Fournier-Marcadier Barquette - ein Rennwagen aus dem Baukasten

Erstellt am 22. Mai 2020
, Leselänge 6min
Text:
Daniel Reinhard
Fotos:
Josef Reinhard / Archiv Daniel Reinhard 
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Courtesy of RM Sotheby's/Diana Varga 
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Archiv 
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Die Karriere des gebürtigen Lyoner André Marcadier (17.3.1925 - 7.4.2013) begann 1947 mit dem Bau hochwertiger Fahrräder mit Aluminium-Rahmen. Die Herstellung dieser Alu-Rohre war reine Goldschmiedearbeit, da die einzelnen Aluminiumblätter in einem langwierigen Prozess, gerollt werden mussten um in die gewünschte Rohrform zu bekommen. Später folgten dann Alu-Rahmen für Rennmotorräder, die mit unterschiedlicher Mechanik bestückt, erfolgreich zum Einsatz kamen. 1957 fuhr einer dieser Rahmen beim Grand Prix von Italien in Monza auf den zweiten Platz.

Zur selben Zeit tauchten die ersten Go-Karts in Europa auf und so begann Marcadier auch mit dem Bau einfacher und leichter Kart-Chassis, die dann auch schnell zu seiner Hauptbeschäftigung wurden. 1961 holte das Lyoner-Kart-Team (Werd, Dumont und Janoray) den Europameister-Titel in der damaligen Langstrecken-Meisterschaft.

Lotus als Vorbild

Anfang der Sechzigerjahre nahm Marcadiers Karriere eine entscheidende Wendung, als er in Montlhéry zufällig auf Colin Chapman traf. Über den Mann wurde im Rennsport bereits viel gesprochen, da dieser mit seinen leichten Lotus-Rennwagen die Motorsport-Welt um 180 Grad verändert hatte. Um den Motorsport, wie in England, auch in Frankreich erschwinglich zu machen, dachte Marcadier an die Produktion eines kleinen, leichten und vielseitigen Rennsportwagens.


Fournier-Marcadier Barquette (1966) - mit den beiden Erbauern
Archiv Automobil Revue

Um den Preis möglichst tief zu halten, kam er auf die Idee eines "Kit-Car" zum Selbstbau. Ein raffiniertes  Rohrrahmenchassis sollte die Serienmechanik des Renault 8  in den damals zwei gängigen Hubraumstufen (Major 1108ccm und Gordini 1254ccm) aufnehmen können.

André Marcadier ging auf den Karosseriebauer Marcel Fournier zu und überzeugte diesen von seinem Vorhaben. Zusammen gründeten sie die Marke Fournier-Marcadier und präsentierten 1963 den ersten rein französischen Rennsportwagen: Den "Lotus vingt-trois à la Française".

Das "Kit-Car" hatte mit der eleganten Polyester-Karosserie die Form einer Brachetta, welche ihre Ähnlichkeit zum Lotus 23 nicht leugnen konnte.


Fournier-Marcadier Barquette (1967) - beim Zusammenbau
Copyright / Fotograf: Josef Reinhard / Archiv Daniel Reinhard

Der Renault-Motor sass dabei zentral, aber umgedreht, im Rohrrahmen. Sofort bekamen die beiden Lyoner Handwerker rund 3600 Briefe interessierter Amateurrennfahrer aus ganz Europa. Die Wettbewerbsfähigkeit des Autos konnte man von Anfang an erkennen und der Preis von rund 7500 Franc (rennfertig etwa CHF 11-15'000) konnte sich auch schon 1965 sehen lassen.


