Aero 50 Dynamik Sodomka – Bruderkuss in Blech

Erstellt am 22. Juli 2022
, Leselänge 6min
Text:
Paul Krüger
Fotos:
RM Sotheby's 
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Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Wer würde unter einer solchen Karosserie einen kleinen Zweitakter vermuten?
Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Ausladende Kotflügel und schmaler Spur, damit die Vorderräder lenkbar bleiben
Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Stilistisch ähnlich, aber ohne den Kitsch von Figoni & Falaschi
Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Vergleichsweise simple, dennoch atemberaubend schöne Stromlinienform
Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Die Abdeckungen der Räder können zum Radwechsel demontiert werden
Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Eines von zwei überlebenden Exemplaren
Bild von Partner Württembergische

Als nach dem ersten Weltkrieg der Bedarf an kleinen Flugzeugen so gut wie nicht mehr vorhanden war, suchte die tschechoslowakische Flugzeugwerft Aero wie so viele ihrer Leidensgenossinnen ihr Heil im Automobilbau. Doch anstatt komplett bei Null zu beginnen, kaufte Firmeninhaber Dr. Vladimír Kabeš im Dezember 1928 die kleine Prager Firma Enka, die bereits einen Kleinwagen entwickelt und in geringer Stückzahl hatte, der aber die Mittel zur Grossserienfertigung fehlten. Den Konstrukteur kaufte Kabeš gleich mit, sodass Enka-Gründer Břetislav Novotný zum Chef der neuen Automobilabteilung von Aero wurde.

Das fertige Serienmodell wurde bereits im Herbst 1929 auf dem XXI. Prager Automobilsalon der Öffentlichkeit präsentiert. Namensgebend für den Aero 10 war der 10 PS starke Einzylinder-Zweitaktmotor mit 499 Kubikzentimetern Hubraum, der das Wägelchen auf bis zu 70 km/h beschleunigte. Noch vor der Präsentation hatte Bohumil Turek mit dem "Kleinen Wagen für grosse Fahrten" die Sternfahrt zum Autosalon in der Hauptstadt gewonnen.

Bild Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Grosses Lenkrad mit filigranen Federspeichen und hölzernem Kranz
Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Grosses Lenkrad mit filigranen Federspeichen und hölzernem Kranz

Nach den stärkeren Modellen 18 und 20 erschien im April 1934 mit dem Aero 30 das erste vorderradgetriebene Modell der Marke. Wie der zur gleichen Zeit präsentierte Citroën 7 CV hatte der Wagen dank seines sehr tiefen Schwerpunkts eine hervorragende Strassenlage, die ihn im Rallyesport recht erfolgreich machte. Angetrieben wurde er von einem wassergekühlten Zweitakt-Zweizylinder, der aus 999 Kubikzentimetern 30 PS holte und eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h ermöglichte.

Dem Aero 30 wurde 1936 der Aero 50 zur Seite gestellt. Als Spitzenmodell der Marke schöpfte er seine Kraft aus zwei Litern Hubraum und vier Zylindern, die allerdings immer noch nach dem Zweitaktprinzip arbeiteten. Mit 50 PS und knapp 130 km/h Spitze war der Aero 50 ein gut motorisiertes Auto, das sich vielleicht am besten mit dem Citroën 11 CV vergleichen lässt.

Wie der Vater nicht der Sohn

Ab 1939 lies Aero die Werkskarosserien seiner Automobile bei Sodomka in Vysoké Mýto bauen. Das für seine hohe Qualität bekannte Karosseriewerk war 1895 von Josef Sodomka unter dem Namen "Erste ostböhmische Kutschenfabrik" gegründet worden und hatte sich schon vor dem ersten Weltkrieg mit seinen äusserst soliden und hochwertigen Kutschen einen Namen gemacht. Nach dem Krieg brach die Nachfrage jedoch ein, sodass Sodomka 1925 nur noch vier Mitarbeiter beschäftigte, nachdem es zehn Jahre zuvor noch 50 gewesen waren.

Die Rettung nahte in Form von Sodomkas Sohn. Josef Junior hatte bereits im Jahr 1922 seine Ausbildung zum Kutschwagenbauer abgeschlossen, interessierte sich aber viel mehr Automobile, sodass er zunächst in der Fabrik von Laurin & Klement anheuerte. Nachdem er 1925 in die väterliche Firma zurückgekehrt war, konnte er seinen alten Herrn von dem neuen Geschäftszweig überzeugen. Das erste Automobil, das eine Sodomka-Karosserie erhielt, war der Praga Mignon des österreichischen Unternehmers Jan Šplíchal.

Bild Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Mit 50 PS erreicht er gut 120 km:h
Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Mit 50 PS erreicht er gut 120 km:h

Natürlich kleidete das tschechoslowakische Werk zunächst überwiegend einheimische Produkte von Laurin & Klement, Tarta, Walter oder Jawa ein. Doch die hervorragende Qualität sprach sich schnell herum, sodass bald auch Mercedes-Benz, Austro-Daimler, Rolls-Royce und sogar Duesenberg in Böhmen karossiert wurden.

Im Alter von nur 27 Jahren übernahm Josef Sodomka Junior 1931 die Firma vollständig von seinem Vater. Bald entstanden nicht mehr nur Einzelstücke nach individuellem Zuschnitt, sondern auch konfektionierte Kleinserien wie etwa 85 Tatra 52 mit Sodomka-Kleid. Das Repertoire des nun schlicht "Sodomka Karosseriewerk" umfasste 1935 Kutschen, Wohnanhänger, Transportanhänger, Schneemobile, Sportgeräte, Spielzeugautos, Segelflugzeuge, Schienenfahrzeuge und Omnibusse.

