Peter Filby über TVR - 730 Seiten für 6’000 Sportwagen (Buchbesprechung)

Erstellt am 11. November 2012
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Peter Filby - Autocraft Books 
12

TVR ist eine englische Sportwagenmarke, die trotz ihrer langen Geschichte im Vergleich zu Marken wie Triumph, Aston Martin, Maserati oder De Tomaso relativ unbekannt geblieben ist, trotz mehreren Teilnahmen in Le Mans und einer fast unüberschaubaren Typenpalette.

Zwischen 1956 und 1981 produzierte die Firma TVR (und daraus hervorgegangene und wieder eingestellte Unternehmen) rund 6’000 Fahrzeuge, im Schnitt also weniger als 200 pro Jahr. Trotz dieser überschaubaren Produktionsziffer gibt es rund ein Dutzend Bücher, die sich mit der Marke TVR beschäftigen. Das erste Werk stammt aus der Feder eines gewissen Peter Filby, der 1976 mit “TVR - Success Against the Odds" ein vielbachtetes Werk schuf, das heute als Sammlerstück gefragt ist. Damals konnte er natürlich nur die die ersten 20 Jahre abdecken, aber die Geschichte von TVR ging natürlich weiter. Grundsätzlich können heute drei Epochen unterschieden werden:

  • Die frühen Jahre mit Trevor Wilkinson und den Auf und Abs bis 1966 (die Grantura- und Griffith-Jahre)
  • Die “Martin Lilley” Epoche von 1965 bis 1981
  • Die “Peter Wheeler” Epoche ab 1981 bis in die Neunzigerjahre

Die erste Epoche, die den Hauptteil des ursprünglichen Buches ausmachte, arbeitete Peter Filby im vor zwei Jahren erschienen Buch “TVR Volume One - The Early Years” neu auf, die zweite Epoche liegt jetzt im Buch “TVR Volume Two - A Passion to Succeed - The Martin Lilley Era” seit einigen Wochen vor.

Was jetzt also in zwei Büchern von 730 Seiten Umfang seinen Platz gefunden hat, nahm 1976 gerade einmal 220 Seiten in Beschlag. Alleine daran kann man ablesen, mit welcher Rigidität Filby ans Werk ging. Und er stellt auch bereits den dritten Band in Aussicht, der dann die Autos mit den V8-Rover-Motoren (u.a. Griffith/Chimaera), aber auch mit den von TVR selbst entwickelten AJP Sechs- und Achtzylinder-Motoren (u.a. Cerbera, Tamora, 350T, Tuscan, Sagaris, etc.) beschreiben wird.

Vielfalt in der Martin Lilley Epoche

Die Dinge standen nicht gut bei TVR, als Martin Lilley 1965 die Überbleibsel von Grantura Engineering übernahm. Was folgte, waren manche Erfolge, aber auch einige Fehler. Insgesamt aber kam TVR recht gut über die Runden und produzierte mit dem Vixen und der M-Baureihe ausserordentlich erfolgreiche Modelle.

Historisch aufgearbeitet

Peter Filby hat sein neues 480 Seiten starkes Werk wie schon die Vorgänger entlang der Zeitachse organisiert. Jahr um Jahr geht er vorwärts, beschreibt entwicklungs- und verkaufstechnische Meilensteine und vergisst auch die rennsportlichen Einsätze, die in dieser Periode meist den Privatfahrern überlassen wurden, nicht zu dokumentieren. Ergänzt wird das Buch durch ein Vorwort von Martin Lilley und einer Auflistung aller Modelle.

Reichhaltig illustriert

680 Fotos und Illustrationen hat Peter Filby zusammengetragen. Die ganze TVR-Community hat ihm geholfen, hat aktuelles, aber auch historisches Bildmaterial spendiert, das jetzt gerade dieses Buch zu einer überdurchschnittlich vollständigen Dokumentation der verschiedenen TVR-Modelle macht. Selbst von den seltensten Typen gibt es mehrere Fotos. Spannend sind insbesondere auch die vielen Fotos, die anlässlich von Präsentation an der Earls Court Motor Show in London geschossen wurden.

