TVR Chimaera 5.0 – und wehe, wenn er losgelassen...

Erstellt am 10. März 2020
, Leselänge 7min
Text:
Daniel Koch
Fotos:
Bruno von Rotz 
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TVR Werk 
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Archiv 
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Die "Chimaera" (auf Deutsch: "Chimäre") ist ein feuerspuckendes Fabelwesen aus der griechischen Mythologie, und vereint Ziege, Löwe und Schlange in einem. Wir konnten alle drei Tiere im TVR identifizieren: Die Ziege gilt als freiheitsliebend und quirlig, und so ist auch der Chimaera, er will raus! Beim Starten des Motors hören wir den Löwen aus dem Auspuff brüllen, dass es dem Fahrer die Nackenhaare hochstellt und die Mütter ihre Kinder von der Strasse holen.


TVR Chimaera 5.0 - Dach in der Targa-Variante
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Die Schlange beisst zu, wenn man es in den Kurven zu bunt treibt mit dem Gasfuss, denn dann gilt es, das Heck mit eifriger Kurbelarbeit am Lenkrad einzufangen. Elektronische Helferlein sind nämlich keine an Bord…

Der Hund half mit

Das Design des Chimera stammt von Peter Wheeler, John Ravenscroft, und Peters Hund "Ned". Letzter soll nämlich die vorderen Ausschnitte für die Blinker geformt haben, indem er in das Tonmodell des Chimera gebissen habe. Eine Gerücht, eine Geschichte, aber passen würde das zum üblichen Entwicklungsansatz bei TVR.


TVR Chimaera 5.0 - Ist das der Abdruck der Zähne des Werkstatthundes von Peter Wheeler?
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Die Luftschlitze in der Motorhaube scheinen denen eines Spitfire Kampfflugzeuges aus dem zweiten Weltkrieg nachemmpfunden zu sein...


TVR Chimaera 5.0 - Die Luftschlitze auf der Motorhaube erinnern an ein Spitfire-Kampfflugzeug
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Weit weg von der Masse

TVR hat noch nie perfekte Einheitsautos gebaut, von denen eines aussieht wie das andere. Ganz im Gegenteil, die Legende aus Blackpool machte schon immer fast alles etwas anders als die anderen, und das gab der Marke auch den einzigartigen und faszinierenden Ruf. Wir wollten wissen, ob auch der Chimaera so aussergewöhnlich ist, und haben den eigenwilligen Briten auf einer Probefahrt getestet.


TVR Chimaera 5.0 - Am liebsten mit offenem Dach
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz
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Fremde Teile

Wer den Chimaera von aussen betrachtet, dem kommen einige Teile vielleicht bekannt vor.


TVR Chimaera 5.0 - Die Rückspiegel stammen von Citroën CX
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Wie viele andere britische Kleinserien-Hersteller hat sich auch TVR im Ersatzteilregal von anderen Herstellern bedient. Die Rückspiegel stammen vom Citroën CX,  die Heckleuchten vom Ford Fiesta der dritten Serie, und die Blinker unter den Scheinwerfern waren die selben wie im britischen Challenger-Panzer. Im Zubehörhandel waren für viele Grossserien-Teile Alternativen erhältlich, falls ein TVR-Fahrer seinen Renner noch individualisieren wollte.


TVR Chimaera 5.0 - Rückleuchten vom Ford Fiesta
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Zaubertrick

Zum Öffnen der Türe muss ein verchromter Knopf auf dem hinteren Kotflügel gedrückt werden, einen herkömmlichen Türöffner gibt es nicht.


TVR Chimaera 5.0 - Türöffner
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Das Cockpit glänzt vor allem durch Schalter, die nicht beschriftet sind.


TVR Chimaera 5.0 - Schwarze, unbeschriftete Knöpfe neben dem Lenkrad für das Abblendlicht, die schwarzen Lenkstockhebel von Ford wurden mit Zubehörteilen aus Alu ersetzt
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Von innen werden die Türen mittels eines Drehknopfes geöffnet, der sich auf dem Mitteltunnel befindet. Dreht man den Knopf im Gegenuhrzeigersinn, öffnet sich (bein Linkslenker) die Fahrertüre, dreht man ihn im Uhrzeigersinn, springt die Beifahrertüre auf.


