Fühlt sich ein Besuch der grossen internationalen Oldtimermessen oft wie eine Geschäftsreise mit Stress und Hektik an, so erinnert ein Tag an der Motorworld Classics Berlin mehr an Urlaub, zumal wenn die Sonne scheint, wie es am Wochenende des 4. bis 7. Oktober 2018 der Fall war.
Dann nämlich entfaltet der Aussenbereich, treffenderweise Sommergarten genannt, seinen ganzen Charme. Man setzt sich in einen Liegestuhl, hält vielleicht ein Bier oder eine Cola in der Hand, nascht von einem köstlichen Flammkuchen und beobachtet das Treiben vorbeifahrender Oldtimer.
Nicht nur Stehzeuge
Im Gegensatz zu den meisten anderen Oldtimermessen lädt der Innenbereich der Messe Berlin nämlich zum Vorbeiflanieren ein. Kommende und abfahrende Klassiker werden vom bekannt wortgewandten Sprecher Johannes Hübner kommentiert, so dass das Publikum auch etwas dazulerne.
Für Tausende von Autos ist diese Parksituation natürlich nicht gedacht, aber bei überschaubarem Ansturm hat alles seine Ordnung. Vor einem Jahr verunmöglichte ein Sturmwind teilweise das Einfahren der alten Autos, im Jahr 2018 machte Petrus aber wieder mit.
Oasen im Getümmel
Generell sorgen sich die Macher der Motorworld Classics sehr um das Wohl ihrer Besucher. Die Gänge zwischen den Ausstellern sind breit, die Hallen (grossenteils) hell und an Kaffee-Nachschub gibt es keinen Mangel, dafür sorgen schon die vielen Espresso-Ambulanzen, aber auch andere Verpflegungsstände.
Und auch die “Herren von der Tankstelle”, die “Ladys” oder das “Rufus Temple Orchestra” sorgen für musikalische Untermalung und ein Lächeln auf den Gesichtern der Besucher.
Wer dreckige Schuhe kriegt, findet einen Schuhputzer. Wer die Hose ersetzen muss, einen Kleiderladen. Es ist für alles gesorgt und fühlt sich, wie bereits angetönt, fast wie Urlaub an.
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Gutes Echo für lange Nacht des Oldtimers
Erstmals beginnt die Berliner Messe mit einem Vorabendprogramm, auf den stimmigen Namen “Lange Nacht des Oldtimers” getauft. Der Abendanlass (von 17:00 bis fast zur Mitternacht) ist gut besucht, die Gäste sind begeistert.
Kunst und Rennsport in Symbiose
Gleich beim Eingang und als Blickfang aufgestellt, empfängt ein BMW M1 von 1979 mit bunter Lackierung die Besucher. Beim einzigen Exponat auf dem grosszügigen BMW-Stand handelt es sich um den Le-Mans-Teilnehmer von 1979, der durch Andy Warhol bemalt wurde. Gefahren wurde der wertvolle Gruppe-5-Rennwagen damals vom Profi Manfred Winkelhock und den beiden Amateuren Marcel Mignot und Hervé Poulain. Letzter war der Initiator der “Art Cars”.
Rund 15 der 24 Stunden sei Winkelhock am Steuer gesessen und habe den Wagen mitnichten geschont, der einmaligen Lackierung zum Trotz. Am Schluss schaute Platz 6 heraus, sicherlich ein sehr gutes Ergebnis für einen Semi-Pro-Einsatz.
Seither habe der Wagen kaum mehr die Sonne gesehen, die besondere Lackierung soll geschont werden, was für den M1 meist die Klimakammer als Aufenthaltsort bedeutet. 2018 aber darf er wieder Aufsehen erregen, zuerst an der Motorworld Classics Berlin und danach in einer länger dauernden Ausstellung im BMW-Museum, zusammen mit sechs weiteren Art Cars.
Clubs mit Bildungsmission
Einmal mehr sind es vor allem die Clubs, die dafür sorgen, dass die Messebesucher etwas dazulernen.
Ob nun das 50. Jubiläum des Peugeot 504 gefeiert wird oder der 70. Geburtstag der Ente (Citroën 2 CV) - immer überraschen die Interessengemeinschaften mit aufwändig recherchierten Informationstafeln und interessanten Fahrzeugen, die teilweise auch mächtig skurril anmuten, wie die Schmalspurente von 1985.
Die Brennabor “Sonderschau”
Sonderschauen im eigentlichen Sinne des Wortes gibt es in Berlin im Gegensatz zu den meisten anderen Oldtimermessen nicht. In die Lücke springen Clubs und Händler, die besondere Exponate zur Messe Berlin bringen. Im Jahr 2018 ist vor allem die Initiative des 1. Brennaborvereins zu erwähnten.
Brennabor wurde 1871 von den Brüdern Adolf, Herrmann und Carl Reichenstein in Brandenburg gegründet, anfänglich noch unter anderem Namen. Zunächst galt ihr Augenmerk der Herstellung von Kinderwagen, 1882 kamen Fahrräder dazu. 1902 stiegen die Brüder in die Motorradproduktion ein, 1905 wurde das erste Automobil gebaut.