Sex does sell cars

Dass ein ganzes Kapitel mit der nicht ganz unbekannten Weisheit, dass Sex dem Autoverkauf durchaus hilfreich sein kann, überschrieben ist, kann nicht als Zufall gewertet werden. Tatsächlich war es TVR, die mehrfach mit halb- oder ganz nackten Modellen dafür sorgten, dass ihre Präsentation an den Autosalons nicht in der Menge untergingen. Heute kaum mehr vorstellbar, gelang TVR dieser PR-Coup sogar zweimal, nämlich 1970 und 1971. Zahlreiche, teilweise bisher kaum gezeigte Bilder dokumentieren die einzelnen Auftritte auf eindrückliche Weise.

Aufschwung mit Vixen, Tuscan

Die ersten Jahre der Lilley-Epoche wurden von zwei Modellen dominiert, dem Tuscan, einem neuaufgelegten TVR Griffith mit amerikanischer V8-Power und dem Vixen, sozusagen der Nachfolger des Grantura. Dank dieser beiden Modelle und deren stetigen Weiterentwicklung mit verschiedenen Motoren überlebte TVR die Sechzgierjahre. Die ersten 200 Seiten sind hauptsächlich diesen beiden Typen und ihren Evolutionsformen gewidmet.

Die populäre M-Baureihe

Der grosse Erfolg kam dann mit der M-Baureihe, die Fahrzeuge von 1,3 bis 3,0 Liter Hubraum und sogar mit Turbo hervorbrachte. 32 Jahre nach dem letzten offenen TVR präsentierte Martin Lilley 1978 sogar wieder einen Roadster, den 3000 S. Und mit dem Taimar gab es erstmals ein Heckklappenmodell. Kein Wunder widmet Filby dieser Modellreihe immerhin 170 Seiten. Und im Bildmaterial finden sich nicht nur die Ergebnisse der Crash-Test-Versuche, sondern auch ein von der IRA in die Luft gejagter 1600 M.

SM/Zante

Neben den bekannten Modellen kommen aber auch Versuche und Fehlversuche zum Wort, so zum Beispiel den SM von 1971, der später Zante genannt wurde. Der SM zeigte eine deutliche Abkehr vom damals üblichen TVR-Design, war er doch stark keilförmig angelegt mit bis zum Heck ansteigender Gürtellinie. Trotz vieler Interessensbekundungen, sogar Lotus-Chef Colin Chapman schlich an der Motorshow mehrmals um den Wagen, wurde nichts aus diesem Prototyp, erst 9 Jahre später präsentierte TVR mit dem Tasmin einen keilförmigen Sportwagen, der designmässig so provokativ war, dass mancher TVR-Fan der Marke die kalte Schulter zeigte.

Anekdoten und Geschichten am Rande

Filbys Buch strotzt nur so von Anekdoten und Randgeschichten. Er berichtet genauso über Marin Lilleys Plan Ferrari-Daytona-Kopien zu bauen, wie über die Idee des Verkaufschefs Stewart Halstead, der schon anfangs der Achtzigerjahre einen 3000 S Roadster mit Rover-V8-Herz auf den Markt bringen wollten.

Nicht für alle, aber auch nicht nur für TVR-Besitzer

Wer soll dieses Buch kaufen? Ein Werk, das kaum eine Frage unbeantwortet lässt und die schlussendlich nicht wirklich zahlreichen Modellvarianten auf derart viele Bildern zeigt? Nun, für den TVR-Fan ist dieses Buch sicher ein Muss. Aber auch Leser, die ein grundsätzliches Interesse an der englischen Kleinserien-Sportwagenindustrie haben, sei das Werk ans Herz gelegt. Die differenziert erzählte Geschichte zeigt, womit die englischen Nischenhersteller zu kämpfen hatten und wie sie sich durchzuschlagen wussten.