TVR Chimaera 5.0 - Alu-Knopf, um die Türen zu öffnen
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Wer das nicht weiss, sucht den Türöffner an der Tür vergebens, und muss notfalls das Dach öffnen, um rauszuklettern. Die Aluminium-Knöpfe und Schalter sind aus dem vollen gefräst, und wie in vielen TVR nicht beschriftet, das Cockpit ist grosszügig mit Leder, Wurzelholz und Teppich ausgeschlagen.

Varianten beim Offenfahren

Beim Dach stellt sich wieder die Ziege-Löwe-Schlange-Frage, der TVR-Dompteur kann wählen zwischen geschlossen, halboffen (Targa) und offen. Fährt man geschlossen, ist man im Cocoon des Cockpits eingebettet. Wer die Targa-Variante wählt, muss die Dachmitte entfernen, und im Kofferraum verstauen.


TVR Chimaera (1998) - tolle Farbe
Zwischengas Archiv

Um ganz offen zu fahren, wird zusätzlich die hintere Dachhälfte nach unten geklappt, wobei diese nicht komplett unter einer Abdeckung verschwindet, wie bei anderen Roadstern. In dieser ganz offenen Variante ist der Innenspiegel dann deshalb weitgehend nutzlos, weil man nur das halb eingeklappte Dach sehen kann. Das ist eben der Kompromiss, den man eingehen muss.


TVR Chimaera 5.0 - Die Aussparungen für die Blinker soll der Hund von TVR Chef Peter Wheeler zum Design beigesteuert haben
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Imposante Soundkulisse

Um den Chimaera zu starten, hat sich TVR ausnahmsweise keine Spässchen einfallen lassen, es müssen keine versteckten Knöpfe gesucht werden, das geht ganz normal mit dem Drehen des Zündschlüssels. Und gleich danach beginnt das Konzert, der Löwe brüllt, oder ist es eher das Donnergrollen eines nahenden Gewitters? Der Fünfliter V8 Motor hört sich schon im Stand böse an, aber wenn man dem Rover-Triebwerk die Sporen gibt, dann klingt das nach Armageddon!


TVR Chimaera 5.0 - Hohe Kilometerleistungen sind für den zuverlässigen V8 kein Problem
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Der TVR-Legende zufolge hat sich Thor höchstpersönlich um den Klang gekümmert. Er legte die Auspuffanlage vor die Türe der TVR-Fabrik, und hinterliess eine Notiz: "Hier habt ihr den Sound der Götter". Der Chimaera hat wie alle TVR mit den grossen V8-Motoren etwas ungehobeltes, er ist kein weichgespülter Muskelprotz, sondern ein ehrlicher Sportwagen. Er ist ein Statement, der Rennfahrer Tiff Needell sagte über ihn "Er hat die Kraft von Arnold Schwarzenegger im Körper von Jane Fonda".

Über zu wenig Leistung wird sich niemand beklagen

Das Triebwerk leistet 340 PS bei 5500 U/min, und wuchtet bei 4000 U/min ein maximales Drehmoment von 440 Newtonmeter auf die Kurbelwelle. Üppige Leistungsdaten also und diese Werte treffen auf nur knapp über eintausend Kilogramm. Wer es darauf anlegt, der erledigt den Sprint von null auf 100 km/h in 4.1 Sekunden. Das ist eine Werksangabe, wir haben die Zeit nicht gemessen, glauben es aber nach der Probefahrt ohne zu zögern. Selbstverständlich haben wir die Höchstgeschwindigkeit von über 280 km/h auch nicht getestet, wir haben ja schliesslich Gesetze in der Schweiz, die dies auf öffentlichen Strassen verbieten, und daran hielten wir uns natürlich. Es dürfte allerdings einiges Feingefühl nötig sein, um ein sinnloses Durchdrehen der Antriebsräder zu verhindern, wenn man es gar zu doll angehen lässt.


TVR Chimaera 5.0 - Von 1992 bis 2003 gebaut
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Das Fünfganggetriebe schaltet sich knackig, kurz und direkt, aber man kann auch schaltfaul fahren, da in jeder Lebenslage mehr als ausreichend Drehmoment zur Verfügung steht.


TVR Chimaera 5.0 - In jedem Gang genügend Leistung
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Um den eigenwilligen Sportler auf der Strasse zu halten, hat ihm TVR hinten und vorne doppelt geführte Dreiecksquerlenker mit Schraubenfedern und Gasdruckstossdämpfer spendiert. Das Plastikkleid setzte man auf einem Rohrrahmen, der wie ein grosser Teil der Technik vom ein Jahr zuvor prästentierten Griffith übernommen wurde.

