Ein radikaler Sportwagen namens Piper GTT

Erstellt am 20. April 2013
, Leselänge 5min
Text:
Jeroen Booij / Bruno von Rotz
Fotos:
Jeroen Booij 
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Archiv Jeroen Booij 
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Der Firmenname “Piper” dürfte vor allem Aviatikleuten ein Begriff sein, bezeichnet er doch leichtgewichtige ein- oder zwei-motorige Flugzeuge die durch die Firma “Piper Aircraft” bis heute hergestellt werden.

Doch auch in England gab es eine Firma Piper, genauer gesagt sogar deren zwei. Die eine, “Piper Cams”, konzentrierte sich auf das Tuning von Motoren, die andere baute radikale Sportwagen.


Piper P2 (1971) - der modifizierte Phase 2 Piper
Archiv Automobil Revue

Es begann 1965

George Henrotte und Bob Gayler begannen Mitte der Sechzigerjahre zusammenzuarbeiten und sie konzentrierten sich die Leistungsoptimierung von Motoren. Kaum aber hatten sie sich einen Namen geschaffen, bekanmen sie den Auftrag, einen Rennwagen zu bauen. Das Ergebnis war ein ultraflacher offener Spider im Lotus-Stil, der durch seine breite Karosserie und durchsichtige Türen auffiel. Bis Mitte 1966 wurden vier dieser Fahrzeuge gebaut, eines davon wurde trotz mässiger Erfolge durch einen Artikel in Sports Car Graphic weit herum bekannt. Es war der Wagen des Rennfahrers Jerry Titus, der mit einem aufgebohrten Buick-V8-Motor ausgerüstet worden war.

Vom Rennwagen zum Strassensportwagen

Im Jahr 1966 wurden Henrotte und Gayler von Keith Grant und zwei dessen Kollegen angefragt, ob sie nicht in der Lage wären, einen ultraleichten Strassensportwagen bauen könnten, der die Innereien ihrer rennvorbereiteten Austin Sprite (Speedwell) aufnehmen konnte, für welche offensichtlich bei den Club-Rennfahrern kein Bedarf mehr Bestand.

Nur zu gerne packten die beiden Unternehmer und Sportwagen-Enthusiasten Henrotte und Gayler diese Gelegenheit am Schopf und machten sich an die Arbeit. Sie verstärkten sich mit dem freischaffenden Entwickler/Ingenieur Tony Hilder, der der Sohn des Landschaftsmalers Richard Hilder war. Hilder entwickelte ein Chassis, das Anleihen beim Lotus Elan bezog, aber im Gegensatz zum Lotus einen Rohrrahmen als Basis hatte. Als Aufbau zeichnete der talentierte junge Mann, der nie eine formelle Design-Ausbildung genossen hatte, eine futuristische und windschlüpfrig aussehende Sportwagen-Karosserie mit langer Haube und kurz-knackigem Ende.

Bereits im November 1966 konnte ein Plastilin-Modell im Masstag 1:4 fertiggestellt werden und dieses wurde am Kingston College of Technology Windkanaltests unterzogen, einmalig vermutlich in der Geschichte der Kleinstserienproduzenten in England.

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Präsentation an der London Racing Car Show

Im Januar 1967, Keith Grant und seine beiden Kollegen hatten das Projekt schon lange verlassen  und Henrotte/Gayler arbeiteten wieder alleine weiter, wurde auf der London Motor Racing Car Show ein 1:1-Modell als “Piper GT” präsentiert und als Strassen-/Rennwagen mit der Fähigkeit, mit den besten Autos der Welt konkurrieren zu können, beschrieben.

Angekündigt wurde ein Bausatz bestehend aus Karosserie und Chassis, der mit Komponenten der BMC-Modelle A34/A40, Sprite/Midget, aber auch mit Imp-, Ford oder selbstentwickelten Motoren komplettiert werden könne. Dieses Kit, das GTa genannt wurde und mit Triumph-Herald-Vorderachse sowie einer aus Ford- und Austin-Healey Sprite-Teilen zusammengebauten Hinterachse versehen war, sollte für 395 britische Pfund in fünf Farben (grau, blau, red, grün und gelb) angeboten werden.

Das Interesse war beträchtlich, 700 Anfragen wurden notiert und Bestellungen für 18 (oder 12?) Fahrzeuge registriert. Allerdings schien die Mehrheit der interessierten Käufer eine Ford-Motorisierung vorzuziehen, so dass Henrotte und Gayler nach nur sechs Sprite-Varianten begannen, den Wagen auf den Ford-1600-Motor umzukonstruieren.


Piper GT (1966) - aufgenommen am Prescott Hillclimb 1969
Copyright / Fotograf: Archiv Jeroen Booij

Rennwagen als Ablenkung

Inzwischen war Piper durch den Renn-Enthusiasten Robin Sherwood übernommen worden, der zwar primär an den Rennaktivitäten der Firma interessiert gewesen war, die Seriensportwagenproduktion aber fortführte. Um in Le Mans zu starten, liess er einen Gruppe-6-Rennwagen bauen, der GTR genannt wurde und durch extrem tiefes Gewicht  (knapp 600 kg) und eine aerodynamische Formgebung (cW 0,28) bestach.

