OSI Silver Fox - Ein Konzept wie von einem anderen Stern

Erstellt am 23. Oktober 2015
, Leselänge 6min
Text:
Martina Mäder, Balz Schreier
Fotos:
f1jherbert (flickr.com/photos/helensanders) 
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Remco van Gogh 
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Archiv 
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Im Jahr 1967 präsentierte der italienische Karosseriebetrieb OSI (Officine Stampaggi Industriali) auf der Motorshow von Turin ein auffallend aussergewöhnliches Modell, den OSI Bisiluro (Doppeltorpedo) Silver Fox.


OSI Silver Fox (1967) - am Autosalon von Turin 1967
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Die Idee zu diesem gewagten Projekt stammte vom berühmten Rennfahrer Piero Taruffi und verfolgte eigentlich nur ein Ziel: Bei den 24 Stunden von Le Mans den Geschwindigkeitsrekord zu brechen. Die Ambitionen seitens Konstrukteure waren hoch, sollte doch die Marke von 225 km/h gebrochen werden, entsprechend waren die involvierten Parteien mit Ehrgeiz und vollem Enthusiasmus am Werk...

Nur zur erhofften Nagelprobe kam es leider nie, die Träume von jubelnden Zuschauern, den neuen Rekord feiernd, wurden leider nie Wirklichkeit, denn der Silver Fox blieb ein Prototyp, nicht einmal die Startlinie von Le Mans konnte er überqueren.

Genial oder schrecklich?

Schon damals in Turin waren die Meinungen der Betrachter sehr gespalten und auch heute noch gehen die Antworten auf die Frage, ob dieses Modell nun absolut genial oder einfach nur schrecklich sei, weit auseinander. Die Geschichten des spektakulären Fahrzeugs und der Personen, die hinter dem aussergewöhnlichen Rennwagen standen, kennt jedoch kaum jemand.


OSI Silver Fox (1967)
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Luigi Segre gründet Officine Stampaggi Industriali

Im April 1960 gründete Luigi "Gigi" Segre zusammen mit Arrigo Olivetti den Karosseriebetrieb OSI. Damals beschäftigte sich die Firma hauptsächlich mit der Produktion von Kleinserien, die sie sowohl für Ghia, wie auch für andere Auftraggeber, wie Innocenti, Fiat oder Alfa-Romeo herstellten. Doch bereits drei Jahre nach der Gründung starb Luigi Segre an den Folgen einer Blinddarm-Operation.


Der Gründer des Karossierbetriebs OSI - Luigi "Gigi" Segre
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Aufstieg mit Arigo Olivetti

Nach seinem Tod übernahm Arigo Olivetti die Führung und ernannte Giacomo Bianco zum Generaldirektor. Unter dessen Leitung begann ein stetiger Aufstieg, der OSI schliesslich zum drittgrössten Karosseriebauer nach Pininfarina und Bertone machte. Doch nach einem steilen Aufstieg kommt oft auch ein schneller Fall und so hatte es auch OSI schwer, nach zwei grossen Fertigungsaufträgen für Fiat 1500 und Ford Anglia Torino, Folgeaufträge in einer vergleichbaren Grössenordnung zu finden. Die Karosseriefirma geriet zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten, denen nicht mehr zu entkommen war.

1968 musste der Eigentümer den Fahrzeugbau dann schliesslich ganz einstellen. Daraufhin betätigte sich die Firma noch einige Jahre als Presswerk für Felgen und Fahrzeugteile und engagierte sich in der Entwicklung und Fertigung von Presswerkzeugen. So blieb die Firma bis kurz vor der Jahrtausendwende noch erhalten, bis sie dann den Betrieb komplett einstellen musste.

Piero Taruffi - Das Motorsport-Talent

Piero Taruffi, auf Grund seiner grauen Haare vor allem von seinen Fans oft "Silver Fox" genannt, war ein erfolgreicher italienischer Rennfahrer. Er wurde am 12. Oktober 1906 in Rom geboren. Schon sehr früh entdeckte er seine Begeisterung für den Motorsport. Während seinem Studium als Industrie-Ingenieur begann er, erfolgreich Motorrad-Rennen zu fahren. Und im Jahr 1923 startete er dann seine Autorennfahrer-Karriere bei Fiat.

Nach einigen Jahren im Mittelfeld begann für Taruffi nach dem Weltkrieg eine Zeit, in der er sämtliche Geschwindigkeitsrekorde brach. Daraufhin wurde er Pilot für Marken wie Alfa-Romeo und später sogar für Ferrari. Auf einem Ferrari 500 gewann er 1952 den Schweizer Grand-Prix.


Piero Taruffi auf Ferrari 375 am Start des Schweizer Grand Prix 1951, welchen er ein Jahr später, 1952, auf Ferrari 500 gewann
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Nach weiteren erfolgreichen Jahren erreichte er seine wahrscheinlich grössten Erfolge, nämlich mit dem Sieg der Targa Florio im Jahr 1954 im Lancia D24 und drei Jahre später im Ferrari 315 S als Gewinner der Mille Miglia.


Piero Taruffi gewinnt die Targa Florio 1954 im Lancia D14 (1953)
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Piero Taruffi - Der Visionär

Doch der sehr ehrgeizige Italiener wollte noch weiter hinaus. Über Jahre experimentierte Piero Taruffi immer wieder mit Doppelrumpf-Fahrzeugen (Nardi, Pegaso) und diesen Traum des originellen, nach seinen persönlichen Vorstellungen gestalteten, Sport- und Rekordfahrzeug wollte er Mitte der Sechzigerjahre verwirklichen.