Bereits 1924 fertigte man die Autos im Fliessbandverfahren. 1928 wurden täglich 120 Personenwagen und 1000 Fahrräder und eine beträchtliche Menge an Kinderwagen hergestellt. 1932 bereits wurde aus dem Familienbetrieb eine Aktiengesellschaft, 1933 die Automobilproduktion eingestellt. Nach dem Krieg, der die Produktionsanlagen weitgehend zerstört zurückgelassen hatte, wurden alles demontiert und was nutzbar war, wurde von den Russischen Besatzern übernommen.
Der reichhaltige Stand präsentiert Auszüge aus dem ganzen Produktspektrum von Brennabor. Eine Augenweide sind die Originaldokumente. Wer etwas über Brennabor erfahren will, ist auf dem Stand sicherlich am richtigen Ort. Wer die Gelegenheit verpasst hat, kann dies im Industriemuseum Brandenburg an der Havel nachholen.
Überschaubares Fahrzeugangebot
Mit den “Grossen” kann die Berliner Messe nicht konkurrieren, es finden sich keine 4000 Autos vor Ort und vielfach sind es halt vor allem die Fahrzeuge, die man bereits kennt. Allerdings, zwischen den bekannten Mercedes-Benz 190 SL und Porsche 911 findet sich auch immer wieder eine Rarität, der man bisher vielleicht noch nie begegnet ist.
Als Beispiel diene der VW “Feniks” von 1958. Dieser wurde 1958 vom Ingenieur und Segelflugbauer Bogumil Szuba auf Basis eines VW-Kübelwagens von 1941 gebaut. Neben den Originalteilen kamen auch Komponenten anderer Hersteller zum Zug, etwa von Wartburg oder Warszawa.
Während der Entwicklung des Wagens, dessen Karosserie aus Kunststoff besteht, war Szuba in engem Kontakt mit Volkswagen und als er eines Tages fragte, ob er den Wagen Phoenix (in seiner Sprache Feniks) taufen dürfe, lautete die Antwort, dass dies möglich sei, aber nur in Verbindung mit der Montage eines VW-Zeichens. Schliesslich handle es sich bei der technischen Basis ja um einen Volkswagen.
Ja, so war das damals. Das Ergebnis darf als gelungen betrachtet werden, jedenfalls trifft der Wagen auf Interesse beim Berliner Publikum.
Dies gilt auch für den kleinsten Personenwagen der Messe, den Peel P50, der auf dem P.S.-Speicher-Stand steht. Gerade einmal eine Person kann so knapp im Einsitzer Platz nehmen, einen Rückwärtsgang gibt’s nicht.
Notfalls kann man den Wagen hinten anheben und wenden, wenn man nicht gerade in einem Lift eingeklemmt ist, wie Jeremy Clarkson von Top Gear, der den Winzling weltberühmt gemacht hat.
Aus der Region für die Region?
Natürlich gibt es auch in Berlin internationale Besucher, primär reist das Publikum aber sicherlich aus der Region an, um einen Tag Abwechslung vom Alltag zu geniessen. Als Verkaufsmesse taugt die Veranstalter für die Besucher daher nur zum Teil, die meisten Aussteller werden die Präsenz sowieso als Marketing-Ausgaben verbuchen.
Die gute Stimmung in den Hallen verhindert, dass die Verkäufer allzu griesgrämig gucken und schliesslich bringen die Messegirls von Zeit zu Zeit auch noch einen heissen Kaffee vorbei. So kann man es aushalten.
Besucherrekord
Dass sich das Konzept der Berliner Messemacher bewährt, bestätigen die offiziell gemeldeten Besucherzahlen. Waren es 2017 deren 28’500, wurden 2018 31’500 Fach- und Publikumsbesucher registriert. Man kann davon ausgehen, dass sie sich bestens unterhalten haben.












































































































































































































































































































































































































































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