Bei Oldtimermessen ist es wie bei vielen anderen Dingen, man kann das Glas halbvoll oder halbleer sehen. Als wir durch die Gänge der sieben bespielten Messehallen der 22. Retro Classics Stuttgart wanderten, da begegneten wir doch einigen Leute, die eher zum halbleeren Glas neigten. Wir tendieren eher zur positiveren Sicht, sorgte die Oldtimermesse doch für viele Attraktionen und Besonderheiten, die man eben sonst nicht alle Tage sieht.
Natürlich kann man diskutieren, ob Stände mit Sofaauslagen, Whirlpools oder Kristallen auf eine Oldtimermesse gehören. Und man kann sich auch an den doch recht zahlreichen Gebraucht- und Neuwagen stören, welche mancher Händler lauf seinen Stand stellte. Aber man sollte eben auch nicht aus den Augen verlieren, dass zwischen den vielleicht teilweise nicht so interessanten Autos auch immer wieder spannende Trouvaillen zu finden waren. Dafür sorgten die Händler genauso wie die Restaurierer/Spezialisten und die Clubs sowieso.
Grosse Resonanz der Übergangsmesse
Gemäss Veranstalter strömten an den vier Tagen vom 23. bis 26. Februar 2023 82’000 Besucher durch die 105’000 Quadratmeter umfassende Oldtimermesse, ein sehr gutes Ergebnis für die erste Nach-Pandemie-Ausgabe der Retro Classics Stuttgart.
Bereits seit einigen Wochen wurde bereits über den Verkauf der Retro Messen GmbH von K. U. Herrmann an die AFAG Messen und Ausstellungen GmbH gesprochen, an der Pressekonferenz der Retro Classics wurde dies dann offiziell. Die bereits in dritter Generation familiengeführte Messespezialistin AFAG hatte per anfangs Jahr die Retro Classics Stuttgart und Nürnberg samt der Sommeranlässe beim Schloss Reichenschwand und am Tegernsee übernommen.
Karl Ulrich Herrmann wollte aber die Messe in Stuttgart noch zu Ende führen, während die Geschäftsführer der AFAG, Henning und Thilo Könicke, die Gelegenheit nutzten, erste Eindrücke zu sammeln und mit Ausstellern zu sprechen.
Schwierigkeiten bereitete dem erfahrenen Messemacher Herrmann in letzter Zeit die ständig zunehmende Kurzfristigkeit. Zudem war das Parken der Oldtimer vor dem Messegelände im Jahr 2023 wegen Bauarbeiten am Fernbahnhof nicht möglich. Dafür gab’s aber für Hunde freien Eintritt
75 Jahre Porsche Sportwagen
Gleich beim Eingang Ost standen im Foyer sieben Porsche Sport- und Rennwagen, um den runden Geburtstag des ersten Porsche Sportwagens, heute “356 Nummer 1” genannt, zu feiern.
Dass der ausgestellte Wagen eine originalgetreue Show-Kopie ist und keinen Motor hat, war da nur ein kleiner Wermutstropfen, denn schliesslich gab es auch noch einen Leichtbau-356 SL, einen frühen 911 Targa und einen 918 zu sehen. Die Rennsportseite vertraten ein 956, der 959 Paris-Dakar und ein 911 Cup-Auto.
Damit war die Porsche-Präsenz noch nicht beendet, denn in Halle 1 gab’s auch noch einen weiteren Stand von Porsche. Gezeigt wurden dort u.a. ein McLaren-TAG-Porsche Formel-1-Auto und ein 550A Spyder. Mit dem Motto “Driven by Dreams” wurden gleichzeitig die Macher hinter den Autos in Szene gesetzt, von Ferry Porsche bis Jacky Ickx, nebst vielen anderen.
Sowieso gab’s auf der Messe Hunderte von Porsche-Sportwagen zu bewundern, der auffälligste davon war sicherlich ein 944 mit sechs Rädern und Pickup-Aufbau.
- Automobil-Erlebniszentren
- Autohandel (Oldtimer & Youngtimer)
- Reinigung & Pflege
- Wartung & Reparatur
- Allgemeine Wartung
- Restaurierung & Projekte
Mercedes, Porsche
100 Jahre BMW Motorräder
Die goldenen Zeiten der riesigen Werksstände, als halbe Hallen mit Museumsbeständen ausstaffiert wurden, sind an den Oldtimermessen bekanntlich vorbei. Immerhin aber zeigten sich Mercedes-Benz und BMW mit Clubunterstützung.
Bei BMW gab es 100 Jahre BMW-Motorrad zu feiern, was gleich auf mehreren Ständen zu interessanten Zusammenstellungen führte.
