.megola.de/Patente/Patentschriften/US000002765616A_all_pages.pdf
http://www.cockerell.de/Patente/Patentschriften/CH000000236109A_all_pages.pdf
http://www.megola.de/Patente/Patentschriften/DE000000731155A_all_pages.pdf
http://www.cockerell.de/25%20Brennkraftdampferzeuger.htm
Anmerkungen zu Rover:
1945 begannen bei der englischen Firma Rover Company in Solihull erste Überlegungen, eine Gasturbine aus einem Flugzeug in ein Auto zu setzen. Rover begann im Kriegsjahr 1945 mit der Arbeit an der Gasturbine für Straßenfahrzeuge. Bis 1948 hatte Rover eine brauchbare Turbine namens T5 entwickelt und diese wurde zur leistungsstärkeren T8 weiter verbessert, die 1949 beim Antrieb eines Bootes demonstriert wurde. Es dauerte nicht lange, bis eine T8-Turbine in einen Rover P4 am 14. März 1950 der Öffentlichkeit vorgeführt wurde. Bei der ersten Vorführung leistete der Rover-Gasturbinenwagen JET1 (von englisch to jet = ausstrahlen, ausstoßen, hervorschießen) 100 PS und konnte den Testwagen mit 85 Meilen pro Stunde beschleunigen. Das Auto wurde 1952 erneut auf der Autobahn Jabbeke in Belgien vorgeführt, diesmal mit einer 230-PS-Turbine, die es auf bis zu 152 Meilen pro Stunde beschleunigen konnte, was einen Weltrekord für ein Gasturbinenauto darstellte.
Wer das unangenehme Turbinengeräusch des JET1 hören möchte:
https://revivaler.com/rover-gas-turbine-cars/
https://www.hemmings.com/stories/2020/06/28/the-worlds-only-turbine-powered-rover-jet-1-replica-built-by-a-25-year-old-who-tracks-it
https://www.youtube.com/watch?v=_J_WBCumm5Y










































































































































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