Im dunklen, erstaunlich Herbst-milden London versammelten sich am Sonntagmorgen, 1. November, im Hyde Park fast 400 Veteranenfahrzeuge – alle mindestens 121 Jahre alt. Mit ihnen kamen unerschrockene Fahrer, wackere Beifahrer und eine grosse Schar begeisterter Zuschauer. Alle warteten auf das erste Tageslicht, das Startsignal zum „London to Brighton Veteran Car Run“, der ältesten gefahrenen Motorsportveranstaltung der Welt.
Vor 130 Jahren fand 1896 der sogenannte Emancipation Run statt. Gefeiert wurde damit der kurz zuvor verabschiedete „Locomotives on Highways Act“. Das wegweisende Gesetz hob die Höchstgeschwindigkeit für „leichte Lokomotiven“von 4 auf 14 mph an (rund 6 auf 23 km/h). Ausserdem schaffte es die Pflicht ab, dass ein Mann mit einer roten Warnfahne vor jedem Motorfahrzeug hergehen musste.
Als Zeichen dieser Freiheit für die frühen Automobile begann die legendäre Hommage auch dieses Jahr mit dem symbolischen Zerreissen der roten Fahne. Das Ritual vor Sonnenaufgang übernahmen in diesem Jahr Marcus Breitschwerdt, Leiter von Mercedes-Benz Heritage, und Duncan Wiltshire, Chairman des Royal Automobile Club. Der Club organisiert den Run seit 1930.
Benz-Jubiläum am Start
Breitschwerdt wurde diese Ehre zuteil, weil die Ausgabe 2026 den 140. Geburtstag des Benz Patent-Motorwagens würdigte. Das revolutionäre Gefährt von Carl Benz, der im Januar 1886 das Patent dafür in Berlin einreichte, gilt weithin als erstes Serienautomobil der Welt. Zur Feier des Jubiläums stand eine Replik des bahnbrechenden Dreirads beim feierlichen Start.
Mit dem ersten Tageslicht schickte Wiltshire zunächst ein Feld von Motor- und Fahrrädern auf den Weg nach Brighton. Besondere Bewunderung ernteten die Hochradfahrer auf ihrer Fahrt zum Madeira Drive an der Küste von Sussex. Exakt um 6:53 Uhr, rollte die erste Gruppe der «pferdelosen Kutschen» von vor 1905 über die Startlinie und Richtung Hyde Park Corner.
Alter vor Tempo
Wie immer verliessen die Fahrzeuge den Hyde Park in der Reihenfolge ihres Alters. Die ältesten starteten zuvorderst und hatten damit am meisten Zeit bis Brighton. 396 Fahrzeuge aus der Frühzeit des Automobils wurden insgesamt auf die Strecke geschickt – 349 davon erreichten die Küste von Sussex.
Unter den frühen Startern war der stets beliebte Salvesen-Dampfwagen, im Grunde eine Dampflokomotive für die Strasse, samt Heizer, der Kohle in die Feuerung schaufelte. Dazu kamen mehrere urtümliche Motordreiräder, viele davon mit Fahrern und Passagieren in zeitgenössischer Kleidung.
Danach folgte eine verblüffende Vielfalt an Technik aus der allerersten Epoche des Automobilbaus. Gelenkt wurde mal per Lenkrad, mal per Lenkhebel oder Steuerrad nach Schiffsvorbild. Angetrieben wurden die Fahrzeuge mit Benzin, mit Dampf und sogar mit Batteriestrom. Die meisten waren offen und boten erwartungsgemäss kaum Komfort.
Durch das Herz Londons
Angeführt von den ehrwürdigsten viktorianischen «leichten Lokomotiven» tuckerte, schnaufte und zischte der Korso durch den Wellington Arch und über den Constitution Hill. Weiter ging es am Buckingham Palace, am Admiralty Arch und durch Whitehall bis zum Parliament Square. Unter dem Blick von Big Ben überquerten die Fahrzeuge die Westminster Bridge.
Dort gabelte sich die rund 97 Kilometer lange Route in zwei Äste, damit sich der Verkehr im Süden Londons besser verteilte. Die eine Hälfte folgte der klassischen A23 über Kennington, Brixton und Streatham Common. Die andere Hälfte nahm die Lambeth Bridge und fuhr über Vauxhall, Clapham Common und Tooting.
Nördlich von Croydon trafen beide Routen auf der A236 wieder zusammen. Vereint nahm die Prozession danach die Steigungen der South Downs in Angriff, bis hinunter zur Strandpromenade am Madeira Drive.
Alt und prominent
Einer der bemerkenswertesten Teilnehmer war der älteste erhaltene Rolls-Royce der Welt. Am Vortag war Type A 10 hp, am gut besuchten St James’s Concours auf der Pall Mall zum Best in Show gekürt worden. Der Wagen von 1904 erstrahlt wieder in seinem originalen Primelgelb.
Er ist der vierte von nur 17 gebauten Wagen die ersten drei sind verschollen. Auch prominente Namen sassen am Steuer. Dazu gehörten Pink-Floyd-Schlagzeuger Nick Mason, TV-Persönlichkeit Alan Titchmarsh und Andy Green, der Mann für Rekordfahrten.