Dynamik im Wüstensand

Das Kerngeschäft blieb jedoch die Massschneiderei für Automobile. Wie meisterhaft Sodomka dieses Metier beherrschte beweist wohl kein Modell so gut wie der 1939 erstmals gezeigte Aero 50 Dynamik, dessen fliessendes Stromlinienkleid an die französische Haute Couture von Saoutchik oder Figoni & Falaschi erinnert, aber ohne deren Schnörkel und Pomp. Die Formen sind glattflächig und fliessend, aber nicht zu schlicht und plump. Die Erscheinung ist prunkvoll, aber nicht kitschig. Währen das erste Exemplar noch kreisrunde Scheinwerfer und einen Kühlergrill im Lincoln-Stil hat, tragen alle weiteren fünf die sechseckigen Lampen des Opel Kapitän neben ihrem breiten Kussmaul, das an den Buick Y-Job erinnert.

Den vorletzten gebauten Aero 50 mit Dynamik-Karosserie bestellte 1939 der ehemalige olympische Hammerwerfer und spätere Architekt František Louda. Er kann sein extravagantes Gefährt jedoch nur kurz geniessen. Im März 1939 beginnen die Nationalsozialisten mit der "Zerschlagung" der Tschechoslowakei. Als sich Louda 1942 dann dem Widerstand gegen die Besatzer anschliesst, versteckt er den besonderen Aero in einer Scheune.

Bild Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Vergleichsweise simple, dennoch atemberaubend schöne Stromlinienform
Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Vergleichsweise simple, dennoch atemberaubend schöne Stromlinienform

Im weiteren Verlauf des Zweiten Weltkrieges verlor Louda wohl das Interesse an seinem Stromlinien-Cabriolet, denn er schenkte es 1945 seinem Freund Samuel Harrison Thomson, der Ende der Zwanzigerjahre an der Karls-Universität in Prag promoviert hatte und der nun Professor für mitteleuropäische Geschichte an der Universität von Colorado war. Thomson holte den Wagen im Dezember über den Grossen Teich und hielt im 15 Jahre die Treue. Anschliessend ging der Aero durch die Hände mehrerer Besitzer, die wohl nicht um die Besonderheit des Wagens wussten, und wurde um 1970 schliesslich in der Nähe von Tucson, Arizona, in der Wüste abgestellt.

Dem trockenen Klima ist es wohl zu verdanken, dass vom hübschen Sodomka-Kleid zehn Jahre später noch etwas übrig war, das man retten konnte. Ein paar Anbau- und Zierteile waren freilich über die Jahre abhandengekommen und wohl Souvenierjägern zum Opfer gefallen. Restaurator Don Vogliesand aus Seattle, Washington, fertigte sie alle einzeln nach, was ohne Referenzen sicher nicht ganz einfach war. Doch die Mühe war es wert, denn mit seinem Einsatz rettete er ein Stück tschechischer Automobilgeschichte und verdoppelte obendrein die Zahl der Überlebenden. Denn nur zwei Aero 50 Dynamik sind bis heute erhalten geblieben. Das andere Exemplar, ein hellblaues Auto von 1940 mit beigefarbenem Interieur, steht heute im Regionalmuseum von Vysoké Mýto.

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Citroen CV11 BL (1953)
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Ein erzwungenes Ende

Inklusive der sechs Stromlinien-Cabrios entstanden vom Aero 50 bis 1941 genau 1205 Exemplare. Vom Typ 30 entstanden 7964 Stück, was ihn zum erfolgreichsten Modell der Marke macht. Er lief noch bis 1947 weiter, dann wurde der im Dezember 1945 verstaatlichten Firma die Produktion von Automobilen verboten. Zwei Autofirmen (Tatra und Škoda) waren den Sozialisten genug.

Auch das Karosseriewerk Sodomka wurde nach dem Februarumsturz 1948 und der sowjetischen Machtübernahme verstaatlicht, firmierte fortan als "Karosa n.p." (národní podnik = Volkseigener Betrieb) und wurde auf den Bau von Omnibussen sowie Lastwagen beschränkt. Personenwagen entstanden nur noch vereinzelt. Etwa das Tatra-600-Cabriolet, das im Dezember 1948 ein Geschenk zu Josef Stalins 70. Geburtstag war und 1949 auf dem Genfer Salon ausgestellt wurde. Oder der Mercedes-Benz 770 von 1939, der 1952 zu Repräsentationszwecken eine neue Karosserie im Stil des 300 S erhielt.

Bild Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Wer würde unter einer solchen Karosserie einen kleinen Zweitakter vermuten?
Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Wer würde unter einer solchen Karosserie einen kleinen Zweitakter vermuten?

Josef Sodomka durfte, wenn auch enteignet, zunächst Direktor seiner Firma bleiben, ehe er 1950 wegen "geplanter Landesflucht" verhaftet und zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Nach seiner Entlassung arbeitete er noch einige Jahre als Konstrukteur bei Nutzfahrzeughersteller LiAZ, bis er am 9. Februar 1965 einem Nierenleiden erlag.

Die wohl einmalige Gelegenheit, einen Aero 50 Dynamik zu erwerben, bietet sich am 18. August 2022. Dann wird RM Sotheby's den hier gezeigten schwarz-roten Wagen im Rahmen der Monterey Car Week in Kalifornien versteigern . Der Schätzpreis liegt bei 300'000 bis 400'000 US-Dollar.

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Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Wer würde unter einer solchen Karosserie einen kleinen Zweitakter vermuten?
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Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Vergleichsweise simple, dennoch atemberaubend schöne Stromlinienform
Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Die Abdeckungen der Räder können zum Radwechsel demontiert werden
Aero 50 Dynamik Sodomka (1939) – Eines von zwei überlebenden Exemplaren
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