Mercedes-Benz präsentierte u.a. einen auf seinen Rohrrahmen reduzierten Mercedes-Benz 300 SL, ein interessantes Ausstellungsstück. Beim Benz Patent Motorwagen von 1886 durfte man sogar Platz nehmen.
Sowieso gehörten die Mercedes-Clubs zu den besonders aktiven. Messebesucher durften Sitzproben machen und sogar kleine Rundfahrten wurden organisiert.
Einer der Höhepunkte im Mercedes-Umfeld war aber sicherlich der über 600’000 km gelaufene 190 SL, der nach zwei Restaurierungen immer noch im Alltag – Stichwort Schneekatz – genutzt wird. Wie hiess es doch auf einem Kleber an einem Ponton: “Das nachhaltigste Auto ist das, was schon produziert worden ist”.
70 Jahre 1953
Eine interessante Idee hatte der Messeveranstalter mit einer weiteren Idee. Warum nicht einfach ein Auto-Baujahr feiern? Wie man genau auf 1953 verfallen war, mag nicht logisch erscheinen.
Schön war die Zusammenstellung, die u.a. einen Opel Kapitän, einen Ford Comète, einen Austin A40 Somerset, einen Fiat 500 Topolino und zwei Ponton-Mercedes beinhaltete, allemal.
A propos runde Geburtstage: Wie bereits an der Retro Classics Bavaria hatte auch Autohändler Fritz Neuser wieder einen Stand, um seinen 90. Geburtstag und den 60. seines Autohauser zu zelebrieren.
Gezeigt wurden unter anderem mehrere Ferrari BB-Modelle und ein Testarossa.
Club-Stände als Höhepunkte
Viel Mühe gaben sich einmal mehr die Clubs, um interessante Fahrzeuge samt wertvollen Informationen zusammenzutragen und auf attraktive Weise zu vermitteln.
Aufgefallen sind uns etwa die vielen Fiat X 1/9 in vielen Farben, aber auch die Phalanx der drei Morris Minor.
Bei Ford sassen Escort- und Capri-Modelle im Gärtchen, während man bei einem Opel-Club seltengewordene frühe Kadett-Varianten betrachten konnte.
Mehrere Rover der Z-Serie zusammen sieht man auch nur selten, eine verlängerte Version des Rover 75 genauso.
Oder wann ist einem schon einmal ein MG TC aus Polizeibeständen untergekommen?
Auf dem Stand des Lancia Clubs wurde eine heute seltene Beta Limousine und ein frühes Coupé gezeigt, schliesslich feiert diese Modellvariante im Jahr 2023 seinen 50. Geburtstag.
Wer Informationen suchte oder einfach mal verschiedene Varianten eines Autos anschauen wollten, die man nicht bei jedem Händler antrifft, der war auf den Clubständen jedenfalls richtig.
Händler und Spezialisten mit vielseitigem Angebot
Auch auf den Händler- und Spezialisten-Ständen gab’s einiges zu entdecken, von Alfa Romeo bis Zagato.
Bei Mirbach stiessen wir beispielsweise auf ein TVR-Paar, das aus den Modellen Sagaris und Griffith 500 bestand. Nur wenige Meter weiter stand ein Healey Westland Roadster.
Ziemlich umfangreich war das Angebot an Fahrzeugen der Heimmarken Porsche und Mercedes-Benz, was man Stuttgart allerdings wirklich nicht verdenken kann, zumal es auch hierunter einige Sahnestück hatte.
Vorkriegsfahrzeuge waren eher schlecht vertreten, wer aber genauer hinschaute konnte durchaus einige interessante Autos sehen, etwa einen Alvis Speed 25, einen Horch 830 BK oder einen Mercedes-Benz SSK.
Fast gänzlich fehlen taten in Stuttgart allerdings Vorkriegsfahrzeuge aus Frankreich, die in früheren Jahren immer für Höhepunkte gesorgt hatten.
Von Brot-und-Butter-Autos …
Rund (geschätzte) 2000 bis 2500 Autos standen in Stuttgart zum Verkauf, viele davon gehörten zur Brot-und-Butter-Kategorie, wurden einst also im Alltag und für verschiedenste Zwecke eingesetzt.
Hierzu gehörten etwa ein Ford Fiesta L, mehrere Opel Kadett C, diverse Renault 4 oder natürlich eine Vielzahl an VW Käfern.
Oftmals erzeugen gerade solche Autos mehr Emotionen als mancher Superklassiker im siebenstelligen Preisbereich, zumal diese Autos meist mit vierstelligen Euro-Angaben aufwarteten.