Was meinte die Fachpresse?

Die Fachzeitschrift "Fast Lane" attestierte dem Chimaera im Mai 1993: "Der Chimaera hat vermutlich das beste Fahrverhalten aller Sportwagen mit Frontmotor und Heckantrieb. Die ganz hartgesottenen TVR-Enthusiasten werden vielleicht bemängeln, dass er nicht wie frühere Modelle versucht, sie mit Gewalt aus jeder schnell gefahrenen Kurve zu werfen, aber der durchschnittlich begabte Sportfahrer begrüsst es sicher, dass das Fahrverhalten im neuen Chimaera etwas zivilisierter ausfällt."


TVR Chimaera 5.0 - TVR stand schon immer für exklusive Sportwagen von der britischen Insel
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Geheimtipp

Die Marke TVR ist im deutschsprachigen Raum nicht sehr bekannt. Dies zeigt sich, wenn man mit dem Briten unterwegs ist, und beim Tankstopp oder beim Parkieren gefragt wird, um welches Fahrzeug es sich handelt. Auch die Presse in unseren Breitengraden hat sich nur sehr spärlich mit der Marke aus Blackpool beschäftigt, wir fanden im Archiv auf Anhieb keine Testberichte zum Chimaera (es gibt sie zum Bruder Griffith) in deutscher Sprache. Dem TVR-Liebhaber dürfte der Bekanntheitsgrad egal sein, denn er weiss, weshalb er sich dem Exoten verschrieben hat.

Volumenmodell für Kleinserienhersteller

Während der ganzen Produktionszeit zwischen 1992 bis 2003 wurden etwa 6000 Stück gebaut, was für einen kleinen Hersteller wie TVR eine stattliche Anzahl bedeutete. Unser Testwagen stammte aus dem Jahr 1996, ist also fast ein Vierteljahrhundert alt. Mit den imposanten Leistungsdaten spielte er damals in der Supersportwagen-Liga mit, und dürfte manchen Porsche oder Ferrari von der Überholspur (auf unbeschränkten Autobahnen) verscheucht haben, aber auch heute ist er noch bei den ganz schnellen mit dabei.


TVR Chimaera
Copyright / Fotograf: TVR Werk

Den Chimaera gab es auch mit etwas leistungsschwächeren 4.0, 4.3 und 4.5 Liter Motoren. Der Nachfolger Tamora war dann nur noch mit dem TVR Speed Six (Reihensechszylinder) Motor erhältlich.

Unschlagbar

Die TVR Chimaera und Griffith mit den 5 Liter-Rover-Motoren sind heute wahre Schnäppchen. Mehr Leistung zu dem Preis gibt es sonst nirgendwo, und exklusiver geht es auch kaum. Das Angebot ist beachtlich, und wer sich für einen dieser englischen Athlethen im Massanzug entscheidet, sollte den besten auswählen, den er finden kann. Einen Blick auf die Servicegeschichte zu werfen lohnt sich, denn gut gewartete Fahrzeuge sind in der Regel problemlos. Wir bedanken uns bei www.classic-autos.ch , dass wir den angebotenen TVR Chimaera probefahren und fotografieren durften.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von kv******
08.12.2020 (21:12)
Antworten
Wo kann ich etwas über Skoda 120L (Test) lesen?
Wann kann ich auch die andere Zeitungen frei zu lesen?
Antwort vom Zwischengas Team (Chefredaktor)
08.12.2020 (21:44)
ein Vergleichstest mit dem Skoda 120 L wäre beispielsweise hier:
https://www.zwischengas.com/faksimile/auto-motor-und-sport-Nr-21-1988-Seite-88/a6fe9371-0f77-4eab-a4ed-8684c8e75ace
von Reiffan
18.03.2020 (21:48)
Antworten
Dass sie zum Chimaera keine Tests gefunden haben... seltsam. Ich bin in mein Miniaturarchiv gestiegen ( ein Paar Bundesordner) und habe folgende 2 Tests gefunden:
- Test Sport Auto 6/ 1997 TVR Chimaera 4,0
- Vergleichstest Automagazin Sept. 2000 BMW Z8 vs Chimaera 5,0
Antwort von Thomi
17.11.2020 (11:21)
Super, danke für den Tipp Vergleichstest Automagazin. Liest sich nett und passend. Wenn man bedenkt, welch absurde Preise inzwischen für gebrauchte Z8 aufgerufen werden, weiß ich, warum ich einen TVR in der Garage habe.
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