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Armstrong Phaeton von 1896 - der erste Hybrid-Personenwagen der Welt?

Erstellt am 25. Februar 2016
, Leselänge 3min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bonhams 
13
Erik Fuller - Courtesy RM Auctions 
4

Das Automobil war gerade erfunden, Carl Benz hatte eben sein Patent für ein Dreiradfahrzeug mit Verbrennungsmotor angemeldet, am 2. November 1886 wurde ihm dieses erteilt. Weit entfernt tüftelte ein gewisser Harry E. Dey wenige Jahre später bereits an einem Fahrzeugkonzept, das manches vorwegnehmen sollte, was erst eine Dekade später den Weg in die Serienfertigung schaffte. Dey baute einen Elektro-Benzin-Hybridpersonenwagen.

Armstrong Phaeton (1896) - mit elektrischer Beleuchtung
Copyright / Fotograf: Bonhams

Auf einem weissen Blatt Papier

Eigentlich hatte Dey, der sich brennend für Elektrofahrzeuge interessierte und Wege suchte, ihre Reichweite zu vergrössern, den Auftrag erhalten, für die Roger Mechanical Carriage Company in New York ein importiertes französisches Auto für die Nutzung auf amerikanischen Strassen zu verbessern. Doch das Gebotene überzeugte Dey nicht und er entwickelte eine komplett eigene Konstruktion, die durch die Firma “Armstrong Company” aus Bridgeport Connecticut um das Jahr 1895 als Prototyp in die Realität umgesetzt wurde.

Funktion vor Design

Optisch glich der Prototyp vielen anderen damals gebauten frühzeitlichen Automobilen, die allesamt mehr wie eine Kutsche als etwas anderes aussehen. Grosse Räder mit Holzspeichen, kaum Wetterschutz und hoch sitzende Passagieren erinnerten an eine Pferdekutsche, nur dass eben kein Pferd vorgespannt war.

Armstrong Phaeton (1896) - die Räder wurden kürzlich verstärkt, um mit dem Drehmoment besser fertig zu werden
Copyright / Fotograf: Bonhams

Doch wer unter die Sitzbänke schaute, der sah die automobile Zukunft.

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Innovationsreich

Es war keine Holzkonstruktion, die den Wagen zusammenhielt, sondern ein veritabler Stahl-Rohrahmen, wie ihn die italienischen Sportwagenbauer noch in den Sechzigerjahre gerne nutzten. Als Unterflurbauweise sozusagen war ein Zweizylinder-Benzin-Motor mit gegenüberliegenden Brennräumen und 6,5 Liter Hubraum hinter der Vorderachse als Mittelmotor eingebaut.

Armstrong Phaeton (1896) - komplexe Antriebsmechanik mit zwei Brennräumen und einem kombinierten Dynamo/Motor zwischen Benzinmotor und Getriebe
Copyright / Fotograf: Bonhams

Statt eines Schwungrads hatte Dey einen Elektro-Dynamo hinter den Motor gesetzt, der gleichzeitig dazu genutzt werden konnte, den Benzinmotor zu starten und, sobald er lief, die Batterie wieder aufzuladen. Dank einiger einfallsreicher Schachzüge konnte der Wagen sogar durch den Elektromotor angetrieben werden, wenn auch kaum über lange Strecken.

Das Dreiganggetriebe wurde vom Lenkrad aus geschaltet, die Kupplung wurde elektro-magnetisch aktiviert, der Wagen war also sozusagen ein Halbautomat, wie zum Beispiel die Saxomat-Fahrzeuge etwa 70 Jahre später.

Auch die Zündung war einfallsreich und wurde durch ein zentrifugen-artig wirkendes System aktiviert. Und im Gegensatz zu andern Automobilen der Zeit wurde der Wagen mit einem Lenkrad und nicht einer Lenkstange oder ähnlich gesteuert.

Armstrong Phaeton (1896) - optisch einer Kutsche nachempfunden, aber man beachte den Rohrrahmen und das Lenkrad
Copyright / Fotograf: Bonhams

Dass nicht auch noch vier Scheibenbremsen an Bord waren, überrascht da schon fast, aber tatsächlich machte sich Dey wohl um das Bremsen deutlich weniger Sorgen als um den Antrieb, so dass eine vergleichsweise primitive Verzögerungsvorrichtung über die Hinterräder ausreichen musste. Dafür gab es elektrisch betriebene Scheinwerfer, auch dies deutlich fortschrittlicher als die Konkurrenz von damals.

Praxiserprobt

Offenbar wurde der Wagen auch genutzt, denn er soll Mitte der Neunzigerjahre des 19. Jahrhunderts an einem Rennen von New York nach Irvington teilgenommen haben. Viel vom Abschneiden des Armstrong Phaetons ist nicht bekannt. Was man aber weiss ist, dass die Firmen hinter dem Autos schon bald bankrott gingen und das kein einziges Exemplar des Wagens je verkauft wurde.

Der Prototyp aber blieb in einer Ecke der Fabrik liegen und wurde fast vergessen, bis ihn ein Mitarbeiter nach Hause nahm und in seine Garage stellte. Dort wurde der Wagen von einem Dennis David entdeckt und schliesslich gekauft.

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Restauriert

Einige Jahre und weitere Besitzer später kam der Wagen zu Robin Loder, einem Sammler und Liebhaber früher Automobile in Grossbritannien. Mit enormem Aufwand wurde das Uralt-Mobil wieder fahrbar gemacht und vom Veteran Car Club auf das Baujahr 1896 datiert. Schliesslich wurde der funktionsfähige Wagen wieder in die USA verfrachtet.

Armstrong Phaeton (1896) - als Lot 152 an der RM Auction Hershey vom 9./10. Oktober 2014
Copyright / Fotograf: Erik Fuller - Courtesy RM Auctions

2014 tauchte das Einzelstück bei der RM-Hershey-Versteigerung auf. Eingeschätzt auf USD 550’000 bis 700’000 erreichte der frühe Hybrid allerdings nur ein Höchstgebot von USD 375’000.

Armstrong Phaeton (1896) - mancher Autohersteller hatte auch 30 Jahre später noch nicht so fortschrittliche Technik zu bieten
Copyright / Fotograf: Bonhams

Seither wurde der Wagen bei Holman Engineering nochmals technisch verfeinert mit dem Ziel, komplett einsatzfähig zu sein. Neben Arbeiten an Mechanik und Elektrik wurde auch ein Konstruktionsfehler beseitigt. Die Räder, die an einer Pferdekutsche natürlich keine Antriebsdrehmomente verkraften mussten, wurden verstärkt, damit sie in Zukunft eine sichere Fortbewegung ermöglichen.

Am 10 März 2016 wird der 120-jährige Armstrong Phaeton bei der Bonhams-Versteigerung in Amelia Island unter den Hammer kommen, der Schätzpreis wurde auf USD 175’000 bis 275’000 angesetzt, wofür dieses erfindungsreiche Einzelstück sicherlich einen neuen Besitzer finden müsste, der vielleicht schon bald mit dem Armstrong von London nach Brighton fahren könnte. Es wäre sicherlich hochspannend zu sehen, ob die Konstruktion wirklich so funktioniert wie sie erdacht wurde.

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