Wer weiss heute noch, dass im Jahr 1900 in Europa 40 Prozent aller Autos mit Dampfantrieb, 38 Prozent elektrisch und nur 22 Prozent mit Flüssigkraftstoff (vor allem Benzin) unterwegs waren? Seither hat sich viel getan, der Verbrennungsmotor setzte sich auf der ganzen Breite durch, alternative Antriebsformen wurden zum Nischenprodukt, jedenfalls bis vor einigen Jahren. Mit den politischen Entscheiden, dem Verbrennungsmotor den Garaus zu machen, soll jetzt das batterie-elektrische Automobil (wieder) die Oberhand erhalten. Alles ist im Fluss, ein guter Zeitpunkt um zurückzuschauen.
Ein langer Blick zurück
Bereits 1835 fuhr das erste Elektrofahrzeug, allerdings auf Schienen. Strassentaugliche Elektrofahrzeuge gab’s ab 1881, zunächst eher auf drei Rädern und näher beim Fahrrad als beim Automobil, aber dies änderte sich schnell. Die frühe Elektromobilität hatte viele Vorteile. Die Fahrzeuge waren leise, wartungsarm und sofort startbereit, wenn die Batterien aufgeladen waren. Gegenüber Dampfautos war gerade das schnell mögliche Losfahren ein grosses Verkaufsargument, die einfache Bedienung wurde als Vorzug gegenüber den Verbrennungsmotorfahrzeugen gesehen. Die relativ geringe Reichweite und der hohe Preis sprachen aber schon damals gegen die Elektroautos, die sich vorwiegend reiche Leute leisten konnten und die oftmals auch von Frauen gefahren wurden.
Mit dem elektrischen Anlasser und stetigen Entwicklungsfortschritten verbesserte sich das Auto mit Verbrennungsmotor aber schnell, während die Fortschritte beim Elektroauto gering waren und es bis ins aktuelle Jahrtausend blieben.
Volker Christian Manz befasst sich schon seit Jahrzehnten mit der Elektromobilität und hat dabei ein umfassendes Archiv aufgebaut. Halwart Schrader ist ein anerkannter Automobilhistoriker und vielen Oldtimerfreunden noch durch seine eigene Zeitschrift “Automobil und Motorrad Chronik”, die vor nicht ganz 40 Jahren eingestellt (und in Motor Klassik einen indirekten Nachfolger fand), bekannt. Diese beiden Autoren bürgen für historische Authentizität. Mit dem vorliegenden Werk haben sie einen Rundumschlag gelandet, der nicht nur die Technik erklärt, sondern auch deren Vor- und Nachteile ausführt. 440 Seiten sind es geworden.
Nicht "nur" Elektromobilität
Der Leser wird im Buch nicht nur über die Anfänge und Entwicklungen des elektrischen Autos unterrichtet, sondern auch mit anderen alternativen Antriebsformen in Kontakt gebracht, darunter das Atomautomobil, der Wasserstoffantrieb und Gasturbinenfahrzeuge. Nicht umsonst lautete der ursprüngliche Untertitel des Buchs denn auch “Die Geschichte der Elektromobilität, Solar-, Wasserstoff- und Gasturbinenfahrzeuge von 1881 bis morgen”, aber der musste wohl gekürzt werden, um gut auf das Cover zu passen.
Umfassendes Anbieterregister
Einmalig dürfte das umfangreiche alphabetisch geordnete und grosszügig bebilderte Markenverzeichnis mit über 650 Herstellern alternativ angetriebener Automobile sein, das Marken aus der ganzen Welt und seit 1881 auf fast 400 Seiten umfasst.
Leider ist dieses Verzeichnis in zwei Teilen im Buch, weil man offensichtlich nachträglich eine Vielzahl an Marken ergänzten musste. Dieses zweite Verzeichnis ist 21 Seiten lang und ebenfalls wiederum alphabetisch geordnet.
Weil man gleichzeitig ein gerade bei einem solchen Werk überaus wertvolles Stichwort- und/oder Markenverzeichnis verzichtete, muss man auf der Suche nach einer bestimmten Marke halt etwas hin- und herblättern.
Manche Marke kommt im Verzeichnis auch arg kurz zu Worte, aufgefallen ist etwa der sehr bescheidene Beitrag zu Aptera, einer Firma, die in Kalifornien ein sehr futuristisches Elektroauto mit niedrigem Luftwiderstand und der Fähigkeit pro Tag 60 Meilen alleine mit Solarenergie zurückzulegen, entwickelt. Allerdings ist Aptera weiter vorne im Buch bereits einmal erwähnt.
Viele Perspektiven
Manz und Schrader machen es dem Leser nicht eben leicht. Sie packen das Thema von verschiedenen Seiten an, was der Sache aber vielleicht eben auch gerechter wird. So gibt es sowohl geschichtliche Abhandlungen als auch landesspezifische Betrachtungen. Eine Chronologie am Schluss des Buchs fasst dies alles nochmals in Kürze auf rund 16 Seiten zusammen.
Tolle und rare Bilder
Was neben dem Text auffällt und beeindruckt, ist die wahrlich riesige Abbildungsmenge, die Manz und Schrader zusammengetragen haben.
Rund 750 Abbildungen, viele davon historisch, sind abgedruckt und zeigen manches eigenartige Gefährt, von dem man zuvor kaum je etwas gehört hat. Alleine dafür müsste man das Buch eigentlich schon kaufen.
Für alle, die sich für die individuelle Mobilität interessieren
Der 440 Seiten umfassende Rundumschlag zu alternativen Antrieben richtet sich nicht nur an die Elektroautofreunde, im Gegenteil. Er ist gerade auch für die Leute interessant, die sich erst noch eine Meinung bilden wollen oder die eine umfassende Darstellung von Vorteilen und Nachteilen der viel gepriesenen Elektromobilität suchen. Ganz einfach machen es die Verfasser dem Leser nicht, man muss sich schon mit dem Buch befassen und einlesen, um sich schliesslich seine eigene Meinung bilden zu können. Aber es lohnt sich, denn selten zuvor wurden die Fakten zur Elektromobilität derart komplett in zwei Buchdeckel gepresst. Andere Antriebsformen kommen dabei eher ein bisschen zu kurz, der Fokus lag klar bei der Elektromobilität.
Bibliografische Angaben
- Titel: Alternativ Mobil – von 1881 bis morgen – Die Geschichte der E-Mobilität
- Autoren: Volker Christian Manz / Halwart Schrader
- Sprache: Deutsch
- Verlag: Olms
- Auflage: 1. Auflage 2022
- Format: Gebunden, 24,1 x 27,5 cm
- Umfang: 440 Seiten, rund 750 Abbildungen
- ISBN: 978-3-487-08650-7
- Preis: EUR 68.00
- Kaufen/bestellen: Online bei amazon.de , online beim Olms Verlag oder im einschlägigen Buchhandel






















































































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