Ursprünglich für einen BMW-3-Liter-Motor konzipiert wurde der Wagen in Le Mans mit einem Lotus-1,3-Liter-Aggregat gemeldet. Doch dieser Versuch sollte nicht erfolgreich sein, der einzige Wagen, der es bis Le Mans schaffte, wurde vom Start zurückgezogen.


Piper GTR (1969) - im Training zu Le Mans, nicht gestartet
Archiv Automobil Revue

Auch ein Formel-3-Fahrzeug entwickelte man im Rahmen der Rennaktivitäten.

Mit Ford-Power

An der Racing Show 1969 konnte die neue Ford-Variante des Piper GT vorgestellt werden, die Typenbezeichnung lautete nun “GTT”. Zudem präsentierte man auch noch eine Luxus-Version namens “GTS”, die sich durch ein Leder-Interieur und Sechs-Zoll-Alu-Räder vom anderen Modell abhob. Als beinahe fertiggestellte Bausätze kosteten die beiden Varianten 1’355 und 1’505 englische Pfund. Kunden konnten sich sogar in der Fabrik Sitz, Pedale und Lenkrad auf den Leib schneidern lassen.

Piper versprach eine Höchstgeschwindigkeit von 120 MPH (193 km/h) und eine Beschleunigungszeit für den Standard-Sprint 0 bis 60 MPH (96 km/h) in sechs Sekunden. Das Magazin “Hot Car” konnte diese Leistungen bei einem Test nicht ganz nachvollziehen, erreichte aber immerhin eine Spitze von 118 MPH und 9.2 Sekunden für den Sprint auf 60 Meilen pro Stunde, was immer noch überdurchschnittlich schnell war.

In einem sehr wohlwollenden Bericht der Zeitschrift “Cars and Car Conversions” wurde speziell die Sitzposition erwähnt, die einen mit dem Fahrzeug verschmelzen liesse, ob man es wolle oder nicht.

Eine Besonderheit des Piper GTT/GTS waren die fest montierten Seitenscheiben. Eine Öffnungmöglichkeit liessen die abenteuerlich geformten Glasflächen (Perspex) nicht zu, was zu wahrlich sauna-artigen Innenraum-Temperaturen führte, sobald die Sonne auf die üppigen Glasflächen schien.

Getrübte Aussichten

Während die Sicht nach vorne und zur Seite gut war, war es sehr schwierig, nach schräg hinten zu schauen, was das Befahren von Kreuzungen und Einfahrten zu einer heiklen Angelegenheit machen konnte. Ob diese Tatsache auch am Verkehrsunfall des Firmen-Eigners Sherwood Im Dezember 1969 schuld war, ist nicht überliefert.

Der Tod Sherwoods war eine Katastrophe für Piper. Die Rennaktivitäten wurden sofort gestoppt, ein Erfolg war sowieso nicht erkennbar gewesen. Das Tuning-Geschäft wurde in eine separate Einheit gelegt und beinahe wäre auch die Sportwagen-Produktion aufgegeben worden.

Doch zwei Mitarbeiter, Bill Atkinson und Tony Walter, wollten nicht aufgeben, nachdem bis dahin nur gerade einmal eine Handvoll Piper-Ford-Fahrzeuge überhaupt gebaut worden waren. Sie setzten die Fertigung fort und entwickelten sogar eine verbesserte Version.

Phase 2

Im Jahr 1971 wurde eine neue Version des Pipers vorgestellt, nun “P2” (für Phase 2) genannt. Das Chassis war verstärkt worden, im Heck tat nun eine Ford-Capri-Konstruktion ihren Dienst. Die Gesamtlänge war um rund 15 cm gewachsen, Doppelscheinwerfer unter Plastikabdeckungen veränderten die Front.


Piper GTT P2 (1971) - die meisten Modelle hatten einen Ford-Motor
Copyright / Fotograf: Jeroen Booij

Doch das Glück war den beiden Sportwagenbauern nicht hold, Als Folge der Streikaktivitäten im Ford-Werk trocknete der Nachschub aus, entsprechend wurde es unmöglich Piper Sportwagen auszuliefern. Im Juni 1971 war der Bankrott Tatsache. Ein Wiedererweckungsversuch misslang 1974, wobei die Ölkrise daran nicht unschuldig war. Ende der Geschichte.

Rund 80 bis 90, so ganz genau lässt sich das nicht mehr eruieren, Piper Sportwagen waren gebaut worden, die Rennwagen und Prototypen mitgezählt. Exakt drei GTS wurden verkauft, alle haben überlebt, genauso wie der grösste Teil der GTT-Modelle. Der portraitierte GTT P2 mit Baujahr 1971 ist eines der wenigen Exemplare auf dem europäischen Festland und gehört seit rund fünf Jahren einem österreichischen Sammler.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von TC******
23.04.2013 (13:20)
Antworten
sehr interessantes Auto, gibt es einen Richtwert für ein solches Auto?
Antwort vom Zwischengas Team (Chefredaktor)
23.04.2013 (13:29)
Diese Autos werden kaum je gehandelt und der Preis ist sicher stark zustandsabhängig. Aber unter 50'000 Euro wird wohl schwerlich etwas möglich sein, so aus dem Bauch heraus ...
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