Austin A55 Cambridge – die britische Ponton-Limousine

Erstellt am 7. November 2020
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
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Archiv 
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Komplett neue Modelle waren in den Fünfzigerjahren nicht gerade an der Tagesordnung. Die Autohersteller rappelten sich gerade von der Kriegszäsur auf, die britischen Fahrzeugbauer schafften dies am schnellsten. Und so konnte schon im September 1954 ein komplett neuer Austin Cambridge präsentiert werden.


Austin A40 (1954) - Ende September 1954 wurde die Limousine vorgestellt
Archiv Automobil Revue

Vieles neu

Neu am A40/A50 Cambridge (intern "GS5" genannt) war vor allem die Karosserie, sie zeigte sich in zeitgenössischer Ponton-Form ohne ausstehende Kotflügel und sie war selbsttragend.


Austin A40 Somerset (1953) - ein vorteilhafter Engländer angesichts der Dimensionen und des Preises - am Automobilsalon in Genf 1953
Archiv Automobil Revue

Gegenüber dem Vorgänger A40 wuchs der Radstand um 17 Zentimeter, während die Gesamtlänge nur um sechs Zentimeter zunahm. Von vorne sah der neue Cambridge praktisch quadratisch aus, denn Höhe und Breite massen je 156 Zentimeter.


Austin A40 (1954) - zwei Motorisierungen mit 1,2 und 1,5 Litern Hubraum waren erhältlich
Archiv Automobil Revue

Zur Form schrieb die Automobil Revue anlässlich der Erstvorstellung:
"Die kleinere Gesamthöhe (im Vergleich zum Vorgänger) und der längere Radstand sowie die völlig neue Linienführung haben den früher eher etwas hochgebauten Austin zu einem viel angenehmer ins Auge fallenden Wagen gemacht. An der Silhouette des Wagens sind/der ringsum senkrecht abfallende Vorderteil, der vierfenstrige Passagierraum mit der etwa im gleichen Winkel nach oben geneigten Front- und Heckscheibe sowie der senkrecht abfallende Kofferraum als getrennte Elemente der Karosseriearchitektur zu erkennen."

Durch die Radstand-Vergrösserung wuchs auch der Innenraum, der fünf vollwertige Sitzplätze anbot. Knieraum und gute Zugänglichkeit der Sitze gehörten ebenfalls zu den Pluspunkten.

Gefällig wirkte das Armaturenbrett, während die Schiebefenster in den Türen schon bald zu Kritik führten.

Mehr Ordnung im Kofferraum

Der neue Austin war also gleichzeitig modern und auf bewährter Technologie aufgebaut.

Eine Besonderheit setzen die Briten aber dennoch um. Sie verlegten nämlich das Reserverad unter den Kofferraum in eine Mulde, die man mit einer Kurbel, die im Kofferraum eingesteckt und gedreht werden konnte. nach unten ausgefahren wurde. So konnte man das Ersatzrad fast ohne Kraftaufwand entnehmen und das gewechselte Rad an dessen Stelle wieder versorgen. Als Nebeneffekt wirkte der Kofferraum deutlich aufgeräumter und grösser.

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Zunächst mit zwei Motorisierungen

Die sogenannten “B”-Motoren waren neu, sie waren allerdings nicht nur für den A40/A50, sondern für eine ganze Reihe von Konzernmodellen vorgesehen. Mit einer seitlichen Nockenwelle, hängenden Ventilen und dreifach gelagerter Kurbelwelle entsprachen sie dem damals üblichen Charakteristiken.


Austin A40 (1955) - futuristisches Interieur für die Zeit
Archiv Automobil Revue

Der 1,5-Liter des A50 leistete 51 PS bei 4400 Umdrehungen, der 1,2-Liter im A40-Modell produzierte 42 PS. Beide Motorvarianten waren an dasselbe Vierganggetriebe gekoppelt, dessen Übersetzungsverhältnisse allerdings der jeweiligen Motorvariante angepasst war. Die Schaltübertragung der Lenkradschaltung erfolgte über ein Gestänge.

Die Radaufhängungen und die Lenkung entsprachen weitgehend dem Vorgänger, allerdings wurde mehr Sorgfalt bei der Lagerung angewendet. Vordere Einzelradaufhängungen mit Trapezdreieckquerlenkern und Schraubenfedern und eine hintere Starrachse mit Halbelliptikfedern hätte man ähnlich auch in den Sportwagen jener Zeit finden können.

Fast wie ein Sportwagen

Die Automobil Revue erhielt schon kurz nach der Präsentation Gelegenheit, den neuen Austin A50 Cambridge probezufahren. Dieses Modell kostete in der Schweiz zunächst CHF 8950 und es bewies sich als flotter Reisewagen mit guten Platzverhältnissen sowie überdurchschnittlich kräftigen Bremsen. Lenkung und übrige Bedienungselemente seien erfreulich leichtgängig, vermittelten die Testfahrer, die von der Probefahrt einen "guten Eindruck" hatten.

Verfeinerung im Jahr 1957

Auf dem Genfer Autosalon 1957 wurde dem grossen Publikum nach etwa 146’000 produzierten A40/A50 ein rundum verfeinerter Austin Cambridge präsentiert.