… bis zu exotischen Raritäten
Nicht unerwähnt bleiben sollen einige Raritäten, die dem Schreibenden beim Spaziergang durch die Hallen aufgefallen sind. So dürfte es keine Handvoll Devin SS in Deutschland geben.
Dieser Sportwagen war ein Komplettmodell des amerikanischen Herstellers, der sich schon früh auf Kunststoffkarosserie konzentriert hatte. Als SS verfügte er über einen Gitterrohrrahmen und einen V8 unter der Haube. Damit liess sich auch im Rennsport Staat machen.
Ebenfalls für den Rennsport entstand der MG ND, der in den Jahren 1934 und 1935 gerade einmal 24 mal gebaut wurde. Er wies einen interessanten Reihensechszylindermotor mit obenliegender Nockenwelle und Königswellenantrieb auf und brachte es ohne Kompressor auf 56 PS bei 5500 Umdrehungen.
Rar sind bei uns auch das DeSoto Firelite Sporstman Coupe von 1955 oder der Buick als Kombi von 1957. Kaum je dürfte man hierzulande auch einen Imperial LeBaron von 1972 oder einen Lincoln Continental aus dem Jahr 1956 zu Gesicht kriegen. Die Auswahl an weniger bekannten Amerikaner war in Stuttgart durchaus stattlich.
Auch den deutschen Sportwagen Artega GT gab es von 2007 bis 2012 nur in homöopathischen Dosen, gerade einmal 153 Fahrzeuge mit VW-Passat-VR6-3,6-Liter-Mittelmotor-Technik und einer von Henrik Fisker gezeichneten Kunststoffkarosserie entstanden. Gleich zwei standen in Stuttgart zum Verkauf!
Seltene Autos gab’s auch im Privat- und Gewerbehandel, etwa ein Volvo P1800 Cabriolet oder ein AMC Gremlin X, um zwei Beispiele zu nennen.
Die Liste könnte noch beliebig ergänzt werden, wir empfehlen einen Blick in die Bildergalerie.
Selber arbeiten
Man musste in Stuttgart nicht untätig bleiben, sondern wurde auch zu aktivem Tun motiviert.
Mehrere SimRacing-Angebote erlaubten die virtuelle Fahrt im Sechzigerjahre-Formel-1 oder im neueren Sportwagen über verschiedene Strecken und bei der Pitt-Stop-Challenge konnte man auch als Mechaniker Hand an einen Mercedes legen.
Beim Technik-Museum Sinsheim Speyer konnte man in einem Überschlagsimulator (Golf) Platz nehmen, wenn man es nicht beim Betrachten des Vorkriegswinterautos Mercedes 24/100/140 von 1925 bewenden lassen wollte.
Es gab also einiges zu sehen in Stuttgart, auch wenn man je nach Interessenlage ein bisschen die Spreu vom Weizen trennen musste. Aber die Suche nach Trouvaillen gehört an einer grossen deutschen Messe genauso dazu wie die Currywurst mit Pommes am Verpflegungsstand, nicht wahr?




















































































































































































































































































































































































































































































































































































































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