TVR Vixen S2 - der Fuchs aus England

Erstellt am 13. Januar 2013
, Leselänge 7min
Text:
Archiv Jeroen Booij / Bruno von Rotz
Fotos:
Archiv Jeroen Booij 
9
Bruno von Rotz 
1
Archiv 
9

“Foxy lady” titelte einst eine englische Autozeitschrift, die sich einen TVR Vixen zur Brust genommen hatte. Dies war eine weise und sprachkundige Überschrift, denn “Vixen” bedeutet in der deutschen Sprache “Füchsin”, aber auch Drache, Hexe oder Giftnudel. “Foxy” wiederum steht für “listig”.

Der TVR Vixen sollte den in die Jahre gekommenen TVR Grantura ablösen und in der Sportwagenwelt der späten Sechzigerjahre für Unruhe sorgen, so zumindest hofften die TVR-Macher rund um Martin Lilley.

Vom Grantura zum Vixen

Die Geschäfte von TVR Engineering liefen schlecht im Jahr 1967, es lagen kaum Bestellungen vor, die Arbeiten in der Fabrik hatten nichts zu tun. Martin Lilley, der zusammen mit seinem Vater die Geschicke der Firma TVR übernommen hatte, entschied sich zu einer Vorwärtsstrategie.

Auf den grossen (und teuren) Ausstellungsstand an der Earls Court Motor Show im Oktober 1967 stellte TVR gleich vier neue Autos und ein Chassis aus. Dabei handelte sich sich um je einen offenen und geschlossenen TVR Tina Prototypen (mit Stahlblech-Karosserie), einen TVR Tuscan V8 SE neben seinem Chassis, sowie einem brandneuen silberfarbenem TVR Vixen (S1).

Zwar richtete sich das Interesse und die nachfolgenden Anrufe der potentiellen Kunden primär auf die beiden - nie in Produktion gegangenen - TVR Tina, doch zogen auch die Bestellungen für die klassischen TVR-Fahrzeuge nach der Motor Show wieder an.

Konsequente Evolution

Eigentlich war der neue Vixen nichts anderes als ein milde modifizierter TVR Grantura, der zuletzt als MK4 1800 S mit MG-B-Motor verkauft worden war. Neu war eigentlich nur die Verwendung des 1,6-Liter-Motors aus dem Ford Cortina mit Querstromkopf und Webervergasern. 88 PS waren die Ausbeute und sie wurden über ein Ford-Getriebe an die Hinterachse geliefert.

Der Rest des Fahrzeugs entsprach weitgehend seinem Vorgänger, wenn man einmal von der umgestalteten Haube mit einem aufgesetzten flachen Lufteinlass und den Cortina-Heckleuchten absieht. Dies bedeutete also weiterhin die Verwendung des bewährten Grantura-Chassis und einer Kunststoff-Karosserie.

Entsprechend blieb auch der Preis mit £ 1’216 für das fahrbereite Fahrzeug (oder £ 998 für den Bausatz) unverändert. Die Fahrleistungen profitierten von der leicht höheren Leistung und dem tieferen Gewicht, sowie von der besseren Getriebeabstufung und dies bei kaum verändertem Treibstoffverbrauch.

11 Sekunden brauchten die Testfahrer der Zeitschrift “Autocar” für den Sport von 0 auf 60 Meilen pro Stunde, 171 km/h betrug die gemessene Höchstgeschwindigkeit.

Interessant ist übrigens, das parallel zum neuen Modell auch noch zwölf Fahrzeuge mit MG-Antrieb als Vixen 1800 ausgeliefert wurden. Die Kunden wollten dies so haben und das Werk erfüllte fast jeden Wunsch, um Geld in die Kasse zu spülen.

Die Ford-Motoren konnten im Gegensatz zu den MG-Motoren, die bei Lieferung mit Bargeld bezahlt werden mussten, auf Kredit bezogen werden, was für die in argen Finanznöten befindliche Firma TVR Engineering ein erheblicher Vorteil war.

Die Presse pries die Wahl des Ford-Motors als wesentliche Verbesserung. “Der Wagen zieht Enthusiasten, die anders sein wollen, unbestreitbar an”, stand im Testbericht von “Autocar” im Schlusswort.

117 Fahrzeuge des nachträglich Vixen S1 genannten Typs wurden hergestellt, was für die nur einjährige Bauzeit ein Erfolg war, unterstützt durch eine Reihe von Presseberichten aber auch durch den Auftritt in einer Folge der Fernsehserie “Simon Templar” (“The Saint”), in der der Wagen - allerdings nicht unter seinem offiziellen Namen - als Rallye-Fahrzeug zu sehen war.