Fournier-Marcadier Barquette (1965) - auf der Titelseite von Sport Auto
Zwischengas Archiv

Der erste französische Renn-Sportwagen

Die Automobil-Revue schrieb in der Nr. 6 von 1966:
"Kurz gesagt es ist ein Wettbewerbsfahrzeug mit ansprechenden Leistungen, das mit relativ bescheidenen Mitteln und einiger Handarbeit zu Hause in der Familienwagen-Box gebaut werden kann. Die spritzfertig gelieferte, glasverstärkte Polyester-Karosserie besteht aus vier Teilen, der Fronthaube, dem Heckdeckel und zwei Seitenteilen, die mit dem Chassis verschraubt sind. Dieses ist sehr sauber in Rohrbauweise ausgeführt und erträgt gemäss Angabe des Herstellers gute 100 PS. Es ist zur Aufnahme der Renault R8-Mechanik vorgesehen, die praktisch unverändert einem neueren Unfall-Renault entnommen werden kann. Eine wichtige Modifikation gegenüber dem normalen R8 besteht allerdings darin, dass das Abtriebsaggregat im Fournier-Marcadier umgekehrt (Motor vor, Getriebe hinter der Hinterachse) montiert wird. Dadurch ergibt sich als kleiner Nachteil, dass sich das Schaltschema des kurzen, zentral angeordneten Schaltstocks seitenvekehrt präsentiert.

Als weitere Änderung werden die hinteren Schraubenfedern zur Erzielung eines negativen Radsturzes gekürzt und die R8-Stossdämpfer durch verstellbare Produkte von Koni ersetzt. Die Original-Vierrad-Scheibenbremsen werden mit Hilfe eines zweiten R8-Hauptbremszylinders auf das erforderte Doppelkreissystem geschaltet. Die Kupplung lässt sich auf Wunsch ebenfalls auf einfache Weise auf hydraulische Betätigung umbauen. Die Zahnstangenlenkung kann man unverändert übernehmen; günstiger ist allerdings, sie auf nur zwei Lenkradumdrehungen (von Anschlag zu Anschlag) umzubauen. Eine im Mittelteil des Rohrrahmens eingesetzte unterteilte Kunststoffwanne stellt zugleich die Sitze und den Fussraum dar. Damit ist eine Längsverschiebung der Schalensitze unmöglich, dafür lassen sich die Pedale und das Lenkrad verstellen. Je nach Körperlänge des Fahrers ergibt sich eine mehr oder weniger stark liegende Stellung mit fast völlig gestreckten Armen." Von diesem ersten 460 kg leichten Sportwagen mit einem Radstand von 2,72m, wurden in drei Jahren (1963-66) bereits 60 Exemplare gebaut und stückweise auch mit einer Antriebseinheit verkauft."


Fournier-Marcadier Barquette (1967) - fertig gebaut und bereit für die Probefahrt
Copyright / Fotograf: Josef Reinhard / Archiv Daniel Reinhard
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Monoposto für die Formel France

1966 präsentierten die beiden neben dem Zweisitzer auch einen Monoposto für die nationale Formel-Meisterschaft, die später zur Formel-France umbenannt wurde. Wie der Sportwagen bestach auch der Einsitzer durch sein geringes Kampf-Gewicht von nur 320 kg in funktionsfähigem Zustand. Die Technik kam wiederum vom Renault 8 Major oder Gordini.

Bereits mit dem schwächeren Major Motor machte das Auto einen sehr agilen Eindruck wie selbst der spätere F1-Fahrer Jean-Pierre Beltoise bei einem Test ausdrücklich betonte. Mit dem Gordini Motor errang der Fournier-Marcadier Werksfahrer Roger Cohen sehr gute Platzierungen, sogar Klassensiege vor stärkeren F3-Autos waren vorhanden. Der nur knapp 98 Zentimeter hohe erfolgreiche Monoposto begeisterte die französische Motorsportwelt.


Fournier-Marcadier Barquette (1964) - Geduckte Erscheinung
Copyright / Fotograf: Courtesy of RM Sotheby's/Diana Varga

Das Barzoi-Coupé

Anfang 1967 feierten die Lyoner die Geburt des Barzoi-Coupés. Der Modellname kommt vom russischen Windhund. Es war ein Renn-Sportwagen für die normale Strassenkundschaft. Das Chassis stammt von der Barchetta, doch die Karosserie bekam von den Designern ein Dach und Flügeltüren. Die Technik dieses Coupés mit seinen Schmetterlingstüren stammt wiederum von Renault, ab 1976 von Simca, mit bis zu 1600 ccm Motoren. Das Auto war nicht nur ein kommerzieller Erfolg, auch sportlich war es erfolgreich unterwegs. So holte der talentierte Rennfahrer Francois Lacarrau mit dem Strassensportwagen beim Grand Prix von Paris in Montlhery 1968 gegen Fahrer wie Servos-Gavin, Wicky und Jungenet und deren 250 bis 350 PS starken Autos von Matra, BRM, Ferrari und Porsche einen zweiten Platz. Die französischen Medien betitelten dieses Glanz-Resultat mit: "David gegen Goliath", wurde doch das Barzoi-Coupé "nur" von dem 105 PS Renault 8 Gordini Motor angetrieben.


