Vielleicht hätte man sich einen vor Kraft kaum zu bändigenden Sportwagen vorgestellt, ein Riesending, mit einer Riesenbatterie, mit tausenden von PS, einem Drehmoment, das jede Halbwelle vorzeitig zum Abdrehen bringt. Dazu hätten im Innenraum Lichtbögen überspringen dürfen, eingekapselt in Glasröhren, ein Summen beim Einschalten wie eine Umformerstation an einem schwülen Sommertag. Man hätte ihm auch ein geradeverzahntes Zahnradpaar gönnen können, so dass es richtig heftig geheult hätte beim Fahren. Überhaupt: Warum sieht man im Innenraum nicht nur Karbonfaserstrukturen und stranggepresstes Aluminium? Oder wie wäre es gewesen, wenn einige Leitungen frei verlegt worden wären? Wenn der Kraftfluss quasi offengelegt dagelegen hätte? Ferrari hat sich zu etwas völlig anderem entschieden.
Der erste vollelektrische Ferrari ist, so lassen die Pressebilder vermuten, ein braves, nett gezeichnetes Auto. Eine Sensation spürt man kaum beim Betrachten dieses Werks. Das leicht sinnlose Element eines Strassen-Ferrari, dafür die pure Freude, die Lust und die Verführung, sie fehlen. Das ist vielleicht das Bemerkenswerteste an diesem Wagen. Es ist womöglich auch die logische Schlussfolgerung, wenn das Designteam von iPhone und Co rund um Jony Ive ein Auto gestaltet.
Weniger von all jenen hochemotionalen Elementen, welche die Ferrari-DNA ausmachten, waren vermutlich noch nie an einem Auto mit dem springenden Pferd zu finden. Selbst ein Fiat 500 Tributo Ferrari hat weniger Ratio, dafür mehr Furor in sich als das gutmütige Wägelchen, das da in Rom der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde.
Dabei soll man sich nicht täuschen lassen. Manche Dinge entziehen sich dem beschränkten Geist des niederen Volkes. Es wäre gut möglich, dass bereits ein neuer, finanziell gut ausgestatteter Käufertypus auf dieses Auto gewartet hat. Oder, wie es ein alter, wohverdienter Tester der Automobilrevue in einem Gespräch mit der Redaktion vermutet hat, der Luce wird der unverfängliche, politisch korrekte Zweitwagen für bestehende Ferrari-Kunden und das Auto, mit der sich Umweltzonen in den Innenstädten der Weltmetropolen ohne Beschränkungen befahren lassen. Reine Petrolheads werden aber so oder so ihre liebe Mühe damit bekunden. Wenn also dieser Ferrari nicht dasselbe Schicksal wie der Retorten-Lotus Eletre erleiden wird – niemand will ihn haben –, dann ist dies dann wohl der Genialität einer Marke zuzuschreiben, die es verstanden hat, sich und ihre Produkte neu zu erfinden.
Im Moment aber sieht es noch ganz danach aus, als ob Ferrari hier geraden den ganz eigenen "Jaguar-Moment" erlebt: kaum positive Reaktionen, unzählige Memes und, AI sei Dank, der Luce spielt bereits in verschiedenen Filmchen die Rolle des wenig schmeichelhaften Antihelden. Nur eines ist im Moment klar: Ferrari hat noch selten bei der Lancierung eines neuen Modells so viel Aufmerksamkeit erhalten. Dabei durfte man sich in Maranello bisher bei jeder Neuvorstellung an reichlichen Mengen ebendieser Aufmerksamkeit erfreuen.
Ferrari Luce – Technische Daten
Masse & Gewicht
Länge: 5.026 mm
Breite: 1.999 mm
Höhe: 1.544 mm
Radstand: 2.961 mm
Leergewicht: 2.260 kg
Gewichtsverteilung: 47 % vorn / 53 % hinten
Kofferraum: 597 l
Reifen
Vorne: 265/35 R23
Hinten: 315/30 R24
Bremsen
Carbon-Keramik-Bremsen vorne und hinten
Antrieb
4 Elektromotoren (je einer pro Rad)
Leistung: Maximal 772 kW (1.050 PS) davon vorne bis 210kW / hinten bis 620 kW
Drehmoment: 11.500 Nm an den Rädern (!)
Motordrehmoment: 990 Nm
Batterie
Kapazität: 122 kWh
Spannung: 800 V
Maximale Ladeleistung: 350 kW
Fahrleistungen
0–100 km/h: 2,5 s
0–200 km/h: 6,8 s
Höchstgeschwindigkeit: 310 km/h
Reichweite: bis zu 530 km (WLTP)
Beim möglichen Preis macht aktuell die Summe von etwa 640'000 $ die Runde


















































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