Angebote von Zwischengas-Spezialisten
Lea-Francis 14 HP Sports Cowell Special Prototype (1946)
Jaguar Jaguar E-Type 4.2 Cabrio Serie 1 (1968)
Porsche 911 Carrera RS 2.7 Touring (1973)
Chevron B8 (1968)
0041 56 631 10 00
Bergdietikon, Schweiz

Länger und besser

Im Oktober 1968 zündete Martin Lilley auf der Earls Court Motor Show die zweite Stufe. Gleich drei umfangreich modifizierte TVR Vixen S2 und ein Chassis wurden gezeigt.

75 Verbesserungen wurden vermeldet. Der Radstand war um rund 13 cm gewachsen, um Synergien mit dem parallel gebauten Tuscan zu nützen. Für den Bau des Chassis wurden massivere Rohre eingesetzt und die Polyesterkarosserie wurde nun mit Schrauben auf dem Chassis befestigt, während die Chassis-Rohre vorher in die Karosserie einlaminiert worden waren. Die Türen waren länger geworden, die Motorhaube wies nun einen “wurstförmigen” aufgesetzten Lufteinlass auf. Die Ventilationsöffnungen hinter der Vorderachse waren angepasst worden, die nun viereckigen Heckleuchten stammten jetzt vom neuen Ford Cortina.

Erfolgsmodell S2

Der TVR Vixen 1600 S2, wie das Sportcoupé offiziell genannt wurde, war das eindeutig bessere Auto als sein Vorgänger. Der angehobene Preis (£ 1’583 für das Fertigfahrzeug, £ 1’250 für den Bausatz) reflektierte dies. Verschiedene Extras konnten gegen Aufpreis bestellt werden, so zum Beispiel Wunschfarben, Lederlenkrad, Aluräder, Radio, verdunkelte Scheiben, etc.

Die Zeitschrift “Autocar” nahm sich auch den neuen Vixen vor und resümierte: “Eindeutig eine Freude zu fahren”. Allerdings wurden auch viele Kritikpunkte notiert, so zum Beispiel die auf schlechten Strassen auf dem Boden schleifende Auspuffanlage oder die stössige Lenkung,

Aber der S2 war ein grosser Erfolg für TVR, 438 wurden gebaut bis zum Herbst 1970 und während der Produktionszeit wurde der Sportwagen mehrfach weiterverbessert. So konnte man die schönere Motorhaube des TVR Tuscan bestellen und das Armaturenbrett war mit Kunstlederüberzug erhältlich.

Mit dem Erfolg des S2 lebte auch die TVR-Belegschaft auf, ein neuer Optimismus erfüllte die Fabrik. Die Mitarbeiter setzten sich bis zum letzten ein und taten was nötig war, um immer grössere Mengen von Fahrzeugen in immer besserer Qualität zu fertigen. Es soll dabei sogar vorgekommen sein, dass Produktionsfehler auf dem Transport zum Hafen während der Fahrt korrigiert wurden.

Sex sells (S3) - nackte Mädchen sorgen für Volksauflauf

Im Oktober 1970 wurde wiederum an der London Motor Show der Vixen S3 präsentiert, nun mit dem Motor aus dem Ford Capri ausgerüstet. Doch nicht die Verbesserungen - auf 92 PS gestiegene Leistung, bessere Getriebeabstufungen - sorgten für einen Volksauflauf, sondern nackte Mannequins auf dem TVR Stand.

Trotz der Aufmerksamkeit, die der Stand auf sich zog, verkaufte sich der S3 nicht mehr so gut wie sein Vorgänger, die stallinterne Konkurrenz in Form des Tuscan mit Sechszylindermotor lief ihm den Rang ab. Immerhin 165 Fahrzeuge wurden bis April 1972 gebaut.

Ausklang mit dem S4

Dem S3 folgte im Jahr 1972 der S4, der dank des Chassis der neu präsentierten M-Serie wesentliche Handling-Vorteile hatte. Er war, mit der alten Karosserie, ein Übergangsmodell und nur 23 Exemplare konnten zwischen Frühling und Herbst 1972 verkauft werden.

Mit dem S4 verschwand auch die Typenbezeichnung “Vixen” aus dem TVR-Programm für immer, abgesehen von einigen Sechszylindern, die in den USA noch unter dem eingeführten Namen angepriesen wurden.

Aus einem Garten in Brighton

Einige wenige TVR Vixen fanden ihren Weg auch auf das europäische Festland. Hans, ein holländischer Sportwagenliebhaber, entdeckte eines Tages in den Achtzigerjahren einen Vixen in einem Vorgarten in Brighton. Da niemand zuhause war, hinterliess er eine Notiz. Neun Monate später (!) erhielt er eine Mitteilung, dass er den Wagen kaufen könnte, wenn er den Kaufpreis bar mitbringe.