Fournier-Marcadier Barquette (1964) - Das Chassis konnte verschiedene Renault-Motoren aufnehmen
Copyright / Fotograf: Courtesy of RM Sotheby's/Diana Varga

Rennerfolge

1970 verliess Fournier die Autoindustrie und Marcadier produzierte in Eigenregie weiter. Im selben Jahr präsentierte er einen neuen Rennzweisitzer, der die Basis vom Barzoi-Coupé übernahm. Dieses Auto lehnte sich formal an die CanAm Serie an und bot den Amateurrennfahrern einen echten Rennwagen zu einem vernünftigen Preis.

So starteten 1975 auch zwei Marcadiers mit Renault 8 Gordini 1300ccm Motoren zur französischen Bergmeisterschaft und beendeten diese auf den Plätzen 4 und 5. Die Saison 1978 brachte dem Konstrukteur grosse Zufriedenheit, konnte er doch mit seiner neuesten Kreation, einem Zweiliter-Sportwagen mit dem 300 PS starken Ford-Hart-Motor in der Welt der High-Level Bergrennen die Meisterschaft dominieren. Der Pilot Roger Rivoire, war kein Unbekannter. Der ehemalige Lehrling von Fournier-Marcadier kam schon 1974 dem Titel des französchischen Bergmeisters sehr nahe. Das finanzschwache "Marcadier-Rivoire-Tandem" aber war 1978 nicht zu bremsen und gewann 11 der 14 Rennen, wobei die 3 Niederlagen einzig und allein auf den bereits betagten Motor zurückzuführen waren. Das 1977 neu aufgelegte zweite Modell vom Barzoi stand mit seiner kantigen Form von Anfang an im Schatten seines Vorgängers, konnte aber dank seines erstklassigen Fahrverhaltens doch auch einige positive Stimmen gewinnen.

Rund 50 Fahrzeuge wurden von dem 690kg leichten und mit Simca-Technik (Rallye 1, 2 oder 3) ausgestattet, gebaut. Nach dem Barzoi 2 folgten noch die beiden Strandwagen "Bambi" (Basis Renault 4) und "Savane" Basis Renault 6), bevor er sich an Nachbauten wie Lotus Seven mit Fiat Technik, Ford GT40 mit Renault 25 Technik, AC Cobra mit Peugeot 604 Technik und Porsche RS550 mit Citroen GS Technik machte. 1996, nach rund 50 intensiven Geschäftsjahren schloss Marcadier die Tore seiner Firma.

Kurz zusammengefasst ist die Geschichte der beiden französischen Autobauer ähnlich abgelaufen wie jene des berühmten britischen Pendants Lotus: Ein cleveres Design mit Kunststoffkarosserie, dazu Serientechnik optimal genutzt, geringes Gewicht. Die entsandenen Fahrezuge konnten auch ohne viel Leistung an Bord die Rennstrecken erobern und dies zu einem für Amateure erschwinglichen Preis.


Fournier-Marcadier Barquette (1964) - Unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Lotus 23
Copyright / Fotograf: Courtesy of RM Sotheby's/Diana Varga

Heute ein seltener Anblick

Das vorgestellte Fahrzeug ist eines von rund fünfzig verkauften Bausätzen und kommt an der RM Online-Auktion "The European Sale featuring The Petitjean Collection" unter den Hammer, die vom 3. bis 11 Juni 2020 stattfindet.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von sp******
26.05.2020 (10:09)
Antworten
Interessanter Bericht über ein interessantes Projekt. Jetzt fehlt nur noch der Teil der Geschichte der Autos in Sachseln!
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