Die Vielfalt der Antriebe zeigt den Pioniergeist der jungen Autoindustrie. Damals wetteiferten verschiedene Technologien darum, das kommende Jahrhundert der Automobilentwicklung zu bestimmen.
Mehr als hundert Jahre später steht die weltweite Autobranche vor einer ähnlichen Frage, wenn es um die Mobilität der Zukunft geht. Dazu passend fuhren mehrere Veteranen in diesem Jahr mit nachhaltigen E-Fuels des offiziellen Partners Sustain.
Erster: ein Lacoste et Battmann
Wie jedes Jahr liess der Run eine Zeit aufleben, in der die Automobiltechnik noch in den Kinderschuhen steckte. Entlang der ganzen Strecke jubelten Tausende Zuschauer den Fahrzeugen zu. Gemeldet waren Modelle aus Australien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Hongkong, Irland, Italien, Kanada, Monaco, den Niederlanden, Österreich, Portugal, Schweden, der Schweiz, der Slowakei, Spanien und Tschechien. Allein 21 Teilnehmer reisten aus den USA an.
Vertreten waren mehr als 100 Marken, von Ader, Albion, Argyll und Aster bis Warwick, Waverley, Winton und Yale. Einige davon wie Cadillac, Ford, Renault, Peugeot und Mercedes sind heute noch geläufig. Die grosse Mehrheit ist jedoch längst in der Automobilgeschichte verschwunden.
Die meisten Teilnehmer erreichten Brighton deutlich vor dem Zielschluss um 16.30 Uhr. Dafür gab es die begehrte Finisher-Medaille und einen wohlverdienten Hot Toddy von The Macallan. Der Run ist kein Rennen, aber als Erster an der Küste kam der deutsche Teilnehmer Wolfgang Kraemer mit einem Lacoste et Battmann von 1903. Der französische Einzylinder brauchte für die Strecke von der Hauptstadt ans Meer kaum mehr als drei Stunden.
Späte Genugtuung für Andy Green
Andy Green – der schnellste Autofahrer der Welt – hatte Anfang Jahr mit dem wasserstoffbetriebenen JCB Hydromax einen weiteren Landgeschwindigkeitsrekord mit über 400 mph (rund 644 km/h) aufgestellt. In Brighton gehörte er mit einem Stanley-Dampfwagen von 1904 zu den Letzten. Umso mehr freute er sich über die Ankunft am Madeira Drive, denn vor einem Jahr war er ausgefallen.
"Letztes Jahr war der Kessel in Brixton am Ende. Dass wir es diesmal bis Brighton geschafft haben, ist definitiv eine Erfolgsgeschichte, ich bin sehr, sehr glücklich», sagte Green. «Der Run selbst war grossartig. Die Streckenposten haben wie immer hervorragende Arbeit geleistet und uns die Fahrt so leicht wie möglich gemacht.
Die Zuschauer entlang der Route waren einfach unglaublich. Ich kenne weltweit keine andere Motorsportveranstaltung, bei der Tausende Menschen bei jedem Wetter mit einem breiten Lächeln an die Strasse kommen, um die Autos vorbeifahren zu sehen. Es gibt nichts Vergleichbares."
"Einer der besten Runs"
Duncan Wiltshire vom Royal Automobile Club erreichte Brighton am Steuer des Mors von 1901 des Royal Automobile Club, der das besondere Kennzeichen «RAC 1» trägt. Auch er war begeistert von einer Ausgabe, die vielerorts als eine der besten der letzten Jahre galt.
"Das war ein mustergültiger Veteran Car Run und einer der allerbesten, an die ich mich erinnern kann», so Wiltshire. «Wir hatten ein herausragendes Teilnehmerfeld, ausgesprochen gnädiges Wetter und vor allem riesige Zuschauermengen auf der ganzen Strecke. Alle, mit denen ich gesprochen habe, waren rundum begeistert.
Nach 130 Jahren ist es bemerkenswert, wie lebendig diese typisch britische Veranstaltung geblieben ist und dass sie Teilnehmer und Zuschauer aus aller Welt anzieht. Sie ist ein bedeutender Teil des britischen Automobilerbes. Für den Royal Automobile Club ist es ein grosses Privileg, diese wunderbare Tradition für kommende Generationen zu bewahren und zu fördern.
Mein Dank gilt allen, die mit ihren Autos und Fahrrädern die Reise angetreten haben. Ganz besonders danke ich unseren 350 freiwilligen Streckenposten, deren Einsatz und Begeisterung den Run zu einem so besonderen Anlass machen. Es war eine grossartige Feier der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Automobils."
Der Veteran Car Run bildete den Schlusspunkt der London Motor Week des Royal Automobile Club mit ihren zahlreichen Anlässen. Am Vortag fanden das gut besuchte St James’s Motoring Spectacle auf der Pall Mall und die rekordträchtige RM Sotheby’s London Sale statt. Der nächste „London to Brighton Veteran Car Run" findet statt am Sonntag, 7. November 2027.








































































































































































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