Nach kurzen Zögern machte sich Hans auf den Weg, kaufte den Wagen vom bisher dritten Besitzer und fuhr ihn auf Achse zurück nach Holland. Doch schon die Überführung zeigte, dass der Wagen restauriert werden musste, sollte er fortan zuverlässig seine Dienste tun.

Umfangreiche Restaurierung

Drei Jahre dauerte die “nuts and bolts”-Restaurierung, die Hans zusammen mit einem befreundeten Mechaniker durchzog. Das Chassis wurde entrostet, in Neuzustand versetzt und am Schluss pulverbeschichtet.

Der Motor wurde von einem Ford-Spezialisten überholt, neue Ventile und eine frische Nockenwelle wurden eingebaut. Die Leistung stieg dank optimiertem Zylinderkopf, gesteigertem Hubraum und Weber-Doppelvergasern auf rund 140 PS.

Am aufwändigsten erwies sich die Restaurierung des Kunststoff-Karosserie, denn offensichtlich hatte der Wagen zu einem früheren Zeitpunkt einen Unfall erlitten. Am Schluss wurde der Aufbau in Gelb lackiert, die ursprüngliche Farbe “Sun Beige” gefiel Hans nicht.

Laut und genügsam

“Er ist schnell und laut, genauso wie ein TVR sein muss”, so beschrieb der Besitzer das Ergebnis vor einigen Jahren. Der Auspuff hängt tief und die Türen zittern fast bei jeder Geschwindigkeit, von der heutigen Torsionssteiffigkeit von Sportwagen war der Vixen meilenweit entfernt. Dank tiefem Verbrauch und grossem Tank könnten lange Strecken zurückgelegt werden, wenn man denn soviel Ausdauer hat.
“Der Vixen ist ein perverser Wagen, zuerst scheinen seine Schwächen die Stärken bei weitem zu überschatten; doch, wenn man sich besser an das Auto gewöhnt hat, dann wächst es einem ans Herz”, so schrieb einst ein Autotester. Dem kann auch der Besitzer nur bestimmen. 

Weitere Informationen

  • Autocar, 25. April 1968: Brief Test TVR Vixen 1600
  • Autocar, 26. Juni 1969: Autotest TVR Vixen 1600 S2
  • Road & Track, Heft 7/1970: Road Test TVR Vixen & Tuscan - two Ford-engine examples, one large & one small
  • Autosport, 12. August 1971: TVR: Makers of Exciting Sports Cars (John Bolster)

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
Keine Kommentare
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.

Originaldokumente / Faksimile

Markenseiten

Aus dem Zeitschriftenarchiv

Aktuelle Fahrzeug-Inserate

Aktuelle Marktpreise (Auswahl)

Coupé, 88 PS, 1599 cm3
Coupé, 88 PS, 1599 cm3
Coupé, 86 PS, 1599 cm3
Coupé, 86 PS, 1599 cm3
Coupé, 70 PS, 1599 cm3
Coupé, 63 PS, 1296 cm3
Coupé, 106 PS, 2498 cm3
Coupé, 142 PS, 2994 cm3
Cabriolet, 190 PS, 3528 cm3
Coupé, 271 PS, 4727 cm3
Coupé, 271 PS, 4727 cm3
Coupé, 128 PS, 2994 cm3

Spezialisten (Auswahl)

Spezialist

Muhen, Schweiz

+41793328191

Spezialisiert auf AC, Adler, ...

Spezialist

Schinznach-Dorf, Schweiz

+41564501132

Spezialisiert auf Alfa Romeo, Audi, ...

zwischengas.com

Die umfangreichste Internet-Plattform über Oldtimer, Youngtimer und historischen Motorsport. Mit über 150'000 Besucher pro Monat ist zwischengas.com zur wichtigsten Informationsquelle von Oldtimer-Enthusiasten geworden.

Zwischengas Jahresmagazin

260 Seiten mit Fahrzeugberichten, Veranstaltungsrückblick und Auktionsanalysen.

Ab 6. Dezember 2020 am Kiosk und jetzt im Online-Shop

CHF 12.90 | EUR 9.90 zzgl. Versand

SwissClassics Revue

SwissClassics, das grösste Oldtimermagazin der Schweiz, erscheint mit sechs Ausgaben im Jahr und richtet sich an die Liebhaber von Oldtimern. Berichtet wird über Legenden des Fahrzeugbaus und die Schweizer Oldtimerszene sowie europäische Klassiker-Events.

Bisherige SwissClassics Ausgaben

Loading...

Jetzt kostenlos anmelden und profitieren: mehr lesen und mehr sehen!

Wenn Sie sich mit Ihrem persönlichen Passwort anmelden oder neu registrieren, haben Sie mehr von Zwischengas! Vorteile: weniger Werbung und
andere.
Die Anmeldung ist kostenlos.