Mit £ 60 ist das Buch kein Sonderangebot, aber es ist den Preis wert, wenn man sich wirklich dafür interessiert. Es ist kein typisches “Coffee-Table-Book”, denn der eigentliche Reiz des Werks offenbart sich erst, wenn man es Seite für Seite durchliest. Wer dafür keine Lust oder Zeit hat, sollte sich den Kauf zweimal überlegen. Und natürlich sollte der geneigte Leser über ordentliche Englisch-Kenntnisse verfügen.

Wer zugreifen will, solle sich vielleicht auch gleich noch den Band 1 dazu bestellen, der aktuell zum herabgesetzten Preis von £ 30 verkauft wird. Die Bücher sind über die Website des Verlages erhältlich: www.tvrbooks.com .

Die TVR-Modelle von 1956-1981

Modelle Jahr Motor Karosserie Prod. Kommentar
TVR Open Sports 1956-1957 Coventry Climax FWA Barchetta 4 einer ging als Jomar in die USA
TVR Coupé 1957 Ford 100E, Coventry Climax, MG A Coupé 7 4 gingen als Jomar in die USA
TVR Grantura Mk 1 1958-1960 Ford 100E, Coventry Climax, MG A Coupé 100 rund 25 gingen in die USA
TVR Grantura Mk 2 und Mk 2A 1960-1962 MG A, Coventry Climax, Ford 105E Coupé 400 rund 150 wurden exportiert
TVR Grantura Mk 3 und Mk 3 1800 1962-1965 MG A, MG B Coupé 90 ein erheblicher Anteil wurde exportiert
TVR Griffith Series 200 1964-1965 Ford 289 V8 Coupé 192 mit 195 oder 2971 PS erhältlich
TVR Griffith Series 400 1965 Ford 289 V8 Coupé 109 exakt 50 wurden in USA gebaut, 40-50 in England
TVR Mk3 1800 S 1964-1966 MG B Coupé 130 Erbauer waren Grantura Engineering, TVR Engineering
TVR Mk4 1800 S 1966-1967 MG B Coupé 76 aks 1800SE auch mit leitungsgesteigertem Motor
TVR Griffith V8 1966-1967 Ford 289 V8 Coupé 10 nur 4x als RHD gebaut
TVR Tuscan V8 SWB 1967 Ford 289 V8 Coupé 24 nur minimal modifizierter Griffith, Stückzahl nicht exakt bekannt
TVR Tuscan V8 LWB 1967-1969 Ford 289 V8 Coupé 24 Karosserie wurde in den späteren Modell angeschraubt, statt einlaminiert
TVR Vixen Series 1 1967-1968 Ford Cortina GT, MG B Coupé 117  
TVR Vixen Series 2 1968-1970 Ford Cortina GT Coupé 438 mit längerem Radstand als S1
TVR Tuscan V6 1969-1971 Ford Essex V6 Coupé 101 weitgehend baugleich wie Vixen S2, aber mit verstärkten Aufhängungen
TVR Tuscan V8 LWB Wide Body 1970-1971 Ford 289 und 302 V8 Coupé 10 es ist unsicher, ob wirklich je ein BOSS 302 Motor eingebaut wurde
TVR Vixen Series 3 1970-1972 Ford Capri GT Coupé 165 weitgehend identisch mit S2, mit Ausnahme des Motors
TVR (Vixen) 2500 1971-1972 Triumph R6 2,5 Coupé 385 auf den amerikanischen Markt ausgerichtet
TVR 1300 1971-1972 Triumph Spitfire Coupé 15 kein Erfolg, mit unterschiedlichen Chassis erbaut
TVR Vixen Series 4 1972 Ford Capri GT 1600 Coupé 23 Interim-Modell, M-Chassis und Vixen-Karosserie
TVR 2500 M 1972-1977 Triumph R6 2,5 Coupé 947 der Start der erfolgreichen M-Serie, mit verbessertem Chassis
TVR 1600 M 1972-1973 Ford Capri GT 1600 Coupé 148 stand im Schatten des 3000 M
TVR 3000 M 1972-1979 Ford Essex V6 Coupé 654 der klassische Engländer der Siebzigerjahre
TVR 3000 M Turbo 1976-1979 Ford Essex V6 Coupé 20 Turbo von Broadspeed Engineering
TVR Martin (3000 M) 1976 Ford Essex V6 Coupé 12 Sondermodell in Braun
TVR Taimar 1976-1979 Ford Essex V6 Coupé mit Heckklappe 395 technisch identisch mit 3000 M, 30 Modelle mit Turbo
TVR 3000 S 1978-1979 Ford Essex V6 Roadster 258 technisch identisch mit 3000 M, 13 Turbo-Modelle
TVR SE Specification 1978-1979 Ford Essex V6 Coupé / Roadster 10 genaue Produktionsziffer unklar, viel Zusatzausstattung
TVR Tasmin S1 1980-1981 Ford Köln V6 Coupé mit Heckklappe 118 der Bruch mit der Vergangenheit, direkt in die Keilform-Epoche
TVR 280i Convertible 1980-1988 Ford Köln V6 Convertible 862  
TVR Tasmin +2 1980-1985 Ford Köln V6 Coupé 47  
TVR Tasmin S2 1981-1987 Ford Köln V6 Coupé 140  
TVR Tasmin 200 1981-1984 Ford Pinto 2 Liter Coupé / Roadster 61 45 Cabrrios, 16 Coupés

