Wer frühmorgens durch die noch leeren Gassen der kleinen Stadt am Genfersee schlenderte, mochte sich kaum vorstellen, wie schnell sich diese bald füllen würden mit allem, was man sich an automobiler Fahrhabe aus dem Vereinigten Königreich überhaupt vorstellen kann. Zudem ist es ein Geniestück, wie sich diese mittelalterlichen Gassen jeweils ohne grosse Rangierarbeit, ohne langwieriges Hin-und-her füllten, während die ersten Glücklichen, die bereits einen Parkplatz gefunden hatten, sich zu Fuss zwischen den Autos hindurch bewegten. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Reto Defrancesco, der Kopf hinter der Organisation des British Classic Car Meetings, eine Firma für Strassen-Signalisation besitzt. Von Verkehrsführung verstehen sie etwas in Saint-Prex.
Die Dichte der parkierten Autos nahm also schnell zu, wobei es manch eine Crew sehr geschickt verstand, Auto und Kulisse in Einklang zu bringen – hier ein MG vor blühenden Rosen oder da ein Rolls-Royce im gleissenden Morgenlicht.
Dieses wurde durch die Reflexion der Sonne im Wasser des Genfersees – oder besser des Léman, man ist in der Waadt etwas empfindlich ob dieser Deutschschweizer Ignoranz – noch verstärkt.
Klassiker mit Ausnahmen
Etwas wählerisch darf man sein, wenn weit über tausend Autos erwartet werden können. Das Empfangskomitee etwa liess sich wenig beeindrucken von unserem originalen Genfer Premieren-Jaguar F-Type R, der dieses Modell am Salon 2014 eingeführt hatte. Zu jung, zu profan? Er musste draussen waren. Der Mini-Marcos – der erste Wagen, dem wir in der Hauptgasse über den Weg gelaufen sind – hat uns dafür entschädigt. Des Plastiks nicht genug, knurrte ein Lotus Elan mit seinem typischen Twin-Cam-Sound gleich hinterher. Wer nicht von einem Begeisterungssturm zum nächsten geworfen werden wollte, konnte sich bei einem Spaziergang durch die Imbiss-Meile am See entlang etwas erholen – oder verpflegen.
Ansonsten steht während des Meetings hinter jeder Hausecke ein kleines Glanzstück britischen Autobaus. Eigentlich müssten in Staint-Prex in der Manier wie man es in Goodwood bezüglich der Gefährlichkeit von Motorsport findet, Warnschilder angebracht werden: "Attention! One great car might follow another!" Und dabei sind es nicht nur die automobilen Schwergewichte, die Bluechips englischen Autobaus, die einem verzücken. Einen Vauxhall Velox der E-Serie sieht man eben nicht mehr so oft.
Den VX 4-90 – strenggenommen ein Bieler statt ein Brite da aus der Montage Suisse – genauso nicht. Auch ein 1959er Cresta (ebenso mit Eiger, Mönch und Jungfrau samt GM-Kürzel am Kühlergrill) hatte den Weg ebenso nach Saint-Prex gefunden, genauso wie viele anderen ehemaligen Alltagswagen mehr. Gut, einen Morris Marina haben wir nicht vor die Linse gekriegt, aber gut möglich, dass auch einer da war, genauso wie ein Austin Allegro.
Mit einer Mischung aus Nonchalance und strenger Ordnung bei der Platzierung der einzelnen Marken und Typen durch die Helfer liessen sich an verschiedenen Ecken gelegentliche "Hot-Spots" für verschiedene Marken ausmachen. Besonders eindrücklich etwa war der grosse Parkplatz hinter dem Kulturzentrum von Saint-Prex. Vielleicht fehlte ein Lotus Elite Type 14, aber sonst war hier so ziemlich alles vertreten, was einst als Leichtbau-Sportwagen Hornsey, Cheshunt oder Hethel (Lotus), aber auch Caterham und Dartford (Caterham) verlassen hat. Auffällig viele "Elisen" – sie feiert nächstes Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum seit dem Debut an der IAA 1995 – unterstrichen, dass der Begriff "Klassiker" in Saint-Prex nicht ganz streng mit dem Veteranen-Alter gleichgesetzt wird. Womit es kaum erstaunt, dass auch eindrücklich viele Morgan (selbst solche der neusten Generation mit Aluminium-Chassis und LED-Scheinwerfern) zugegen waren.
Internationale Engländer
Mit aus Frankreich, Deutschland und dem Vereinigten Königreich angereisten Wagen zeigte sich zudem, dass das Treffen auch am neuen Ort weit über die Schweiz hinaus strahlt. Seiner Lieblingsmarke etwas anders als hierzulande gebräuchlich huldigte ein Franzose, indem er seinen sichtlich angegrauten Jaguar XJ 6 Coupé – eigentlich angetrieben von einem 4,2-Liter-XK-Motor – akustisch wie olfaktorisch deutlich vernehmbar mit einem Dieselmotor am Quai entlang zu seinem Parkplatz nageln liess.
Einen mächtigeren Auftritt hatte der ebenso französisch immatrikulierte Rolls-Royce Phantom V, dem einst niemand geringerer als Frankreichs letzter "Coachbuilder" Henry Chapron ein recht barockes Kleid verpasst hat.
Gegen Mittag war Saint-Prex proppenvoll. Die örtlichen Vereine, welche jeder einen Stand mit einem Gastroangebot betrieb, durften sich freuen. Weniger Freude machte der Umstand, dass das erste Haus am Platz, die Auberge de l'Union, just am 30. September Konkurs gemacht und damit haarscharf die Gelegenheit verpasst hat, sich einen dicken Teil des Gastrokuchens abzuschneiden – echt schade drum. Allerdings war es ein Leichtes, neue Leute und alte Freunde zu treffen. Der Ort ist nicht sehr gross, und trotz frostiger Temperaturen war die Verlockung zu gross, sich statt im Windschatten lieber in den zugigen Gassen voller Autos aufzuhalten.
Wer sich aber zum Ausruhen irgendwo niederliess, der durfte feststellen, dass man in Saint-Prex auch dieses Jahr richtige Freude zeigte, dass dieses Treffen den Weg hierher gefunden hat – dies, nachdem es einst doch eher lust- und lieblos vom Nachbarort Morges vertrieben worden war.
Dort hingegen sollte man sich die Haare raufen. Nur nützen würde es nichts, denn es gibt wahrlich keinen einzigen Grund, aus dem das British Classic Car Meeting je wieder aus Saint-Prex abziehen sollte. Der Ort ist einfach perfekt, wunderschön und die Stimmung hier war auch dieses Jahr schlicht – einmalig!





































































































































































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