Austin A55 Cambridge (1957) - dem grossen Publikum erstmals am Genfer Autosalon 1957 präsentiert
Archiv Automobil Revue

Der Motor leistete etwas mehr, vor allem aber war die Karosserie dem Geschmack des Publikums angepasst worden und sie hatte eine etwas gewagtere Zweifarben-Lackierung erhalten. Zudem war die Innenausstattung hochwertiger geworden, die Lenkräder wiesen nun eine versenkte Nabe auf. Der Kofferraum war durch die neue Linienführung etwas angewachsen.


Austin A55 Cambridge (1957) - mit neu gestalteter Heckpartie mit grosser Heckscheibe
Archiv Automobil Revue

Die Automobil Revue schrieb nach einer kurzen Probefahrt anlässlich des Salons:
“Ein bequemes Familienfahrzeug, das am besten bei mittlerer Geschwindigkeit und auf guter Strasse befriedigt. Zu kritisieren ist das Verhalten der Hinterachse beim Beschleunigen in engen Kurven (inneres Hinterrad springt) sowie die starke Feder des Schalthebels beim Herunterdrücken in die Ebene des 1. und 2. Ganges. Synchronisierung jetzt sehr gut. Die Lenkung hat gewonnen, auch die Leistung, obwohl das Drehmoment bei höheren Touren rasch abfällt.
Gesamteindruck: Ein Wagen für ruhige Fahrer, die eine sorgsam gefertigte Karosserie, vier Gänge, einen elastischen direkten Gang und Temperament, aber keine sportlichen Höchstleistungen wünschen.”

Faires Angebot

Preislich setzte sich der Austin A55 mit CHF 9570 ins Mittelfeld. Natürlich war ein VW Käfer günstiger (CHF 6425) und auch der Opel Rekord (CHF 7800) oder der Peugeot 403 (CHF 9500) kosteten weniger. Eine Alfa Romeo Giulietta aber stand mit CHF 12’200 in der Preisliste, ein Mercedes-Benz 180 mit CHF 12’600.


Austin A55 Cambridge (1957) - neue Gestaltung des Hecks und ansprechende Verwendung von zwei Farbtönen - Genfer Autosalon 1957
Archiv Automobil Revue

Wer den britischen Charme mochte und an der Zweifarbenlackierung Gefallen fand, der erhielt mit dem Austin ein solides Angebot.
Bis im Februar 1959 wurde der A55 so gebaut, insgesamt konnten von der verbesserten Version etwa 185’000 Fahrzeuge in Longbridge gefertigt werden.

Ganz schön komfortabel

Selbst über 60 Jahre später kann man spüren, warum dieser Wagen sich gut verkaufen liess. Er startet problemlos nach Schlüsseldreh und Startzugbetätigung. Die Lenkradschaltung lässt die Gänge problemlos wechseln, die Geräuschkulisse ist überraschend sportlich, ohne zu stören.


Austin A55 Cambridge (1957) - 52 PS leistet der Vierzylinder mit 1483 cm3 bei 4250 Umdrehungen
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Die Fahrleistungen sind in Ordnung, auch heute kann man im Landstrassenverkehr problemlos mitschwimmen. Aber man spürt natürlich, dass dem Gewicht von knapp über einer Tonne nur 52 PS gegenüberstehen.


Austin A55 Cambridge (1957) - die verschiedenen Austin-Varianten sind auf den ersten Blick gar nicht so einfach zu unterscheiden
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Dafür ängstigen auch schmalste Strassen nicht, schliesslich misst die viertürige Limousine nur 155 cm in der Breite, während die Länge mit 426 cm etwa einem modernen VW Golf entspricht. Diesen überragt der Austin allerdings in der Höhe um fast 15 cm.


Austin A55 Cambridge (1957) - übersichtliches Interieur
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Die Platzverhältnisse gehen aufgrund dieser geringen Grundfläche in Ordnung, die Übersichtlichkeit überzeugt trotz der hohen Gürtellinie.


Austin A55 Cambridge (1957) - nur 4,26 Meter lang, aber 1,54 Meter hoch
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Auf einen Artgenossen zu treffen, dürfte im Austin A55 Cambridge nur selten gelingen, ausserhalb eigens organisierter Marken-Typen-Treffen sowieso nicht. Und trotzdem fällt die kompakte Limousine kaum auf, was vielleicht auch an der grauen Lackierung liegt.


Austin A55 Cambridge (1957) - das Austin-Zeichen als Kühlerfigur
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ga******
10.11.2020 (12:03)
Antworten
Super selten hier in Deutschland, kann man mit MG A oder B Technik aufwerten dann trifft man auf einen Cortina GT und eine Alfa TI und kann mithalten keiner weis was das für ein Auto ist, man rätselt immer. Passiert ja schon mit einem Austin A 35 hier. Mir gefällt der A 40-50 Cambridge besser wegen dem Knick im Heck und weil er schönere Linien hat. Mit 100 PS, Overdrive und Scheibenbremsen fährt der schon recht ordentlich. Danke auch für diesen Bericht. Mein 54 A 50 kommt aus Basel ist aber ein RHD.
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