Kommentar: Tabelle frei nach Peter Filby - TVR Volume One/Two

Bibliografische Angaben zum vorgestellten Buch

  • Titel: TVR Volume Two - A Passion to Success - The Martin Lilley Era 1965-1981
  • 480 Seiten, über 680 Fotos/Illustrationen, Format 287mm x 230 mm, gebunden mit Schuber
  • Autor: Peter Filby
  • Erschienen 2012
  • Sprache: Englisch
  • Verlag: Autocraft Books, North Building, 1 Howard Road, Reigate, Surrey RH2 7JE
  • ISBN 978 0 9545729 2 1
  • Bestellen auf www.tvrbooks.com

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
Keine Kommentare
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.

Markenseiten

Aus dem Zeitschriftenarchiv

Aktuelle Fahrzeug-Inserate

Aktuelle Marktpreise (Auswahl)

Cabriolet, 142 PS, 2994 cm3
Coupé, 83 PS, 1216 cm3
Coupé, 0 PS, 1588 cm3
Coupé, 86 PS, 1622 cm3
Coupé, 86 PS, 1622 cm3
Coupé, 138 PS, 2994 cm3
Coupé, 63 PS, 1296 cm3
Coupé, 106 PS, 2498 cm3
Coupé, 142 PS, 2994 cm3
Cabriolet, 190 PS, 3528 cm3

Spezialisten (Auswahl)

Spezialist

Muhen, Schweiz

+41793328191

Spezialisiert auf AC, Adler, ...

Spezialist

Schinznach-Dorf, Schweiz

+41564501132

Spezialisiert auf Alfa Romeo, Audi, ...

zwischengas.com

Die umfangreichste Internet-Plattform über Oldtimer, Youngtimer und historischen Motorsport. Mit über 150'000 Besucher pro Monat ist zwischengas.com zur wichtigsten Informationsquelle von Oldtimer-Enthusiasten geworden.

Zwischengas Jahresmagazin

260 Seiten mit Fahrzeugberichten, Veranstaltungsrückblick und Auktionsanalysen.

Ab 6. Dezember 2020 am Kiosk und jetzt im Online-Shop

CHF 12.90 | EUR 9.90 zzgl. Versand

SwissClassics Revue

SwissClassics, das grösste Oldtimermagazin der Schweiz, erscheint mit sechs Ausgaben im Jahr und richtet sich an die Liebhaber von Oldtimern. Berichtet wird über Legenden des Fahrzeugbaus und die Schweizer Oldtimerszene sowie europäische Klassiker-Events.

Bisherige SwissClassics Ausgaben

Loading...

Jetzt kostenlos anmelden und profitieren: mehr lesen und mehr sehen!

Wenn Sie sich mit Ihrem persönlichen Passwort anmelden oder neu registrieren, haben Sie mehr von Zwischengas! Vorteile: weniger Werbung und
andere.
Die Anmeldung ist kostenlos.