Piero Taruffi
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Der Rennfahrer liess sich auch von zahlreichen Enttäuschungen nicht entmutigen und schlug schliesslich anfangs 1966 OSI vor, einen ganz neuen Rennwagen mit Doppelrumpf zu bauen, der nach FIA Anhang J in der Klasse B (Spezial Fahrzeuge), sowie in der Gruppe 6 (Sport-Prototypen) in Le Mans starten sollte. Mit Erfolg. Der Karosseriebaubetrieb, der heute vor allem durch den braven, wenn auch eleganten Ford OSI 20 M TS bekannt ist, fand Gefallen an Taruffis Idee und bot seine Unterstützung an.

Den Auftrag, das Design zu entwerfen, erhielt der berühmte italienische Designer und Ingenieur Sergio Sartorelli, der bekannt wurde mit Karosserien wie die des VW 1500 Karmann-Ghia. Auch von ihm wird gesagt, dass er schon sehr früh seine Leidenschaft für Automobile und alles andere mit 4-Rädern entdeckte. Schon während seiner Schulzeit füllten sich seine Schulhefter hauptsächlich mit Skizzen von allen Automobilen, die er auf der Strasse oder in Autozeitschriften gesehen hatte und so dauerte es auch nicht lange, bis dort seine ersten eigenen Designs entstanden.


Der Designer des OSI Silver Fox - Sergio Sartorelli
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Sartorelli war sofort fasziniert von Taruffis Vision und fertigte auch gleich einige Skizzen an. Mit der Unterstützung der Konstrukteure Prospero Nuvoli, der später als Flugzeugkonstrukteur erfolgreich wurde, und Alberto Negro wurden die Pläne dann schnell in Taten umgesetzt. So konnte bereits Mitte 1966 das erste Modell im Windkanal des Turiner Polytechnikums getestet werden. Der Prototyp des OSI Bisiluro (Doppeltorpedo) Alpine Silver Fox war entstanden.

Der Prototyp

Der Silver Fox wurde in einem Stil gebaut, der weniger einem Rennwagen, sondern viel mehr einem Katamaran glich. Die Konstruktion mit nur 1,4 m2 Stirnfläche ist strömungsgünstig ausgelegt, was die Geschwindigkeit erhöhen sollte. Die zwei schmalen Rümpfe verbinden lediglich drei individuelle Leitwerke in Form einer Tragfläche. Der erste dieser Spoiler konnte vor der Fahrt im Stand beliebig verstellt werden, um die Stärke des Abtriebs zu bestimmen. Der mittlere liess sich noch während der Fahrt verstellen und der hinterste war fix.


OSI Silver Fox (1967) - Durchsichtszeichnung
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In beiden Fahrzeugkörpern ist ein Sitz untergebracht. Hinter dem Beifahrersitz ist der Motor montiert, ein Einliter-Vierzylinder-Aggregat von Alpine-Renault. Auf der anderen Seite befinden sich ein Ersatzrad, sowie diverse andere Nebenaggregate. Zudem dient der hintere Flügel als Anlenkpunkt für die Brems-, Differential- und Antriebsstränge.


OSI Silver Fox (1967)
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Der Plan war von Anfang an klar: die Teilnahme in Le Mans, was angesichts der anvisierten Höchstgeschwindigkeit von 225 km/h auch ein durchaus realisierbares, wenngleich auch waghalsiges Ziel war. Die Stabilität des Silver Fox liess nämlich sehr zu wünschen übrig, da die zwei Karosserierümpfe nur von drei dünnen Verbindungen zusammengehalten wurden.

Nach Le Mans schaffte es dieses gewagte Fahrzeug leider nie und so kam es auch nicht zur Nagelprobe. Denn als OSI vermehrt in finanzielle Probleme abrutschte und 1968 sogar Insolvenz anmelden musste, war nicht nur die Karosseriefirma, sondern auch der Silver Fox Geschichte.

Das Schicksal vom Silver Fox

Nach der Präsentation in Turin im Jahr 1967, bei der der Prototyp für viel Wirbel sorgte, wurde der Wagen noch einmal im Jahr 1970 auf einer Design-Ausstellung in Paris gezeigt. Danach verschwand er für viele Jahre im kleinen Museum von Mougins an der Cote d'Azur. Es dauerte  über 25 Jahre, bis der Silver Fox 1997 von der ”Galerie des Damiers” an der Rétromobile in Paris erneut gezeigt wurde.


OSI Silver Fox (1967) - an der Rétromobile Paris 1997
Copyright / Fotograf: Remco van Gogh

Dort wurde er dann auch zum Verkauf angeboten und fand tatsächlich einen neuen Besitzer. Heute ist der OSI Silver Fox Teil der Sammlung des Franzosen Paul-Emile Bessade, einem ebenfalls ambitionierten Rennfahrer. Ihm ist es auch zu verdanken, dass der Silver Fox am Goodwood Festival of Speed 2013 der Öffentlichkeit gezeigt werden konnte, wenn auch nur in ruhendem Zustand.


OSI Silver Fox (1967) - am Goodwood Festival of Speed 2013
Copyright / Fotograf: f1jherbert (flickr.com/photos/helensanders)

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von gi******
28.10.2015 (12:33)
Antworten
Total traumhaft -- immer schon!
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