Die Berg Classic in Würgau (bei Scheßlitz/Franken) ist selbst in der deutschen Histoszene nicht sonderlich bekannt. Dabei ist der Würgauer Berg wahrscheinlich die am längsten in Gebrauch befindliche Bergrennstrecke Deutschlands. Leser mögen den Autor hier gerne korrigieren! Bereits 1909 (und somit in seinem Gründungsjahr) veranstalte der 1. Bamberger Automobilclub (BAC) das erste Bergrennen in Würgau. Über die Jahre starteten dort viele berühmte Rennfahrer, deren Namen man heute noch kennt. Etwa der Gründer der Motorpresse Stuttgart Paul Pietsch oder die beiden späteren Silberpfeil-Haudegen Hans Stuck und Manfred von Brauchitsch. Letzterer gewann 1933 mit einem Mercedes-Benz SSK die finale Veranstaltung. Danach gab es eine sehr lange Pause.
Gelebt und geliebt
Von 1965 bis 1976 veranstalte der BAC zwar Bergrennen, jedoch nicht in Würgau, sondern am ca. zehn Kilometer entfernten Ellerberg. Zum 80-jährigen Bestehen des Clubs entschied man sich wieder in Würgau zu fahren und das Rennen als Gleichmäßigkeitsprüfung auszurichten. Zunächst zu den runden Geburtstagen, dann im Zweijahresrhythmus. Was für die deutlich bekanntere Ransel Classic (im Taunus) gilt, gilt auch hier in Würgau: So ein motorsportliches Großereignis ist überhaupt nur deshalb möglich, weil das ganze Dorf das Rennen richtiggehend „lebt und liebt“. Insbesondere die Freiwillige Feuerwehr und der Sportverein, die unter anderem (aber nicht nur) die Bewirtung besorgten. So wurden beispielsweise am frühen Morgen die selbstgebackenen Kuchen im Minutentakt zum Sportheim gebracht. Heutzutage wahrlich keine Selbstverständlichkeit! Das gilt auch für den ganzen BAC, wobei hier nur stellvertretend für viele der Rennleiter Bernd Schrüfer sowie Wolfgang Dillig erwähnt werden.
Nasse Fahrbahn
Mit dem Wetter hatte man leider überhaupt kein Glück. Es gab immer wieder Regenfälle, insbesondere während des zweiten Durchgangs sogar ziemlich heftig. Trotzdem hatten es sich zahlreiche Zuschauer nicht nehmen lassen, die Berg Classic zu besuchen. Von den 120 eingeladenen Startern waren fast 110 erschienen. In den insgesamt neun Klassen wurden jeweils drei Läufe gefahren. Einmal zum Schnuppern, dann zum Zeitsetzen und den letzten zum Wiederholen.
Vielleicht war der Regen ein Vorteil, denn als der spätere Gesamtsieger Georg Schmundt-Thomas mit seinem VW Käfer (1956) seinen Setzlauf absolvierte, war der Regen (subjektiv gefühlt) am stärksten. Seinen Wertungslauf fuhr er dann mit nur 0,24 Sekunden Differenz. Dies – wie alle Starter, außer die Mototorrad-Gespanne – ohne hilfreichen Beifahrer mit Stoppuhr.
Zweitbester wurde Hanns Wirth in einem 1971er Autobianchi A112 Abarth mit 0,29 Sekunden Unterschied.
Das Podium vervollständigte Klaus Barth in seinem Steyr-Puch 500 D (1965) mit 0,39 Sekunden Abweichung.
Bei den Gespannen hatte das Duo Toni Soff/Florian Slawik mit einer Jreson Yamaha (1974) und 0,70 Sekunden Unterscheid die Nase vorn.
Die Motorrad-Klasse sicherte sich Niklas Tauschek auf einer 1966er Aermacchi Ala D'Oro und 1,59 Sekunden Differenz.
Von Niklas Tauschek können wir auch den Brückenschlag zu seinem Vater Thomas machen, der einen 1965er Alfa Romeo GTA 1600 Corsa mit wahrlich berühmten Vorpiloten mitgebracht hatte.
Tatsächlich war er 1965 von Autodelta aufgebaut und als Werkswagen eingesetzt worden. Unter anderem mit Jochen Rindt, Giancarlo Baghetti, Rob Slotemaker und Toine Hezemans. Später übernahm Nico Chiotakis den Wagen und wurde damit zweimal niederländischer Tourenwagenmeister. Das letzte Rennen – übrigens in der aktuellen Lackierung – bestritt der Wagen 1971 auf der Nordschleife.
Dann verschwand der GTA lange Zeit von der Bildfläche. Um 1985 hatte ein guter Freund von Tauschek die Rohkarosse und einen 1300er-Werksmotor von einem Metallhändler gekauft. Dieser hatte, bedingt durch die Alu-Bodengruppe in Kombination mit Stahlblech, nämlich Probleme gehabt, den Wagen zu zerlegen – aber zum Glück genug Sachverstand und Geschäftssinn, um die Reste dann als Rennwagen statt als Schrott zu verkaufen. Der damalige Besitzer wollte das Auto immer selbst restaurieren, doch dazu kam es letztlich nie. Vielmehr ruhten die Rohkarosse und der Motor in einer Scheune in Ludwag – also nur wenige Kilometer von Würgau entfernt!
- Wartung, Reparatur & Pflege
- Dokumentation
- Kaufberatung & Expertise
- Reinigung & Pflege
- Allgemeine Wartung
- Restaurierung & Projekte
- und weitere ...
Wie Phönix aus der Asche
2018 kam Tauschek ins Spiel. Er war bis dahin eher mit historischen Motorrädern aktiv gewesen und wollte sich einen Porsche zulegen. „Als ich aber nur Plastikverkleidungen statt einem Motor sah, habe ich die Idee dann schnell verworfen“, berichtete der Franke. Er dachte an seinen Freund und sprach ihn auf den Alfa an. Der gab ihm den Schlüssel und schickte ihn zu der besagten Scheune. Er selbst traute sich dort gar nicht mehr hin. Das Tor geöffnet, gab es die klassische Punktlandung oder eben Liebe auf den ersten Blick.
Tauschek war Feuer und Flamme und kaufte die traurigen Reste des Ex-Werkswagens. Nach einer behutsamen Restaurierung und ohne Rücksicht auf Kosten erlebte der wiedererstandene gelbe GTA nach exakt einem halben Jahrhundert Rennabstinenz 2021 sein Debüt – und zwar absolut standesgemäß bei Pista & Piloti in Pferdsfeld. Jetzt aber zugelassen und mit einem haltbaren 1600er-Motor versehen, den man auch auf der Straße fahren kann. Der bis zu 10‘000 U/min drehende 1300er-Motor war damals zum Einsatz gekommen, weil keine 1600er-Klasse ausgeschrieben worden war und Chiotakis mit dem Original-Aggregat in der 2-Liter Klasse chancenlos gewesen wäre.





































































































































Kommentare